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Das Jahr 2019 in Listen

Die Feiertage stehen vor der global erwärmten Haustür und bevor alle Omas Schnapsschrank leeren, bittet die skug-Redaktion noch kurz zur Übersicht.

Wieder hat skug mit vereinten Kräften zusammengesammelt, was aus dem letzten Jahr an Klang und Namen; Wort, Ton und Taten; Bildern und Gedanken listenswert war. Dabei findet sich das Schöne neben dem weniger Schönen und auch in diesem Jahr möchten wir jene Leser*innen beglückwünschen, die es schaffen, bis zum Ende des Artikels zu scrollen. Keine Frage, es lohnt sich wieder, in diesem geballten Silvesterfeuerwerk an Informationen zu stöbern, wie es ohnehin auch erhellend ist, das Jahr über skug zu lesen, mit den nahezu täglichen Reviews, Artikeln und Diskursbeiträgen. Apropos Silvester: Eingefleischte skug-Leser*innen haben sicherlich beim Entdecken der Jahreslisten 2019 erschrocken den Wecker zur Hand genommen und sich gewundert: »Nanu, die Listen, so früh im Jahr? Kommen die nicht immer erst ganz am Ende?« Ja, fein beobachtet, aber diesmal sind wir vorbereitet, weil das Jahr 2020 eben der Vorbereitung bedarf. Denn das ist – Tschingderassassa – das dreißigste Jahr seit skug-Gründung! 30 Jahre skug sind ein Grund zu feiern (am 18. Jänner 2020 geht es los im Wiener Fluc) und zugleich das Gebot, einmal in den Archiven zu kramen. Stay tuned, denn 2020 wird ein aufschlussreiches Jahr.

Markus Stegmayrs unverzichtbare (weibliche) Musik im Jahr 2019
Die Zukunft ist weiblich. Die Musikgegenwart ist es bereits. Auch 2019 veröffentlichten Musikerinnen wichtige Werke, die sich auch als feminine Musikkunstwerke gegen die grassierende toxische Männlichkeit lesen und hören lassen. Um diese fünf Alben führte in diesem Kontext im nunmehr abgelaufenen Jahr für mich kein Weg vorbei.

01 FKA twigs: »Magdalene« (Young Turks/Xl/Beggars Gr/Indigo)
Fast schüchtern wirkt die Britin Tahliah Debrett Barnett, die sich den etwas sperrigen Künstlernamen FKA twigs zugelegt hat, wenn sie singt. In dieser Zurückhaltung liegt aber auf ihrem zweiten Album nicht nur immense Schönheit, sondern auch enorme Kraft. Ihre Musik wirkt unaufdringlich und doch intensiv. Zerschossene Beats treffen hier auf fragile Melodien, die einen nach einer gewissen Eingewöhnungszeit bis in den Schlaf verfolgen.

02 Beyoncé: »Homecoming – The Live Album« (Parkwood Entertainment LLC/Columbia Records)
Es fällt überaus schwer, Beyoncé Carter Knowles Halbherzigkeit vorzuwerfen. In den Coachella-Auftritt, der spätestens mit der Dokumentation »Homecoming« ins kollektive Popkultur-Gedächtnis eingebrannt ist, hat sie stolze acht Monate Probezeit gesteckt. Dieser Doku stellte sie ein Live-Album zur Seite, das klanglich, ästhetisch und musikalisch in diesem Segment seinesgleichen sucht und wohl in absehbarer Zeit nicht finden wird.

03 Solange: »When I Get Home« (Columbia Records)
Solange Knowles geht andere Wege als ihre ältere Superstar-Schwester. Statt dezent das Experimentelle in den breitenwirksamen Mainstream einzuschleifen, setzt sie alles auf die Kunstkarte. Auf ihrem aktuellen Album imaginiert sie ihre Heimat, klingt überraschend jazzig, komplex und abgedreht und generiert doch immer wieder eingängige Hooklines.

04 Ariana Grande: »Thank U, Next« (Republic/Universal Music)
Nur wenige Monate nach dem Vorgänger-Album »Sweetener« legte Grande im Februar 2019 bereits den Nachfolger vor. Er wurde in wenigen Wochen geschrieben und aufgenommen, in einer, wie sie selbst sagt, sehr schlimmen Zeit. Der Leidensdruck von Ariana Grande ist hörbar, doch sie transzendiert diesen und etabliert großartige, tanzbare Popsongs mit Tiefgang ebenso wie herzzerreißende, aber pathosfreie Balladen.

05 Miranda Lambert: »Wildcard« (Sony Music)
Es ist wohl nicht leicht, als Frau im amerikanische Country-Sektor zu existieren. Lambert existiert aber nicht nur in diesem, sondern übertrumpft ihre männlichen Kollegen in Sachen Musikalität und Selbstbewusstsein sogar noch. Mit einer guten Prise Ironie, Zynismus und Humor macht sie sich spitzzüngig über Maskulinität und rurale Klischees lustig. Und ganz nebenher schreibt sie natürlich grandiose Songs.

FKA twigs © Matthew Stone

Didi Neidharts 2019 im Rückspiegel
Zehn beste Alben, fünf beste Reissues und fünf beste nicht rezensierte Bücher.

10 × Langstrecke: Aktuell

Billie Eilish: »When We All Fall Asleep, Where Do We Go?« (Darkroom Records/Interscope)
Der unter immer noch an aktueller Popmusik interessierten Eltern (und »Boomern«) wohl heftigst diskutierte Act des Jahres. Statt Party-Nihilismus (wie beim früh verstorbenen Lil Peep) gibt es hier jedoch vor allem eine Art von »Gothic«, als Neuauslegung der bekannten Pop-(Geheimlogen-)Losung »Men Don’t Know, But The Little Girls Understand«.

Galcher Lustwerk: »Information« (Ghostly International/Secretly Distribution)
In der »taz« verweist Julian Weber nicht zu Unrecht auf HipHouse, auch wenn sich dessen dezidiert utopische Momente nie so richtig durchsetzen konnten. Und so klingt es hier mitunter, wie wenn Scorsese (oder besser Abel Ferrara) »Blade Runner« zwischen dysfunktionalem House und vermummten Raps als triste New York-Beschreibung neu inszeniert hätten. Wenn House dunkel wird …

FKA twigs: »Magdalene« (Young Turks/Xl/Beggars Gr/Indigo)
Im ganzen von Simon Reynolds entfachten Beef um »Conceptronica« (also elektronischer Musik ohne auch nur irgendeinen Bezug zu Dance) wohl der Joker (aka »Conceptronica You Can Dance Too«).

Alice Hubble: »Polarlichter« (Happy Robots Records/Cargo)
Das Soloprojekt von Alice Hubley (Mass Datura, Cosines, Arthur and Martha) mit sphärisch-verspultem Space-Pop, der klingt, als hätten in den 1980s Tangerine Dream und Mike Oldfield zusammen mit Suicide und New Order eine Platte zu Ehren von Delia Derbyshire aufgenommen.

Jayda G: »Significant Changes« (Ninja Tune/Rough Trade)
Nicht ganz ohne Narben wiedererweckte Dancetracks zwischen Chicago House, Disco, Soul und Trap für schon mal aufgelassene Ballrooms, Discos und Warehouses. Resistance thru Glamour!

Little Simz: »Grey Area« (Age 101/Rough Trade)
Sonisch extravagante HipHop-Visionen aus detailverliebten Funk- und Jazz-Exegesen, die schon im Opener »Offence« alle Körperteile zum Shaken bringen, aber im Grundton (Brexit-bedingt) zwischen Melancholie und Zorn schwankt. Das bisherige Masterpiece der Rapperin aus England.

Lizzo: »Cuz I Love You« (Nice Life/Atlantic)
Augenzwinkernde queer-feministische Black Power, die mit ihrer Funkiness mühelos die Charts kapert. Zwingende Gegennarrative für under & over the Rainbow und mit »Boys« wohl auch einen Track des Jahres im Gepäck.

Moodymann: »Sinner EP« (Kenny Dixon Jr)
Während »I Got Werk (live)« als discofizierte Funkadelic-Beschwörung noch hoffen lässt, ist spätestens beim Hexen-Voodoo von »I’ll Provide« Schluss mit lustig. Horror House als Reaktion auf das aktuelle AmeriKKKa? Jedenfalls cooler als der »Joker«, aber ab sofort nur noch mit geballter Faust on the Dancefloor.

rRoxymore: »Face To Phase« (Don’t Be Afraid)
Schwer verbeulte Club-Exotica der in Berlin lebenden Französin zwischen zappelndem Stotter-Funk und Electro-Beat-Futurism, dem eine gewisse hauntologische Unheimlichkeit nicht abzusprechen ist.

Jamila Woods: »Legacy! Legacy!« (Jagjaguwar/Cargo)
Mit sehr persönlichen Blicken in den Rückspiegel zum Überholen ansetzender R&B als 13-teilige Hommage an afroamerikanische Selbstbewusstwerdungs-Etappen zwischen Miles Davis, Eartha Kitt, Zora Neale Hurston, James Baldwin, Sun Ra, Jean-Michel Basquiat, Muddy Waters und Frida Karlo.

5 × Langstrecke: Reissues

Patrick Cowley: »Mechanical Fantasy Box« (Dark Entries)
Wieder wundersame Fundstücke aus den schier unergründlichen Archiven des Hi-Energy-Pioniers und Disco-Visionärs. Cowley, neben seiner bahnbrechenden Arbeit mit Sylvester (»You Make Me Feel«) mittlerweile auch als Solo-Act zwischen roughem Beinahe-Electro-Punk und futuristischen »Gay Porn«-Soundtracks bekannt, fasziniert hier erneut mit dieser speziellen Westcoast-Electronica, die später auch für die dortige New Wave so prägend werden sollte.

June Tyson: »Saturnian Queen of The Sun Ra Arkestra« (Modern Harmonic)
Famose Kompilation über die ebenso famose June Tyson, die bei Sun Ras Arkestra auch für die Kostüme und Choreografien zuständige (und gelegentlich an der Geige zu hörende) Künstlerin. Sie prägte als Stimme des Arkestras dieses wohl mehr, als allgemein angenommen wird. Nicht umsonst wurden ihre Parts im Laufe der Jahre bei den Live-Konzerten immer länger. Diese Kompilation zeigt warum.

Yabby You Meets King Tubby: »Walls of Jerusalem« (Pressure Sounds)
Der schon mal als »Walls of Jerusalem« ‎(1976) bzw. »Chant Down Babylon Kingdom« ‎(1977) veröffentliche Reggae-Klassiker kommt mit Bonus-Tracks und einer biblischen Wucht daher, die von King Tubby mit seinen Dubs und Versions sogar noch übertroffen wird!

Various Artists: »All The Young Droogs: 60 Juvenile Delinquent Wrecks« (Cherry Red)
Drei-CD-Box mit Glam-Rock als »Teenage Rampage« auf dem Weg zu Punk. Nach thematisch ähnlichen Samplern wie »Velvet Tinmine«, »Glitterbest« und »Boobs: The Junkshop Glam Discotheque« die Krönung in Sachen Glam »Back From The Grave«.

Various Artists: »Space Funk. Afro Futurist Electro Funk In Space 1976–84« (Soul Jazz)
Während in der »Hauntology« die Gegenwart von der Vergangenheit heimgesucht wird, zeigt sich hier (wie schon bei Samplern wie »Personal Space: Electronic Soul 1974–1984«) erneut, dass »Zukunft« im Afro-Futurismus schon immer als quasi Intervention in die jeweilige »Gegenwart« verstanden wurde.

5 × gelesen, aber nicht zum Besprechen gekommen

Theodor W. Adorno: »Bemerkungen zu ›The Authoritarian Personality‹: und weitere Texte« (suhrkamp taschenbuch wissenschaft)
Erweiterte Aspekte zu einem leider wieder hochaktuellen Klassiker, bei dem aber auch immer wieder gefragt wird, ob die, die heute so agieren, das als Anleitung gelesen haben.

Reni Eddo-Lodge: »Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche« (Tropen)
Dass der Brexit auch das Ergebnis einer rassistischen Politik ist, die »Wohlstand« jahrhundertelang durch die Unsichtbarkeit der Sklaverei in den Kolonien zu garantieren wusste, ist nur ein Aspekt, der in Eddo-Lodges Ausführungen klar macht, wieso z. B. Grime und UK Drill so unversöhnlich klingen. Dabei thematisiert sie aber auch ihr eigenes Scheitern am titelgebenden Vorhaben und stößt auch in die Lücken intersektionistischer Theorien vor.

Roxane Gay: »Bad Feminist. Essays« (btb Verlag)
Radikaler queer-feministischer Intersektionismus, der genau dort hintritt, wo es echt weh tun. Allein die wunderbar (und erhellend) strukturierte Analyse von Tarantinos »Django Unchained« entlang der Frage, wer denn da immer und wieso das »N«-Wort sagt, als eben nicht »anti-rassistisch«, sondern als »weiße Rachefantasie«, ist jeden Cent wert!

Herbert Kapfer: »1919: Fiktion« (Verlag Antje Kunstmann)
Das Jahr nach dem Ende des Ersten Weltkriegs als vielstimmiger Mash-up zwischen verlorenen Revolutionsutopien, faschistischer Freikorpsliteratur, Heimatroman und Moderne. Wie bei Theweleits »Männerphantasien« werden auch hier die Zitate erst nachträglich zugeordnet, was mitunter ebenso erschreckend wie lehrreich sein kann.

Bodo Mrozek: »Jugend – Pop – Kultur: Eine transnationale Geschichte« (suhrkamp taschenbuch wissenschaft)
Das historisch wohl beste und faktenreichste Buch darüber, wie Pop als »transnationale Geschichte« in die Welt kam und diese (zwischen 1953 und 1966) zu einer »pop society« veränderte. Wir freuen uns schon jetzt auf das, was auf Basis davon in den nächsten Jahren alles zu lesen sein wird.

