»High Life« © Polyfilm Verleih

Das Schwarze Loch in uns und im All

Mit ihrem Spielfilm »High Life« begibt sich die französische Regisseurin Claire Denis erstmals ins Weltall und erzählt von einer besonderen Vater-Tochter-Beziehung.

Irgendwo in den Weiten und der Dunkelheit des Alls ist das Raumschiff Nr. 7 seit Jahren unterwegs. An Bord ein junger Mann namens Monte (Robert Pattinson) und ein etwa einjähriges Baby (Scarlett Lindsey), Willow genannt. Liebevoll kümmert sich Monte um das kleine Mädchen, das seine Tochter ist. In Rückblenden erzählt der Film, was es mit dieser Weltraumreise auf sich hat und warum sich nur diese beiden Menschen an Bord befinden.

Die Besatzung umfasste ursprünglich neun Personen, alle zu lebenslangen Haftstrafen Verurteilte, die sich freiwillig für diese Weltraummission gemeldet hatten. Bald stellt sich heraus, dass sie ihre irdischen Gefängnisse mit einem durchs All fliegenden getauscht haben. Im Dienste der Wissenschaft sind sie angeblich unterwegs, erforscht werden soll wohl die menschliche Fortpflanzung unter kosmischen Bedingungen. Dr. Dibs (Juliette Binoche) sammelt jedenfalls Spermaproben der männlichen Crewmitglieder ein und versucht die weiblichen künstlich zu befruchten. Der Nutzen dieser »Forschungsarbeit« für die Menschheit ist mehr als fragwürdig, denn die Kommunikation zur Erde ist längst abgebrochen, eine Rückkehr nicht vorgesehen. Verzweiflung, Depression, Wut, Aggression wachsen, Gewalttätigkeit und auch Selbstbeschädigung sind die Folgen. Nach und nach kommt ein Crewmitglied nach dem anderen auf unterschiedliche Arten ums Leben. Eben bis auf Monte und Willow, die das »Produkt« von Dibs einzigem erfolgreichen Versuch ist.

Binoche als »Mad Scientist«
Dr. Dibs – wunderbar mit Juliette Binoche eher entgegen deren üblichem Fach besetzt – ist die dunkelste und faszinierendste Figur des Films. Eine mehrfache Mörderin, die als Ärztin vollkommen ungerührt ihre menschlichen Versuchskaninchen manipuliert, unnahbar und gleichzeitig sehr körperlich präsent. Sie gibt in »High Life« die Rolle des »Mad Scientist« und gewissermaßen eine Art Succubus mit einen Touch Hexenhaftigkeit und Dämonie.

Dr. Dibs besucht Monte als »Succubus« © Polyfilm Verleih

Claire Denisʼ erster englischsprachiger Film ist auch ihr erster Science-Fiction-Film – von dem sie selbst sagt, es handle sich nicht um Science-Fiction. Jedoch: Die Handlung spielt im Weltraum und in der Zukunft, somit kann »High Life« eindeutig dem Genre zugeordnet werden, wenn auch, nicht nur. Die Fragen, um die es in diesem Film geht, behandeln nicht die Zukunft der Menschen, sehr wohl aber die conditio humana. Und wie etwa »Alien« (1979), dem mitunter abgesprochen wird, ein Science-Fiction-Film zu sein, beinhaltet »High Life« Elemente von Horror und Thriller. Hauptthema sind aber menschliche Beziehungen, insbesondere die zwischen Vater und Kind. Eine wunderschöne Vater-Tochter-Beziehung, die einer (missglückten) Versuchsanordnung geschuldet ist.

Liebe und Zärtlichkeit
Es geht um die Frage der Möglichkeit von Liebe und Zärtlichkeit in einer gewalttätigen, kalten Welt, noch auf die Spitze getrieben durch eine beengte künstliche Umgebung des Raumschiffs. Die neun Personen an Bord schließen weder Freundschaften, noch entstehen Paarbeziehungen. Auch das geradezu übermäßig vorhandene sexuelle Begehren führt zu keinen menschlichen Annäherungen. Man reagiert sich ab mit (maschinenunterstützter) Selbstbefriedigung und Gewalttätigkeit. Es sind die Menschen selbst, keine bösen Aliens oder Krankheitserreger, die die schlimmsten Gegner sind.

Monte und seine Tochter Willow © Polyfilm Verleih

Die Charaktere sind gebrochene oder eigentlich sozial deformierte Individuen, die in ihrem Erdenleben nicht mehr allzu viel zu erwarten hatten, im All erwartet sie allerdings das Nichts, auch ganz wortwörtlich in Form eines Schwarzen Lochs. Ein vorprogrammierter Kurs bringt das Schiff nahe an dieses kosmische Phänomen. Als Metapher ist das Schwarze Loch fast banal. Im Zentrum liegt die absolute Finsternis? Symbolisiert es das Dunkle in uns? Die Darstellung menschlicher Abgründe erscheint als zentrales Thema mehrerer Filme von Claire Denis und wenn auch »High Life« nicht als ihre allerbeste Arbeit einzuschätzen ist, ist er dennoch einer ihrer düstersten Filme. Trotz des »Sonnenscheins« Willow, der einzigen »Unschuldigen« an Bord.

Weniger mäandernd
In der Science-Fiction, vor allem in TV und Kino, gehören Schwarze Löcher quasi zum Standardinventar und regen seit Jahrzehnten die Phantasien von in Physik und Astronomie oft wenig bewanderten Drehbuchautor*innen an. Bei Claire Denis bildet es einen Ort des Begehrens und nicht z. B. etwas Unmögliches wie eine Hyperraumschnellverbindung. Zur optischen Gestaltung des Schwarzen Lochs wurde übrigens der Konzeptkünstler Olafur Eliasson konsultiert. Die Filmmusik stammt von Claire Denisʼ »Leib- und Hofkomponisten« Stuart A. Staples (Tindersticks), dessen Song »Willow« auch in einer von Robert Pattinson gesungenen A-capella-Version im Film zu hören ist. Claire Denis erzählt »High Life« in langen Einstellungen, wie meist in ihren Filmen, jedoch weniger mäandernd und sprunghaft, bleibt aber auch etwas weniger rätselhaft als in einigen anderen Werken. So einiges der Handlung ist vorhersehbar, dennoch ist der Film weder langweilig noch banal, sondern eine sehr gute Arbeit, die nur gemessen an Denisʼ exzellentem Oeuvre etwas fahl erscheint.

Tipp: »Hommage à Claire Denis«
Das Filmcasino Wien zeigt von 2. bis 24. Juni 2019 ausgewählte Filme von Claire Denis: https://www.filmcasino.at/special/hommage-a-claire-denis/