»Barbara Rubin and The Exploding NY Underground« © Juno Films

»Tear Down the Walls«

Auch das Jüdische Filmfestival Wien musste Corona-bedingt umdisponieren, konnte aber trotz aller Widrigkeiten statt im Mai in etwas verändertem Rahmen von 7. bis 21. Oktober 2020 stattfinden. Wie es war und was in den nächsten Wochen noch programmmäßig davon bleibt, hier in einem kurzen Überblick.

Eigentlich sollte man meinen, dass gerade der Film in seinem medialen Charakter am wenigsten von der derzeitigen Weltsituation betroffen sein müsste. Immerhin sind Kinobesuche noch am ehesten unproblematisch und auch im Rahmen aller Sicherheitskonzepte zu bewerkstelligen. Dennoch wird jede*r Filminteressierte gespürt haben, wieviel doch alle bestehenden Filmfestivals in ihrer Funktion als Diskursraum und Möglichkeit für Vernetzung über Kino und Film essenziell für eine lebendige Filmkultur sind. Deswegen ist die Freude für alle Beteiligten – Zuschauer*innen wie Organisator*innen – umso größer, wenn diese so wichtigen Veranstaltungen trotz der bestehenden Bedingungen doch irgendwie stattfinden können. Nach einer abgebrochenen Diagonale im März und einem digitalisierten (und jetzt teils nachgeholten) Crossing Europe im Mai ist nun also auch das Jüdische Filmfestival Wien in einer Covid-abgewandelten Form verspätet vonstattengegangen, wie zuvor schon das Slash-Filmfestival im September und die dieser Tage beginnende Viennale: nämlich vorrangig auf das reine Filmerlebnis konzentriert. Und man könnte meinen, dass das – abseits seiner so wichtigen sozialen und diskursiven Vernetzungsfunktion – für ein Filmfestival ja nicht die schlechteste Möglichkeit ist, sich zu repräsentieren.

Statt einer großen Eröffnungsveranstaltung mit Buffet gab es eben Goodie-Bags und aufgrund der Reisebeschränkungen vermehrt auch digitale Zuschaltungen oder kurze, voraufgezeichnete Inputs der jeweiligen Regisseur*innen (obwohl durchaus auch einige Live-Veranstaltungen stattgefunden haben). Außerdem wurde in diesem Jahr aufgrund der Sicherheitsabstände auf die Räumlichkeiten des Village Cinema Wien Mitte gesetzt. Wie bei allen anderen Festivals ist die Hoffnung groß, dass die Ausgabe im Mai im kommenden Jahr in gewohnter Form stattfinden kann. Jedoch kann zusätzlich zu einem Rückblick auf die ausnahmsweise im Oktober stattgefunden habende Ausgabe 2020 durchaus ein kurzer Ausblick auf das Kinoprogramm der nächsten Zeit gegeben werden: ein kurzes Plädoyer für einen Kinobesuch.

Zwischen Europa und New York
Ausnahmsweise viel dokumentarisch unterwegs sollen hier nur kurz drei »Schmankerl« aufgezeigt werden, die besonders interessant waren. Zunächst wäre das der Film »Barbara Rubin and The Exploding NY Underground«, ein Film von Chuck Smith, der sich mit der selten erwähnten Experimentalfilmerin Barbara Rubin beschäftigt, die als Partnerin von Allen Ginsberg und Freundin von popkulturellen »Künstlerikonen« wie Bob Dylan und Andy Warhol vor allem deswegen in Vergessenheit geraten ist, weil sie sich mit Ende 20 einer streng orthodoxen jüdischen Gruppe zuwandte und sich damit komplett aus der Künstlerwelt des New York Underground der 1960er-Jahre verabschiedete sowie tragischerweise bei der Geburt ihres letzten Kindes viel zu jung verstarb. Das Porträt der für den Experimentalfilm der damaligen Zeit unheimlich einflussgebenden Künstlerin war damit überraschend wie beeindruckend.

Gleichermaßen spannend ist der Film »It Must Schwing: The Blue Note Story« von Eric Friedler, der von den zwei Jazz-Begeisterten Alfred Lion und Francis Wolff handelt, die 1939 aus Berlin vor den Nazis nach New York flüchteten und dort eines der für den Jazz der 1940er-Jahre wichtigsten Musiklabels begründeten. Mit Blue Note Records positionierten sie sich damals in einem musikindustriellen Raum, der von Rassismus bestimmt war, und spielten gerade auch wegen ihrer eigenen Ausgrenzungserfahrungen und durch ihre unkonventionelle Herangehensweise und ihren sprudelnden Enthusiasmus für Musik eine prägende Rolle in der Entwicklung des Jazz in den USA.

Ebenso ein von Emigration und Flucht bestimmtes Schicksal ist das von Ruth Westheimer (geb. Karola Siegel), welche durch ihre Rolle als Sextherapeutin »Dr. Ruth« ebenso mitbestimmend wie maßgebend für die Entwicklung der sexuellen Aufklärung in den USA war. Der Film »Ask Dr. Ruth« (dessen Titel sich auf die Radio- und spätere Fernsehsendung mit gleichem Namen bezieht) von Ryan White zeichnet ein wunderbar charmantes Porträt der Protagonistin, welche mit ihren 92 Jahren aktiv wie nie immer noch weiter arbeitet und sich mit den Themen Sexualität und Beziehung medial auseinandersetzt sowie an Universitäten unterrichtet. Der Film ist übrigens ebenfalls im Oktober regulär in die Kinos gekommen und kann demnach auch noch weiter besucht werden.

Vom JWF ins reguläre Kinoprogramm
Dasselbe gilt für den Film »Liebe war es nie« von Marya Sarfati, der am 23. Oktober in den heimischen Kinos angelaufen ist und die verhängnisvolle Beziehung zwischen der Jüdin und KZ-Gefangenen Helen Citron und dem SS-Offizier Franz Wunsch beschreibt. Ein weiterer Film, der sich mit zwei vom KZ geprägten Leben beschäftigt, wie sie kaum unterschiedlicher sein könnten, ist »Mauthausen – Zwei Leben« von Simon Wieland, der auch seit 22. Oktober regulär in den Kinos läuft und sich mit dem Mauthausen-Häftling Stanisław Leszczyński und dem aus Mauthausen stammenden Franz Hackl beschäftigt, der als Lehrling in der Schlosserei des Lagers arbeitete.

Mit diesen Empfehlungen für die sowieso meist mehr mit Kino assoziierten Herbst- und Wintermonate und dem Hinweis auf die am 22. Oktober eröffnete Viennale kann demnach nur gesagt werden: Auch abseits aller gesellschaftlichen Einschränkungen stellt gerade das Kino eine Variante der kulturellen Auseinandersetzung dar, die allein durch ihre mediale Beschaffenheit dieser Tage einlädt, in Welten einzutauchen, mit denen man sonst nicht konfrontiert wäre. Und das Kino ist und bleibt der Ort, der das möglich macht.

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