Theodor W. Adorno: »Bemerkungen zu ›The Authoritarian Personality‹: und weitere Texte« (suhrkamp taschenbuch wissenschaft)

Hans Grausgrubers 2019er-Revue
Zwölf Monate, zwölf Longplayer (auch wenn sie mal nur sieben, acht Tracks haben) in dieser Reihenfolge:

01 The Brand New Heavies: »TBNH« (Acid Jazz)
Um es mit einem Albumtitel zu sagen: »The Funk Is Back«! Eine der ganz großen Lieblingsbands der Neunziger ist zurück – wenn auch ohne Jan Kincaid. Dafür mit jeder Menge funkiger Tunes und gewohnt tollen Sängerinnen: Beverley Knight, Angela Ricci, Angie Stone … und, last but not least, N’dea Davenport.

02 Marcos Valle: »Sempre« (Far Out Recordings)
Unglaubliche 76 Jahre alt ist Valle – und funky wie eh und je, egal ob live oder im Studio. Keine Rede von Blue-Eyed Brazil Funk. Das ist moderner »Black Rio Disco Boogie« – und ich wüsste keinen, der das heute noch so cool rüberbringt wie er.

03 Philip Bailey: »Love Will Find a Way« (Verve)
Bailey, Ex-Sänger von Earth Wind & Fire, covert stilsicher Ikonen wie Curtis Mayfield, Marvin Gaye oder die Talking Heads und hat auch sonst noch jede Menge Stars in den Credits: Afro-Latin-Soul, makellos, elegant, zeitlos schön.

04 J. Lamotta: Suzume (Jakarta)
Mit ihren sanft-soulig-jazzigen Kompositionen und Arrangements plus einer Stimme, die gelegentlich einen Touch Sade Adu hat, ist die Berlinerin aus Israel (Songtitel »Where’s the Sun in Berlin«) mit marokkanischen Vorfahren meine Newcomerin des Jahres.

05 Various Artists: Soul Togetherness 2019 (Expansion)
Jedes Jahr unter meinen Favoriten: die von Richard Searling und Ralph Tee kompilierten besten aktuellen Dancefloor-Hits der Saison. Wer ein Ohr und ein Herz für zeitgenössischen Soul hat, kommt an dieser Doppel-LP nicht vorbei.

06 Azmari: »Ekera« (Sdban Ultra)
Die belgische Band mit ihrer Mischung aus frei fließendem, 70’s-orientiertem Fusion-Jazz in den Tonarten des Mittleren Ostens und funkigen Grooves und Dubs gehört zum Besten, das die Szene der Ethio-Jazz- und Afrobeat-Alumni derzeit zu bieten hat.

07 The Sorcerers: »S/T« (ATA)
»Eine Schimäre aus Ethio-Jazz, Horror-Soundtracks und Library-Music-Reststücken«, kündigt das Cover an – und fürwahr, ein neuer, origineller und sehr spannender Zugang zum Genre Ethio-Jazz.

08 Brainstory: »Buck« (Big Crown Records)
Mit Produzent Leon Michels kreierte die Band aus Kalifornien in New York eine Melange aus bekifft-psychedelischem Funkrock und Blue-Eyed-Soulfullness, die das Album schon heute für die Rare-Groove-Fans für morgen empfiehlt.

09 Bobby Oroza: »This Love« (Big Crown)
Oroza, Finne mit bolivianischen Wurzeln, ist ein junger Meister des Blue-Eyed-Soul; »This Love« ist zumeist down- oder midtempo, relaxt, mit einer lasziven Funkiness – eine Cold Diamond & Mink-Produktion.

10 Guts: »Philantropiques« (Heavenly Sweetness)
Guts, französischer HipHop-Produzent und DJ, tauft sein aktuelles Album »Philantropiques« und es ist der Musik der Tropen freundlich verbunden. Guts beschäftigt diesmal eine große Band, um die karibische Sound-Palette auch stilgerecht umsetzen zu können.

11 Lee Fields & The Expressions: »It Rains Love« (Big Crown)
»It Rains Love« ist ein dichtes, packendes Album, ohne Schnickschnack, die pure Essenz funkigen Souls mit Referenzen an Stax- und Hi-Records. Es befindet sich mit Lees LP-Klassiker »Problems« von 2002 durchaus auf Augenhöhe.

12 Carlton Jumel Smith: »1634 Lexington Avenue« (Timmion)
Der aus New York stammende Sänger Carlton Jumel Smith, »Mr. Soul« tituliert, ein alter Meister der souligen Grooves, kommt spät, dafür umso gereifter zu LP-Ehren – in einer Cold Diamond & Mink-Produktion.

Lee Fields © Sesse Lind

Ulrich Rois’ weltbeste 19 im Jahr 2019
Das Jahr neigt sich langsam dem Ende zu, es ist also wieder Listenzeit! 2019 war meiner Meinung nach ein besonders gutes Jahr für Musik. Vor allem das New Yorker Label Beyond Beyond Is Beyond Records hat dieses Jahr ein großartiges Album nach dem anderen rausgebracht und erreicht damit eine Bedeutung für Psychedelic in den 2010ern, wie sie SST für Punk/Indie in den Achtzigern und Motown für Soul/R’n’B in den Sechzigern und Siebzigern hatte. Garcia Peoples sind gleich mit zwei Alben vertreten, ebenso Matt Valentine/MV, einmal solo und einmal mit Wet Tuna. Die äußerst aktiven Dire Wolves haben mit »Grow Towards The Light« auch ein absolutes Highlight improvisationsbasierter Rockmusik geschaffen. Wie auch schon in den letzten Jahren war auch Soul/R’n’B weiterhin ein sehr fruchtbares Feld. Solange veröffentlichte nach ihrem 2016er Epos »A Seat At The Table« mit »When I Get Home« einen kompakteren, aber nicht weniger anspruchsvollen Nachfolger, der Ko-Produzent von »A Seat At The Table«, Raphael Saadiq, brachte mit »Jimmy Lee« ein großangelegtes Konzeptalbum heraus, tolle Debüts gab es unter anderem von Sudan Archives, Steve Lacy, Brittany Howard und Kendra Amalie. Alles in allem kann man sich eine Dichte an guten Veröffentlichungen wie dieses Jahr nur immer wünschen. 2019 war also ein würdiger Abschluss für die 2010er-Jahre und einige Veröffentlichungen gehören wohl auch zu den besten des Jahrzehnts. Hier also meine Top 19 Alben des Jahres 2019:

01 Garcia Peoples: »One Step Behind« (Beyond Beyond Is Beyond Records)
02 Dire Wolves (Just Exactly Perfect Sisters Band): »Grow Towards The Light« (Beyond Beyond Is Beyond Records)
03 Matt Valentine: »Preserves« (Beyond Beyond Is Beyond Records)
04 Brittany Howard: »Jaime« (ATO)
05 Solange: »When I Get Home« (Columbia)
06 Kendra Amalie: »Intuition« (Beyond Beyond Is Beyond Records)
07 Steve Lacy: »Apollo XXI« (3qtr)
08 Wet Tuna: »Water Weird« (Three Lobed Recordings)
09 One Eleven Heavy: »Desire Path« (Beyond Beyond Is Beyond Records)
10 Garcia Peoples: »Natural Facts« (Beyond Beyond Is Beyond Records)
11 Raphael Saadiq: »Jimmy Lee« (Columbia)
12 Prana Crafter/Tarotplane: »Symbiose« (Beyond Beyond Is Beyond Records)
13 Sudan Archives: »Athena« (Stones Throw Records)
14 Matt LaJoie: »The Center And The Fringe« (Flower Room Records)
15 Bob Mould: »Sunshine Rock« (Merge Records)
16 Het Interstedelijk Harmoniumverbond: »S/T« (Kraak)
17 Razen: »Ayîk Adhîsta, Adhîsta Ayîk« (Kraak)
18 Gran Bankrott: »S/T« (Numavi Records)
19 Tyler, The Creator: »Igor« (A Boy Is A Gun/Columbia)

Garcia Peoples © Ethan Covey

Lutz Vössings überbordendes Jahreszeugnis 2019
Tagebuch Musik/Film 2019, grob eingeteilt in Genres, Highlights jeweils ganz oben, danach random Order. Ausgenommen Alben anderer Jahre, eingenommen einige Reissues. Einige Spitzenwerke dabei, viele Alben durchwachsen, insgesamt wenige Riesenüberraschungen. Jahresendnote insgesamt: 5/10.

Metal/Krachiales

  • Jeff Rosenstock: »Thanks, Sorry!« (Really Records/Polyvinyl)
  • Chat Pile: »This Dungeon Earth«/»Remove Your Skin Please« (Self-release)
  • black midi : »Schlagenheim« (Rough Trade Records)
  • grim104: »Das Grauen, Das Grauen« (Recordjet)
  • Swans: »Leaving Meaning« (Young God Records)
  • Ifriqiyya Electrique: »Laylet el Booree« (Glitterbeat)
  • Bantou Mentale: »Bantou Mentale« (Glitterbeat)
  • Cult of Luna: »A Dawn to Fear« (Metal Blade Records)

Indie/Pop

  • Weyes Blood: »Titanic Rising« (Sub Pop)
  • Altın Gün: »Gece« (Glitterbeat)
  • North Sea Radio Orchestra & John Greaves & Annie Barbazza: »Folly Bololey« (Songs From Robert Wyatts Rock Bottom)
  • Derya Yıldırım & Grup Şimşek: »Kar Yağar« (Bongo Joe)
  • Scarabeusdream: »Crescendo« (Noise Appeal Records)
  • Die Regierung: »Was« (Staatsakt)
  • Bilderbuch: »Vernissage My Heart« (Maschin Records)
  • Michael Kiwanuka: »Kiwanuka« (Polydor)
  • Šimanský & Niesner: »Tance neznámé« (Stoned To Death)
  • Raül Refree, Richard Youngs: »All Hands Around the Moment« (Soft Abuse)

Ambient/Electronic/Minimalism/Drone

  • Burial: »Tunes 2011 to 2019« (Hyperdub)
  • Shinichiro Yokota: »I Know You Like It« (Far East Recording)
  • Celer: »Xièxie« (Celer)
  • Jeff Mills: »Moon: The Area of Influence« (Axis Records)
  • Mika Vainio: »The Heat Equation« (Touch)
  • Andrew Pekler: »Sounds From Phantom Islands« (Faitiche)
  • Mikron: »Severance« (Central Processing Unit)
  • AceMo: »All My Life« (1136843 Records DK)
  • Tomorrow Syndicate: »Citizen Input« (Polytechnic Youth)
  • Bella Boo: »Once Upon A Passion« (Studio Barnhus)
  • DJ Marcelle/Another Nice Mess: »One Place For The First Time« (Jahmoni Music)

Free-Jazz/Improv/Noise

  • Konstrukt & Ken Vandermark: »Kozmik Bazaar« (Karlrecords)
  • Keiji Haino, Merzbow & Balázs Pándi: »Become the Discovered, Not the Discoverer« (RareNoiseRecords)
  • John Zorn: »The Book Beri’ah« (Tzadik)
  • Joe McPhee/Paal Nilssen-Love: »Song for the Big Chief« (PNL Records)
  • Joshua Redman/Brooklyn Rider/Patrick Zimmerli: »Sun on Sand« (Nonesuch)
  • Zabelka/Finger/Plotkin: »Pleasure-Voltage« (Karlrecords)
  • EABS: »Slavic Spirits« (Astigmatic Records)

Reissue/Archival

  • Paavoharju: »Syvyys: The Fonal Years. Vol. 1« (Svart Records)
  • VA: »環境音楽 = Kankyō Ongaku (Japanese Ambient, Environmental & New Age Music 1980–1990)« (Light in the Attic)
  • John Coltrane: »Blue World« (Impulse)
  • Loren Connors/Kath Bloom: »Sand In My Shoes« (Chapter Music)
  • Luna: »Postscripts« (Double Feature Records)
  • The Radio Dept.: »I Don’t Need Love, I’ve Got My Band« (Just So!)
  • Indian Summer: »Giving Birth to Thunder« (Numero Group, Tree Records, Repercussion)
  • Mark Hollis: »Mark Hollis« (Polydor)
  • Pearl Jam: »MTV Unplugged« (Epic)

Live

  • Oh Sees: Festsaal Kreuzberg, Berlin, 31.08.2019
  • »Bassekou Kouyaté & Ngoni Ba/Habib Koité & Bamada: Konzerthaus, Wien, 01.02.2019
  • Caetano, Moreno, Zeca und Tom Veloso: Tempodrom, Berlin, 25.06.2019
  • Charlemagne Palestine: Zwingli-Kirche, Berlin, 20.09.2019
  • black midi: Lido, Berlin, 07.10.2019
  • Motorpsycho: Festsaal Kreuzberg, Berlin 17.10.2019
  • Derya Yıldırım & Grup Şimşek: Transcentury Festival, Leipzig, 15.11.2019
  • The Beths: Internet Explorer, Berlin, 24.08.2019
  • Sumac & Caspar Brötzmann: Zukunft am Ostkreuz, Berlin, 23.03.2019
  • Lawrence English & William Basinski, Marta de Pascalis: Haul, Berlin, 24.03.2019

Film

  • Alejandro Landes: »Monos«
  • Robert Eggers: »The Lighthouse«
  • Céline Sciamma: »Portrait de la jeune fille en feu«
  • Todd Douglas Miller: »Apollo 11«
  • 王小帅 (Wang Xiaoshuai): »地久天长 (So Long, My Son)«
  • Claudio Giovannesi: »La paranza dei bambini«
  • Mads Brügger: »Cold Case Hammarskjöld«
  • Bern Schoch: »Olanda«
  • Sara Summa: »Gli ultimi a vederli vivere«
  • ירון שני (Yaron Shani): »טרילוגיה על אהבה: עיניים שלי (Love Trilogy: Chained)«
  • Pavol Liska/Kelly Copper: »Die Kinder der Toten«
  • Hao Zhou: »YE (The Night)«
  • 三宅唱(Miyake Sho): »きみの鳥はうたえる (And Your Bird Can Sing)«
  • Kleber Mendonça Filho/Juliano Dornelles: »Bacurau«

UK Drill/Grime/Rap Highlights 2019 by Chris Hessle
Vordergründig mag 2019 als jenes Jahr erscheinen, in dem UK Drill endgültig der Durchbruch in den Mainstream gelang. Doch dieser Übergang markiert auch einen Generationenwechsel im britischen Rap – hin zu einer Generation, die von einschneidenden Ereignissen ab 2011 geprägt wurde. Mit der Machtübernahme der Tories hatte sich damals ein breiter Protest gegen Maßnahmen wie der Streichung von Stipendienprogrammen für sozial schwache Familien oder die radikalen Kürzungen in der Jugendarbeit gebildet. Lethal B’s Grime-Hit »Pow! (Forward)« aus dem Jahr 2004 war dabei eine der Hymnen des Protests. Vor dem Hintergrund eines gewaltigen Gentrifizierungsprozesses im Vorfeld der Olympischen Spiele 2012 in London löste die Erschießung des 29-jährigen Marc Duggan durch Polizisten am 4. August 2011 einen landesweiten, gewaltsamen Aufstand von Jugendlichen in Großbritannien aus, die sogenannten »London Riots«. Die Ermordung Marc Duggans erweist sich bis heute als Dreh- und Angelpunkt einer ganzen Generation an Musiker*innen. So handelt etwa Cadets (2019 posthum veröffentlichtes) »Gang Gang« von jenem Polizisten, der Marc Duggan erschoss. Die alltägliche Repression von (vorwiegend schwarzen) Jugendlichen durch Polizei und private Security-Firmen bildet einen bedrückenden Unterton im UK Drill, etwa wenn Headie One (infolge eines weitreichenden Wegweisungsrechts, der sogenannten »Anti-Social Behaviour Order«) »All Day« im Teehaus verbringt. Mit seinem ungewöhnlichen, synkopierten Rap-Stil hat sich dieser mit seinem dritten Album in zwei Jahren zu einem Aushängeschild der Szene entwickelt. Darauf finden sich unter anderem Kollaborationen mit Skepta, Stefflon Don oder Konan & Krept (letzterer ist ein Cousin des heuer bei einem Autounfall verstorbenen Cadet).

