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Das Jahr 2020 in Listen

Trotz Covid diese Übersicht! Die skug-Redaktion listet auf, was das Jahr 2020 an Bemerkenswertem in Bild, Ton, Klang, Flimmer, Wort und Rausch zu bieten hatte.

Wer die Frage, wie das letzte Jahr für ihn oder sie gelaufen sei, beantwortet mit: »Spitzenmäßig, wirklich geschmeidige zwölf Monate waren das!«, ist entweder nicht mehr ganz richtig im Kopf oder Jeff Bezos. Bei unseren letztjährigen Jahreslisten schrieben wir vorausblickend auf das neue Jahr, dieses würde ein »aufschlussreiches Jahr« werden. Okay, so hatten wir das nicht gemeint. Es wurde nämlich leider viel, viel aufschlussreicher als erwartet und zeigte, auf welch dünner Kruste unsere Gesellschaften stehen und wie wenig es braucht, damit der Betrieb ins Stottern gerät oder sogar ganz zum Erliegen kommt. Unsere ständig ergänzten Reflexionsbemühungen zum Virus können übrigens hier nachgeschlagen werden. Ein Jahr des zeitweiligen Hausarrestes liegt also hinter uns, eines der abgesagten Konzerte und der verschobenen Ausstellungen und der geschlossenen Kinos. Wir können leider bereits erahnen, dass auch das nächste Jahr zumindest zur Hälfte kaum besser sein wird. Umso wichtiger sind deshalb Traditionen, sofern sie von skug begründet wurden. Auch nach diesem bescheidenen Jahr haben wir unsere Autor*innen zusammengetrommelt und bitten sie, in den Listen des Jahres 2020 alles zusammenzuschreiben, was traurig-schön, erheiternd-verrückt, kunstvoll-ergreifend, seltsam-versponnen oder irgendwie dazwischen war. Als besonderer Leser*innenservice für unser Publikum, von dem wir ziemlich genau wissen, was es zum Jahresausklang tun wird, nämlich dasselbe wie wir: Daheimsitzen und auf den Bildschirm starren. Haltet durch und viel Freude beim Stöbern im längsten skug-Artikel des Jahres.

Florian Rieders Best of HipHop 2020

Nach der letztjährigen Dominanz von Deutschrap wird es hier heuer etwas ruhiger und der Fokus geht wieder mehr auf HipHop & Rap aus den USA. Posthum finden sich Mac Miller mit seinem wohl besten Album auf Platz 1 und Lil Peep mit dem Rerelease seines ersten Mixtapes auf Platz 10. Diesen teilt er sich symbolisch mit dem einzigen österreichischen Release, der es in die Top 10 schaffte: Nach dem Triumph von Monobrother im letzten Jahr rettet der Schweinehund die Ehre der heimischen Wortakrobaten mit dem von Brenk Sinatra produzierten Album »Auf olle 4re«. Sonst ist die Liste ein Zweikampf von G*59 gegen TeamSESH – Bones gegen den Rest der Welt. Wieder mal hat Bones es geschafft, in einem Jahr mehr Alben zu releasen als viele andere in ihrer ganzen Karriere. Die Hoffnung für 2021 und Deutschrap ist allerdings groß. Viele Alben wurden verschoben, da ein Release ohne Tour sich wohl nicht rentiert, aber die Singles, die schon vorab rauskommen, lassen Großes hoffen. Von Döll bis Audio88 & Yassin wird 2021 ein starkes Jahr, hoffentlich auch bald wieder mit guten Konzerten, die uns 2020 vergessen lassen.

Top 10 Alben

  1. Mac Miller: »Circles« (REMember Music, Warner)
  2. $uicideboy$: »STOP STARING AT THE SHADOWS« (G*59 Records)
  3. Vega: »Locke« (Urban)
  4. Tarek K.I.Z.: »Golem« (EKLAT Tonträger, WM Germany)
  5. $crim: »A Man Rose from the Dead« (G*59 Records)
  6. Ramirez: »THA PLAYA$ MANUAL« (G*59 Records)
  7. Sierra Kid: »600 Tage« (TEAMFUCKSLEEP)
  8. Bones: »OFFLINE« (TeamSESH)
  9. Bones & Drew The Architect: »DamagedGoods« (TeamSESH)
  10. Kreiml & Samurai: »Auf olle 4re« (Honigdachs)
  11. Lil Peep: »HELLBOY« (Self-released)

Honorable Mentions

  • Deftones: »Ohms« (Reprise Records)
  • Joyner Lucas: »Evolution« (Twenty Nine Music Group)
  • Bones: »FromBeyondTheGrave« (TeamSESH, EMPIRE)
  • Sadistik: »Elysium« (Clockwork Grey Music)
  • Zugezogen Maskulin: »10 Jahre Abfuck« (Four Music)
  • ICH BIN TYRONE: »ICH BIN TYRONE« (Spinnup)
  • Haiyti: »SUI SUI« (Self-released, WM Germany)
  • Haze: »Brot & Spiele« (Alte Schule Records)
  • Silk Mob: »Silk Mob« (HHV)
  • LGoony: »Frost Forever« (ContentView GmbH)
  • Haftbefehl: »Das weisse Album« (Urban, Universal)

Top 10 Tracks

  1. $uicideboy$: »That Just Isn’t Empirically Possible«
  2. Bones: »TombstoneKiller«
  3. Sierra Kidd: »Big Boi«
  4. Haiyti: »Drogenfilm«
  5. Ramirez: »The Fo Five«
  6. Xavier Wulf & Bones: »SpeedOfLight«
  7. Döll: »5 Sekunden«
  8. Mac Miller: »Everybody«
  9. Audio88 & Yassin: »SCHLECHTES GEWISSEN«
  10. Haiyti: »Drogenfilm«

Mio Michaela Obernosterers Top 10 2020

Das Jahr 2020 war eine Reduktion aufs Wesentliche. Nicht nur wesentliche Kontakte und wesentliche Aktivitäten (ja nach Ampelstatus), sondern auch wesentliche Hörgewohnheiten. Insofern hat sich die Liste der Top 10 Alben selten so schnell herauskristallisiert wie in diesem Jahr. Einige standen schon früh fest (KhalilH2OP), andere sind bewährte Kandidat*innen (Protomartyr), wieder andere sehnlich erwartete Debüts (Rosa Anschütz) oder längst fällige Wiederkehrer (Linea Aspera). Aber alle zeichnen sich durch einen gewissen »Comfort Sound« aus, der die Laune in der Quarantäne hebt (Caribou) oder zu dem man im Lockdown-Workout die morschen Knochen schütteln kann (Neon Lies). Manche durfte man sogar live erleben (oder selbst veranstalten) und das ist gut und schön und tröstlich … trotzdem wünsch’ ich mir fürs nächste Jahr bitte wieder eine komplexere Auswahl, an der ich stundenlang basteln muss.

Mios Top 10 Albums 2020

  • Arca: »KiCk i« (XL Recordings)
  • Caribou: »Suddenly« (City Slang)
  • Eartheater: »Phoenix: Flames Are Dew Upon My Skin« (Pan)
  • Gustavo Santaolalla: »The Last of Us Part II« (Sony)
  • I Break Horses: »Warnings« (Bella Union)
  • KhalilH2OP: »Seid« (Posh Isolation)
  • Linea Aspera: »LP II« (Self-released)
  • Neon Lies: »Loveless Adventures« (Cut Surface)
  • Protomartyr: »Ultimate Success Today« (Domino)
  • Rosa Anschütz: »Votive« (Quiet Love Records)

Mios Top 10 Tracks 2020

  • Bodyguard 2: »Black Demon«
  • Eartheater: »How to Fight«
  • Fontaines D.C.: »I Don’t Belong«
  • Health feat. Xiu Xiu: »Delicious Ape«
  • I Break Horses: »Depression Tourist«
  • KhalilH2OP: »Sectioned«
  • Lingua Ignota: »O Ruthless Great Divine Director«
  • Rosa Anschütz: »Soft Resource«
  • Tony Renaissance: »Lost Islands«
  • When Saints Go Machine: »Seized The Light«

Mios Top 10 Concerts 2020

  • grim104, 11.01.2020, Flex Cafe
  • Felix Kubin + Mitra Mitra, 18.01.2020, Salon skug im Fluc
  • Manu Louis + Pü, 27.02.2020, Salon skug im rhiz
  • Rosa Anschütz + Absatz1, 03.07.2020, Salon skug im Fluc
  • Mala Herba + 2 Pigs Under 1 Umbrella, 12.09.2020, Fluc
  • Tony Renaissance + Ai fen, 26.09.2020, Salon skug im Fluc
  • Soda & Gomorra + Musheen, 11.10.2020, Salon skug im Fluc
  • Rosa Anschütz + Dvrst + Peder Mannerfeld, 24.10.2020, Fluc
  • Bruch + Wirtschaftskammer, 29.10.2020, Fluc
  • Voiler + Sundl + Dino Spiluttini, 30.10.2020, Fluc

Jens Buchholz’ interdisziplinäre Jahresbestenliste 2020 

»Morgens in der Schule / Viertel nach Sechs / Hausmeister Klaus spielt einen seiner Tracks«. Das ist mein größter Hit auf Spotify. Ja, ich habe Kinder, aber ich liebe Bummelkasten. Und ich liebe auch Deine Freunde. Viele Tage wurden mir durch das neue Album der Sterne erhellt. Der Lieblingssong der Kinder auf der Platte ist übrigens »Du musst gar nichts!«. Aber auch Erasure. So toll. Klar, die Platte hätte so auch 1983 veröffentlicht werden können. Was soll’s? Ganz groß: Sebastian Krämer. Groß und böse. Und natürlich Jakob Dobers irre gute Platte »Der Rest vom Licht«. Stundenlang habe ich mich mit dem Text von »Rechte Philosophen« befasst. Große Kunst. Cornershop machen genau das, was sie immer gemacht haben. Und ich liebe es. Morrissey? Logo. Wunderschöne Musik von einem totalen Idioten. Ist bei vielen Musikern so, aber bei Morrissey muss man es immer dazu sagen. Und McCartney? Klar. Schöne Songs vom aufgeschlossensten Popopa aller Zeiten.

Beste Alben 2020

  1. Die Sterne: »Die Sterne« (Rough Trade)
  2. Jakob Dobers: »Der Rest vom Licht« (Staatsakt)
  3. Cornershop: »England Is A Garden« (Ample Play)
  4. Erasure: »The Neon« (Mute)
  5. Morrissey: »I’m Not A Dog On A Chain« (BMG)
  6. The Streets: »Non Of Us Are Getting Out This Life’s Alive« (Island)
  7. Jarv Is: »Beyond The Pale« (Rough Trade)
  8. Sebastian Krämer: »Liebeslieder an deine Tante« (Reptiphon)
  9. Der Englische Garten: »Bei Tag und Nacht« (Tapete/Indigo)
  10. Paul McCartney: »McCartney III« (Capitol)

Schöne Lieder 2020

  1. Die Sterne: »Der Palast ist leer« (Rough Trade)
  2. Erasure: »Hey Now (Think I Got A Feeling)« (Mute)
  3. Jakob Dobers: »Rechte Philosophen« (Staatsakt)
  4. Charlie Keller: »Ich, Sigmund Jähn«
  5. Cremant Ding Dong: »Wir sehen uns wieder« (Rewika Demos)
  6. Sleaford Mods: »Mork’n Mindy« (Rough Trade)
  7. Der Englische Garten: »Am Ausgang des Verstandes« (Tapete/Indigo)
  8. Cornershop: »St Marie Under Canon« (Ample Play)
  9. Morrissey: »Knockabout World« (BMG)
  10. Die Aeronauten: »Dieses anstrengende Leben« (Tapete/Indigo)
  11. Sebastian Krämer: »Frau Zielinski und der Finsterling« (Reptiphon)
  12. Jarv Is: »Must I Evolve« (Rough Trade)
  13. Bummelkasten: »Hausmeister Klaus« (Oetinger Media GmbH)
  14. Pixies: »Hear Me Out« (BMG)
  15. The Streets: »Call My Phone Thinking I’m Doing Nothing Better« (Island)
  16. They Might Be Giants: »Who Are The Electors« (Idlewild)
  17. Theodor Shitstorm: »Tanz die soziale Distanz« (Staatsakt)
  18. Tim Burgess: »Empathy For The Devil« (Bella Union)
  19. Einstürzende Neubauten: »Am Landwehrkanal« (Potomak)
  20. Bob Dylan: »Goodbye Jimmy Read« (Columbia)

