»Christo – Walking on Water« © Film7

Von »Stubborn Piers« und »Floating Ideas«

»I know these projects are totally useless, (…) they exist because we like to have them, if others like them, it’s only a bonus.« Andrey Paounovs Film »Christo – Walking on Water« zeigt ein Porträt des bulgarischen Ausnahmekünstlers Christo und bleibt dessen Ideen treu. Ein Plädoyer für öffentliche Kunst.

Das Konzept von Christo und seiner 2009 verstorbenen Partnerin Jeanne-Claude war überraschend einfach: Sie wollten nie Kunst evozieren, sondern »the real thing«. Das Besondere an den Projekten des Künstler*innenpaars war, dass sie die Öffentlichkeit provozierten, aber auch, dass sie ohne diese nicht bestehen konnten. Ihr großes Ideal war neben der Reaktion der Menschen immer auch deren Miteinbeziehung, ihr Ziel, nicht nur Kunstwerke im öffentlichen Raum zu etablieren, sondern aus der Umwelt selbst ein Kunstobjekt zu machen, das ohne ebendiese Öffentlichkeit nicht spürbar wäre. Die Dokumentation »Christo – Walking on Water« schafft es, über den Zweck der Inszenierung hinaus dieses Credo des Künstler*innenpaars in ganz konkreten Momenten greifbar zu machen. Gleichzeitig artikuliert der Film mehr oder minder zufällig die Ambivalenz, die alle so öffentlichkeitswirksamen Künstler*innen trifft: Die vorgestellte Intention versus den realen Kunstmarkt.

»Christo – Walking on Water« © Film7

Zwischen Sturheit und Massenhysterie
Der Zusatztitel »Walking on Water« beschreibt eine Installation Christos und Jeanne-Claudes für das gemeinsam schon in den 1970er-Jahren konzipierte Projekt »Floating Piers«, welches aber von Christo erst 2016 im Alleingang finalisiert wurde. Paounov erzählt hier also nicht nur die Geschichte der Erschaffung eines Kunstwerks, sondern im Subtext ebenso von der Sturheit, die es braucht, um eine Idee zu verwirklichen. Und man kann es wirklich sagen: Christo war und ist ein Exzentriker. In den hitzigen Diskussionen wird klar, dass er keinen Kompromiss darüber eingehen wollte, dass den Besucher*innen auch nur ein Teil ihrer Erfahrung genommen werden könnte. Dazu enthält der Film ein weites Spektrum an absurd-witzigen Konstellationen. Dieses reicht von skurrilen Situationen mit den italienischen Behörden bis zu »fancy« Gartenpartys in »High Society«-Künstler*innenkreisen, bei denen alle Anwesenden gar nicht aufhören können, Christo Honig ums Maul zu schmieren.

Dass es bei der zwei Wochen lang öffentlich zugänglichen Installation zu einem unerwartet hohen Besucher*innenandrang kam, ist der dramaturgische Höhepunkt des Filmes. In dieser Zeit gab es bereits knapp eine Million Besucher*innen, was die Beteiligten beinahe dazu zwang, das Projekt frühzeitig abzubrechen. Der Film zeigt ein exemplarisch-ironisches Bild des heutigen Kunsttourismus: Menschenmassen, die sich wie exponierte Ameisen über den knallgelben Grund der fast drei Kilometer langen Stege über den italienischen Iseosee bewegen.

»Christo – Walking on Water« © Film7

The »real thing«
»Real weather, real wind, real water« sind Schlagwörter, die Christo im Film benutzt, um seine Intentionen verständlich zu machen. Wie in seinen und Jeanne-Claudes früheren Werken könnte man auch bei »Floating Piers« von einer Verhüllungsaktion sprechen, die durch ihre Form ihren Inhalt zum Ausdruck bringt. Nur, dass es in diesem Fall weder die Verpackung eines Bauwerkes noch einer Naturkulisse ist, sondern vielmehr eine Rahmensetzung darstellt, durch die man ein besonderes Verständnis von seiner Umwelt erhält: Wer über die »Piers« ging, sollte dank der gezielt gewählten »fabric-like« Eigenschaften der Stege wirklich das Gefühl haben, selbst auf dem Wasser zu gehen. Und es ist eine besondere Ehrung durch Paounov, dass auch die Art und Weise, den Künstler zu filmen, dieses angestrebte Gefühl von Wirklichkeit widerspiegelt: Locker geführt, folgt die Kamera Christo nicht nur in Versammlungen, sondern ebenso in die hysterischen Besucher*innenmassen. Dadurch hat man konstant das Gefühl, im Moment dabei zu sein.

»Christo – Walking on Water« © Film7

Ungebeugter Widerstand
Es ist zu vermuten, dass die nötige Gegenkraft zu Christos Sturheit seine verstorbene Frau und Partnerin Jeanne-Claude darstellte. Humorvoll und sympathisch wird dieser Part nun inzwischen von seinem Manager eingenommen, der stetig versucht, den doch schon 83-jährigen Christo mit dem modernen Zeitgeist zu vereinen. Vor allem die Dynamik der beiden verleiht dem Film eine zusätzlich komische Note. Speziell dann, wenn sich der Künstler dem undurchsichtigen Begehren des heutigen Kunstmarkts mit seiner Haltung widersetzt und durch seinen Manager in scharfen Tönen zurechtgewiesen wird. Das natürlich kümmert Christo sichtlich wenig.

»Christo – Walking on Water« läuft ab 12. April 2019 in den heimischen Kinos.

Link: https://christo-walkingonwater.de/