Während derartige Kollaborationen viele Veröffentlichungen dieses Jahres prägten, mehren sich auch die kritischen Stimmen zur Entwicklung des Genres. Am vehementesten wird diese Kritik vom Grime-Veteranen Jamie Adenuga vertreten, der kürzlich unter seinem Alias JME sein viertes Album »Grime MC« vorgelegt hat. Dabei widersetzt sich der Bruder von Rap-Star Skepta nicht nur einem zunehmend inflationären Namedropping, sondern sucht nach alternativen Vertriebswegen, um seine Musik auch jenseits von Spotify und iTunes an seine Fans zu bringen. Vor der Veröffentlichung des Albums liefen die Stücke als Musikvideo in zahlreichen britischen Kinos und während das Album weder als Stream noch als Download erhältlich ist, verteilte Adenuga sein Album in Plattenläden persönlich an Fans (und verschickt sie ohne Versandkosten auch weltweit). Auch Krept & Konan, die 2013 als beste Newcomer mit dem Mobo-Award ausgezeichnet wurden, thematisierten mit ihrem Kurzfilm »Ban Drill« die vorherrschende Repression durch Polizei und Medien auf ungewöhnliche Art und Weise. Die Newcomer des Jahres sind aber zweifellos OFB, eine Crew aus dem Norden Londons, die ebenfalls in direkter Verbindung zu Marc Duggan steht: Eines ihrer Mitglieder, Bandokay, war damals zehn Jahre alt, als sein Vater erschossen wurde.

Auch andere Aspekte der Entwicklung von UK Drill sind durchaus bemerkenswert. So wurden zwar einzelne Künstler*innen von Major Labels gesignt, der Großteil der Produktionen wird jedoch weiterhin im Eigenvertrieb veröffentlicht. Boy Better Know, das gemeinsame Label von JME und Skepta zeigt seit Jahren, dass eine Karriere als Superstar auch ohne Majors möglich ist, und nimmt diesbezüglich eine Vorreiterrolle ein. Auch in Nordamerika erfreut sich britischer Rap zunehmender Aufmerksamkeit. Der aus New York stammende Rapper Pop Smoke ist ein Beispiel dafür, dass immer mehr amerikanische Rapper UK Drill als Inspirationsquelle aufgreifen und damit Erfolg haben. Zu guter Letzt gelang es im vergangenen Jahr auch einigen Künstlerinnen, sich musikalisch in Szene zu setzen ohne sich dabei auf eine unterwürfige Rolle als Sexsymbol reduzieren zu lassen. Veröffentlichungen von Flohio, Lady Ice, Young M.A – und darüber hinaus von noch weniger bekannten Musikerinnen wie AB & Ivoriandoll, Cassie Rytz, Lioness oder TeeZandos – lassen auf ein zunehmend ausgeglichenes Geschlechterverhältnis in der britischen Rap-Szene hoffen.

Tracks 2019
01 Flohio: »WAY2« (Alpha DL)
02 Digga D: »No Diet« (CGM DL)
03 Headie One: »All Day« (Relentless/Sony DL)
04 Pop Smoke: »Welcome to the Party« (Republic/UMG DL)
05 Lady Ice: »First« (All I See DL)
06 Cadet: »Gang Gang« (Underrated Legends DL)
07 Fredo: »Netflix & Chill« (Since 93 DL)
08 Kritz: »I Get It« (Kritz DL)
09 Milly Millz: »They Ghost« (1404896 DL)
10 Flama & Ziah Beats: »Flama’s Back« (Aaron Robinson DL)

Albums 2019
01 Headie One: »Music X Road« (Relentless/Sony DL)
02 JME: »Grime MC« (Boy Better Know LP/CD)
03 OFB: »Frontstreet« (Rat Trap DL)
04 Young M.A: »Herstory in the Making« (M.A Music/3D DL)

Headie One © Relentless Records

Ania Gleichs Kino-Highlights 2019
Absolut überfordert von der Vielzahl an Filmen, die mich dieses Jahr begleitet und inspiriert haben, und dabei feststellend, wie lückenhaft der eigens dokumentierte Index über dieselben ist, bleibt dieser Versuch einer Liste eine emotionale Bestandsaufnahme aus meiner Erinnerung. Ein nicht hierarchisches Kategorisierungsexperiment in drei Teilen.

Dokumentarfilme, die ebenso bereichernd wie inspirierend waren:

  • Seamus Murphy: »A Dog Called Money« (Review)
  • Jakob Brossmann, David Paede: »Gehört, Gesehen« (Review)
  • Nora Agapi: »Timebox«
  • Andrey Paounov: »Christo, Walking on Water« (Review)
  • Alexandra Westmeister: »Lost Reactor«
  • Anja Salomonowitz: »Dieser Film ist ein Geschenk« (Review)
  • Nick Broomfield: »Marianne & Leonard: Words of Love« (Review)

(Spiel-)Filme, die mich unerwartet beeindruckt und bewegt haben:

  • Darko Štante: »Posledice« / »Consequences«
  • Felix van Groeningen: »Beautiful Boy« (Review)
  • Nora Fingscheidt: »Systemsprenger«
  • Sudabeh Mortezai: »Joy« (Review)

Die folgenden zwei Dokumentarfilme fallen ebenfalls unter »unerwartete Betroffenheit«, weshalb sie ganz bewusst in der zweiten Kategorie landen:

  • Sarah Fattahi: »Chaos« (Review)
  • Dermot Lavery, Michael Hewitt: »Lost Lives«

Filme, die (aus diversen Gründen) einfach Spaß gemacht haben:

  • Lotte Schreiber, Michael Riesper: »Der Stoff, aus dem Träume sind«
  • Carlos Marques-Marcet: »Els Dies Que Vindran« / »The Days to Come«
  • Rupert Henning: »Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein« (Review)
  • Marc Collin: »Le Choc de Futur / »The Shock of the Future«
  • Roman Bondarchuk: »Volcano«

Xavier Plusʼ Best of the Fest 2019
Das schwierige an Jahresbestenlisten ist, dass man sie irgendwann abgeben muss und dann werden sie genau so veröffentlicht. Bis diese Liste ihren Weg auf eine Website oder in ein Magazin gefunden hat, ist man jedoch schon auf weitere Bestenlisten anderer Autor*innen gestoßen und hat mindestens drei Alben entdeckt, die aus diesem oder jenem Grund wichtig für das Jahr waren, und ärgert sich, diese nicht selbst inkludiert zu haben. Um das zu vermeiden, habe ich mich entschieden, derartige Listen nur noch unter Ausschluss von »objektiven« Kriterien wie Relevanz oder erfüllten Erwartungshaltungen zu erstellen. Es folgt also eine unter Schmerzen (und ohne Reihenfolge) getroffene Auswahl von Alben, die mich durch das Jahr 2019 begleitet haben, ihren Reiz bisher nicht verloren haben und mir nach wie vor die ein oder andere Gänsehaut bescheren.

Mark Ronson: »Late Night Feelings« (RCA/Sony Music/Columbia)
Ronson selbst beschreibt es als eine Platte voller »Sad Bangers« und besser könnte man es kaum treffen. Ein meisterhafter Produzent mit gebrochenem Herzen verneigt sich vor den Frauen in seinem Leben, indem er ihnen dieses Album zur Gänze widmet. Mit Gastvokalistinnen wie Lykke Li, Miley Cyrus oder Angel Olson sprüht »Late Night Feelings« nur so vor Verlangen, Lust, Versagen und Verlust. In feinster Popmanier produ- und verzierte Instrumentals bilden die Basis für und mit den meist von den Sängerinnen gelieferten Herzschmerztexten eine Symbiose, die es wert ist, die Protesthaltung gegen simpel-spaßmachende Popmusik abzulegen.

Tree: »Between a Rock and a Hard Place« (Galileo Music Communication)
Die drei in Wien ansässigen Musiker haben sich für ein Album zusammengeschlossen, das in der Disziplin des Piano-Trios definitiv einen Ehrenplatz verdient hat. Das Interplay sprüht und köchelt, die Kompositionen und deren Umsetzung sind sowohl für die Musiker wie auch die Hörer*innen gleichermaßen fordernd wie belohnend. Ein sehr gelungener Sound-Misch trägt zur Vertiefung dieses Hörerlebnisses bei. Eine Klaviertrio-Scheibe, die auf nationaler wie internationaler Ebene so manch andere ihrer Zunft locker in die Ecke stellt.

Rapsody: »Eve« (Jamla Records)
Auf ihrer zweiten LP widmet sich Rapsody (bürgerlich: Marlanna Evans) mit jedem Stück einer jener starken Frauen, die ihre Vorbilder waren und sind. Nina Simone zum Beispiel, am Beginn des Albums, oder Whoopi Goldberg. »Whoopi« ist auch in Produktionshinsicht hervorzuheben, ist es doch ein leuchtendes Beispiel für die breiten, schleppenden Beats, über die Rapsody mit ihrem weit zurückgelehnten Flow ihre Hymnen ausbreitet. Der Gastauftritt des ansonsten recht zurückgezogenen DʼAngelo auf »Ibtihaj« ist ein weiterer Höhepunkt auf einem Album voller solcher. Ein ganz großes, wichtiges und unumgängliches Werk für den zeitgenössischen HipHop, das dem dadaistischen Zugang der Trap-Szene ordentlich Kontra bietet.

Resavoir: »S/T« (International Anthem Recording Company)
Will Miller, ein Trompeter und Produzent aus Chicago, hat nach Jahren der Cameo-Studioarbeit nun das Kollektiv Resavoir um sich versammelt, das seine eigenen Kompositionen spielt. Das erste Ergebnis dieser Kollaboration ist die selbstbetitelte LP, die weltweit für Begeisterung sorgte. Weitestgehend instrumental, eröffnet das Album konkrete, wunderschöne Klangwelten, in denen man früher oder später fast allen Klangästhetiken zwischen Ambient und Funkiness begegnet.

Sketchbook Orchestra: »Ungatz« (Ö1 Edition)
Große Ideen, im Großformat umgesetzt. Saxofonist, Klarinettist und Komponist Leonhard Skorupa hat sein Sketchbook Quartett mit diesem Projekt in große Schuhe gesteckt und geht damit einen formidablen Weg. Ein unkonventionell besetztes Line-up (unter anderem ist ein Streichquartett mit von der Partie), dem auch Wolfgang Puschnig am Altsaxofon angehört, windet sich genüsslich durch Skorupas Brückenbauten zwischen seinen sprießenden Ideen, Einflüssen und Ausbrüchen. Vor allem die über 10-minütigen Stücke wie der Titeltrack oder »Bangkok« reißen immer wieder aufs Neue mit. Ein ganz großer Wurf!

Thom Yorke: »Anima« (XL Recordings)
Unglaublich vielschichtig, dunkel und bis in die letzte Nuance durchdacht. Allesamt Charakteristika, die man auf Thom Yorkes gesamtes Werk, ob solo oder mit Radiohead, anwenden kann. Auf seiner aktuellen Soloplatte verdichtet er seine Ideen jedoch zu besonders konzisen Strukturen, die sich, obwohl sehr vertrackt, zugänglicher geben als die meisten anderen seiner Arbeiten dieses Jahrzehnts. Elektronik spielt mit Akustik, kaum entzifferbare Rhetorik liebäugelt mit unmissverständlichen Parolen. Auch für Nicht-Yorke-Heads eine höchst spannende Platte.

Timo Lassy & Teppo Mäkynen: »S/T« (We Jazz)Dieses Schlagzeug/Saxofon-Duo schafft es, das Album mit klassisch-jazzigem Dialog beginnen und in EDM-esquen Sphären enden zu lassen, ohne je einen harten Bruch zu erzeugen. Ein Kunstwerk! Wo am Anfang noch die akustischen Sounds des Schlagzeugs und ein weitestgehend unverfälschtes Saxofon den Klang bestimmen, werden im Laufe des Albums die Effekte zugeschaltet, die Gates hochgezogen und die Filter verdichtet. Die Beats werden gerader, die Saxofon-Parts gehen weg vom melodischen Ideenstreuen hin zu entspannten und eingängigen Riffs.