Coolste Wiederbegegnungen

Schöne Reissues von Cherry Red Records:

  1. Sigue Sigue Sputnik: »Love Missile F1-11« (Cherry Red)
  2. The Primitives: »All the Way Down (Beat Version)« (Cherry Red)

Das gute Buch

  1. Nick Hornby: »Just Like You« (KiWi)
    Lieblingsroman 2020. Ich liebe Hornbys Nerd-Porn. Diesmal geht er weit darüber hinaus. Toll!
  1. Simon Reynolds/Joy Press: »Sex Revolts« (Ventil)
    Misogynie in der Popgeschichte. Unverzichtbares Standardwerk, endlich in deutscher Übersetzung.
  1. Martin Büsser: »Lazy Confessions« (Ventil)
    Martin Büssers unsterbliche Texte. Auch zehn Jahre nach seinem Tod schön zu lesen.
  1. Mark Fisher: »K-Punk« (Edition Tiamat)
    Man muss mit Fishers düsterer Weltsicht nicht einverstanden sein, um diesen Wälzer zu mögen.
  1. Holger Schulze: »Ubiquitäre Literatur« (Matthes & Seitz)
    Versuch einer Theorie allgegenwärtiger Texte.
  1. Manfred Prescher: »Es war nicht alles schlecht« (Selbstverlag)
    Die schönsten Texte der Reihe »Miststücke«. Echte Klassiker von Manfred Prescher.
  1. Klaus Modick: »Leonard Cohn« (KiWi)
    Der kunstvollste Text der KiWi-Musikbibliothek. Alles ist voller Anspielungen.
  1. Elias Kreuzmair: »Pop und Tod« (J.B. Metzler)
    Pop und Tod gehören zusammen. Ohne Tod kein Pop.
  1. Martin Fritz: »That’s How Similar Artists Are Made« (Innsbruck University Press)
    Fritz zeigt am Beispiel von last.fm, dass Pop schon immer ein bisschen wie der Algorithmus eines Streamingdienstes funktioniert hat. Viel Systemtheorie und trotzdem viel Erkenntnis.

Film? Serie?

Ich gucke seit Jahren abwechselnd »Liebling – Kreuzberg« und »Mord mit Aussicht«. Da hab’ ich für andere Sachen keine Zeit. Nur manchmal.

  1. »Die Wege des Herrn«
    Unglaubliche dänische Serie über eine Pfarrersfamilie.
  1. »Das Damengambit«
    Ruhig erzählte Geschichte eines Schachspieltalents.
  1. »Little Fires Everywhere«
    Seifenopernhafte Story, aber formal interessant erzählte Geschichte zweier amerikanischer Familien.

Best of 2020 – eine Auswahl von Jenny Legenstein

Ein seltsames Jahr war 2020, langweilig und aufregend zugleich, jedenfalls stressig. Wer es noch nicht wusste, dem wurde spätestens in diesem Jahr klar: Der Regierung der »Kulturnation« ist Kunst ziemlich wurscht. In einem kurzen Zeitfenster durfte unter Auflagen einiges stattfinden, davor und danach mit Auflagen und Sicherheitskonzepten nichts. Außer das, was über einen Bildschirm konsumiert werden kann. Das Beste also, was mir unterkam, aus dem – was das Kunst- und Kulturleben betrifft – schlechtesten Jahr bisher:

Bestes Konzert
Raphael Wressnig im Sommer am Frauenplatz in Bad Radkersburg

Bestes Kunstfestival
Sprachspiel. Biennale West »452 Jahre Wiener Gruppe«. Literatur, Musik, Performances, Filme, Ausstellung und der 90-jährige Gerhard Rühm mit seiner Ehefrau Monika Lichtenfeld im Duett lesend!

Beste Serie im TV
Die zweite Staffel von »The Handmaid’s Tale« auf Tele5, erstmals auf free TV.

Lieblingsbücher 2020
Lesen geht immer. Und da ja Buchhandlungen und Büchereien immer wieder geschlossen waren, kommt die Privatleihe unter Freund*innen zu Ehren.

  • .aufzeichnensysteme: »grate (Ritter Verlag 2019)«

Die Wortanordnungen in »grate« sehen aus wie Gedichte, tatsächlich entziehen sie sich der Zuordnung zu Lyrik oder Prosa. Denn .aufzeichnensysteme, das ist Hanne Römer, die seit 2002 unter diesem Label mit Sprache, Bild, Ton arbeitet, entnahm Wörter und Wortfolgen aus eigenen Prosatexten und Notizbüchern. Der Inhalt von »grate« ist »nach arithmetischen Prinzipien organisiert« und ergibt einen neuen Text.

  • Altieri, Riccardo/Hüttner, Bernd (Hg.): »Klassismus und Wissenschaft. Erfahrungsberichte und Bewältigungsstrategien« (Bd-Wi Verlag 2020)

Klassismus bezeichnet die Benachteiligung aufgrund der sozialen Herkunft und das Vorhandensein von Vorurteilen gegenüber Angehörigen unterer Gesellschaftsschichten. Die Texte von 19 Akademiker*innen aus dem deutschen Sprachraum beschäftigen sich mit deren Erfahrungen von Klassismus im Studium: Es geht ums Sich-fremd-Fühlen, zusätzlich einer Erwerbsarbeit nachgehen müssen, kaum Praktika oder Auslandsaufenthalte machen können, Entfremdung vom Herkunftsmilieu usw. Das Buch ist Ermutigung und Appell, Bewusstsein für klassenbedingte Benachteiligung zu schaffen und sie zu bekämpfen.

  • Adjei-Brenyah, Nana Kwame: »Friday Black. Storys« (Penguin 2020)

»Friday Black« ist Adjei-Brenyahs erster Erzählband. Die titelgebende Kurzgeschichte ist übrigens eine beißende Satire auf den wahnsinnigen Abverkaufstag Black Friday. Adjei-Brenyahs Storys bewegen sich in Genres wie Realismus, Science Fiction/Fantasy und Horror, es geht um Rassismus, Armut, Anderssein und Konformität, Kritik an neoliberalen Auswüchsen und die Frage, was es bedeutet, Mensch zu sein, zu bleiben.

  • Füchsl, Franziska: »Tagwan« (Ritter Verlag 2020)

Franziska Füchsls erster langer veröffentlichter Text entzieht sich einer formalen Zuordnung. Es ist Prosa, jedoch handelt sich um keinen Roman, sondern um Sprachkunst, die aber nicht um des Sprachspiels wegen geschaffen wurde. Hinterfragt werden Sprache, der Vorgang des Erzählens, dabei wird dennoch erzählt. »Tagwan« zu erkunden ist mehr ein Spurenlesen als offensichtlichem Geschehen zu folgen.

  • Liksom, Rosa: »Die Frau des Obersts« (Penguin 2020)

Rosa Liksom konfrontiert die Leser*innen in »Die Frau des Obersts« mit einer fürchterlichen Mann-Frau-Beziehung, gleichzeitig behandelt sie die NS-Zeit in Finnland, das mit Deutschland kooperierte. Liksom macht es ihren Leser*innen nicht leicht, sie liefert keine einfachen Begründungen, stellt ihre Charaktere als vielschichtige Figuren dar. Das Warum ergibt sich zwischen den Zeilen.

  • Pusavec, Marijan/Klemencic, Jakob: »Alma M. Karlin. Weltbürgerin aus der Provinz« (Bahoe Books 2020)

Die Comicbiografie erzählt das abenteuerliche Leben der Journalistin und Schriftstellerin Alma M. Karlin, einer »Altösterreicherin« aus Slowenien. Marijan Pušavec, einer der profundesten Kenner von Karlins Oeuvre, verfasste das Script des Bandes. In schwarzweißen, detailreichen Bildern zeichnete Jakob Klemenčič die Lebensgeschichte einer faszinierenden Frau, die die Welt in ihren schönen und hässlichen Seiten erlebte und sie ebenso ungeschönt beschrieb.

Entdeckung: Chinua Achebe
Werke des nigerianischen Schriftstellers Chinua Achebe (1930–2013), z. B. »Things Fall Apart«, seien ans Herz gelegt. In seinem ersten Roman (erschienen 1958) erzählt Achebe entlang des Schicksals des Igbo Okonkwo vom Leben in einer traditionellen vorkolonialen afrikanischen Gemeinschaft und schildert, wie sich diese unter dem Einfluss der eintreffenden Weißen ändert. Auf Deutsch als »Okonkwo oder Das Alte stürzt« bei Suhrkamp bzw. »Alles zerfällt« bei Fischer erschienen.

Das Beste im Kino – Metro, Filmmuseum
Programmkinos sind vielleicht die größten Verlierer dieses Jahres und DVDs und Streamen sind einfach kein Ersatz für die leiwande Leinwand. Leider hielt ich mich den Großteil des Sommers und Herbsts in kinofreiem Kleinstadt-Homeland auf, das erlaubte wenige Lichtspieltheaterbesuche. Dennoch ein Retro-Best-of-Cinema:

Das österreichische Filmmuseum beglückte mit der wohl größten Gesamtschau tschechoslowakischer, tschechischer und slowakischer Animationsfilme. Wegen des ersten Lockdowns vom Frühjahr auf Frühherbst verschoben, konnten die vielen wunderbaren Trickfilme im Rahmen von »Animace/Animácia. 100 Jahre tschechoslowakischer, tschechischer und slowakischer Animationsfilm« im Unsichtbaren Kino mit Verspätung aber doch gezeigt werden – unbekannte Schätze, Klassiker (z. B. von Jan Švankmajer) und Lieblinge der Kindheit wie »Krtek, der Maulwurf«.

Das Metrokino, die Hauptspielstätte des österreichischen Filmarchivs, blieb heuer öfter geschlossen als geöffnet. Die Viennale Retrospektive »Austrian Auteurs. Die 70er – eine Filmdekade im Aufbruch« war daher nur teilweise im Lichtspielhaus zu sehen, eine Auswahl war im Online-Heimkino – übrigens kostenlos – zu streamen. Österreichisches Autor*innen-Kino, vorwiegend aus den 1970er-Jahren war da zu sehen – einige bekannte Werke und viele inhaltlich wie formal spannende Wiederentdeckungen: z. B. Valie Export, John Cook, Wilhelm Pellert, Angela Summereder, Mansur Madavi, Antonis Lepeniotis, Herbert Holba …

20 für 2020 – Holger Adams kommentierte Liste

Grundsätzlich sind beide Listen zu kurz, aber bekanntlich liegt in der Kürze der Hase im Pfeffer. Zehn Neuerscheinungen, zehn Reissues, Archival-Releases – Reihenfolge unerheblich.

  • Shirley Collins: »Heart’s Ease« (Domino Records)

Die britische Folk-Ikone mit ihrem zweiten Album seit ihrer Rückkehr vor vier Jahren. Eine gut gealterte Stimme trägt noch ältere Texte zu sparsamen musikalischen Arrangements vor. Gleichmütig und anrührend zugleich – formvollendet.

  • Sun Ra Arkestra: »Swirling« (Strut)

Marshall Allen, seit 1993 die irdische Vertretung des an eine unbekannte kosmische Adresse verzogenen Sun Ra, ist nun auch schon 96 und veröffentlichte dieses Jahr mit dem Arkestra beschwingten Big-Band-Jazz, der hier und da ins Freie will, aber dabei nicht wild um sich schlägt. Wunderbar.

  • Gwenifer Raymond: »Strange Lights Over Garth Mountain« (Tompkins Square)

Walisische Gitarristin, die im männerdominierten Genre des American-Primitive zu Hause ist, und der Konkurrenz zeigt, wo der Hammer hängt. So einfach ist das (nicht).

