Bildausschnitt Viennale Sujet 2023 © Viennale
Bildausschnitt Viennale Sujet 2023 © Viennale

Perfekte Kinotage bei der Viennale 2023

Von 19. bis 31. Oktober 2023 ging die 61. Ausgabe des Viennale Filmfestivals über die Bühne bzw. Leinwand von Gartenbaukino, Urania, Stadtkino, Metro und Filmmuseum. Ein Rückblick mit Tipps für den kommenden Filmherbst.

Viennale-Zeit ist Ausnahmezustand, Akkreditierung sei Dank. Nach 13 Tagen in fünf Wiener Programmkinos mit durchschnittlich drei Filmen pro Tag herrscht eine gewisse Übersättigung, aber auch wohlige Zufriedenheit, und mancher Film hallt noch lange nach Verlassen des Kinosaals im Inneren nach. Die Highlights des diesjährigen, 61. Filmfestivals von 19. bis 31. Oktober wollen wir an dieser Stelle resümieren und für künftige Filmstarts in Österreichs weiterempfehlen.

»Magyarázat mindenre« (Gábor Reisz, HU, SK 2023)

Der 18-jährige Ábel (Gáspár Adonyi-Walsh) lebt ein sorgloses Teenager-Leben zwischen erster Liebe, Abhängen im Park und Lernen für die Abschlussprüfung. Doch als er im entscheidenden Moment den Mund nicht aufkriegt und hochkant durchrasselt, schiebt er es auf seinen Geschichtslehrer Jakab (András Rusznák), der ihn wegen eines nationalistischen Pins am Revers hätte durchfallen lassen. Zumindest erzählt er das seinem Vater György (István Znamenák), der auf die Barrikaden geht, um die Ehre seines Sohnes und seiner Familie zu retten. Und im Nu hat sich die Geschichte zu einem veritablen Politskandal ausgewachsen, der die drei Hauptcharaktere und ihr gesamtes Umfeld in Mitleidenschaft zieht. Regisseur Gábor Reisz lässt im Eröffnungsfilm der diesjährigen Viennale die Handlung in Zeitlupe eskalieren und porträtiert seine Protagonisten detailreich, aber durchaus humorvoll, was dem Publikum erleichterte Atempausen erlaubt. Dennoch sind zweieinhalb Stunden viel Zeit für einen Treppenwitz mit unklarer Pointe und man möchte den Figuren ihre trotzige Selbstgerechtigkeit am liebsten um die Ohren hauen. Alles in allem also ein eher anstrengender Festivaleinstieg, zumal nach der erzählerischen Leichtigkeit des letzten Eröffnungsfilms »Vera«.

»Perfect Days« (Wim Wenders, DE, JP 2023)

Hirayama (Kôji Yakusho) führt ein einfaches, repetitives Leben. Er steht früh auf, macht sich für die Arbeit fertig, fährt in die Stadt und reinigt die Toiletten des Tokyo Toilet Project, die in ihrer architektonischen Vielfalt beinahe schon eigene Figuren in Wim Wenders aktueller Charakterstudie darstellen. Nach der Arbeit dreht er eine Runde mit dem Rad, besucht seinen Stammimbiss und liest vor dem Schlafengehen noch ein bisschen in seinen 1-Dollar-Büchern. Er gießt seine Setzlinge, fotografiert den immergleichen Baum im Park und hört im Auto seine geliebten Dadrock-Kassetten von Patti Smith bis Lou Reed, der auch den Titel des Films inspirierte. Nur gelegentlich bricht der wortkarge Mann dabei sein Schweigen in der Interaktion mit anderen Menschen, dem liebeshungrigen Kollegen, der von zuhause ausgebüxten Nichte, der entfremdeten Schwester, dem todkranken Exmann der Barbesitzerin. Diese Begegnungen sind beiläufig, aber stets selbstlos und warmherzig, denn Hirayama lebt für den Moment und findet Schönheit in »komorebi«, dem flackernden Spiel von Licht und Schatten in den Blättern der Bäume, jeder Augenblick einmalig und unwiederbringlich. »Perfect Days« ist ein langsamer Film. Ein Film, dem man, wie Kameramann Franz Lustig im Viennale Talk sagt, Zeit geben muss. Und er ist diese Zeit wert. 