Brenk Sinatra: »Midnite Ride II« (HHV)
Nächtliche Beats aus Kaisermühlen – seit dem gleichnamigen ersten Teil der »Late-Night Beats« (2015) von Brenk Sinatra hat sich sowohl bei ihm als auch in der Musikwelt viel getan. Zeitgemäß denkender Produzent, der er ist, wirkt Teil zwei aber keinesfalls wie ein müdes Wiederaufwärmen einer ursprünglich mal guten Idee. Ganz im Gegenteil, Volume 2 klingt genauso nächtlich groovy, natürlich mit Oldschool-Touch, aber dennoch mit der Zeit gegangen. Junge MCs und Producer haben an einzelnen Tracks mitgearbeitet, die Trap-Hi-hats halten ebenfalls einen dezenten Einzug. Ein wunderbarer nächtlicher Trip, geeignet für Limousine wie Nachtbus.

Sudan Archives: »Athena« (Stone Throw Records)
Stimme, Drumcomputer, Basssynthesizer und Geigen, viele, viele Geigen. So lässt sich das umwerfende Debüt der jungen, in L. A. lebenden Musikerin wohl ganz gut zusammenfassen. In erster Linie ist sie Geigerin und hat alle Geigen auf diesem Album selbst eingespielt, bevor sie dann zu Gitarren, Ukulelen, Lauten und ähnlichen Saiteninstrumenten verfremdet wurden. Lediglich in der zweiten Hälfte der LP kommt gelegentlich noch ein Synthesizer oberhalb der Bassfrequenzen hinzu, ansonsten ist »Athena« eine Welt der Geigen und ihrer wunderbaren Stimme, die intime, persönliche Texte über krachenden Beats vorträgt. Ein höchst eigenständiger Sound, ein eigenwilliger Zugang zum Musikmachen, eine starke Vision und catchy Tunes. Obwohl erst im November erschienen, kann dieses Album aufgrund seiner Sogkraft hier nicht außen vor bleiben!

Lylit: »Inward, Outward« (Syrona Records)
Noch später im Jahr, nämlich erst am 29. November ist endlich (nach einer EP im Frühjahr) die Debüt-LP der österreichischen Sängerin Lylit erschienen. Nach Knebelverträgen in den USA und anderen »blocks in the way« hat sie uns damit ein kraftvolles Werk der Emanzipation und Stärke vorgelegt. Zusammen mit ihrem Partner in Crime, Schlagzeuger Andreas Lettner, hat sie dieses Album geschrieben, aufgenommen und produziert. Der Sound schwingt zwischen minimalistischer Oldschool-Westcoast-Ästhetik und pompösen Chor-Wänden und wird aufgelockert durch kleine Streichereinschübe. Ein direktes und klares Statement, vorgetragen mit packender, kräftiger Stimme über groovenden Beats und melancholisch-gedämpften Klavierparts.

Florian Rieders Heavy Rotation 2019
In der Mischung aus HipHop – egal ob deutschsprachig oder englisch – gibt es nur ein Album in meiner Liste, das nicht als HipHop klassifizierbar ist: Tool mit »Fear Inoculum«, auch wenn es nicht das beste Tool-Album aller Zeiten wurde, ist nach 13 Jahren trotzdem ganz klar ein Top-10-Album. Sonst ist die Liste von deutschsprachigem HipHop dominiert. Dabei sind es jedoch nicht die üblichen Trap-/Cloud-/Whatever-the-hot-shit-is-Releases, sondern ihren eigenen Sound definierende Artists, die hier ganz vorne liegen. Monobrother ist der einzige Künstler, der Sprechgesang in Österreich auf ein anderes Level heben kann, seit ein gewisser Kamp sich in die Rap-Pension verabschiedet hat, und hat mit seinem dritten Album »Solodarität« alle anderen auf die Plätze verwiesen – und der Abstand zur #2 ist so groß, eigentlich müsste Monobrother die Plätze 1–9 belegen. Danke Stuwerboy, du melodramhapperter Kadaver du, I lava you!

Top 10 Alben
01 Monobrother: »Solodarität« (Honigdachs)
02 DJ Shadow: »Our Pathetic Age« (Mass Appeal/Liquid Amber)
03 Döll: »Nie oder jetzt.« (Döll)
04 Yassin: »Ypsilon« (Normale Musik)
05 Kummer: »KIOX« (Kummer & Eklat Tonträger)
06 Fatoni: »Andorra« (Urban)
07 OG Keemo: »Geist« (Chimperator Productions)
08 Malibu Ken: »Malibu Ken« (Rhymesayers Entertainment)
09 Tua: »Tua« (Chimperator Productions)
10 Tool: »Fear Inoculum« (Tool Dissectional/RCA)

Honorable Mentions

  • BumBumKunst & Skero: »Maasnbriada« (Gang Records)
  • Ramirez: »Son of Serpentine« (G.O.D.S)
  • Morlockk Dilemma: »Herzbube« (MOFO Airlines)
  • LGoony: »Lightcore« (Airforce Luna)
  • Shacke One: »Shackitistan« (Nordachse)
  • Tyler, the Creator: »Igor« (Columbia)
  • $uicideboy$ & Travis Barker: »Live Fast, Die Whenever« (G*59 Records)
  • Danny Brown: »uknowhatimsayin¿« (Warp Records)
  • Apollo Brown: »Sincerely, Detroit« (Mello Music Group)
  • Pouya: »The South Got Something to Say« (Buffet Boys)
  • Trettmann: »Trettmann« (SoulForce/BMG)
  • Brenk Sinatra: »Midnite Ride II« (HHV)
  • Rob Sonic: »Defriender« (Skypimps Music)
  • Die Orsons: »Orsons Island« (Chimperator Productions) (Review)

Mio Michaela Obernosterers Top 10 2019
Kennt ihr das, wenn ihr eigentlich keine Kohlsprossen mögt, aber dann kriegt ihr irgendwann Kohlsprossen vorgesetzt und findet die gar nicht mal soooo schlecht und entwickelt plötzlich einen Heißhunger auf Kohlsprossen und Weißkraut und was weiß ich …Wirsing und jedenfalls hab’ ich heuer sehr viel HipHop gehört, v. a. Deutschrap, und vielleicht ist es nur eine Phase, aber derweilen schmeckt’s. Außerdem gibt’s auch 2019 eine geballte Ladung an heimischen DIY-Releases, die in der Masse an anderen Veröffentlichungen etwas untergegangen sind, aber ihre eigene Top-10-Liste verdienen. Den Rest of the best bestreiten dann eh die üblichen Verdächtigen, aber man muss den Underground hegen und seine Guilty Pleasures pflegen, deshalb: siehe unten. (PS: Ich mag Karfiol noch immer nicht.)

Mios Top 10 Albums 2019

  • Boy Harsher: »Careful« (Nude Club Records)
  • FKA twigs: »Magdalene« (Young Turks)
  • Lingua Ignota: »Caligula« (Profound Lore Records)
  • Tempers: »Private Life« (Dais Records)
  • The Twilight Sad: »It Won/t Be Like This All the Time« (Rock Action Records)
  • These New Puritans: »Inside the Rose« (Infectious Music)
  • TR/ST: »The Destroyer 1« (Grouch)
  • TR/ST: »The Destroyer 2« (Grouch)
  • TWINS: »New Cold Dream« (2MR)
  • When Saints Go Machine: »So Deep« (Escho)

Mios Top 10 Tracks 2019

  • Die Orsons: »Grille«
  • Enola Grey: »Losing to Berlin«
  • FKA twigs: »Cellophane«
  • Isolated Youth: »Safety«
  • Marie Davidson: »Work It (Soulwax Remix)«
  • Rosa Anschütz: »Rigid«
  • SASSY 009: »Maybe in the Summer«
  • The Twilight Sad: »I’m Not Here (Missing Face)«
  • Tool: »7empest«
  • When Saints Go Machine: »Reflection of You (Bloodshot)«

Mios Top 10 Concerts 2019

  • Xiu Xiu, Chelsea, Wien, 10.03.2019
  • Umbra + Terz Nervosa, Grillx, Wien, 29.03.2019
  • Vengaboys + Dives, Ballhausplatz, Wien, 30.05.2019
  • Kraftwerk 3D, Arena Open Air, Wien, 24.06.2019
  • Low + Laminat Kobermann, WUK, Wien, 01.07.2019
  • Amanda Palmer, Konzerthaus, Wien, 14.09.2019
  • Die Orsons, Grelle Forelle, Wien, 31.10.2019
  • Halloween Tunes: VA, Grillx, Wien, 31.10.2019
  • Kathryn Joseph: Porgy & Bess, Wien, 29.11.2019
  • SSTR3: VA, SSTR6, Wien, 30.11.2019

Mios Top 10 DIY Releases 2019

  • Crystal Soda Cream: »Things Don’t Talk« (WSMTML)
  • Falle: »Expectations« (Cut Surface)
  • Gran Bankrott: »S/T« (Numavi Records)
  • Imposition Man: »S/T« (Cut Surface)
  • Iv/An: »Sloboda Kretanja / Umorna Lica« (Fettkakao)
  • Levie: »S/T« (WSMTML)
  • Pfarre: »haecce // hauto« (Transformer)
  • The Damski & Terz Nervosa: »S/T« (WSMTML/Transformer)
  • VA: »Mariah Doesn’t Carey Mixtape« (House/Transformer)
  • Wrong Body: »Benzo Edits« (Cut Surface)

Mios Top 10 Guilty Pleasures 2019

  • Deichkind: »Wer sagt denn das?« (Sultan Günther Music)
  • Die Orsons: »Orsons Island« (Chimperator Productions)
  • Ebow: »K4L« (Problembär Records)
  • grim104: »Das Grauen, das Grauen« (Edel Records/RecordJet)
  • Keke: »Donna« (Universal Music)
  • Kummer: »KIOX« (Kummer & Eklat Tonträger)
  • Max Herre: »Athen« (Lesedi Music)
  • Monobrother: »Solodarität« (Honigdachs)
  • Trettmann: »Trettmann« (SoulForce/BMG)
  • Tua: »Tua« (Chimperator Productions)

Alfred Pranzls 21 Tonträger, mit Kurzrezensionen gespickt
Viele relevante Neuerscheinungen hätten 2019 eine Rezension verdient, deshalb der Kunstgriff, in aller Kürze die Essenz aus Tonträgern herauszudestillieren, die ich eigentlich ausführlicher reviewen wollte. Zeitmangel zwingt dazu, bezüglich zweier epochaler Reissues noch bescheidener zu sein. Suicides selbstbetiteltes Debütalbum (1977) ist ebenso ein All-Time-Classic wie Mark Stewarts erste Soloplatte nach dem Ende der Pop-Group. Auf dem Innersleeve von »Learning To Cope With Cowardice« (1983) erstrecken sich die Worte »The Paranoia of Power« einen Meter lang übers ausgebreitete Inlay und die hochpolitische Musik der Maffia ist dank Adrian Sherwoods Dub-Produktion genial, auf den »Lost Tapes« (CD2) mit höherem Weirdo-Faktor. Großartig, dass Sherwood heuer wieder die Dub-/Reggae-Größe Lee »Scratch« Perry unter seine Fittiche nahm und dem fantastischen »Rainford« gar noch ein Folgealbum nachgeschoben wurde. Lee Perry ist mit seinen 83 Jahren keineswegs ein »boring old fart«, wie auch Iggy Pop (72) und Kim Gordon (66) es mit beachtlichen Meisterwerken nicht sind.

Bezüglich Künstler*innen, die ihre migrantische Herkunft nicht unwesentlich in ihre Werke einfließen lassen, überzeugten die Wahlwiener von Soda & Gomorra mit ihrem selbstbetitelten Debütalbum. Teils damit hantierende und allerbeste HipHop-Produktionen aus Österreich kommen heuer von Ebow, EsRAP und Monobrother, erstere zwei mit klugen feministischen Lyrics und alle drei mit messerscharfen politischen Raps. Doch auch Wipeout sind in Hochform und publizierten ein wichtiges Statement: »Songs for Androids« richtet sich gegen den fatalen Marktfundamentalismus ebenso wie gegen Internet-Giganten. Schlussendlich sei noch auf dreierlei verwiesen: Zunächst auf das Chicagoer Label International Anthem und das Damon Locksʼ Black Monument Ensemble mit einem glückselig machenden Free-Jazz-meets-Gospel-Doppelalbum samt den darum kreisenden Musiker*innen-Gestirnen Jaimie Branch und Angel Bat Dawid. Nicht zu vergessen die musikalisch in verwandten Gefilden beheimatete Matana Roberts mit ihrem Ahnenforschungsprojekt, 2019 Memphis gewidmet. Sahel-Sounds von Aziza Brahim und die nordischen Ausnahmemusikerinnen Meriheini Luoto und Maja S. K. Ratkje komplettieren die Auswahl. Dachte ich zunächst. Denn meinem Gehirn war Fulminantes aus der ersten Jahreshälfte bzw. von Kolleg*innen Rezensiertes entfleucht. Von Chaka Khan (auch 66 Jahre jung!) kommt die Funk-Platte des Jahres, von DJ Nate die heißeste Footwork-Produktion, von Alex Miksch die räudigste Dialektscheibe (»I hob an Beidl volla Fleh«) und von Trupa Trupa der leiwandste Melodie-übertrumpft-Noise-Silberling.

01 Meriheini Luoto: »Metsänpeitto 2« (Eigenverlag)
Ein geisterhaftes Album der Violin-Avantgardistin aus Helsinki, basierend auf finnischer Folklore, Richtung Minimal Music fluoreszierend. Im finnischen Volksaberglauben existieren im Wald Verlorengegangene in einer Welt jenseits irdischer Realität. Absolut faszinierender Klangkosmos!

02 Maja S. K. Ratkje: »Sult« (Rune Grammofon)
Eine überirdisch schwebende Komposition fürs Norwegische Nationalballett, beruhend auf Knut Hamsuns Debütnovelle »Sult« (»Hunger«), mit jenseitig schönen Orgel-, Harmonium- und Akkordeonklängen und Maja S. K. Ratkjes elfengleicher Stimme.