  • Razen: »Robot Brujo« (Hands In The Dark)

Das belgische Ensemble legt seit Jahren hervorragende Aufnahmen zwischen Minimal Music, zeitgenössischer Komposition und – in Ermangelung eines passenderen Begriffs – Weltmusik vor. Darin besteht eine gewisse geistige Verwandtschaft zu Gruppen wie Between, aber auch ohne historische Vorbilder im Bewusstsein erweitert die Musik von Razen selbiges im Handumdrehen.

  • Alessandra Novaga: »I Should Have Been A Gardener« (Die Schachtel)

Italienische Gitarristin, die auch anders kann, hier aber vor allem im Geiste Loren Connors’ (und im Andenken an Derek Jarman) ebenso reduzierte wie wärmende Klänge aus der elektrischen Gitarre zieht.

  • Sarah Davachi: »Cantus, Descant« (Late Music)

Orgeln, ob elektrische oder Pfeifenorgeln, haben Konjunktur. In der jüngeren Vergangenheit haben neben Sarah Davachi u. a. auch Ellen Arkbro, Kali Malone oder Stefan Fraunberger Alben diesem Instrument gewidmet. Dieses Jahr erschien auch noch ein entsprechendes Album von Anna von Hausswolff, und ich nehme an, es orgelt bereits in Vorbereitung weiterer Veröffentlichungen in allen möglichen Ecken der Welt. Gut so. Die durchs Instrument verliehene sakrale Aura haftet den genannten und doch eher weltlichen Aufnahmen noch an – beruhigend.

  • Eyvind Kang: »Ajaeng Ajaeng« (Ideologic Organ)

Ähnlich der belgischen Razen bewegt sich Eyvind Kang zwischen den musikalischen Polen zeitgenössischer Komposition, Minimal Music und Weltmusik. Instrumente hier: Tanpura & Harpsichord (Cembalo), entsprechend meditativ das Ergebnis.

  • Phantom Horse: »Mehr Null« (Umor Rex)

Elektronisches Kraut, Musik mit Blick in den Rückspiegel (da winkt Hans-Joachim Roedelius) und das Duo meidet erfreulicherweise die Autobahn auf dem Weg aus Forst zurück in die Zukunft, wenn Sie verstehen, was ich meine.

  • Dead C: »Unknowns« (Ba Da Bing)

Das musikalische Äquivalent zu Heilerde. Runterzuspülen mit Bier. Hilft immer.

  • Don Howland: »Endgame« (In The Red)

Wenn nichts mehr hilft, dann hilft auch Don Howland nicht mehr. Vertonte Resignation und Niedergeschlagenheit. Dem Genre nach Garage-Punk; quengelig-aggressiv vorgetragene Aussichtslosigkeit.

  • Robbie Basho: »Songs of the Great Mystery« (Real Gone)

Das zurückliegende Jahr war in vieler Hinsicht bescheiden, aber als devoter Anhänger des 1986 unter tragischen Umständen zu früh verstorbenen Robbie Basho wurde man 2020 verwöhnt. Mit »Songs of the Great Mystery« und »Selections from Song of the Avatars« erschienen im Frühjahr und Herbst unveröffentlichte Aufnahmen aus verloren geglaubten Archiven als Vorgeschmack auf die volle Ladung, die im Dezember mit der 5CD-Sammlung »Song of the Avatars: The Lost Master Tapes« zugänglich gemacht wurde. Halleluja.

  • Rowland S. Howard: »Teenage Snuff Film« (Fat Possum)

Das erste der beiden Soloalben des australischen Gitarristen (Boys Next Door, Birthday Party, These Immortal Souls, Crime & The City Solution). Adult Entertainment. Was gestern noch als romantisch durchgegangen sein mag, gilt heute mithin als toxisch. Proceed with caution.

  • No-Neck Blues Band: »Gitanjali + The Nascent Stigma« (Ri Be Xibalba)

Nachgelassenes Album des damals in der Hauptsache in New York umtriebigen Klingel-und-Klöppel-Kollektivs. Musik als okkultes Ritual, esoterische Grenzerfahrung oder Urschrei-Gruppentherapie. Wahnsinn.

  • Brötzmann/van Hove/Bennink: »Free Jazz und Kinder« (Tochnit Aleph)

Historischer Beitrag zum pädagogischen Missverständnis, es bedürfe der Musik für Kinder, was natürlich Käse ist, der vor allem in den Ohren leidgeplagter Eltern klebt. Musik bitte immer mit Kindern, gerne auch Free Jazz. Bitte als nächstes Michael Vetters »Gespräche ohne Worte – Modelle vokaler Improvisation mit Kindern« (Klett 1974) zugänglich machen, danke.

  • Somei Satoh: »Emerald Tablet« (WRWTFWW)

Kurz gesagt: Klangschalen und andere traditionelle japanische Klöppel-Keramik elektronisch bearbeitet und durch turmhohe Verstärker gejagt, 1978/80. Maximum volume yields maximum results.

  • Anima-Sound: »Im Lungau« (playloud!)

Bisher unveröffentlichte Live-Aufnahme von Limpe und Paul Fuchs. Freie Musik, musikalische Improvisationen mit Lust an Lärm und Chaos. Legendär.

  • Pauline Oliveros/Stuart Dempster/Panaiotis: »Deep Listening« (Important)

Nomen est omen. Klassiker von 1989, dieses Jahr erstmals als Doppel-LP wieder veröffentlicht. Teurer Spaß, lohnt sich aber.

  • Stooges: »Live at Goose Lake, August 8th 1970« (Third Man)

Die größte Herausforderung dieses Jahr: »The Complete Fun House Sessions« nicht zu kaufen. Aber auch für den kleinen Geldbeutel gab es eine Stooges-Konserve – in gewohnt schlechter Sound-Qualität. Egal, Hauptsache Stooges.

  • Don Cherry: »Om Shanti Om« (Black Sweat)

Spiritual-Jazz-Archiv-Veröffentlichung: »An amazing document of the life experiment that was the Organic Music Society. This super quality audio, recorded by RAI (the italian public broadcasting company) in 1976 for television, documents a quartet concert focused on vocals compositions and improvisations« (Label-Info). Stimmt.

  • Jon Collin: »Music from Cassettes« (Fördämning Arkiv)

Mein discogs-Account meldet mir 42 Veröffentlichungen von Jon Collin in der Sammlung, der deutlich überwiegende Teil davon auf Kassetten, die in kleinen Auflagen erschienen und vergriffen sind bzw. eben über Online-Portale hier und da aus zweiter Hand wieder erhältlich gemacht werden. Gut, wenn, zumindest in Auszügen, die Musik wieder einmal in den offiziellen Handel gerät – allerdings ebenfalls wieder limitiert. Es ist ein Elend, kürzlich treffend in der englischen »WIRE« von Label-Betreiber und Musiker Ivan Zoloto auf den Punkt gebracht: »[…] music releases should have longer sales cycles: many a time I have tried to score a copy of a limited 2010 release, but underground music is trapped in the you-snooze-you-lose mentality. I do want to snooze sometimes! And I do need to catch up later, especially if I’ve just discovered an artist«. Digital aufholen geht natürlich immer, aber …

15 Mal Musik für und gegen die aktuellen Verhältnisse von Didi Neidhart

»Ein Virus ist eine mikroskopisch kleine Einheit von Wort und Bild.« (William Burroughs: »Die elektronische Revolution«, Expanded Media Edition, Göttingen 1972). 2020 hätte eigentlich auch »100 Jahre Jazz-Age im Widerschein von 50 Jahre Disco-Age« sein können (die entlang von race, gender & class quasi »gequeerten« Speak Easies und Flüsterkneipen der 1920er als Discos und Danceclubs avant la lettre), aber es kam bekanntlich anders. Im Folgenden nun also eine alphabetische Liste von Trax & Acts für eine imaginären Clubnacht, wie sie heuer hätte sein können.

  • Angel Bat Dawid And The Brotherhood: »We are Starz« (Video)
  • Arca: »@@@@@« (Video)
  • Beyoncé, Shatta Wale, Major Lazer: »Already« (Video)
  • Daði Freyr/Daði & Gagnamagnið: »Think About Things« (Video)
  • Green Velvet & Eli Brown: »Unapologetic Raver« (Original Mix) (Video)
  • Honey Harper: »Starmaker« (Video)
  • Inner City & Idris Elba (feat. Detroit Will Breathe): »We All Move Together« (Video)
  • Jessie Ware: »What’s Your Pleasure?« (Video)
  • Kemar Jewel: »Vogue 4 #BlackLivesMatter« (Video)
  • Moodymann: »Do Wrong« (Video)
  • Pa Salieu: »B***K« (Video)
  • Sault: »Untitled (Black Is)« (Video)
  • Shygirl: »Tasty« (Video)
  • Tenesha The Wordsmith & Lauren Ritter feat. JB!! Aka Dirty Moses: »Thirst Trap« (Video)
  • Theo Parrish: »Hambone Cappuccino« (Video)

Peter Kaisers delikate 5er-Packungen 

»Kulturverliebte« kennen ihre Privilegien. Auch 2020. Sie lassen sich das Wort nicht verbieten, den Blick nicht verstellen, die Sicht nicht verkürzen (bzw. verkurzen) und sorgen dafür, dass die Sounds nicht verstummen. Auch 2020 nicht. Meine kleine Auswahl hätte vielleicht noch eine vierte 5er-Liste – von wegen 20 – vertragen können: 5 entfallene Konzerte, die 2021 stattgefunden haben werden. Aber ja, das wird schon!

5 super Alben (alphabetisch)

  • A Love Supreme Electric (feat. Vinny Gollia, John Hanrahan, Henry Kaiser, Wayne Peet, Mike Watt): »A Love Supreme & Meditations« (Cuneiform) (Rezension)
  • Coriky: »Coriky« (Dischord) (Rezension)
  • Irreversible Entanglements: »Who Sent You?« (International Anthem/!K7/Indigo) (Rezension)
  • Run The Jewels: »RTJ4« (Jewel Runners/BMG)
  • Yves Tumor: »Heaven To A Tortured Mind« (WARP/Rough Trade) (Rezension)

5 wichtige Bücher (alphabetisch)

  • Susan Arndt: »Sexismus. Geschichte einer Unterdrückung« (C.H. Beck)
  • Stuart Hall: »Vertrauter Fremder – Ein Leben zwischen zwei Inseln« (Argument)
  • Vladimir Jankélévitch: »Zauber, Improvisation, Virtuosität. Schriften zur Musik« (Suhrkamp)
  • Joy Press/Simon Reynolds: »Sex Revolts. Gender, Rock und Rebellion« (Ventil)
  • Juliane Streich (Hg.): »These Girls. Ein Streifzug durch die feministische Musikgeschichte« (Ventil)

5 starke Tracks über die/aus den »No More Trump«-States of America

  • Lil Baby: »The Bigger Picture« (Video)
  • Janelle Monáe: »Turntables« (Video)
  • Jello Biafra & The Guantanamo School of Medicine: »The Last Big Gulp« (Video)
  • Bob Mould: »American Crisis« (Video)
  • YG: »Fuck The Police 2020« (Video)

