© Viennale

Die Wahrheit in der Lüge

Der Eröffnungsfilm der diesjährigen Viennale ist die österreichische Produktion »Vera« von Tizza Covi und Rainer Frimmel. Die – zumindest teilweise – wahre Geschichte einer Frau auf der Suche nach ihrem Platz im Leben.

Wir begegnen Vera auf dem Weg zu einer Filmpremiere in Rom. Als Tochter des berühmten italienischen Spaghetti-Western-Darstellers Giuliano Gemma ist sie auf dem roten Teppich zuhause und mit A-Promis wie Monica Bellucci und Quentin Tarantino auf Du und Du. Doch hinter der glitzernden Fassade, dem aufgetakelten Äußeren und dem zu oft operierten Gesicht entpuppt sich Vera als sensible, empathische Frau, deren Traum es ist, ihrer Einsamkeit zu entfliehen, aus dem Schatten ihres Vaters zu treten und ihrem Leben einen Sinn zu geben.

Als sie und ihr Fahrer Walter in einen Unfall verwickelt werden, bei dem ein Kind verletzt wird, scheint dieser Traum wahr zu werden: Von Schuldgefühlen geplagt, kümmert sich Vera um den kleinen Manuel, seinen Vater Daniel und seine Nonna und versucht, die in ärmlichen Verhältnissen lebende Familie nach Kräften zu unterstützen. Im Gegenzug wird sie mit offen Armen aufgenommen und schlägt alle Warnungen in den Wind, dass sie einem Betrug aufsitzt. Doch Daniel hat seine eigenen Träume und Vera kann ihm helfen, sie zu erfüllen …

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Selbstdarsteller*innen

Wahrheit und Authentizität stehen im Fokus der Dokufiktion von Tizza Covi und Rainer Frimmel. Das liegt an den Laiendarsteller*innen, beispielsweise David de Palma, der als gleichnamiger Charakter für »Vera« erstmals vor der Kamera stand, und natürlich an Vera Gemma, die sich im Wesentlichen selbst spielt. Aber auch in und zwischen den Zeilen ist die Thematik immer wieder spürbar, etwa als Vera bei einem Casting Al Pacinos legendären Monolog aus »Scarface« vorträgt, mit den Worten: »I always tell the truth, even when I lie.«

Trotzdem sind wir alle auch Schauspieler*innen, die sich in ihre Rolle fügen, wenn es die Umstände erfordern. So auch Vera, die die überbordende Präsenz ihres »perfekten« Vaters hasst, sich aber bei Castings durchaus gerne als seine Tochter inszeniert, wenn es ihr hilft, einen Fuß in die Tür zu bekommen. Oder David, der zwar von Anfang an keinen Hehl aus seinen Ambitionen macht, sich und seine Familie aus der misslichen Lage und der bedrückenden Enge der römischen Vorstadt zu befreien, Vera aber letztlich für seine Zwecke benutzt.

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In einer Szene erklärt er ihr die Tätowierungen, die seinen Oberkörper und seine Arme bedecken. Es ist die Darstellung eines Kampfes Gut gegen Böse, ein edler Krieger gegen teuflische Dämonen. »Wer gewinnt? «, fragt ihn Vera. »Das Gute natürlich«, antwortet David, der sich wenige Stunden später mit Kind und Kegel und Veras Familienschmuck aus dem Staub macht. Weil das seine Rolle ist.

Link: https://www.viennale.at/en/film/vera