03 Damon Locks & Black Monument Ensemble: »Where Future Unfolds« (International Anthem/K7/Indigo)

04 Jaimie Branch: »FLY or DIE II: bird dogs of paradise« (International Anthem/K7/Indigo)
Das zweite Soloalbum von Jaimie Branch startet mit dem epischen Überflieger »Prayer for Amerikka pt. 1 & 2«. Über einer bluesigen Grundierung beinahe hymnische, einschneidende Trompetenklänge. Die Wut über die rassistische Politik in den Trump-USA sind ist in den Liner Notes nachzulesen, etwas über eine junge Frau, die nach der Flucht aus dem von Jugendbanden terrorisierten El Salvador seit drei Jahren an der texanisch-mexikanischen Grenze im Gefängnis festsitzt.

05 Angel Bat David: »The Oracle« (Intergalactic Mantra Recording Co./International Anthem/!K7/Indigo)
(Review)

06 Matana Roberts: »Coin Coin Chapter Four: Memphis« – Constellation Records
(Review)

07 Aziza Brahim: »Sahari« (Glitterbeat/Hoanzl)
Die in einem algerischen Flüchtlingslager Aufgewachsene verarbeitet die Sehnsucht ihres westsahrouischen Volkes nach Anerkennung und Rückkehr in die von Marokko okkupierte Heimat. Die nunmehr in Spanien lebende Aziza Brahim hat mit der Musikerin Amparo Sánchez (Amparanoia, Calexico) sanft Elektronik in die Produktion einfließen lassen. Resultat ist ein anregendes Desert-Blues-Album, das sogar Reggae-Klänge einzugemeinden weiß.

08 Wipeout: »Songs for Androids« (Noise Appeal Records)
23 Minuten voll dunkel glitzerndem Synth-Wave und noch darker wobbelnden, wummernden Bässen, mit wunderschönem Auftakt »Waiting Room«, der in die Data-Welt, in der wir leben, einführt. Wipeout legen Didi Bruckmayrs Vocals den roten Soundteppich und erinnern dabei an die Hochzeit von Dubstep, insbesondere auf »Game Over«, wo Bruckmayrs drastisch-sarkastischen Lyrics über die furchtbaren Auswüchse des Finanzkapitalismus ein bedrohliches Soundszenario beigesellt wird. »Fomo« handelt von Influencern, denen eine unkritische Masse, die Angst hat, etwas zu verpassen, via Social Media folgt, »Phantoms« wohl davon, dass mensch leider seine Daten allzu leichtfertig den Silicon-Valley-Konzernen preisgibt. Und »This Love Will Not Stay« meint wohl die virtuelle gegenüber der realen Liebe. Wipeout beamen sich dabei mit wunderschönen Melodien ins Majestätisch-Erhabene und es gelingt ihnen, melodiösen Synhiepop mit futuristischen, Industrial- und Bass-Music-Sounds kurzzuschließen.

09 Soda & Gomorra: »S/T« (Eigenverlag)
(Review)

10 Ebow: »K4L« (Problembär)

11 EsRAP: »Tschuschistan« (Springstoff)
(Review)

12 Monobrother: »Solodarität« (Honigdachs)

13 Iggy Pop: »Free« (Caroline International/Universal)
(Review)

14 Kim Gordon: »No Home Record« (Matador Records/Beggars/Indigo)
(Review)

15 Lee Scratch Perry: »Rainford« (On U Sound/Rough Trade)
(Review)

16 Mark Stewart & The Maffia: »Learning To Cope With Cowardice/The Lost Tapes« (Mute Bank)

17 Suicide: »S/T« (Mute/BMG)

18 DJ Nate: »Take Off Mode« (Planet Mu)
(Review)

19 Chaka Khan: »Hello Happiness« (Diary Records/Island Records/Universal)
(Review)

20 Alex Miksch: »Nur a Opfe« (Preiser Records)
(Review)

21 Trupa Trupa: »Of The Sun« (Glitterbeat)
(Review)

Meriheini Luoto © Saku Soukka

Alfred Pranzls 21 Ausstellungs- bzw. Live-Events
Dass die Tanzkultur in Clubs die aktuelle gesellschaftspolitische Situation spiegelt und den Widerstand gegen beharrende Mächte ebenso anfacht, zeigte Bogumir Doringer in der Videoschau »Dance of Urgency« im MQ. Ausgangspunkt waren die NATO-Bombardements in Belgrad und durchwegs ermächtigt sich eine politisierte Clubszene abseits des Einflusses von Staatsmacht selbst. Etwa die Jazar Crew, Stars der elektronischen Musikszene in Palästina, Mamba Negra aus Brasilien mit Fokus auf Frauen- und LGBTQ+-Rechte, die Raves von Cxema, die in der Ukraine zur Kooperation verschiedener Gruppen führten, oder georgische Clubs im Kampf gegen eine damals verhasste Regierung. Fadi Dorninger, einst Linzer Knotenpunkt eines weltweiten, informell strukturierten Tape-Netzwerks, brachte eine bereits in Linz stattgefundene Ausstellung in die Räumlichkeiten der ersten skug-Druckerei Resch in Wien. »Cassette Culture Node.Linz« brachte ans Tageslicht, welch regen Austausch es von Kassetten produzierenden Labels vor mehr als 30 Jahren gab. Aufgrund des Materials retromäßig wirkende Hörstationen waren ebenso ein Highlight wie Vorträge, Diskurse und Konzerte (u. a. ein Monochrome Bleu Reunion-Gig!) deren Kassettenmitschnitt gleich danach erworben werden konnte.

Der Konzertreigen umfasste u. a. fantastische Live-Aufführungen von MAG, Low Profiler aka Didi Neidhart und Wrong Body für den Salon skug und doch muss ich noch ein grandioses Gastspiel hervorheben. Und hole dazu etwas weiter aus. Die Wiege der Wiederentdeckung und Neuinterpretation jiddischer Lieder liegt in Kanada. Zu verdanken ist das u. a. der Historikerin Anna Shternshis (Universität Toronto), die das Projekt Yiddish Glory 2017 mit russischen und kanadischen Musiker*innen gründete. Die Songs aus dem Album »The Lost Songs of World War II« sorgten bei einem Konzert für Glatt und Verkehrt 2019 in Krems, das Ö1 dankenswerterweise live übertrug, für ein rührendes, denkwürdiges Ereignis. Deshalb war der Autor diese Zeilen gespannt auf das Gastspiel von Joshua Dolgin, der als Socalled für seine Liaison von jiddischem Liedgut und HipHop ohnehin wieder einmal gewürdigt werden muss. Mit der Lungau Big Band erarbeitete Dolgin fürs Klezmore Festival im transatlantischen Austausch mit dem Arrangeuren Andi Pranzl (nicht mir mir verwandt, aber wie ich im blasmusikgetränkten Losenstein aufgewachsen) und Roman Britschgi das Programm »Mishmashers«. Dolgin war darin nicht der Beatmaster, sondern mit Esprit durchs Programm führender Entertainer und Sänger, der auch mal zum Akkordeon griff. Mit viel Humor brachte er dem heftig akklamierenden Publikum im Porgy & Bess beispielsweise die vorzüglichen Kompositionen von Moyshe Oysher näher. Und das im opulenten, für Zunder sorgenden Big-Band-Gewand. Ein Blasmusikfeuerwerk erster Güteklasse, das die jiddischen Songs ins Hier und Heute blies!

01 »Dance of Urgency«, frei_raum Q21, Wien, 25.04.–01.09.2019
02 »Cassette Culture Node.Linz«, Druckerei Resch, Wien, 29.05.–27.06.2019
03 MAG, Salon skug, rhiz, Wien, 09.03.2019
04 Low Profiler, Salon skug, AU, 11.04.2019
05 Lonnie Holley, Donaufestival, Krems, 27.04.2019
06 Holly Herndon, Donaufestival, Krems, 27.04.2019
07 Wrong Body, Salon skug, Central Garden, Wien, 07.06.2019
08 Béla Tarr: »Missing People« feat. Alicia Edelweiss, Festwochen, MQ Halle E, Wien, 15.06.2019
09 Bamba Pana & Makaveli, Festwochen, Gösserhallen, Wien, 15.06.2019
10 Kraftwerk 3D, Arena Open Air, Wien, 24.06.2019
11 Ebow, Popfest, Karlsplatz, Wien, 23.07.2019
12 Yiddish Glory, Glatt & verkehrt, Winzer, Krems, Live auf Ö1, 26.07.2019
13 Flipper feat. Mike Watt & David Yow, Chelsea, Wien, 13.08.2019
14 Soap&Skin, Arena Open Air, Wien, 13.09.2019
15 MAG, phonofemme, ORF Radiocafé, Wien, 21.09.2019
16 Houria Aïchi, Salam Orient, Theater Akzent, Wien, 21.10.2019
17 Alsarah & The Nubatones, Salam Orient, Sargfabrik, Wien, 22.10.2019
18 Quantum Noize aka Mia Zabelka & Conny Zenk, Sonic Territories, Fabrik Seestadt Aspern, Wien, 26.10.2019
19 Die fitten Titten + Soda & Gomorra, Venster99, Wien, 14.11.2019
20 Lungau Bigband feat. Socalled: »Mishmashers«, Klezmore Festival, Porgy & Bess, Wien, 17.11.2019
21 FS Massaker + The Flying Luttenbachers, Fluc, Wien, 12.12.2019

»Cassette Culture Node.Linz«, Druckerei Resch, Wien, 29.05.–27.06.2019

Walter Pontisʼ umfangreiche Hit-Liste 2019
Mein ultimativer Hero ist heuer The Bug: Im Elektronikduo Zonal – mit Justin Broadrick und der Gastsängerin Camae Ayewa aka Moor Mother – veröffentlichte er das kompromisslose Album »Wrecked«. Unter seinem bürgerlichen Namen Kevin Richard Martin erschien das intensive »Sirens«. Seine Formation King Midas Sound begeisterte mit ihrem vierten und bislang imposantesten Album »Solitude«. Als Produzent fungierte Martin bei JK Fleshs EP »In Your Pit«. Und mit Miss Red sorgte er für eines der Live-Highlights, produzierte ihre EP »The Four Bodies« und veröffentlichte diese auf seinem Label Pressure. Noch mehr geht kaum, The Bug rules!

Moor Mother wartete zudem noch mit ihrem überwältigenden, rebellischen »Analog Fluids of Sonic Black Holes« auf. Die australischen Tropical Fuck Storm haben nicht nur einen der tollsten Bandnamen ever, sondern sind eine der rar gesäten interessanten aktuellen Indie-Formationen und warfen mit »Braindrops« ihr zweites Album raus: »It’s hot with anger and full of ugly truths about the ways we live our lives; and the effect is compelling«, sagte »The Quietus« über ihr erstes Album und das gilt nun auch für den Nachfolger.

Angeführt von Holly Herndon, die mit ihrem tollem Artificial-Intelligence-Baby »Proto« brillierte, spielen meine Highlights, live sowie auf Tonträger, vor allem in der Rubrik Conceptronika (siehe dazu Simon Reynolds »Pitchfork«-Artikel). Kürzlich wies Reynolds übrigens auf FM4 »Im Sumpf« auf die Wichtigkeit hin, dass diese häufig bei experimentellen Musikfestivals anzutreffende Spielart elektronischer Musik durch staatliche Subventionen unterstützt wird. Gut so, so soll es sein. Das Konzert von Tørsö im Venster99 verpasste ich leider; ihre EP »Build And Break« glücklicherweise nicht. In diesem Sinne: It’s never too late to be angry!

Pontisʼ Twentyone Albums 2019
01 Moor Mother: »Analog Fluids of Sonic Black Holes« (Don Giovani)
02 Zonal: »Wrecked« (Relapse/Membran)
03 Holly Herndon: »Proto« (4AD/Beggars Group/Indigo) (Review)
04 Lingua Ignota: »Caligula« (Profound Lore Records/Soulfood)
05 Nick Cave & the Bad Seeds: »Ghosteen« (GHOSTEEN LTD/Rough Trade)
06 Lafawndah: »Ancestor Boy« (Concordia)
07 Tropical Fuck Storm: »Braindrops« (Joyful Noise/Cargo)
08 Paula Temple: »Edge Of Everything« (Noise Manifesto)
09 Billie Eilish: »When We All Fall Asleep, Where Do We Go?« (Interscope/Universal Music)
10 Carter Tutti Void: »Triumvirate« (Conspiracy International/Cargo)
11 Karenn: »Grapefruit Regret« (Voam)
12 Matana Roberts: »Coin Coin Chapter Four: Memphis« (Constellation Records)
13 FKA twigs: »Magdalena« (Young Turks/Xl/Beggars Group/Indigo)
14 Sudan Archives: »Athena« (Stones Throw Records)
15 King Midas Sound: »Solitude« (Cosmo Rhythmatic)
16 75 Dollar Bill: »I Was Real« (tak:til/Thin Wrist)
17 Kevin Richard Martin: »Sirens« (Room40) (Review)
18 Fennesz: »Agora« (Touch/Membran)
19 Kim Gordon: »No Home Record« (Matador/Beggars Group/Indigo)
20 Lana Del Rey: »Norman Fucking Rockwell« (Polydor Records)
21 Bruce Springsteen: »Western Stars« (Smi Col/Sony Music)

Pontisʼ Eight EPs 2019
01 Tørsö: »Build And Break« (Revelation)
02 Tanya Tagaq: »Toothsayer« (Six Shooter Records)
03 Andy Stott: »It Should Be Us« (2EP, Modern Love)
04 Lim Kim: »Generasian« (Universal)
05 Perera Elsewhere: »Thrill« (Friends of Friends)
06 JK Flesh: »In Your Pit« (Pressure)
07 Miss Red: »The Four Bodies« (Pressure)
08 Robyn Hitchcock & Andy Partridge: »Planet England« (Ape House)

Pontisʼ Fourteen Live-Events 2019
01 Miss Red & The Bug, Elevate, Graz, 02.03.2019,
02 Holly Herndon, Donaufestival, Krems, 27.04.2019,
03 Giant Swan, Donaufestival, Krems, 26.04.2019,
04 Puce Mary, Elevate, Graz, 01.03.2019
05 Lingua Ignota, Rhiz, Wien, 12.10.2019
06 Lafawndah, Donaufestival, Krems, 27.04.2019
07 Hyph11E, Donaufestival, Krems, 04.05.2019Hyperreality, Wien, 25.5.2019
08 Xiu Xiu, Chelsea, Wien, 10.03.2019
09 Lonny Holley, Donaufestival Krems, 27.04.2019
10 Stellar Om Source, Hyperreality, Wien, 17.05.2019
11 Abu Gabi, Hyperreality, Wien, 24.05.2019
12 Soulside, Chelsea, Wien, 06.10.2019
13 Jayda G, Elevate, Graz, 02.03.2019
14 Katharina Ernst, Donaufestival, Krems, 26.04.2019

Miss Red © Stefan Lozar (CC BY-NC-ND 2.0)

Peter Kaisers Best of 2019
Was auf Albumlänge nicht (mehr) oder noch nicht fesselt, kann doch im Songformat überzeugen. Gute Gründe, um mit und über alte Bekannte sowie Neuentdeckungen ins Gespräch zu kommen. Und wie es sich auf etlichen guten Konzerten 2019 wieder ereignet hat, erschloss sich mir die Qualität mancher Acts erst ein wenig zeitverzögert live.