Ania Gleichs Kino-Highlights 2020

Es ist nicht herunterzuspielen, mit welchem Pessimismus sich 2020 kleiden darf, gerade was die Kunst- und somit auch die Filmbranche betrifft. Jedoch soll nicht vergessen werden, dass gerade das Kino beizeiten und hierzulande oft glückliche und kreative Richtungen einschlug, die nicht unerwähnt bleiben sollen. So kann der*die Pessimist*in zwar richtigerweise sagen, dass die Übernutzung von Streaming-Riesen wie Netflix oder Amazon in Zeiten von Heimquarantäne und Lockdown den Wert kinematografischer Arbeit verwässert haben mögen. Allerdings darf gleichzeitig nicht vergessen werden, wie viel Mühe sich auch gerade die Filmfestivalbranche gab, die Essenz ihrer Arbeit bestmöglich auch digitalisiert bzw. mit aufwendigen Sicherheitskonzepten an ihr Publikum zu tragen. Klarerweise war auch ein bisschen Glück bezüglich Timings im Spiel. So scheint es aus heutiger Perspektive wie ein schicksalhafter Zufall, dass im September und Oktober noch das Slash-Filmfestival, das Jüdische Filmfestival sowie die Viennale (welche im Übrigen die Diagonale featurete) in fast (mit Vorbehalt!) »normaler« Weise stattfinden konnten, heißt: vor Ort, mit Publikum, den Diskursraum nicht vollständig simulierend. Das waren wichtige Schritte. Weiters haben es andere heimische Festivals wie das Crossing Europe und das kürzlich abgehaltene This Human World in kompakten Formaten geschafft, eine digitale Simulation des Kommunikationsraums zu schaffen, in dem sich Film abspielt und der gerade in Zeiten, in denen Kinos landesweit geschlossen hatten, wie Balsam für die Seele war. Um an dieser Stelle auch ein bisschen Hoffnung für das Bestehen unserer vielfältigen Filmkultur zu plädieren, hier deshalb ein Best of Filmfestivals 2020:

Crossing Europe – Extracts (21. April bis 20. Mai 2020)

  • Marianna Economou: »When Tomatoes Met Wagner«
  • Ena Sendijarević: »Take Me Somewhere Nice«
  • Shahrbanoo Sadat: »Parwareshgah« (»The Orphanage«)

Jüdisches Filmfestival Wien (7. bis 21. Oktober 2020)

  • Chuck Smith: »Barbara Rubin and the Exploding New York Underground«
  • Eric Friedler: »It must Schwing – The Blue Note Story«
  • Ryan White: »Ask Dr. Ruth«

Viennale (22. Oktober bis 2. November 2020)

  • Eliza Hittman: »Never Rarely Sometimes Always«
  • Bettina Böhler: »Schlingensief – in das Schweigen hineinschreien«
  • Susanna Nicchiarelli: »Miss Marx«
  • Diagonale in der Viennale: Sandra Wollner: »The Trouble With Being Born«

This Human World (3. bis 13. Dezember 2020)

  • Iryna Tsilyk: »The Earth Is Blue as an Orange«
  • Atiye Attarzadeh: »The Marriage Project«
  • Mehrdad Oskouei: »Sunless Shadows«
  • Tatia Skhirtladze: »Glory to the Queen«

Weitere Filme, die 2020 bewegten, schockierten, unterhielten:

  • Ken Loach: »Sorry We Missed You«
  • Roberto Minervini: »What You Gonna Do When the World’s on Fire?«
  • Damien Manivel: »The Mother«
  • Bong Joon-ho: »Parasite«

Chris Hessles 20 x 2020 

Ob heuer aus meiner subjektiven Sicht tatsächlich ein gutes Musikjahr war (für Musiker*innen eher weniger) oder ich nur mehr Zeit damit verbracht habe, nach Musik zu suchen, kann ich nicht sagen. Jedenfalls war es einfach, zwanzig tolle Tracks aus diesem Jahr zu finden; die Liste hätte auch doppelt so lang ausfallen können. Aber 2020 sind es nun mal zwanzig. Die Sounds waren heuer besonders gritty und roh, dazwischen aber auch shiny mit Glitzer, was eine sinnvolle Reihung kaum möglich macht. Die YouTube-Disco ist daher alphabetisch sortiert. Immerhin kann man eine Reihe von Alben herausheben, deren Auskoppelungen sich auch in untenstehender Liste wiederfinden. Allen voran die Doppelalben »The Cycle« von Mourning [A] BLKstar (allen, denen das noch nicht gritty genug ist, seien die Cleveland Tapes ans Herz gelegt) sowie »Untold« von Sophia Loizou, das mit Reminiszenzen an Metalheadz (meine ich) und Arendelle (meint mein Kind) aufwartet. Daneben gab es dieses Jahr bemerkenswerte Rap-Alben, etwa das posthum erschienene »Underrated Legends« von Cadet, »Make It Out Alive« von Manga Saint Hilare oder »Innocent Country 2« von Quelle Chris und Chris Keys. Mit dem Debut von Billy Nomates gab es sogar eine Platte, die sich zwischen Punk, Rock und Pop bewegt und mir trotzdem gefällt. So, jetzt aber ab in die Disco!

  • AR Jiggy: »Balaway« (K27) (Video)
  • Billy Nomates: »No« (Invada) (Video)
  • Blanco: »Memphis« (Polydor/Universal) (Video)
  • Cadet: »Still (feat. Wretch 32)« (Underrated Legends) (Video)
  • Cakes Ologo: »Merc em’« (Cakes Ologo) (Video)
  • Clavish: »100MPH Freestyle X2« (Lavish) (Video)
  • Cristale: »Frontline« (Restyle)« (unreleased) (Video)
  • Dimzy: »Burn It« (DIMZY6IX7EVEN) (Video)
  • ENNY X Nix Northwest: »Good Kids Freestyle« (unreleased) (Video)
  • Fivio Foreign: »Move Like a Boss (feat. Young M.A)« (Rich Fish, LLC and Columbia/Sony) (Video)
  • Flohio: »Glamourised« (unreleased) (Video)
  • Goro & Sattva: »Daj Mi Parite (feat. Tarikata)« (Goro) (Video)
  • Jammer: »Smoke« (Jahmek The World) (Video)
  • Koffee: »Lockdown« (Promised Land) (Video)
  • Manga Saint Hilare: »Contraband (feat. Queenie & MicOfCourse)« (Manga Saint Hilare) (Video)
  • Mourning [A] BLKstar: »Be« (Don Giovanni) (Video)
  • OFB, Bandokay & Double Lz: »OT Boppin« (Infamous) (Video)
  • Quelle Chris & Chris Keys: »Sudden Death« (Mello Music) (Video)
  • Sleaford Mods: »Second« (Sleaford Mods/Rough Trade) (Video)
  • Sophia Loizou: »Anima« (Houndstooth) (Video)

Lutz Vössings Abgesang auf 2020

Fick dich, Covid-19, und deine ganze Familie (Covid-1 bis ∞). 2020 war scheiße in so gut wie jeder Hinsicht. Die besten hat’s mitgenommen: RIP Harold Budd, Lee Konitz, Kim Ki-Duk, Jiří Menzel, John Prine etc. Es wäre schön gewesen, die ganzen tollen Sachen zu hören, wenn man nicht gerade das Gefühl hätte, alles, aber auch wirklich alles würde endgültig und unaufhörlich den Bach runtergehen. So gibt’s die besten Alben (und Filme) des Jahres als Mixtape zur Apokalypse.

Side A

  1. The Beths: »Jump Rope Gazers« (Carpark Records)
  2. Mrs. Piss: »Self-Surgery« (Sargent House)
  3. Jeff Rosenstock: »NO DREAM« (Polyvinyl Record Company)
  4. The Ocean Collective: »Phanerozoic II: Mesozoic / Cenozoic« (Metal Blade Records, Pelagic Records)
  5. Motorpsycho: »The All Is One« (Rune Grammofon/Stickman Records)
  6. Deftones: »Ohms« (Reprise)
  7. Minimal Compact: »Creation is Perfect« (Self-released)
  8. E: »Complications« (Self-released)
  9. Eartheater: »Phoenix: Flames Are Dew Upon My Skin» (Pan)
  10. The War on Drugs: »Live Drugs« (A Super High Quality Record/Cargo)

Side B

  1. Alva Noto: »Xerrox Vol.4« (Noton)
  2. Beverly Glenn-Copeland: »Transmissions: The Music of Beverly Glenn-Copeland« (Transgressive Records)
  3. Shinichi Atobe: »Yes« (DDS)
  4. Makoto Kawabata, Richard Pinhas, Manongo Mujica, Juan Luis Pereira & Hiroshi Higashi: »Alturas« (Buh Records)
  5. Will Guthrie: »Nist-Nah« (Black Truffle)
  6. Bohren & der Club of Gore: »Patchouli Blue« (Ipecac/PIAS)
  7. Harold Budd & Robin Guthrie: »Another Flower« (Darla)
  8. Koraal: »La casa del volcán« (Nouse’klaer Audio)
  9. Hideki Umezawa & Shohei Amimori: »Critical Garden« (Ftarri)
  10. Aidan Baker & Gareth Davis: »Invisible Cities II« (Karlrecords)

Hidden Tracks

  1. Die Aeronauten: »Schnee« (Tom Produkt)
  2. Die Aeronauten: »Müde« (Tom Produkt)
  3. William Basinski: »O, My Daughter, O, My Sorrow« (Temporary Residence Limited)
  4. Quadratschulz: »Telegram / DFÜ« (Pudel Produkte)
  5. The End: »Kråka. Rörde Sig Aldrig Mer« (RareNoise Records)
  6. Hans Peter Geerdes & Band: »FCK 2020« (Kontor Records)

Spielfilme

  • Nader Saeivar: »Namo« (»The Alien«)
  • Kelly Reichardt: »First Cow«
  • Mohammad Rasoulof: »Sheytan vojud nadarad« (»There Is No Evil«)
  • Matias Mariani: »Shine Your Eyes«
  • Alex Pipermo: »Chico ventana también quisiera tener un submarino« (»Window Boy Would Also Like to Have a Submarine«)
  • Eliza Hittman: »Never Rarely Sometimes Always«
  • Tsai Ming-liang: »Rizi« (»Days«)

Dokus

  • David France: »Welcome to Chechnya«
  • Pippa Ehrlich: »My Octopus Teacher«
  • Phillip Warnell: »Intimate Distances
  • Bettina Böhler: »Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien
  • Carmen Losmann: »Oeconomia
  • Susanne Regina Meures/Muna: »Saudi Runaway«
  • Alex Winter: »Zappa«

Xavier Plus’ 20 Alben des Jahres 2020

An dieser Stelle wäre eine Ausführung über die fatalen Auswirkungen der Corona-Krise auf den Kunstbetrieb und seine Künstler*innen erwartbar, genauso wie ein Aufsatz über die unzähligen Alben, die Musiker*innen allein in Isolation erschaffen haben. Das erspare ich mir und euch aber, auch ob der Länge, die die Jahresendliste von skug zumeist erreicht. Hier also 20 Platten, die mich dieses Jahr nachhaltig bewegt, begeistert, umgeworfen und immer wieder heimgesucht haben.

  1. Oded Tzur: »Here Be Dragons« (ECM)
  2. Lucia Cadotsch: »Speak Low II« (WeJazz Records)
  3. Sun Ra Arkestra: »Swirling« (Strut Records)
  4. Bettye LaVette: »Blackbirds« (Verve Records)
  5. Blake Mills: »Mutable Set« (Blake Mills JV 2017)
  6. Superposition: »Superposition« (WeJazz)
  7. Dinosaur: »To The Earth« (Edition Records)
  8. Carla Bley: »Life Goes On« (ECM Records)
  9. Irreversible Entanglements: »Who Sent You?« (International Anthem Records)
  10. Perfume Genius: »Set My Heart on Fire Immediately« (Matador Records)
  11. JAF Trio: »JAF Trio« (WeJazz Records)
  12. Courtney-Marie Andrews: »Old Flowers« (Fat Possum Records)
  13. Tom Misch & Yussuf Dayes: »What Kinda Music« (Blue Note Records)
  14. Aaron Diehl: »The Vagabond« (Mack Avenue Records)
  15. Verena Zeiner: »No Love Without Justice« (aroo.records)
  16. AHL6: »Thinker, Try To Dance« (Waschsalon Records)
  17. Lionel Loueke: »HH« (Edition Records)
  18. Jean-Louis Martinier: »Rivages« (ECM Records)
  19. Sault: »Untitled (Black is) / Untitled (Rise)« (Forever Living Originals)
  20. Dezron Douglas & Brandee Younger: »Force Marjeure« (International Anthem)

Separat möchte ich noch ein paar heuer erschienene Archiv-Ausgrabungen und Neuauflagen hervorheben, die durch feine Tonmischungen und exzellentes Material eine Veröffentlichung viele Jahre später auch wirklich legitimieren:

  • Neil Young: »Homegrown« (Reprise Records/Warner)
  • Nina Simone: »Fodder On My Wings« (Verve Records/Universal)
  • Alan Wakeman: »The Octet Broadcasts: 1969 and 1979« (Gearbox Records)
  • Albert Ayler: »Prophecy Revisited« (HatHut Records)

Katharina Bruckschwaigers 2020 in Listen

Rückblickend war mein Musikjahr erstaunlich unspektakulär. Viele »alte Bekannte« und wenig Neues. Wer weiß, woran das liegt? Vielleicht war 2020 auch musikalisch eine Art Rückzug ins traute Heim. Geographisch hatte man sich ohnehin die meiste Zeit dort aufzuhalten. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass die großen Überraschungen heuer ausgeblieben sind, daran, dass mich zwar viele Songs begeistert haben, aber relativ wenige Alben. Die nachfolgenden selbstverständlich ausgenommen. Ein paar augenöffnende Momente gab es schließlich doch.

