»Miss Marx« © Viennale

Die tragische Rebellin Eleanor Marx

»Miss Marx« von Susanna Nicchiarelli ist der Eröffnungsfilm der diesjährigen Viennale. Ein historisches Porträt, dessen Themen von zeitloser Aktualität sind.

Nach »Portrait de la jeune fille en feu« im letzten Jahr beschert uns die Viennale auch heuer ein feministisches Period Piece als Eröffnungsfilm: »Miss Marx« von der italienischen Regisseurin Susanna Nicchiarelli erzählt die Geschichte von Eleanor Marx (Romola Garai), Spitzname »Tussy«, der jüngsten Tochter von Karl Marx, die nach dem Tod ihres Vaters 1883 dessen Nachlass verwaltet und auch sein politisches Erbe antritt. Als Teil der sozialistischen Elite setzt sie sich für die Rechte der Arbeiter*innen ein und kämpft insbesondere gegen die Kinderarbeit und für die Gleichberechtigung der Frau. Unterstützt wird sie dabei von dem Dramatiker Edward Aveling (Patrick Kennedy), mit dem sie bald nicht nur die politische Gesinnung, sondern auch Tisch und Bett teilt. Nicht auf dem Papier, wohlgemerkt, denn Edward ist bereits verheiratet, lebt jedoch von seiner Frau getrennt. Doch als moderne junge Frau mit gesellschaftlichem Status kann sich Eleanor gewisse Freiheiten erlauben: Sie ist Atheistin, politische Aktivistin, trinkt und raucht wie ein Schlot und gilt gemeinhin als unangepasste Rebellin.

»Miss Marx« © Viennale

Bald wird jedoch deutlich, dass sie als Frau ebenso ein Opfer der patriarchalen Strukturen ist, wie die Arbeiterinnen, gegen deren Unterdrückung sie kämpft. Erst ist es ihr Vater, der sie im Zaum hält und sich ihrer ersten Beziehung mit einem älteren Mann in den Weg stellt. Dann ist es Edward, der sie hintergeht und nach dem Tod seiner Ehefrau heimlich eine junge Schauspielerin heiratet. Zu allem Unglück stellt sich heraus, dass auch die augenscheinlich makellose Ehe ihrer Eltern ihre Schattenseiten hatte: Der Friedrich Engels zugeschriebene uneheliche Sohn der Haushälterin ist in Wahrheit Eleanors Halbbruder. Verletzt von den Lügen und zerrieben in ihrem scheinbar aussichtslosen politischen und persönlichen Kampf nimmt sich Eleanor schließlich am 31. März 1898 im Alter von nur 43 Jahren das Leben – ein letzter, selbstbestimmter Akt der Befreiung.

»Miss Marx« © Viennale

Besonders an »Miss Marx« ist die zeitlose Gültigkeit der Problematik, mit der sich Eleanor konfrontiert sieht. Einerseits ist das der Kampf der Arbeiterklasse, der nicht nur geografische, sondern auch zeitliche Grenzen überschreitet: Fotos aus den Arbeiterbaracken des viktorianischen Englands reihen sich nahtlos an Archivaufnahmen der Proteste britischer Minenarbeiter*innen aus den 1980er-Jahren und im Kopf kann man durchaus auch aktuellere Bilder ergänzen, etwa von demonstrierenden Amazon-Arbeiter*innen anlässlich des Prime Day am 5. Oktober. Und diese Verschränkung spiegelt sich auch in der Filmmusik wider: Neben zeitgenössischen Interpretationen der Stücke von Chopin und Liszt sorgt der Punk-Soundtrack der Downtown Boys für einen rebellischen Unterton und eine der erlösendsten Szenen im Film, wenn sich Eleanor im Opiumrausch den Frust von der Seele pogt. Andererseits sind es die feministischen Ideen Eleanors, die nach wie vor aktuell sind. Schon Ende des 19. Jahrhunderts wähnte man sich in Sachen Gleichstellung der Frau »weit gekommen«. 2020 fragt man sich aber – nicht zuletzt angesichts der Überschneidung der Viennale-Eröffnung mit dem Equal Pay Day am 22. Oktober – wie es darum tatsächlich steht. »Miss Marx« stellt diese Fragen, lässt uns aber selbst die Antworten finden. Und so geht man schweigsam und nachdenklich aus dem Kino, die »Internationale« noch im Ohr.

Link: https://www.viennale.at/de/film/miss-marx