Top 10 Songs/Tracks von Nicht-Top-10-Alben 2019

  • Arashi: »Yamanoue-no-Okura« auf »Jikan« (PNL Records)

Akira Sakata, Johan Berthling und Paal Nilssen-Love steigern sich in 16 Minuten zu Intensitätsgraden, als hätten sie in Aylers »Slug’s Saloon« doppelliterweise Sake gekippt. Und wenn Sakata schließlich die Stimme erhebt, dann bleibt es banausischen Ohren des Westens wie den meinigen nach wie vor rätselhaft, ob es sich um lautmalerisch-expressives Brüllen oder gurgelnde Beschwörungen auf Japanisch handelt. Wird einst der letzte Wal zwischen Norwegen und Japan frevelhaft harpuniert und zu Maki gerollt worden sein, wird diese Aufnahme vom 11. September 2017, Tokio, noch immer frisch erschallen.

  • Bonnie ‘Prince’ Billy: »Squid Eye« auf »I Made A Place« (Domino)

Das Seltsamste an Will Oldham ist und bleibt nun schon über eine Dekade lang sein Generieren bukolischer Country-Idyllen, die scheinbar ungebrochen von Glaube, Liebe, Hoffnung künden. Reicht der Schatten seiner einstigen »Darkness« noch aus, um konservative Kompatibilität auch nur ansatzweise zu durchkreuzen? Das passiert eher mit heiteren Songs wie diesem, wenn er sich wieder mal als unbekümmerter Beardo-Weirdo inszeniert, spitzbübisch sein Auge für Cephalopoden besingt und gute Ratschläge erteilt: »Take from the awful an awesome… if you’re a boy then dance like a girl«.

  • Hüma Utku: »Truth From The Deepest Source« auf »Gnosis« (Karlrecords)

Elektronische eurasische »Weltmusik« erfüllt diese anachronistische Kategorie mit Sinn, insofern sie Atmosphären der Gegenwart in Sounds erfasst. The artist formerly known as R.A.N. schafft das nicht mit hektischem Geräusch-Overkill, sondern mit bemerkenswert transparenten Schichten aus Ambient, Drone, Field Recordings und good ol’ Industrial-/Tribal-Beats. Aus der Sounddynamik, die sie auf (Debüt-)Albumlänge erzeugt, einen einzelnen Track herauszuklicken, wird der Produzentin nicht gerecht. Mich aber drängte es ungeduldig – die miesen Soundbedingungen ihres Sets am Donaufestival im Gedächtnis – ins Zentrum des Albums, zur Quelle mit den hypnotischen Beats.

  • J. Robbins: »Soldier On« auf »Un-Becoming« (Dischord)

Wiederhörensfreude heiter bis wolkig in Sachen Power-Rock-minus-Bullshit. Schön, dass Robbins’ souveränes Songwriting wieder von seinem früheren Mitstreiter Peter Moffett (Government Issue, Burning Airlines) on drums getaktet wird. Schön, dass dies wieder auf Dischord erscheint. Gemeinsame Europatour mit The Messthethics (Ex-Fugazi-Rhythmusmacht Brendan Canty/Joe Lally plus Anthony Pirog) wäre so ein Neujahrswunsch.

  • Moving Targets: »My Friend« auf »Wires« (Boss Tuneage)

Wiederhörensfreude heiter bis wolkig die nächste: Ken Chambers mit zwei jüngeren Freunden spielt ebenso wie J. Robbins in derselben Liga wie Bob Mould. Auf Albumlänge gibt’s Redundanzen. Aber in einem Zweiminüter wie diesem bündeln sich nochmals Energie und Dringlichkeit, wie sie einst nach der Hüsker-Powertrio-Formel von »Burning In Water« bis »Take This Ride« bewegten.

  • Petrol Girls: »Big Mouth« auf »Cut & Stitch« (Hassle)

Nach »Talk of Violence« und der »The Future Is Dark«-EP gibt’s musikalisch dem Screamo-Hardcore-Punk mit Melodieanspruch, irgendwo zwischen Propagandhi und Shai Hulud, nichts Neues hinzuzufügen. Textlich und aktivistisch bleibt das Quartett eine wichtige queer-feministische Stimme. Diese »Solidarity, not silence«-Hymne zitiert mit Punk-Herstory-Consciousness X-Ray-Spex für die Gegenwart des x-ten patriarchal-toxischen Backlashes. Überzeugten auch live wieder; u. a. als zornigster Act am Popfest Wien.

  • Saint Vitus: »Remains« auf »Saint Vitus« (Season of Mist)

An alle, die ohne Doom-Bekenntnis ihr profanes Dasein fristen, oder innerhalb der Sabbath-w/-Ozzy-only-Orthodoxie der fundamentalistischen Vitus-w/-Wino-only-Sekte angehören: Der Opener mit Scott Reagers, dem ersten Vitus-Sänger, wird eure Glaubens(un-)wahrheiten verlässlich in Slo-mo zombifizieren … till nothing remains.

  • Schrottgrenze feat. Sookee: »Traurige Träume« auf »Alles zerpflücken« (Tapete)

Bei melodieverliebtem Indie-(Punk-)Rock zwischen Against Me! und Blumfeld geht für mich auf Albumlänge die Spannung verloren. Aber warum laufen potenzielle Hits wie »Life Is Queer« oder diese Nummer nicht täglich auf FM4? Vor ihrer Tour mit Kettcar eine höchst willkommene szeneübergreifende Allianz mit verlässlich pädagogisch wertvollen Texten von Trans-Sängerin Saskia und Sookee. Checken Philosophy-meets-Rap-Abende in Hannover und bewahren sich Ernst-Bloch’sche Hoffnung im intersektionalen Kampf gegen das rassistische Cis-tem: Alerta Queer-Feminista!

  • Team Dresch: »Your Hands My Pockets« (Jealous Butcher)

Riot Grrrls revisited 2019: Bikini Kill spielten Reunion-Gigs, Sleater Kinney brachten ein neues Album raus. Und Team Dresch? Sie re-releasten ihre beiden Klassiker »Personal Best« sowie »Captain My Captain« und den ersten neuen Song seit 19 Jahren, den am nachhaltigsten bohrenden Ohrwurm dieser Playlist. Bitte 2020 mehr davon! Und gerne auch Neues von »Uncle« Phranc.

  • The Last Poets: »For The Millions« auf »Transcending Toxic Times« (Ropeadope/Groove Attack)

Tell it like it is! Black Power History von wahren Teachers der Old School. Umar Bin Hassan ist seit 50 Jahren dabei. Das Album wurde von Jamaladeen Tacuma produziert. Sein Bass sorgt für den warmen, deepen Infinity-Groove, der die nach wie vor toxischen Verhältnisse zum Tanzen bringt.

5 Alben des Jahres 2019

  • Ebow: »K4L« (Problembär)
  • EsRAP: »Tschuschistan« (Springstoff)
  • Kim Gordon: »No Home Record« (Matador)
  • Konstrukt & Ken Vandermark: »Kozmik Bazaar« (Karlrecords)
  • The Messthetics: »Anthropocosmic Nest« (Dischord)

5 × Älteres, dessen Wirkung sich durch Live-Xperiences 2019 entfaltete

  • Anguish: »Anguish« (RareNoiseRecords 2018)
  • Joe McPhee: »Nation Time« (Superior Viaduct 2018 [1971])
  • Planningtorock: »Powerhouse« (PIAS 2018)
  • Irène Schweizer/Hamid Drake/Fred Anderson: »Live: Willisau & Taktlos« (Intakt 2007)
  • Yves Tumor: »Safe In The Hands Of Love« (Warp 2018)

Jannik Eders musikalisches Empfehlungsschreiben 2019
Auf der Suche nach den für mich essenziellen Alben des Jahres habe ich zunächst weder beabsichtigt, eine klassische Liste zu verfassen, noch auf runde zehn zu kommen. Doch beides ist eingetreten. Der ursprüngliche reine Fließtext hat eine Aufzählungsstruktur bekommen (ich dachte, das Publikum dankt’s) und just nach zehn Absätzen hat’s mich nicht mehr zu schreiben gefreut (und mit Auslassungen muss man halt leben können, gerade bei einem Format wie diesem). Der folgende Überblick ist grundsätzlich nicht nach Präferenz gereiht, dennoch beginne ich mit dem Act, der mich dieses Jahr am meisten überzeugt hat.

  • Big Thief: »U.F.O.F.« / »Two Hands« (4AD)

Aus den Zutaten Folk und Indie-Rock kochen unzählige Bands ihr Süppchen, entsprechend bekommt man meist Einheitsbrei serviert. Big Thief zauberten aus diesen Zutaten jedoch die mit Abstand erlesenste Kost seit Jahren. Und zwar gleich doppelt: Im Mai erschien mit »U.F.O.F.« das dritte Album der Band um Adrianne Lenker, im Oktober folgte »Two Hands«. Besonders »U.F.O.F.« war umwerfend. Aufgenommen in einem Kaff ein paar Meilen vor Seattle, verbinden Big Thief Eindringlichkeit mit Mystizismus. Während »U.F.O.F.« ein Werk ist, dessen Magie sich in seiner Gesamtheit offenbart, besticht das irgendwo in den Weiten von Texas live eingespielte »Two Hands« durch Einzelattraktionen – »Not« wird zu Recht als bis dato vortrefflichste Single der Band in Erinnerung bleiben. Auch auf der Bühne performen Big Thief mit einer unglaublichen Intensität. 2020 stehen Tour-Termine in Europa an, Wien zählt leider nicht dazu.

  • Sharon Van Etten: »Remind me tomorrow« (Jagjaguwar)

Was Big Thief und Sharon Van Etten neben ihrer Herkunft New York verbindet: Beide hatten schon gute (aber doch wieder keine sehr guten) Alben veröffentlicht und galten eher als Geheimtipps denn als große Namen des Indie-Mainstreams – mit den Veröffentlichungen von 2019 änderte sich das. Die Qualität ihrer Alben steigerte sich nochmal deutlich, ebenso ihre Popularität. »Remind me tomorrow« erschien im Jänner, wurde aber zu diesem Zeitpunkt bereits als ein Highlight des Jahres gehandelt. Van Ettens Diskografie umfasste zuvor vier (allesamt recht eingängige) Alben im klassischen Singer-Songwriter-Gewand, auf Album Nummer fünf weitete sich der Stil durch dynamische Synthesizerflächen, treibende Beats ergänzten das bewährte melodische Gitarrenspiel.

  • Lana Del Rey: »Norman Fucking Rockwell« (Polydor)

Über Lana Del Rey lässt sich wahrlich nicht behaupten, sie genösse erst seit diesem Jahr große Popularität. Sehr wohl lässt sich behaupten, Del Rey habe sich mit »Norman Fucking Rockwell« selbst übertroffen. Alles, was sie bisher auszeichnete – die nahezu perfekte Inszenierung pathetischer Popnummern durch eine fesselnde und gleichzeitig unantastbare Persona – der Del Reys –, gerinnt zu einer meisterhaften Form, die sie auf ihren bisherigen Alben in dieser Vollendung noch nicht zu komprimieren vermochte.

  • Fontaines D.C.: »Dogrel« (Partisan)

Im Vergleich zu den vorherigen drei Acts kommen die nächsten drei mit deutlich mehr Fortissimo daher. Fontaines D.C. aus Dublin etwa, eine jener Punkbands, die letztes Jahr im Fahrwasser der überdrüber gehypten Idles losbretterten. Ihr Debüt »Dogrel« lodert in Zorn und Verbitterung über eine Gesellschaft, deren Engstirnigkeit zum Brexit geführt und somit einigen Generationen die Zukunft versaut hat. In all der theatralischen Larmoyanz des irischen Quintetts liegt gleichzeitig stets eine Huldigung des Rock’n’Roll.

  • Giant Swan: »Giant Swan« (Keck)

Im Punk-Milieu wurden auch Robin Stewart und Harry Wright sozialisiert. Die beiden nennen sich Giant Swan und erlangten in den vergangenen Jahren durch ihren energiegeladenen Industrial Techno Bekanntheit. Nach einigen EPs veröffentlichten Giant Swan ihr selbstbetiteltes Debütalbum mit zehn edgy Tracks, die die Synapsen zum Pulsieren bringen.

  • Knife Wife: »Family Party« (Sister Polygon)

Noch ein Debüt: Hinter dem geschliffenen Namen Knife Wife steckt ein Trio aus Washington D.C., das mit »Family Party« ihr Premierenalbum vorlegte. Oder besser gesagt, hinrotzte. Musikalisch belässt es die Band bei einer nüchternen Gitarre-Bass-Schlagzeug-Dudelei, textlich wirds oft morbide, oft auch schirch. Hineingezogen wird man in die »Family Party« (vielleicht gerade deshalb) allemal.