1. The Strokes: »The New Abnormal« (RCA Int./Sony)

Sind die Strokes prophetischer, als wir ahnen konnten? Das Anfang April erschienene Album »The New Abnormal« zu nennen, scheint im Nachhinein jedenfalls treffender, als einem lieb sein kann. Aber sei’s drum … Mit Produzentenheilsbringer Rick Rubin und der Gelassenheit einer Band, die nichts mehr zu beweisen braucht, zaubern die Amerikaner clevere Arrangements zwischen vertrautem Strokes-Sound und Wagnissen an den Synthesizern. Julian Casablancas Stimme wirkt präsenter denn je. Der New Yorker ist ganz und gar Erzähler geworden, selten klang er so durchdringend und vielseitig. »Ode To The Mets« zählt mit Sicherheit zu den grandiosesten Rocksongs der letzten Jahre. Und habe ich schon das erstklassig plätschernde »At The Door« erwähnt?

2. Culk: »Zerstreuen über euch« (Siluh Records)

Wahrscheinlich haben Culk schon mal Joy Divison, New Order, The Cure oder My Bloody Valentine gehört. Die Wiener kopieren aber nicht einfach, sondern zitieren Achtzigerästhetik in moderner Aufmachung – bestechend und eindringlich. Sophie Löws schwebender Gesang tut sein Übriges. Gemeinsam mit Sophie Hunger dürfte die Wienerin die derzeit wohl charismatischste Frauenstimme in deutscher Sprache vor sich hertragen. Culk verpacken ihre politischen Botschaften angenehm unverkopft und selten theoretisch. Viel greif-, hör- und fühlbarer als in Songs wie »Helle Kammer« oder »Jahre später« kann feministische Zeitkritik ohnehin nicht werden: »Ich lasse Dinge mit mir passieren und dir wird nichts passieren, weil ich nicht weiß, was mit mir passiert.« Autsch.

3. Clipping.: »Visions Of Bodies Being Burned« (Sub Pop)

Weitläufiger als der Vorgänger und wenn das möglich sein sollte vielleicht sogar einen Zacken düsterer fällt »Visions Of Bodies Being Burned« aus. Das Produzententeam William Hutson und Jonathan Snipes stellt ihre Beats und Soundkulissen noch stärker in den Dienst der Sache. Gemeinsam mit Rapper Daveed Digs blicken die beiden nicht einfach in menschlichen Abgrund, sondern springen lieber selbst hinein. Längst befinden sich Clipping. in ihrer eigenen Welt. Digs agiert wendig wie eh und je, Hutson und Snipes schaffen eine Atmosphäre, die einem die Luft abschneidet.

4. King Krule: »Man Alive« (Young Turks/Xl/Beggars Gr/Indigo)

Mühelos einmal nach Joy Division zu klingen, dann auf einen HipHop-Beat aufzuspringen, jazzige Parts einzuschleusen und dann wieder fallen zu lassen – das schafft in dieser Form nach wie vor nur King Krule. Der junge Engländer gibt sich sperriger als auf dem Vorgängeralbum, bleibt gewohnt ungemütlich und gewohnt herausragend.

5. Code Orange: »Underneath« (Roadrunner Records/Warner)

Die amerikanische Metalcore-Formation dreht so ziemlich alles durch den Fleischwolf – gerne auch ihre eigenen Songs. Hardcore-, Industrial- bis Nu-Metal-Sounds treffen auf Gitarristin Reba Meyers Klargesang-Passagen. Eigentlich ein bewährtes Gemisch, sollte man meinen. Aber dann übersteuern Code Orange, mit schriller Elektronik und White-Noise-Rauschen. Das ist Musik, die auseinandernehmen will und bei sich selbst anfängt.

6. Fontaines D.C.: »A Heroes Death« (Pias/Partisan Records/Rough Trade)

Irgendetwas haben diese Iren an sich. Ist es Sänger Grian Chattens monotoner, leicht schrulliger Vortrag? Sind es die tighten Drums oder die schamlos mehrere Epochen zitierenden Gitarren? Der charmante Pub-Rock’n’Roll des Erstlings wurde gegen gesetztere Töne mit gehörig Hall getauscht. Ruhiger und nachdenklicher gehen Fontaines D.C. zu Werke, aber nicht weniger intensiv. Die Instrumentals stehen mehr als einmal in offenem Kontrast zu den Lyrics.

7. Dua Lipa: »Future Nostalgia« (Urban/Universal Music)

Ein Album voller Pop-Banger gefällig? Ein Album, das unweigerlich auf die imaginäre Tanzfläche befördert? Zugegeben, pandemiebedingt wurde meist allein im Bad oder auf der Terrasse getanzt. Für ein paar Endorphinschübe reicht’s aber allemal.

8. Coriky: »Coriky« (Dichord/Cargo)

Vermisst noch jemand Fugazi? Nun ist Ian MacKaye ja wieder da. Auf »Coriky« arbeitet der Punk-Pionier erneut mit Ehefrau Amy Farina zusammen. Komplettiert wird die Band von Fugazi-Bassist Joe Lally. Die Songs scheppern und zerstückeln wie … na ja, Fugazi-Songs. Und im Grunde ist es auch egal, ob Fugazi oder Coriky draufsteht – die Songs sind gut, sehr gut sogar. Amy Farina gibt am Mikro mal den harmonischen Gegenpart zu MacKayes kantigen Tönen, dann scheinen sich die beiden gegenseitig anzuspornen oder fallen wie in »Say Yes« synchron in den Beat.

9. Porridge Radio: »Every Bad« (Secretly Canadian/Cargo)

»I’m bored to death, let’s argue.« Frontfrau und Songwriterin Dana Margolin weiß, wie man ein Album beginnt. Ihre Band Porridge Radio pfeift auf den Zeitgeist. Die Band spielt wütenden, Grunge-lastigen Indie-Punk wie frisch aus den Neunzigern. Selbst im Midtempo angenehm ungestüm und enorm ansteckend

10. Pinegrove: »Marigold« (Rough Trade)

Pinegrove machen es wie immer und schleichen sich von hinten an. Meint man zunächst noch, man hätte es hier mit »ganz netten« Songs zu tun, ertappt man sich schon zwei Wochen später dabei, wie einen dieser unaufgeregte und manchmal recht nackte Folk-Pop immer wieder in Beschlag nimmt.

Songs

  1. The Strokes: »Ode To The Mets«
  2. Culk: »Jahre später«
  3. Mac Miller: »Good News«
  4. Lianne La Havas: »Bittersweet«
  5. Zugezogen Maskulin: »Rap.de«
  6. Fleet Foxes: »Featherweight«
  7. And you will know us by the trail of dead: »Don’t Look Down«
  8. Lido Pimienta: »Eso Que To Haces«
  9. Idles: »Mr Motivator«
  10. Sault: »Wildfires«
  11. Haim: »Los Angeles«
  12. Goldroger: »Uu«
  13. King Gizzard & The Lizzard Wizzard: »Intrasport«
  14. Oehl: »Tausend Formen«
  15. Turbostaat: »Ein schönes Blau«

Jannik Eders Albumempfehlungen 2020

Für mich unterscheidet sich das Musikjahr 2020 von dem vorherigen zunächst in einem Punkt: 2019 konnte ich sofort sagen, welche drei, oder vielleicht vier Alben alles andere in den Schatten gestellt haben. 2020 fällt mir das schwer. Dieses Musikjahr charakterisiert sich eher durch eine enorme Bandbreite sehr guter Neuerscheinungen – ohne dass ein einzelnes Werk komplett durch meine Decke gegangen wäre. Im FM4-»Sumpf« meinte Kathi Seidler neulich, 2020 sei das Jahr des … eh schon wissen. Stimmt, man muss nicht immer wieder tausend Worte über es und seine Folgen verlieren. Dennoch eine Corona-bezogene Anmerkung mit Blick auf die folgende Liste: Ich frage mich, wie manches Album klänge, wäre 2020 nicht das Jahr der Pandemie, der Lockdowns etc. pp. gewesen. Das eine oder andere wäre wohl gar nicht in dieser Form erschienen. Adrianne Lenkers »Songs/Instrumentals« entstand in einer einsamen Hütte, in die sie im März vor der Covid-19-Krise flüchtete. Bei No Home glaubt man, die isolationistische Tüftelei rauszuhören, ebenso bei Bruch oder »Andere« von All diese Gewalt – tatsächlich war letzteres Album aber schon im Jänner fertig produziert. Und dann ist da Phil Elverum alias The Microphones, bei dem man auch nicht weiß, ob die Idee, ein Album mit nur einem einzigen Song zu machen, schon lange durch seinen Kopf spukte oder primär vom Corona-Zeitgeist beseelt ist. Aber der (alphabetischen) Reihe nach.

  • Adrianne Lenker: »Songs/Instrumentals« (4AD/Beggars)

Wie eben gesagt, das neue Soloalbum der Big-Thief-Sängerin entstand in einer abgeschiedenen Hütte in den hügeligen Wäldern von West-Massachusetts, wohin Lenker während des Frühjahrs-Lockdown geflüchtet war. In dieser Weltabgeschiedenheit verarbeitet Lenker die Last des Corona-Wahnsinns und Einsichten aus einem Beziehungsende. Aufgenommen wurden die elf bilderreichen »Songs« und zwei »Instrumentals« auf einer analogen Tape-Maschine.

  • All diese Gewalt: »Andere« (Glitterhouse Records)

Max Rieger ist als Sänger und Gitarrist von Die Nerven bekannt, Ansehen genießt er auch als Produzent (etwa für Drangsal, Ilgen-Nur oder Friends of Gas) und für etliche Nebenprojekte. Eines davon ist All diese Gewalt, unter diesem Namen veröffentlichte Rieger die zweite LP. Sie verlässt die Tiefenebenen des Noise-Punks von Die Nerven, ist oft eher Synthie- als Gitarren-lastig. Dabei scheut Rieger sich nicht davor, seine Fühler in Richtung internationaler Poptrends auszustrecken.

  • Anna von Hausswolff: »All Thougts Fly« (Southern Lord)

Gestatten, Anna von Hausswolff, 34 Jahre alt, geboren in Göteborg, Sängerin, Pianistin, Organistin. Letzteres schlägt auf diesem, ihrem fünften Album besonders durch: Sieben Stücke lang krault von Hausswolff eine Orgel. Und man sehnt sich nach ihrer sonst so markanten Stimme – gerade, dass sie diesen Wunsch nicht erfüllt, lässt einen nicht mehr los.

  • Bruch: »The Fool« (Cut Surface)

Man kann Philipp Hanich alias Bruch getrost als lebende Legende des Wiener Undergrounds bezeichnen. Und als Musiker, der angesichts seines Potenzials viel zu unbekannt ist. Mit seiner brillanten Verschmelzung von balladeskem Post-Punk und Stadionrock-Pathos muss sich Bruch vor nichts und niemandem verstecken.