»Robot Dreams« (Pablo Berger, ES, FR 2023)

Als Dog beim TV-Dinner sitzt und durchs Fenster die Nachbarn beim Kuscheln auf der Couch beobachtet, trifft ihn die Erkenntnis wie ein Schlag: Er ist einsam. Doch Teleshopping sei Dank gibt es Abhilfe. Im Handumdrehen ist ein Roboter bestellt, mittels IKEA-Bauanleitung zusammengesetzt und zum Leben erweckt, und Dog hat endlich wen zum Rollerskaten, Pong-Spielen und Händchenhalten. So schnell das Schicksal Dog und Robot zusammengeführt hat, so schnell und unbarmherzig trennt es sie aber wieder und alles, was bleibt, ist die Erinnerung an glücklichere Zeiten zum »September«-Soundtrack von Earth, Wind & Fire. Der spanische Regisseur Pablo Berger zollt mit seinem Animationsfilm »Robot Dreams« der gleichnamigen Grafiknovelle der Amerikanerin Sara Varon Tribut und schafft eine herzerwärmende Parabel über Freundschaft/Liebe, Verlust und Wandel. Dabei bedient er sich einer universellen, meist wortlosen Bildsprache abseits heteronormativer und anderer Klischees und transportiert die Emotionen seiner tierischen Protagonist*innen weitgehend über deren Mimik und Gestik. Der Film ist aber auch eine nostalgische Liebeserklärung an das New York der 1980er-Jahre, über dem sich das Märchenschloss der Twin Towers erhebt, und ein versöhnlicher Blick in die Zukunft im Wissen, dass Leben Veränderung ist.

»Stillstand« (Nikolaus Geyrhalter, AT 2023)

Bei Nikolaus Geyrhalters 137-Minuten-Film »Stillstand« war ich eigentlich auf eine gesunde Portion Kinoschlaf eingestellt. Stattdessen hat die Dokumentation über die Covid-19-Pandemie in Wien mich von der ersten bis zur letzten Minute in ihren Bann gezogen. Geyrhalter hat die Situation in der Bundeshauptstadt ab März 2020 zuerst nur »fürs Archiv« in Szenen und Interviews festgehalten. Drei Jahre später und nach »Ende« der Pandemie wurde der Film nun finalisiert und erlebte im Gartenbaukino (eine der Film-Locations) seine Österreich-Premiere. Erstaunlicherweise hat man in diesen drei Jahren viel von dem vergessen (oder verdrängt), was sich vor nicht allzu langer Zeit »wie ein falscher Film« anfühlte. Die gähnende Leere in den Straßen, Parks und Öffis der Stadt – und im Himmel darüber. Die Notstation in der Messe Wien und das Bundesheer beim Einsatz in den Teststraßen. Oder dass der Stephansdom eines der ersten Impfzentren war. Das alles wirkt absurd und irreal und war doch bis vor Kurzem tägliche Realität. Für die Wiener*innen im Publikum – so auch für mich – ist die eine oder andere Szene Teil der persönlichen Corona-Chronik. Vom Fiebermessen im Filmcasino bis zum Handyhochhalten beim Lichtermeer im Gedenken an die Corona-Opfer: Ständig rechnet man damit, das eigene Gesicht auf der Leinwand zu sehen, und fühlt sich dabei ebenso verloren wie die Schüler*innen der »Lost Generation«.

»Die Theorie von allem« (Timm Kröger, AT, CH, DE 2023)

Das Multiversum ist ein ausgelutschtes Thema. Ebenso wie bei der kleinen Schwester Zeitreisen ist in diesem Subgenre alles schon mal dagewesen und wurde auf die eine oder andere Weise durchexerziert: Tore zu Parallelwelten, Wandern zwischen Dimensionen und die damit verbundene Überlappung von Lebensgeschichten samt Doppel- und Mehrfachgängern: Been there, seen that. Tim Krögers »Die Theorie von allem« reiht sich mit einer soliden Geschichte, aber ohne größere Überraschungen in diese filmische Tradition. Wodurch der Film sich jedoch auszeichnet und von der Genreverwandtschaft unterscheidet, ist seine Inszenierung im Stil der großen »Autorenfilme« des 20. Jahrhunderts, allen voran des Großmeisters der filmischen Bildsprache, Sir Alfred Hitchcock. Das beginnt beim dramatischen Filmscore, der nahezu jede Szene begleitet und sich, ungewohnt im modernen Kino, selbstbewusst in den Vordergrund drängt. Es macht sich bemerkbar bei visuellen Techniken wie starker Unter-/Aufsicht, kontrastreicher Beleuchtung, extremen Close-ups oder Schärfeverlagerungen. Und es gipfelt in narrativen Metaphern wie Überblendung als Sinnbild für sich überlagernde Realitäten oder Dialoge im Spiegel als Hinweis auf eine multiple Existenz. Das alles macht »Die Theorie von allem« zu einem filmtheoretischen Fest und das ist vielleicht nicht alles, aber allemal eine Weiterempfehlung wert.

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