  • FKA twigs: »Magdalene« (Young Turks)

And now to something completely different. Oder auch nicht, denn schließlich ist Morbidität auf »Magdalene« ebenfalls ein zentrales Motiv. Die lange ersehnte zweite Platte von FKA twigs ist fulminanter Art Pop. Fünf Jahre hat die Musikerin, die eigentlich Tahliah Barnett heißt, daran gearbeitet und es ließen sich zahlreiche Geschichten rund um die Entwicklung des Albums und die dahinterstehende Persönlichkeit erzählen. Etwa in Form eines Exkurses über den titelgebenden Mythos der Maria Magdalena, Gossip rund um das Ende der Beziehung von Barnett zum gegenwärtig bekanntesten Ex-Vampir Robert Pattinson oder über ihren erfolgreichen Kampf gegen die Tumore an ihrer Gebärmutter. An dieser Stelle soll jedoch ausreichen: Die einzigartige Mischung aus Vertracktheit und Luzidität entfaltet eine irre Sogkraft; wenn man zu einer »Magdalene« betet, dann bitte zu dieser.

  • Caterina Barbieri: »Ecstatic Computation« (Editions Mego)

Sogkraft erzeugen auch die Kompositionen der in Berlin ansässigen Italienerin Caterina Barbieri. Der Titel ihres auf dem Wiener Label Editions Mego erschienenen Albums »Ecstatic Computation« beschreibt ziemlich genau das, was Barbieri mit ihrer Musik zum Ausdruck bringen will: Ekstase und Berechnung. Für die Ekstase sorgen die wirbelnden Klänge modularer Synthesizer, für die Berechnung die Künstliche Intelligenz und Algorithmen, auf denen die Kompositionen Barbieris aufbauen. In der Entstehung nerdig, als Produkt hypnotisch.

  • Nivhek: »After its own death / Walking in a spiral towards the house« (Yellowelectric/Liz Harris)

Das Stichwort Hypnose führt zur nächsten Künstlerin, nämlich Liz Harris, besser bekannt als Grouper, und nun auch unter dem Namen Nivhek. »After its own death / Walking in a spiral towards the house« nennt sich ihre neueste Arbeit, die mit jeder verstreichenden Minute vermehrt vor dem flüchtet, wofür Harris als Grouper steht. Songstrukturen lösen sich auf, übrig bleiben skelettartige Arrangements sakralen Charakters.

  • Burial: »Tunes 2011–2019« (Hyperdub)

Der Schlussabsatz gebührt Burial, der sich sozusagen den Ehrenpreis in dieser Auflistung verdient hat, obwohl »Tunes 2011–2019« eine Compilation bereits veröffentlichter Tracks ist. William Emmanuel Bevan, dessen Name und Gesicht in den Anfangsjahren der Karriere nicht öffentlich bekannt waren, brachte mit »Burial« (2006) und »Untrue« (2007) nur zwei Alben heraus, die schlugen dafür enorm ein. Bevan sicherte sich einen Status als Ausnahmekünstler und Liebling aller Kulturwissenschaftsstudierenden, die schon einmal in Kontakt mit Kapitalismuskritik, Technopartys und Depressionen gekommen waren. »Tunes 2011–2019« sammelt alle EPs, Singles und Mixes (es folgte nach 2007 kein weiteres reguläres Album mehr) und zeigt, welch kolossales Spektrum Burial bedient. Zwischen Stücken wie dem sehr ambienten »State Forest« und dem Rave-Knaller »Rival Dealer« scheinen Welten zu liegen, doch alles ist verwurzelt im unverkennbaren burial-esken Fundament.

Jenny Legensteins Best of 2019
Am Ende eines Jahres Bilanz zu ziehen, vielleicht auch noch Vorsätze fürs neue Jahr zu fassen, verweigere ich eigentlich. Meine Buchhaltung der konsumierten Kulturgüter erlaubt dennoch eine Rückschau: Mehrere Dutzend Bücher gelesen, mindestens einmal in der Woche ins Kino (nicht immer geschafft und dann ganz oft in Retrospektiven gegangen – danke Filmmuseum und Filmarchiv!) und bei Musik fast völlig ausgelassen, dafür aber im YouTube-Studium deutscher Krimiserien, britischer Sitcoms und US-amerikanischer Science-Fiction-Serien der 1960er bis 1980er sehr weit gekommen. Summa summarum: Es könnte mehr sein, aber nächstes Jahr ist ja auch noch ein Lese-, Kino- und Musikjahr. Hier also meine Liste jener Werke, die bei mir am meisten Eindruck hinterließen, in alphabetischer Reihenfolge.

Musik (Wie gesagt, s. o., daher in alter Fantreue)

  • Leonard Cohen: »Thanks for the Dance« (Sony)

Ein würdiger Epilog.

  • Billie Eilish: »When We Fall Asleep, Where Do We Go?« (Interscope)

Trotz Megahype: Schön traurige Songs und lustige Clips.

Fünf aktuelle Bücher und zwei zukunftsweisende Wiederentdeckungen

  • Günther Geiger: »Der Abbruch« (Viza Edit)

Der aus Vorarlberg stammende und in Wien lebende Autor sowie langjährige Mitherausgeber der Literaturzeitschrift »Wienzeile« erzählt von seiner kurzzeitigen Obdachlosigkeit als junger Mann in Dornbirn. Die heuer wiederherausgegebene Novelle porträtiert die spießig-miefige Enge der österreichischen 1970er-Jahre, Polizeiwillkür und die unglamourösen Seiten eines Aussteigerlebens.

  • Nadine Kegele: »Und essen werden wir die Katze« (Kremayr&Scheriau)

Dialoge, Essays, Erzählungen sowie Collagen aus Fotos und Text mit Stickereien versammelt Nadine Kegele in ihrem neuen Buch. Es geht um Biografisches, Hinterfragung von Heimat-, Geschlechts- und Selbstbildern.

  • Ilse Kilic, Fritz Widhalm: »sind wir einfach soso lalalala. Des Verwicklungsromans elfter Teil« (edition ch)

Andere nennen das Beschreiben einer Lebensgeschichte unter bestimmten Umständen einen Entwicklungsroman. In Wirklichkeit ist aber alles, insbesondere das Leben und erst recht das Zusammenleben, komplex. Wenn sich ein Faden irgendwo entwirrt, wuzelt sich anderswo wieder was zusammen. Die ersten zehn Teile sind natürlich auch zu empfehlen, aber keine Voraussetzung, Nr. 11 zu verstehen.

  • Eva Maria Leuenberger: »dekarnation. gedichte« (Droschl)

Beschreibungen von Natur, Erleben, das Empfinden einer menschenleeren Landschaft, die Bewegung eines menschlichen Körpers, sich Auflösen – die Lyrik der jungen Schweizer Autorin ist meist in dunklem Ton gehalten, aber nicht morbid. Wiederkehrende Wortfolgen, Stille, typografisch gesetzte Leere sind Merkmale von Leuenbergers Gedichten, die eher komponiert als gedichtet sind.

  • Friederike Manner: »Die dunklen Jahre« (edition atelier)

1948 erschien dieser einzige Roman der Literaturkritikerin Friederike Manner, die darin den Sieg des Faschismus in Österreich, den Alltag einer »halbjüdischen« Familie nach dem »Anschluss« und in den Jahren des Exils im damaligen Jugoslawien beschreibt. 2019 erneut herausgegeben, ist der Roman viel mehr als ein Zeitdokument.

  • Philipp K. Dick: »Die drei Stigmata des Palmer Eldritch« (Heyne, zuletzt Fischer, 2014) / »The Three Stigmata of Palmer Eldritch« (Doubleday 1965, Gollancz 2003)

Die deutsche Übersetzung von Dicks Roman hatte den irrigen Titel »LSD-Astronauten«. Zwar spielen Drogen eine wichtige Rolle in der Geschichte, mit Acid hat das Ganze rein gar nichts zu tun, es geht auch nicht um »Drogenerfahrungen«, sondern um das Vorhaben eines gewissen Palmer Eldritch, die Menschen unter seine Kontrolle zu bringen. In Zeiten von KI, VR, allumfassender Überwachung(smöglichkeiten) usw. scheint Dicks Dystopie gar nicht mehr so fantastisch …

  • Marge Piercy: »Frau am Abgrund der Zeit« / »Woman on the edge of Time« (Fawcett Trade, 1976)

Marge Piercy schuf mit diesem Roman, der auf Deutsch nur antiquarisch erhältlich ist, einen der Schlüsseltexte des Feminismus, aus dem bis heute nicht nur zitiert wird. In dem Roman, der gleichermaßen Science Fiction wie Soziale Studie ist und auch als »Social Fantasy« kategorisiert wird, erzählt Piercy von der prekarisierten und zwangspsychiatrierten New Yorker Latina Consuelo Ramos, die in die Zukunft »reist«. Die Gesellschaft von morgen kann multiethnisch, gendergerecht, ökologisch orientiert sein oder streng hierarchisch, mit Herrscher- und (Sex-)Sklav*innen-Schicht und zerstörter Natur – es liegt an uns, wohin sich die Welt bewegt.

Nadine Kegele: »Und essen werden wir die Katze« (Kremayr&Scheriau)

Film

  • Sebastian Brameshuber: »Bewegungen eines nahen Berges«

Clifford Agu, gebürtiger Nigerianer, repariert alte Autos und handelt mit gebrauchten Fahrzeugteilen. Werkstatt und Lager des Mechanikers befinden sich nahe der Stadt Eisenerz. Brameshubers essayistisches Porträt kommt ohne Off-Kommentar und Inserts aus. Ein Film des Sehens und Hörens.

  • Claire Denis: »High Life«

Eine Reise ohne Wiederkehr, eine liebevolle Vater-Tochter-Beziehung, eine sinnlose Versuchsanordnung – Claire Denisʼ Film spielt im Weltraum und taucht in die Abgründe menschlicher Seelen. (Review)

  • Sudabeh Mortezai: »Joy«

In ihrem fürs Oscar-Rennen disqualifizierten Spielfilm zeigt Sudabeh Mortezai ein perfides Ausbeutungssystem, in dem sowohl Profiteur*innen als auch Opfer Frauen sind. Junge afrikanische Frauen werden nach Europa geschleust, wo sie als Prostituierte ihre Schulden fürs Schleppen und die »Opportunity« abarbeiten müssen. (Review)

  • Paul Rosdy: »Kino Wien Film«

Die Geschichte der Wiener Kinos von den Anfängen bis heute anhand von historischem Film- und Bildmaterial, Gesprächen mit (ehemaligen) Kinobetreiber*innen, Filmvorführern und Besuchen in stillgelegten Kinosälen zeigt ein spannendes Bild einer bewegten Kinokultur. Und die Zuseher*innen erfahren, was es mit dem Beruf des »Filmpendlers« auf sich hatte.

  • Alejandro Landes: »Monos«

Eine Handvoll Jugendlicher in einer entlegenen Bergregion Kolumbiens wird einem harten paramilitärischen Training unterzogen. Als sie auf sich allein gestellt sind, eskalieren Gewalt und Brutalität. Alejandro Landesʼ großteils mit Laiendarsteller*innen besetzter Film setzt sich mit Anklängen aus »Lord of the Flies« mit der Lebensrealität von Kindersoldat*innen auseinander.

  • Valentina Primavera: »Una Primavera«

Valentinas Mutter trennt sich nach Jahrzehnten von ihrem gewalttätigen Ehemann, dem Vater der Regisseurin, die die Ausbruchsbestrebungen ihrer Mutter und die Reaktionen der anderen Familienmitglieder dokumentiert.

  • Jordan Peele: »Us«

Familie Wilson möchte ihren Urlaub in ihrem Wochenendhaus am See verbringen, das das Kindheitszuhause von Mutter Adelaide war. Böse Vorahnungen befallen Adelaide und dann stehen nachts plötzlich die Doppelgänger*innen der vier Wilsons vor der Tür und wollen den echten (?) Wilsons an den Kragen. Ebenso spannend wie verstörend.

Keine Liste und immer diese Übersicht (von Christoph Benkeser)
Sorry vorneweg: 2019 war mein musikalisches Jahr der Ruhe und Entspannung. Kein Ballast, kein Brimborium. Nur Mucke, die sich wie Wattestäbchen in die Ohrwascheln bohrt. Und weil die Welt 2019 gefühlt mehr im Arsch ist als ever, hab’ ich mir Mühe gegeben, den Drang zum Sound-Eskapismus in den eigenen vier Wänden unter der Wurzel aus Fünf hochzupotenzieren. Zwischen dem Lagerfeuer-Geknister auf Félica Atkinsons Über-Platte und dem Proto-House von Bella Boo hab’ ich mit Ossia eine ganze Weile auf einem toten Raben rumgekaut und mich von Elevator Girl Anadol in den 240. Stock bimmeln lassen. Die Akut-Behandlung für Gefahr-im-Verzug-Taubheit in fünf Alben.

  • Félicia Atkinson: »The Flower And The Vessel« (Shelter Press)
  • Ossia: »Devil’s Dance« (Blackest Ever Black)
  • Bella Boo: »Once Upon a Passion« (Studio Barnhus)
  • Anadol: »Uzun Havalar« (Pingipung)
  • Conny Frischauf: »Affekt & Tradition« (Kame House Records)

Verkopfte Bücher für verkopfte Menschen gab’s 2019 ungefähr so oft, wie ich versuchte, die Sache mit dem Brexit zu verstehen. Nicht wirklich mein Ding. Und in Sachen Bücher noch weniger. Deshalb zündel’ ich auch hier mit der Doppelpackung Patchouli-Räucherstäbchen und schneidersitz mich mit drei Diazepam zwischen den Zähnen in einen Geisteszustand, wo sich die innere Beklommenheit zur Abwechslung richtig wegballert. Zum Beispiel mit der deutschen Übersetzung von Ottessa Moshfeghs Roman »My Year of Rest and Relaxation«.