  • No Home: »Fucking Hell« (Hungry And Undervalued)

»Diese Kassette ist Selbsttherapie und Befreiungsschlag«, so fasste es Sissiboy in seiner Plattenkolumne bei den Kolleg*innen von »MALMOE« zusammen, denn, »›Fucking Hell‹ fordert die Zeit zurück, die die Mechanismen der Prekarität uns stehlen.« Hinzufügen möchte ich dem nichts mehr, sondern mich bei Sissiboy (und seinem Plattenladen Sissysound) bedanken für die Bekanntmachung mit Charlie Valentine alias No Home und dem coolsten »Schlafzimmer-Punk«-Album des Jahres.

  • Sarah Davachi: »Cantus, Descant« (Late Music)

Der Output der kanadischen Klangkünstlerin Sarah Davachi beeindruckt: Seit 2013 veröffentlichte sie zehn LPs, sieben EPs und Tapes sowie kürzlich ein Live-Album. Auf dem Doppelalbum »Cantus, Descant« vertieft sie sich in elektroakustischer Meditation, verwebt klassische und moderne Komposition und Instrumentierung – und singt tatsächlich erstmals auf einer Platte.

  • Sufjan Stevens: »The Ascension« (Asthmatic Kitty Records)

Sufjan Stevens schafft es mit jedem Release Konsens herzustellen: Landauf, landab können sich so gut wie alle darauf einigen, dass man es aufs Neue mit einem großartigen Werk zu tun hat. Zuletzt bei »Carrie and Lowell« (2015), nun bei »The Ascension«, das sich vom Vorgänger deutlich abgrenzt. Viel elektronischer, manchmal noisy geht es zu, und der Albumtitel, auf Deutsch: »Christi Himmelfahrt«, deutet schon an, dass der religiös-spirituelle Stevens hier und da durch die Wolken abzischt.

  • Sweeping Promises: »Hunger for a Way Out« (Feel It Records)

Das diesjährige Highlight aus der Ecke Art-Punk. Das Debüt des Trios aus Boston ist sehr eingängig und abwechslungsreich. »Hunger for a Way Out« wurzelt in den Punk-Spielarten der späten Siebziger und frühen Achtziger, Sweeping Promises holen diesen Sound authentisch ins Hier und Jetzt und betören mit einer lässigen Garage-Attitüde.

  • The Koreatown Oddity: »Little Dominiques Nosebleed« (Stones Throw)

Es ist nicht leicht, den Überblick über die vielen hervorragenden Artists im US-Indie-Rap zu wahren. Neben Boldy James, The Almechist oder Armand Hammer faszinierte dieses Jahr vor allem The Koreatown Oddity. Der Rapper und einstige Stand-up-Comedian kommt aus Los Angeles, genauer gesagt eben aus dem Stadtteil Koreatown, der auf diesem autobiografischen Album eine zentrale Rolle spielt.

  • The Microphones: »Microphones in 2020« (P. W. Elverum & Sun, Ltd.)

»Microphones in 2020« hat in dieser Liste ein Alleinstellungsmerkmal: Es besteht nur aus einem Song. Der dauert dafür 44 Minuten und 44 Sekunden. Und noch eine Besonderheit: Das letzte Album von The Microphones liegt ganze 17 Jahre zurück. Seitdem widmete sich Phil Elverum seinem Projekt Mount Eerie. Mit dem Revitalisierungsalbum »Microphones in 2020« perfektionierte er, was ihn seit insgesamt fast 25 Jahren als Singer/Songwriter ausmacht: ausgefeilte Kompositionen mit extremer Sogwirkung.

Walter Pontis’ 2020 Revers

Dank Corona blieb Musiker*innen heuer endlich wieder mehr Zeit, um sich dem Album zu widmen: Bbymuthas »Muthaland« demonstriert Black Lives Matter vortrefflich; Moor Mother prangert so-much-drama an; die unterbelichteten Wood Brothers warten mit ihrer bereits siebenten Americana-LP auf und die benachbarten Aktivisten von Decolonize Your Mind Society halfen über diverse Lockdowns und mehr hinweg (Konzert-Tipp: 20. Februar 2021 im Trafó House in Ungarn!).

Pontis’ Alben 2020 Revers

  1. Bbymutha: »Muthaland« (Self-released)
  2. Lucrecia Dalt: »No era sólida« (RVNG Intl.) (Noch ein Konzert-Tipp: 8. Februar 2021 ab 15:00 beim HYPERREALITY im Stadtkino!)
  3. Moor Mother: »Circuit City« (Don Giovanni/H’Art)
  4. Moor Mother and Nicole Mitchell: »Offering – Live at Le Guess Who« (Don Giovanni/H’Art)
  5. The Bug and Dis Fig: »In Blue« (Hyperdub)
  6. Sault: »Untitled (Black Is)« (Forever Living Originals)
  7. Beatrice Dillon: »Workaround« (Pan)
  8. Okkyung Lee: »Yeo-Neun« (Shelter Press)
  9. Decolonize Your Mind Society: »A Courteous Invitation To An Uninhabited Anabatic Prism« (Hunnia Records & Film Production)
  10. Backxwash: »God Has Nothing To Do With This Leave Him Out Of It« (Grimalkin)
  11. Speaker Music: »Black Nationalist Sonic Weaponry« (Planet Mu)
  12. Pa Salieu: »Send Them to Coventry» (Warner Bros.)
  13. Jennifer Walshe: »A Late Anthology of Early Music Vol. 1« (Tedbind)
  14. Sarah Davachi: »Cantus, Descant« (Late Music)
  15. The Wood Brothers: »Kingdom In My Mind« (Honey Jar Records/Membran)
  16. Bob Dylan: »Rough and Rowdy Ways« (Columbia)

Pontis’ Songs/Tracks 2020 Revers

  1. Bbmutha: »Roaches Don’t Die«
  2. Cardi B: »WAP feat. Megan Thee Stallion«
  3. Floorplan & Jala: »Save the Children«
  4. Charli XCX: »Pink Diamond«
  5. Asian Dub Foundation ft. Stewart Lee: »Comin’ Over Here«
  6. Robert Hood: »The Struggle«
  7. Electric Indigo: »Ferrum 4«
  8. Jess Williamson: »Pictures of Flowers«
  9. Ono: »I Dream Of Sodomy«
  10. Petr Válek: »Country Music Composition For Grandmother’s Birthday«
  11. Taylor Swift: »Champagne Problems«

Pontis’ Live 2020 Revers

  1. Okkyung Lee, 07.03.2020, Elevate, MUMUTH, Graz
  2. Via App, 07.03.2020, Elevate, Dungeon, Graz
  3. BJ Nilsen, Jan Jelinek u. a., 06.03.2020, Elevate, MUMUTH, Graz
  4. Jessy Lanza, 06.03.2020 Elevate, Dom im Berg, Graz

Ulrich Musa-Rois’ Top 20 aus 2020

Noch mehr als alle anderen Jahre wäre 2020 ohne Musik wohl nicht zu überstehen gewesen, zum Glück gab es aber reichlich großartige Veröffentlichungen. In Ermangelung von Live-Konzerten bestand ein Großteil meiner musikalischen Diät dieses Jahr aus Live-Aufnahmen, und zwar hauptsächlich von Grateful Dead und Widespread Panic. Die vier diesjährigen Veröffentlichungen aus der Dave’s-Picks-Serie von Grateful Dead waren somit 2020 auch die wichtigsten Releases für mich, sind in der folgenden Liste aber ausgenommen, da sich diese ausschließlich auf neue Studioalben konzentriert. Das Format spielt dabei keine Rolle, Reihung gibt es auch keine. Hier also zwanzig Alben beziehungsweise EPs aus 2020, die mir dieses Jahr verschönert haben. Die drei Volumes der »Eau’d to a Fake Boogie«-Reihe von Wet Tuna sind dabei als eine Veröffentlichung gezählt.

  • Nick Mitchell Maiato: »Pino Carrasco« (Was Ist Das?/Kith & Kin)
  • Phish: »Sigma Oasis« (JEMP Records)
  • Garcia Peoples: »Nightcap at Wit’s End« (Beyond Beyond Is Beyond)
  • MV&EE: »CAP TRIPS« (Child Of Microtones)
  • Wet Tuna: »Eau’d to a Fake Boogie Vol. 1–3« (Child Of Microtones)
  • Elfenbeinturm: »Hallo Endzeit« (Meudiademorte)
  • Dire Wolves (Just Exactly Perfect Sisters Band): »I Just Wasn’t Made For These Set Times« (Centripetal Force/Cardinal Fuzz)
  • moe: »This Not, We Are« (Fatboy Records)
  • moe: »Not Normal« (Fatboy Records)
  • Matt Valentine Preserves: »Galactic Ooze« (Child Of Microtones)
  • Drive-by Truckers: »The Unravelling« (ATO)
  • Drive-by Truckers: »The New OK« (ATO)
  • Frazey Ford: »U Kin B The Sun« (Arts & Crafts)
  • Elkhorn: »The Storm Session« (Beyond Beyond Is Beyond)
  • Pretty Lightning: »Jangle Bowls« (Fuzz Club Records)
  • East River Caviar: »How Asphalt Ages« (Self-released)
  • Ratrock Tot Sint Jans: »Mumbai Cuisine« (Pumpkin Records)
  • Phantom Horse: »Mehr Null« (Umor Rex)
  • Son of Buzzi: »In nächster Nähe / in weiter Ferne« (Garden Portal)
  • Mountain Goats: »Getting Into Knives« (Merge Records)

Christoph Benkesers Jahresrückausblick

Pauls Jets haben gelogen, als sie 2019 trällerten, dass 2020 »ein schönes Jahr« werden würde. 2020 war vielmehr wie ein Schleudertrauma nach drei Runden mit Helene Fischer im Tagada – ziemlich unnötig, aber eben auch: ziemlich scheiße. Deshalb gehört die ganze Kacke mit Prämie abgewrackt, gevierteilt und am Scheiterhaufen verheizt. Nur um wirklich sicherzugehen, dass sich die verkorkste Seele von 2020 nicht ins nächste Jahr hinüberrettet. Und um in Zukunft auf Menschen zu verzichten, die vor Bücherwandtapeten die Mute-Funktion bei Zoom suchen: »Immer schön negativ bleiben« – because haha, ihr Lappen! 2020 war auch ein Jahr, in dem Dinge passiert sind, die ich nicht erwartet hätte, von denen ich aber froh bin, dass sie passieren durften (und damit mein’ ich nicht die wahrlich beeindruckende Hirnverschissenheit all jener Pisten-Cowboys, die den Weihnachtslockdown nutzen, um mit den frisch gewachsten Brettln ihre Geilheit über zwei Streifen Kunstschnee zu wedeln). Schließlich war 2020 das Jahr, in dem ich …

  • mir eine superteure Linkin-Park-Special-Anniversary-Box zugelegt habe, um mich wieder zu fühlen, das Ding aber gleich wieder verscherbeln musste, nachdem »In The End« aus dem Urban Outfitters auf der Mahü blubberte.
  • keinen Sauerteig angesetzt habe.
  • 62 Interviews mit Künstler*innen geführt habe und 53 Mal ins unaufgeräumte Prekariat spechteln durfte.
  • wieder mal zu viel Mac Miller gehört habe.
  • way too much cash für Tapes ausgegeben habe.
  • die wunderbaren Alben von Fauna und Lukas Lauermann mindestens einmal zu wenig gehört habe.
  • den Back-Katalog von Enya (wieder?) und Dackelblut (schon wieder?) entdeckt habe.
  • alle Bridget-Jones-Filme gesehen habe (actually … love!)
  • gemerkt habe, wie viel Geld man spart, wenn man sich den Kinderpunsch mit zwei, drei gut dosierten Spritzern aus dem mitgebrachten Flachmann pimpt.

Und was Pauls Jets angeht: »2021 war ein schönes Jahr, es kommt zwar erst, aber ich sag es mal!«

Die Consumerism-Escapism-Videos 2020 von Frank Jödicke

Für die diesjährige Consumerism-Escapism-Liste ist dieses kleine Malheur mit dem Virus relativ unerheblich. Die Erschöpfungszustände mögen sich gesteigert haben, aber waren sie vorher nicht auch schon mächtig? Es kommt eben dieser Moment, in dem das Gehirn nichts mehr aushält als das Glotzen von aufwendig produzierten Musikvideos (will sagen im Covid-Jahr »relativ aufwendig«), weil die so herrlich den Eye-Candy auf die Augen drücken und mit dem Spritzbeutel den köstlich produzierten Zuckersound in die Ohren pressen.

