Yves Tumor

»Heaven To A Tortured Mind«

WARP/Rough Trade

Nach dem großartigen »Safe In The Hands Of Love« (2018) legen Yves Tumor ihr viertes Album vor. Auch »Heaven To A Tortured Mind« weiß zu überzeugen. Kurzer Exkurs: David Bowie hieß bürgerlich Jones. Yves Tumor, die für sich das Pronomen »they« im nichtbinären Sinn verwenden, wuchsen – angeblich – als Sean Bowie in Knoxville, Tennessee auf. Das schillernde Oszillieren zwischen den verschiedenen Facetten ihrer visuellen und musikalischen Person/ae ist den Bowies gemeinsam. Auf »Safe« gaben Tumor sowohl den conscious Streetpoet, der in »Noid« gegen Polizeigewalt rappt (Racial Profiling bedurfte noch nie erst pandemisch bedingter Ausgangsbeschränkungen), als auch die genderfluide Person/a in »Licking An Orchid«. Der Schalk eines Mykki Blanco, mit dem Yves Tumor früher kollaborierten, transformierte sich in den gequälten Gehörnten in »Lifetime«. Dieser Diabolus verkündet nun im Video des aktuellen Openers »Gospel For A New Century« sein Evangelium der enttäuschten Liebe. Musikalisch bestimmt die verführerische Catchiness des Songs die Atmosphäre des gesamten Albums. Es beginnt mit einem 1970s-Brass-Sample, getragen von einem satten Bass-Schlagzeug-Groove. Tricky triphoppig, detailverliebt, aber eingängiger als je zuvor, geht’s weiter. Potenzielle Crowdpleaser für neue, größere Venues sind absehbar. »Kerosene« hieven Yves Tumor im Duett mit Diana Gordon (veröffentlichte ihre neue EP »Wasted Youth« am selben Tag wie »Heaven To A Tortured Mind«) in Prince’sche Sphären des Begehrens. Am Gitarrensolo und seinen späteren kurzen Reprisen werden sich die Geister scheiden. Die auf den ersten beiden Alben verwendeten, teils harschen Electro-Ambient-plus-Percussion-Sounds sind nur noch als Spurenelemente vorhanden. Ganz verschwunden sind sie nicht. In »Medicine Burn« und »Asteroid Blues« kratzt es an der blendenden Oberfläche. »Romanticist«, ein Hit für sich, mündet schon nach 1:45 Minuten in »Dream Palette«, mein persönliches »Heaven«-Highlight. Yves Tumor orientieren sich keineswegs auf Teufel (again!) komm raus an der Marktlogik, sondern an ihrer eigenen musikalischen Vision. Dieser Tage hätte Miles Davis nicht viel Zeit darauf verwendet, 50 Jahre »Bitches Brew« zu zelebrieren, sondern Yves Tumor zu einer Session eingeladen.