© slash Filmfestival, Neon & Topic Studios
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Urlaub in der Hölle

Zur Eröffnung des »kleinen« slash Filmfestivals alias slash 1/2 premierte Brandon Cronenbergs »Infinity Pool« am 4. Mai 2023 im Wiener Filmcasino.

Brandon Cronenberg, Sprössling von Altmeister David Cronenberg, steigt mit »Infinity Pool« einmal mehr in die Badeschlapfen des Vaters. Genretechnisch bewegt sich die Story rund um den stagnierten Autor James Foster (Alexander Skarsgård), der bei einem »inspirierenden« Urlaubsaufenthalt den vielfältigen Versuchungen von Gabi Bauer (Mia Goth) erliegt, zwischen Psychothriller und Bodyhorror, wie man es schon vom Senior kennt. Der Junior legt aber eine Prise (Selbst-)Ironie nach, einerseits in Form von Upper-Class-Gesellschaftskritik im Fahrwasser aktueller Produktionen wie »The Menu« und »Triangle of Sadness«, andererseits, wenn er etwa seinem Protagonisten die Kritik zukommen lässt, er sei ein talentloser, prätentiöser Möchtegernkünstler, der nur dank Vitamin B den Fuß in die Branchentür kriegt. That said, Talent kann man Brandon Cronenberg nicht absprechen, Vergleiche mit dem Vater – und spöttische Seitenhiebe – wird er aber wohl Zeit seines filmischen Schaffens über sich ergehen lassen müssen.

Die Geschichte selbst kann als Metapher auf die Sinn- und Lebenskrise eines Mannes mittleren Alters gelesen werden, der dem engen Korsett seines Seins entfliehen will, und James gelingt das, wenn auch vorerst wider Willen: Nach einem von ihm verschuldeten Autounfall, bei dem ein Einheimischer ums Leben kommt, wird er kurzerhand zum Tode verurteilt. Das für betuchte Tourist*innen geschaffene Loophole in der ansonsten strengen Justiz des fiktiven Inselstaates La Tolqa (gedreht wurde u. a. in einem Luxusresort an der kroatischen Küste) hilft ihm jedoch aus der Misere, an seiner Stelle wird einfach sein eigens dafür produzierter Klon hingerichtet. In der Folge kommt James in Kontakt mit einer Gruppe von Gästen, die das gleiche »Schicksal« erlitten haben und jährlich auf die Insel zurückkehren, um sich eine Auszeit von der Zivilisation mit allen ihren Regeln zu gönnen. Von Sex und Drogen bis Mord und Totschlag bleibt Geld sei Dank für die Verantwortlichen ihr Handeln ohne Folgen, nur die Urnen mit der Asche der verbrauchten Alter Egos reihen sich zunehmend auf dem Kaminsims.

Auf philosophischer Ebene befasst sich Brandon Cronenberg mit der Essenz der menschlichen Identität vor dem – nicht ganz neuen – Gedankenexperiment über Unsterblichkeit durch Reproduktion und daraus resultierende ethische Tücken. Denn Surrogat-James sieht nicht nur aus wie sein Vorbild, er fühlt und denkt ebenso und fürchtet sich vor dem Tod und wehrt sich dagegen. Das geht auch Original-James an die Substanz, der in einem klaren Moment versucht, seinen Gefährt*innen – allen voran eine überragende Mia Goth als furchteinflößende Rädelsführerin Gabi – zu entkommen, doch es ist zu spät. Während die anderen Gäste zum Saisonschluss in ihr zivilisiertes Leben und ihren geregelten Alltag zurückkehren, gibt es für James keine Kehrtwende, ob aus Schuldgefühlen oder weil er sein wahres Ich gefunden hat, bleibt unserer Interpretation überlassen. Wer sich selbst ein Bild machen will: »Infinity Pool« startet am 12. Mai 2023 auch regulär in den österreichischen Kinos, beispielsweise im Filmcasino. Das slash Filmfestival kann man außerdem bis 12. Juni auf Start Next unterstützen.

Link: https://slashfilmfestival.com/slash-einhalb-2023-programm/infinity-pool/

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