  • Waxahatchee: »Fire«

Es tut manchmal gut, geschimpft zu kriegen, neben der Schnellstraße und mit viel Gegenlicht. Katie Crutchfield beherrscht die ungewöhnliche Kunst, ihre Selbstreflexion in unmittelbare Songs zu gießen. Am Ende steckt sie den Koffer mit dem niedergekritzelten Seelenmüll in Brand und es geht wieder auf die Autobahn. Stimmt, die Liebe findet sich vielleicht hinter der nächsten Ausfahrt. Waxahatchee ist eine Band, mit der man gerne befreundet wäre, hätte man nicht mit sich selbst schon genug seelischen Ärger am Hals.

  • Mac Miller: »Good News«

Wir begegnen Mac Miller im Studio, gefilmt im Heimvideo-Stil, und folgen ihn in das Schwarz des Aufnahmeraums. So sieht sie aus, die Transzendenz für Rapper. Dann die Stimme des verstorbenen Meisters, intim, nah und delikat. Er gewährt Einblick in seinen Kopf: » I spent the whole day in my head / Do a little spring cleanin’ / I’m always too busy dreamin’ / Well, maybe I should wake up instead«. Beste Miller-Poesie mit ihrem lakonischen, pointierten Staccato. Ein letztes Mal. Dazu poppen Pappblumen auf, unzählige auf weitem Feld, Mac Miller entschwindet in der Lotusblüte.

  • Parcels: »Live Vol. 1«

Menschen beim Musizieren abzufilmen, ist Brimborium. Klar. Nur, hmmm, geht ja gerade nicht anders. Die Kamera schaut den hübschen Australiern über die Schulter und ja, man ist irgendwie mit dabei. Sie haben sich ins Berliner Hansa-Studio zurückgezogen, denn es gibt gerade so einen 1970er-Jahre-Berlin-Kult, der sogar schon den Kolleg*innen von »MALMOE« aufgefallen war. Es ist kurzweilig, den Jungs beim fehlerlosen Bedienen ihrer Instrumente zuzuschauen und sie spielen die Platte in einem Rutsch runter. So geht »Live-Concert« 2020. Die Musik ist so hübsch retro, dass die Beatles-Kostümierung auch als sympathischer Fandom durchgeht. Es ist überhaupt das Jahr des Beatles-basierten Disco-Soul-Pop, schließlich führte das Electric Light Orchestra zeitweilig die Spotify-Listen an. Die Menschen brauchen Creme für die Seele.

  • Phoebe Bridgers: »I Know the End«

»Hey Phoebe, wie geht’s dir so?« – »Alles Bestens, ich trage jetzt immer dieses Skelettkostüm und verarbeite Suizidgelüste in todtraurigen Videos.« – »Mensch Spitze, das ist genau der richtige Umgang. Wie du immer das Verlassenwerden und die Einsamkeit bearbeitetest, da kann ich immer gleich mitheulen. Ich danke dir!« – »Gern geschehen, demnächst versuche ich es auch mal wieder mit etwas ernsteren Themen, versprochen.» Wir lernen, es ist kein gutes Zeichen, wenn wer nach Hause kommt und einen Vogel zwischen den Zähnen hat.

  • Soccer Mommy: »bloodstream«

Ganz klar, 2020 war auch das Jahr der bewusst schlechten Computergrafiken in Musikvideos. Stimmt ja auch, es erschien ja alles wie eine einzige Bildstörung. Dazu gibt es verträumt-schönen Indie-Rock, der in »Built to Spill«-Höhen vorzudringen vermag. By the way: Hier haben sich wirklich die richtigen gefunden.

  • Clipping.: »Enlacing« & »Pain Everyday«

Ein Song und Video über den Mord an Michael Brown erscheint dann rechtzeitig, um Bild und Ton zur Verarbeitung von George Floyds Tod zu liefern. Das ist kein wie auch immer gearteter »glücklicher« Zufall, denn bei der US-Polizei sind Serientäter*innen am Werk, die die künstlerische Verarbeitung nur hinterherhecheln lassen. Wie soll dem realen Schrecken noch begegnet werden? Der existentiell experimentelle HipHop von Clipping. erreicht zuweilen eine William-Blake-mäßige Intensität. Auf den Boden, Stiefel ins Genick, winden sich im Video die geschundenen Leiber. Verdrehen sich, um den ohnmächtigen Zorn ausdrücken. Das Gehirn verdreht sich ebenso leidgeprüft angesichts all dieser sinnlosen Morde: Wie kann ein Mensch nur auf die Idee kommen, einen anderen Menschen nicht als Menschen zu erkennen? Zumindest: Black Lives Matter ist die vielleicht größte gesellschaftliche Bewegung, die die USA je gesehen haben. Über Wochen wurde an nahezu allen Orten des Landes demonstriert.

  • Kelly Lee Owens: »Corner Of My Sky« ft. John Cale

Hollywood-Mime Michael Sheen spielt eine Beckett-Figur. Das Wichtigste ist immer der Alltag und dessen Hürden. Das Toastbrot verschwindet im Toaster – passiert sonst noch was? Nein. Nur überall im Land liegen dann die getoasteten Brote herum. Mein Gott, wir sind alle miteinander verbunden! So lautet die Lehre des Dream-Pop.

  • Daði Freyr (Daði & Gagnamagnið): »Think About Things«

Wer unter Lampenfieber leidet, sollte diese Video nicht ansehen, denn nach makelloser Blockflötenperformance hat man es im Familienkreis immer besonders schwer. In der Welt der Trolle (genau, d. i. Island) geschehen zuweilen eigentümliche Dinge. Dank Covid fiel der diesjährige Song Contest aus, Daði Freyr hätte ihn gewonnen. Zum Trost hat Will Ferrell in weiser Voraussicht einen Film über Freyrs Erfolg gemacht. Das Leben schreibt die seltsamsten Geschichte

  • Bill Callahan: »Breakfast«

Zu sehen sind wieder mal Bildstörungen, spannende und unterhaltsame Video-Glitches (sieht man abgefilmte Fernseher?), dazu die sonore Stimme von Callahan, der so klingt, als hätte er immer alles im Griff und nicht nur seine Gitarre. Welche Mahlzeit des Tages seine liebste ist, erfährt das Publikum am Ende des Songs. Vielleicht gibt es auch Toast dazu.

  • Ariana Grande: »Positions«

Ehemalige Teenstars müssen vom Ficken singen. Ist halt so. Dazu präsentieren sie ihre makellosen Bodys. Gähn, okay gut. Der Song ist jetzt halt auch genauso wie diese Songs eben sind. Kurz vorm Eindösen fällt ein kleines Detail auf: Ariana Grande ist in ihrem Video allein. Gruselig allein. Sie wird zwar gezeigt auf sozialen Events, wo sie mit anderen Menschen zusammentrifft, ohne aber mit diesen eigentlich zu interagieren. Formales Geplänkel, das ihr aufgenötigt wird. Daheim dann das Geräkel in Bett und Küche, nur findet dies ohne Lover statt und es wird auch keine Liebe mit der Kamera gemacht. Augenkontakt keine Sekunde lang. »Switching the positions for you« sagt Grande ins Leere. Clever ästhetisiertes Bekenntnis der eigenen Depression und Soziophobie.

  • Fleet Foxes: »Can I Believe You«

Fleet Foxes sind der satte Bombast-Pop, den Coldplay nicht mehr auf die Reihe bekommen und den der Soundtrack jeden Lebens manchmal braucht. Dazu wird schön getanzt. Bildsprache der 1960er – klug.

  • Working Men’s Club: »Valleys«

Ganz klar ein schwer geiler Song. Bildstörungen im Video (siehe oben) und die ganze Sache ist irgendwie so cool, ohne in irgendeiner Beziehung originell zu wirken. Das Thema »Gefangen in der Provinz« ist im Pop eben kanonisch. Es gibt aber eben eine Frische im Nachahmen, bei der die Nachahmenden die Mittel für sich authentisch neu entdeckt haben und es für alle mitreißend wirkt. Working Men’s Club liefern einen Synthpop, der ein wenig nach dem Nigerianer William Onyeabor klingt, und das ist ja wohl ein Qualitätsprädikat.

  • Thundercat: »Dragonball Durag«

Thundercat ist eine Liga für sich und seine Videos haben es ja bereits in frühere Consumerism-Escapism-Listen geschafft. Hier zeigt er, wie es zuverlässig gelingt, eine Frau zu beeindrucken: »Baby, lass uns die ganze Nacht rattern!« trällern und dazu Moves, die aussehen, als hätten die Chipmunks einen Hüftschaden erlitten. Schwerbehängt mit brillantenbesetzten Goldketterln aus dem Kaugummiautomat und dann der Finishing Move: am Capri-Sonnen-Packerl zuzeln. Die Angebeteten machen sich aber lieber aus dem Staub (Social Distancing als Notwehr). Die wahre (horizontale) Kunst hat es eben schwer!

  • Grace Potter: »Eachother« ft. Marcus King, Jackson Browne & Lucius

Den schwierigen Pandemie-Bedingungen geschuldet, lieferten viele Videos ab, die reine Bild-Text-Kombis waren und (natürlich) in dieser Liste nix zu suchen haben. Das schönste Video aus dieser 2020er-Serie soll aber doch auftauchen und ist zugleich wohl einer der besten Lockdown-Songs. Außerdem kommt im Leben der meisten Männer der Punkt, an dem sie sich eingestehen müssen, Jackson Browne doch zu mögen. Ist einfach so eine Alterserscheinung.

Hans Grausgrubers soulful-bunter« Mix

Eine breit gestreute Mischung von aktuellen Longplayern, die gelegentlich auch ältere, zumeist rare Musikstücke kompilieren, die dann aber, wie im Falle des fantastischen »For the Love of You« selbst Fans des britischen Genres Lovers Rock so gut wie neu sein dürften.

  1. Various Artists: »Soul Togetherness 2020. Fifteen Modern Soul Room Gems« (Expansion)
  2. Various Artists: »Kaleidoscope« (Soul Jazz Records)
  3. Various Artists: »For the Love of You« (Athens of the North)
  4. Sun Ra Arkestra: »Swirling« (Strut)
  5. Tribe: »Hometown. Detroit Sessions 1990–2014« (Strut)
  6. Brit Funk Association: »Lifted« (Expansion)
  7. Michelle David & The Gospel Sessions: »Vol. 4« (MDGS/Groove Attack)
  8. Various Artists: »Space Funk – Afro Futurist Electro Funk in Space 1976–84« (Soul Jazz Records)
  9. Various Artists: »Neo 2« (Too Slow To Disco)
  10. Amparo Sanchez: »La Nina Y El Lobo« (Mamita Records/Galileo)

Alfred Pranzls skug-made & radioairplay-made 2020

In welche Barbarei politische Ideologien führen können, zeigte die Lektüre zweier Bücher vom Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag. Anna Bikonts Recherche-Wälzer »Wir aus Jedwabne« (Rezension folgt) belegt, wie katholische Priester in Polen den blutigen Boden für Selbstjustiz an der jüdischen Bevölkerung aufbereiteten. Die Schilderung der Gräuel im Sommer 1941, kurz nach Einmarsch der Wehrmacht in Ostpolen, ist umfassend und unfassbar. Kurz zuvor erfolgte Deportationen der stalinistischen Sowjetmacht entfachten Zorn, was aber keineswegs die bestialischen Massenmorde der polnischen Rechtsextremen rechtfertigt, schon gar nicht das Verleugnen und das Fortleben des polnischen Antisemitismus. Urheber und Ausführender des perfiden, industriellen Tötens war aber Hitler-Deutschland. Jüdische Kapos wurden dabei missbraucht, ihre eigenes Volk in die Gaskammer zu führen. »Die Zertrennung«, Schriften des selbst in Todesahnung und -erleben großen Literaten Salmen Gradowski, der ein solches Schicksal erlitt, gehören wie Bikonts Oral History von »Wir aus Jedwabne« zum Beklemmendsten, das mich je beim Lesen erschütterte.