  • Ottessa Moshfegh: »Mein Jahr der Ruhe und Entspannung« (Liebeskind)
  • James Bridle: »New Dark Age« (Verso)
  • Felwine Sarr: »Afrotopia« (Matthes & Seitz)
  • Éduard Louis: »Wer hat meinen Vater umgebracht« (Fischer)
  • Antonia Baum: »Stillleben« (Piper)
Ottessa Moshfegh: »Mein Jahr der Ruhe und Entspannung« (Liebeskind)

Die Consumerism-Escapism-Videos 2019 von Frank Jödicke
Warum wir alle so schlecht schlafen? Weil wir kurz vor dem Einschlafen Musikvideos anschauen. Ist wie eine Droge. Hier der jährliche Überblick, was das Genre des meist aufwendig produzierten Musikvideos 2019 hervorbrachte und zwischen Licht und Schatten den Schlaf raubt.

• Lil Nas X feat. Billy Ray Cyrus: »Old Town Road (Official Movie)«
So sieht es also aus, wenn ein Artist alle Anforderungen der Search Engine Optimization erfüllt. Irgendwie genauso, wie wir es erwartet haben: Keine zwei Minuten ist der Song selbst (Handyaufmerksamkeitsspanne!), alles anderes ist starbesetzes Kurzfilmbeiwerk. Ein Nine-Inch-Nails-Riff geloopt, den Vater jenes schwer erziehbaren Supersternchens hervorgekramt, das Ganze als Country gelabelt (stimmt eh) und tausende Memes später haben wir den Superhit 2019. Alles lustig, niemand unfroh und irgendwie kommt man sich ein bisschen verarscht vor. Aber hey, so läuft der Hase heute.

• Michael Kiwanuka: »Hero«
Thema »Richtig gutes Zeug« (Super Formulierung eigentlich, hoffentlich hat die noch niemand benutzt): Genau solches liefert das britische Soul-Rock-Ausnahmetalent mit ugandischen Wurzeln Michael Kiwanuka. Das Video ist ein komplettes Blaxploitation-Movie in 4:49 min. Herrlich, wie da jemand noch genussvoll über die E-Gitarrenseiten kratzt und äh, ja, das FBI hat Black-Panther-Aktivisten nachts im Schlaf erschossen. So war das damals. Kann man sich ruhig mal wieder dran erinnern. Hero ist ein blödes Wort, aber manchmal muss man leider mutig sein. Kiwanuka zeigt für solche Helden Hochachtung und legt ihnen den roten Teppich mit dem Sound, den Lenny Kravitz im vorletzten 1970er-Revival nicht zusammengebracht hat.

• Lizzo (feat. Missy Elliott): »Tempo«
An Lizzo ist 2019 kein Vorbeikommen. Das Video belegt, dass die besten Autos der Saison Missy Elliott unter der Haube haben und dass man die leichteren Frauen am besten an Bindfäden hängt, um sie durch die Luft fliegen zu lassen. Zwischen mir und meiner Freiheit steht immer dieses kulturindustriell vermittelte Gefühl, dass etwas mit mir nicht zu stimmen scheint. Sei es der eigene Body oder was auch immer. Rutscht mir den breiten Buckel runter, ruft Lizzo diesem Selbstgefühl dazwischen. Das Verhältnis zwischen der pervertierten Form der »Amour-propre« und der zu erreichenden »Amour de soi« konnte Rousseau auch nicht besser beschreiben als die US-Musikerin und er hatte leider auch noch nicht die richtigen Beats zur Hand. Wir sind frei, wenn wir uns als das, was wir sind, erkennen und lieben lernen, alles andere ist ein Scheiß.

• Modeselektor feat. Tommy Cash: »Who«
Modeselektor zeigen klar, wie man Berlin einfach gernhaben muss: Alle komplett im Arsch, von Drogen zerfressen und somit herrlich deka. In Hamburg fragt man sich »Wer sagt denn das?«, in Berlin (viel weltstädtischer) »Who says?«. Das Publikum nimmt sich die Info mit auf die Mescalinreise: In Germanien herrscht die große Orientierungslosigkeit. Was wenig stört, solange die Beats gut dröhnen und man ein Supervideo zusammenbastelt, das so richtig schön zum Kotzen ist. Fahr dir einfach das Fernlenkauto in die Eier, Alter.

• Stormzy: »Vossi Bop«
Stimmt eh lieber Stormzy. »Fuck Boris.« Der britische Rapper hat sich für Labour bei den Unterhauswahlen eingesetzt, weil er weiß, was er den Scheißerchen von Labour zu verdanken hat. Community Center, in denen man Grime üben kann, zum Beispiel. Ist jetzt auch nicht sooooo schwer, die Kids von der Straße zu holen und ihnen die Möglichkeit zu geben, was Schönes und Gutes mit ihrem Leben zu machen, von dem nachher alle profitieren. Die Tories wollen das nicht, sperren die Zentren zu, schüren jene Missgunst zwischen den Menschen, die ihnen nutzt. Äußern sich verächtlich über Fremde und Arme und gewinnen die Wahlen. Stormzy tat, was er konnte, um die Schmeißfliegen aufzuhalten. Leider ging der Punkt an Boris.

• The Big Moon: »Your Light«
Weiteres Beispiel für dieses neue Bedürfnis der Videofilmregisseur*innen, die Anfangstitel wie in einem Horrorfilm reinzupfeffern und bei Videos so zu tun, als seien es kurze Feature-Films, obwohl nur eine Landstraße runtergeradelt wird. Aber tatsächlich wird man das Gefühl nicht los, von vier sympathischen Frauen auf dem Fahrrad verfolgt zu werden. Wenn Preise nicht bescheuert wären, dann könnte die Nummer den Preis abstauben für »perfekter, belangloser Popsong des Jahres«. Am Ende kommen dann auch wirklich die Critters aus dem Fahrradkorb – war ja klar.

• Aldous Harding: »The Barrel«
Die großartige Aldous Harding schlüpft in die Rolle von Kate Bushs böser Schwiegermutter und zeigt, was eine Harke ist, die mehrmals um die Ecke geht. Weird, sexy, crazy, gothic und dabei feinmelodisch. Menschliches Marionettentheater vom feinsten und ein Video, das den Mumins ein bisschen zu unheimlich gewesen wäre.

• Tei Shi feat. Blood Orange: »Even If It Hurts«
Tei Shi und Blood Orange haben sich in einem Videospiel kennengelernt und da wohnen sie jetzt happily-ever-after. Tut tatsächlich ein bisschen weh, dieses Video, das eindrucksvoll aufzeigt, wie Videos eben aussehen, wenn niemandem nichts einfällt: Wiese, griechische Tempel, ein bisschen brustwarzeln durchs Netzhemd und am Ende eine lange Runde Autositzräkeln. Spätestens jetzt müssten eigentlich alle am Bildschirm eingeschlafen sein.

• Richard Dawson: »Jogging«
Auf die Krise mit Weglaufen reagieren? Was sonst? Wie soll dieses scheinbar paranoide Gefühl ausgehalten werden, dass alle um einen herum den Verstand verlieren? Richard Dawson, diese süße Mischung aus Captain Beefheart und Ulrich Rois, hat vermutlich den besten Song zur Lage geliefert. Die Leute werden tatsächlich immer ärger. Wenigstens gibt es so wunderbare Künstler wie Dawson, die mit unglaublichem Gesang und Gitarrenspiel einen ergreifend ehrlichen Song zusammensetzen. Ein Video zum (Alp-)Träumen von unserer kaputten Society. Enthält zusätzlich die letztgültige Zusammenfassung des Joggens: »Hundreds of miles going nowhere.«

• Naughty Boy, Mike Posner: »Live Before I Die«
Thema Laufen II: Es gibt so Dinge, die 2019 ein wenig schwer zu verstehen sind. Wenn zum Beispiel Kids einen Autounfall bauen und aus dem Autowrack alles für Social Media mitfilmen. Der US-Rapper Mike Posner (genau der, der die inoffiziellen FPÖ-Hymne schrieb: »I took a pill in Ibiza«) ist mit 31 Jahren in so einer Orientierungskrise und beschließt, quer durch den Kontinent zu laufen. Okay, alles klar, nur, als ihn eine Klapperschlange beißt, er um sein Leben kämpft und der Arzt ihm sagt, er würde wohl sein Bein verlieren, was macht er? Er hält die Kamera drauf. Kann man sich in dem Video anschauen und sich dann fragen, ob die Leute heute noch ganz knusper sind. Alles, wirklich alles, vom Selbstfinden bis zum Überleben, wird nur mehr fürs Fernsehen gemacht. skug-Lebenshilfe-Tipp: Die Video-Diary-Diarrhoe up your ass!

Geri Schöberls Konzert-Hitliste 2019
Die 11 schönsten Live-is-live-Momente des Jahres in chronologischer Reihenfolge.

  • Dave Matthews Band, Hammersmith Apollo, London, 12.03.2019

Der Auftakt des Konzertjahres führte gleich ins altehrwürdige »Hammy O« nach London. Die an Spielwitz kaum zu überbietenden Musiker rund um den Ober-Charismatiker Matthews boten eine gut durchmischte Setlist mit Stücken aus allen Phasen der vergangenen 25 Bandjahre.

  • Element of Crime, Gasometer, Wien, 02.05.2019

Im Zuge der Tour zum 2019 erschienenen Album »Schafe, Monster und Mäuse« waren für Element of Crime auch zwei Abende im Gasometer geplant. Klassiker wechselten sich mit aktuelleren Stücken ab, wobei das aktuelle Album bis auf eine Ausnahme komplett gespielt wurde. Ein Höhepunkt: Das schöne Duett »Karin, Karin« von Frontmann Sven Regener mit seiner Tochter Alexandra.

  • Dave Hause & The Mermaid, Porgy & Bess, Wien, 05.05.2019

Es kann eigentlich kein Konzertjahr vergehen ohne eine zünftige Dave-Hause-Show. Diesmal etwas unorthodox im Porgy & Bess, aber dafür umso unmittelbarer. Grandioses Cover von »Hold Out Your Hand« von Brandi Carlile, die mittlerweile, zumindest in den USA, auch kein Geheimtipp mehr ist. Die Wut-Nummer »Dirty Fucker« schloss das Konzert mit den schlechtesten Grüßen ins Weiße Haus.

  • GoGo Penguin, Porgy & Bess, Wien, 09.05.2019

Auf Geheiß eines Freundes kehrten wir in jener Konzertwoche nochmal ins Porgy zurück für den musikalisch außergewöhnlichsten Abend des Jahres: Mit seiner Mischung aus Jazz, Electronica, Trip Hop, Rock etc. und ohne eine einzige gesungene Zeile verzückte das Trio aus Manchester mit Stand-up-Bass, Drums und Piano eine knappe Stunde lang das Publikum. Mal pianissimo, mal fortissimo und immer herausragend. Absolute Empfehlung für die Zukunft.

  • Bad Religion, Arena Open Air, Wien, 21.05.2019

Erstes Highlight der Freiluft-Saison. Mit dem komplett gespielten 1989er-Album »No Control« in Halbzeit Zwei feierten die Polit-Punks das 30-Jahre-Jubiläum des Klassikers.

  • Eddie Vedder w/ Glen Hansard, AFAS Live, Amsterdam, 10.06.2019

Es gebe gewiss schönere Auftrittsorte in Amsterdam für eine der stimmungsvollen Soloshows des Pearl-Jam-Frontmannes. Doch muss man die seltenen Gelegenheiten ergreifen, wenn sich Ed Vedder auf Solopfaden in Europa bewegt. Musikalisch verliehen die Streicher*innen vom Red Limo String Quartet den Stücken mehr Tiefe, ohne aufdringlich zu sein. Die Setlist selbst war gespickt mit Raritäten und ausgefallenen Coverversionen von Vedders Lieblingsliedern. Die Kraft des Abends kulminierte in der letzten Dreiviertelstunde, die gemeinsam mit Support und »Special Guest« Glen Hansard in die Halle gestampft wurde.

  • Kurt Razelli, Metastadt, Wien, 11.07.2019

Als Support-Act von Scooter avancierte der Mash-up-Künstler Kurt Razelli an diesem Abend zum Headliner der Herzen. Wer für diese Art Musik-Klamauk empfänglich ist, hatte mit den TV- und Polit-Samples auf HipHop-Beats wohl eine richtige Freude.

  • Calexico / Iron & Wine, Konzerthaus, Wien, 28.07.2019

Sam Beam und die beiden Brüder im Geiste von Calexico – Joey Burns und John Convertino – haben mit »Years to Burn« wohl eines der besseren Kollabo-Alben des Jahres zustandgebracht. Dass sie die Magie des Albums, tatkräftig unterstützt von hervorragenden Mitmusikern und der dichten Atmosphäre im Konzerthaus, beim Auftritt noch zu toppen vermochten, war eigentlich nicht für möglich zu halten.

  • The Bouncing Souls, sbäm Fall Edition, Alter Schlachthof, Wels, 01.11.2019

Unangefochtener Headliner bei der sbäm-Ausgabe im Herbst. Hätte für meinen Geschmack etwas weniger Hit-Show sein können. Was ist zum 25-Jahre-Jubiläum des ersten Albums allerdings anderes zu erwarten? Im Übrigen könnte man größere Probleme haben.

  • Glen Hansard, Konzerthaus, Wien, 15.11.2019

Der umtriebige Ire changierte mit seinen sieben Mitmusiker*innen gekonnt zwischen Intimität und Wall of Sound. Heimlicher »Star« war – zurecht – der wohl durch seine langjährige Arbeit mit Leonard Cohen bekannte Javier Mas an der Spanischen Gitarre. Mit dem Suicide-Cover »Dream Baby Dream« wartete die Band einen originellen, wenngleich Hansard-untypischen Closer auf.

  • Thees Uhlmann, Gasometer, Wien, 06.12.2019

Der ehemalige Tomte-Frontmann sorgte für den Feelgood-Abschluss des heurigen Konzertjahres. Auch die Stücke vom 2019er-Album »Junkies und Scientologen« funktionierten live hervorragend. Keine Spur von » Fünf Jahre nicht gesungen«.