Raub in der Eigentum-fixierten Welt (allzu oft in der Verfassung festgeschrieben) funktioniert heutzutage verschleierter. Kaum jemandem ist bewusst, wie viel Unterdrückung und Blut- und Todesopfer sowie ökologische Katastrophen die globalisierte Warenproduktion verursacht. Es fehlt der direkte Adressat, der zumindest bei den Irreversible Entanglements, Moor Mothers Free-Jazz-Sprachrohr, vorhanden ist. Sklaverei (Antriebsmotor des Kapitalismus) gilt in den USA zwar als abgeschafft, rassistische Überlegenheitskalküle und immer noch in Morden endende -handlungen weißer Amerikaner bleiben leider ein grausames Übel. Angeprangert von den famosen Clipping., übergehend in die experimentelle HipHop-Eleganz der Sub-Pop-Kollegen Shabazz Palaces, die gloriose Swing-Neuinterpretation des Sun Ra Arkestra und brodelnde Musik des Chicagoer Beat Scientist Mackaya McCraven, getoppt von einer Kompilation aus dem Hause Soul Jazz mit nigerianischem Weltklasse-Spacefunk 1976–1984, der zu Breakdance-Verrenkungen anregt.

Zu preisen sind unbedingt auch die Reissues zweier Soloalben von Suicide-Tastenmann Martin Rev auf Tapete Records. »See Me Ridin«, Revs viertes Soloalbum, erschien1996 auf dem einschlägigen New Yorker Label Reachout International Records und »Strangeworld« wurde 2000 auf Puu, dem Sublabel der Sähkö-Recordings-Betreiber Tommi Grönlunds und Mika Vainios released. Auf beiden Platten besinnt sich Rev auf die Klänge seiner Jugend. R&B und Doo-Wop der 1950er und 1960er Jahre dringen mit einer Intensität durch, die die etwas rauere urbane Powerpop-Ästhetik von »See Me Ridin« beinahe wegwischen. Noch eindeutiger und melodienverliebter, trotz mancher Hall-Spielereien, verliert sich Rev auf »Strangeworld« in seiner Teenagerzeit und vor Rührung könnte ich weinen, wie kindlich-naiv der begnadete New Yorker Musiker simple Jahrmarkt-Singalongs intoniert.

Unermüdlich ist einmal mehr Hans-Joachim Roedelius, der trotz seines hohen Alters von 86 Jahren einen kontinuierlich guten Output hat. Bureau B bat die in Baden bei Wien lebende Musiklegende (Cluster, Harmonia), die 2002 beendete Reihe »Selbstportrait« mit Vintage-Instrumentarium fortzusetzen. Mit Echolot Mixer, Farfisa, Roland, Korg und Fender Rhodes fertigte Roedelius aus Skizzen Miniaturen und längere Pieces intimer Natur. Das nunmehr neunte »Selbstportrait« mit dem Subtitel »Wahre Liebe« beglückt auf wundersame Weise, etwa mit zeitlos schönen Hommagen an die Minimal Music (»Spiel im Wind«, »Im Kreisel«), und benennt viele Stücke glorios naheliegend, beispielsweise »Mitgewalzert«. In solchem »Winterlicht« geht wahrlich die Sonne auf!

Müde wurde auch skug keineswegs, anno 2020 wurde eine neue Serie installiert: Die Videopremiere startete mit einem posthum veröffentlichten Musikvideo zu »Banalitäten« von Müde und gipfelte in Soda & Gomorras »Hundescheiße«, das beim Salon skug am 11. Oktober heftig als Zugabe einfordert wurde. Klar, das Album der No-Wave-Band mit migrantischem Sprachwitz war top und veranlasste zu einer Rundumwürdigung. Großartige Salon-skug-Konzerte lieferten auch Johnny Batard und Rosa Anschütz, deren Tonträger diese Liste ebenso veredeln wie einige Artists mehr.

  • Anna Bikont: »Wir aus Jedwabne« (Buch, Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag)
  • Salmen Gradowski: »Die Zertrennung – Aufzeichnungen eines Mitglieds des Sonderkommandos« (Buch, Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag)
  • Irreversible Entanglements: »Who Sent You?« (International Anthem/!K7)
  • Clipping.: »Visions Of Bodies Being Burned« (Sub Pop)
  • Shabazz Palaces: »The Don of Diamond Dreams« (Sub Pop)
  • Sun Ra Arkestra: »Swirling« (Strut/Hoanzl)
  • Makaya McCraven: »Beings E&F Sides« (International Anthem/!K7)
  • Various Artists: »Space Funk – Afro Futurist Electro Funk in Space 1976–84« (Soul Jazz Records)
  • Martin Rev: »See Me Ridin« (ROIR/Tapete Records)
  • Martin Rev: »Strangeworld« (Puu/Tapete Records)
  • Roedelius: »Selbstportrait Wahre Liebe« (Bureau B)
  • Various Artists: »Söng Söng, Polychrome Songs From The Underground« (Les Disques Linoleum)
  • Soda & Gomorra: »S/T« (Self-released)
  • Johnny Batard: »What Do You Want Me To Say?« (Postoffice Records)
  • Rosa Anschütz: »Votive« (Quiet Love Records)
  • Max Nagl Trio: »Moped« (Jazzwerkstatt Records/Lotus/Kudos)
  • Jóhann Jóhannson & Yair Elazar Glotman: »Last And First Men« (Deutsche Grammophon/Universal)
  • Claire Jensen: »The Experience Of Repetition As Death« (FatCat Records)
  • Spirit Fest: »Mirage Mirage« (Morr Music)

Pranzls Radioairplay 2020 hoch 11

»Zan«, »Frau« in der Sprache der Farsi, ist ein gewichtiges Statement von Liraz gegen Fundamentalismus, sowohl gegen die teils rechtsextreme Regierung in Israel als auch gegen das klerikofaschistische Regime im Iran. Die gelebte, persische Exil-Kultur in Kalifornien bewog die in Ramla geborene Sängerin/Schauspielerin iranischer Juden, ihren Gesang auf Farsi auszuprobieren. Mit durchschlagendem Erfolg, insbesondere im Iran und in Israel. Transportmittel auf ihrem zweiten Album »Zan« ist balladesker bis tanzbarer Elektropop mit orientalisch-persischem und psychedelischem Einschlag, eingespielt in Kollaboration mit iranischen Musiker*innen und Sänger*innen, die aus Schutzgründen unbekannt bleiben müssen. Im Iran ist man seit nunmehr über 40 Jahren in der Situation, die wir Westeuropäer erst durch Covid-19 kennen: Immerhin können die Perser*innen in ihren Wohnungen machen, was sie wollen, sofern sie nicht im Visier der theokratischen Diktatur sind. So, das war immerhin fast schon eine Albumrezension. Im Folgenden eine Liste oft gehörter Alben-Ausschnitte, beispielsweise aus den »Zündfunk«-Sendungen auf Radio Bayern 2 …

  • Liraz: »Zan« (Glitterbeat/Indigo)
  • Angel Bat Dawid & Tha Brotherhood: »Live« (International Anthem/!K7)
  • Star Feminine Band: »S/T« (Born Bad Records/Cargo)
  • Hayiti: »SUI SUI« (Self-released, WM Germany)
  • Megan Thee Stallion: »Good News« (300 Entertainment)
  • Theo Parrish: »Wuddaji« (Sound Signature)
  • Lido Pimienta »Miss Columbia« (ANTI-Records)
  • Moodymann: »Taken Away« (KDJ Records)
  • Run The Jewels: »RTJ4« (Jewel Runners/BMG)
  • Sault: »Untitled Rise« (Forever Living Originals)
  • Sault: »Untitled (Black Is)« (Forever Living Originals)

G. Bus Schweiger schwankt durch das Jahr 2020

2020 war das Jahr zum Vergessen, das viele nicht vergessen werden. Einerseits weil sie an und über ihre Grenzen geführt wurden, die sie nie erkunden wollten, andererseits weil man seine eigene Maske nie so fallen lassen wollte. Aber so wurde es zum Jahr der Selbsterkenntnis und zum Jahr, in dem Lügen wirklich kurze Beine hatten. Für Menschen wie mich, die seit Jahrzehnten Konzerte und andere Ereignisse im Bereich der Kultur wie selbstverständlich zur Erhaltung nicht nur der Gesundheit und ewigen Neugier konsumieren, sondern auch alle Aspekte rundherum genießen, sei es das Bier mit Freunden oder der Austausch an der Bar, wurden die Kleinkulturanbieter, die immer, wenn es möglich war, veranstalteten, zu Helden. Deshalb gab es keine andere Wahl als die Crew des Chelsea am Gürtel, auch stellvertretend für alle anderen Veranstalter*innen und Booker*innen, auf den ersten Platz meiner Helden und Heldinnen des Jahres zu setzen.

  • Chelsea

Für grandiose Abende im Sessel und mit Bedienung. Es war in den alten Bögen erstaunlich zu erleben, wie Künstler*innen und Publikum nacheinander dürsteten. Das führte zu einmaligen »Acoustic Tuesdays« und zur absoluten Enthemmung wie bei Christoph und Lollo.

  • WUK & Paul Plut

Der beste Titel für eine Konzertreihe unter widrigen Umständen: The Bad Seats. Paul Plut: Am Vorabend des Lockdowns am 31. Oktober spielte er im WUK ein wahrhaft großes Konzert im Zeichen des Abschieds. Keiner wusste, wann es weitergeht, und das hat sich nicht geändert. Aber wenn schon Abgang, dann bitte so.

  • Bart Ludwig, 27.02.2020, Fluc

Der große Sturm war noch weit weg und am Anfang seiner Tour zauberte der Sohn Idahos mit seiner kurz vorher komplettierten Band seine Version der Cosmic American Music in die Quader am Praterstern. Inbrunst, wie sie schöner nicht sein kann.

  • Arksong: »This Blesses Unrest« (Self-released)

Nach vielen Jahren der Stille meldet sich Marc Pilley, der früher Hobotalk, einer der besten Bands, die nie wahrgenommen wurden, vorstand, mit grandios naiven Songs aus der schottischen Einschicht zurück.

  • Blind Boys Of Alabama: »Almost Home« (Single Lock Records)

Die älteste Boyband des Universums ist seit einem halben Jahrhundert mit ihren Gospels in Sachen Erlösung, Liebe und Groove unterwegs und selten waren sie besser aufgehoben als heuer. Grandiose Versionen von Billy Joe Shavers »Live Forever« und Dylans »Shall Be Released« inklusive.

  • Alicia Keys: »Alicia« (RCA/Sony)

Talent, Haltung, Lebensfreude und Erfolg gehen sich selten aber doch zusammen aus. Mit »Perfect Way To Die« schrieb sie den Protestsong des Jahres.

  • Börn & Mika Vember: »Loss & Ruin« (Hoanzl)

Elf Jahre nach »Fame & Success« folgt die Bestandaufnahme aus der neuen Perspektive. Und auch wenn uns die Seuche John Prine genommen hat, spricht nichts dagegen so gute Songs wie der große Gegangene zu schreiben.

  • Tindersticks: »No Treasure But Hope« (City Slang)

Revolutionen finden definitiv anderswo statt. Aber das Genre das Stuart A. Staples mit seiner Band geschaffen hat, wird niemals so konzentriert genial bespielt wie von den Erfindern und auch dieses Mal enttäuschen sie keine Sekunde. Gewinner der Kategorie Verlässlichkeit auf höchstem Niveau.

  • Chip Taylor: »Whiskey Salesman« (Trainwreck Records)

Nicht das einzige Album des großen alten Mannes mitten im größten Schaffensdrang seines Lebens. Seine Geschichten rühren in ihrer Anständigkeit, ansteckenden Menschlichkeit und dem steten Fragen, wie man besser im Sinne von humaner werden kann.

Stellvertretend für alle Gastrohackler*innen und Kulturschaffenden vor und hinter der Bühne: das Chelsea © Chelsea