American Football ist wohl eine der einflussreichsten Emo-Bands aller Zeiten. Ihr selbstbetiteltes Debütalbum aus dem Jahr 1999 gilt als Genrebegründung des Midwest Emo. Charakteristisch für dieses in Emo und Hardcore Punk wurzelnde Genre sind helle, klare Telecaster-Gitarren in Open Tunings, die von Math Rock inspirierte Licks spielen, das Schlagzeug setzt auf untypische Taktarten. Die Stimmung ist generell melancholisch und verträumt, mit einem leichten Hang zum Selbstmitleid. Es klingt ein wenig so, als ob ein Teenager, der von seinen Eltern genötigt wird, Jazzgitarre zu lernen, zu den coolen Szenekids geht, um dort seinem jugendlichen Weltschmerz Ausdruck zu verleihen. Lange war das erste Album von American Football nicht über die Szene hinaus bekannt – bis die Magie der Internet-Algorithmen griff und der Release in den 2010ern einer breiteren Masse an Hörenden vorgeschlagen wurde. Die 2000 aufgelöste Band fand in der Folge 2014 wieder zusammen und tourte, es wurden auch noch zwei weitere Alben – jeweils mit gleichem Titel – veröffentlicht. Als LP1 2024 ihr 25-jähriges Jubiläum feierte, ging die Band auf eine lange Tour durch Amerika, Europa und Asien, durch die Berichterstattung darüber sind American Football heute so bekannt und beliebt wie nie zuvor. Nun muss man sagen, dass eine Band aus Endvierzigern, die versucht, den Vibe von naiven, melancholischen Anfangzwanzigern zu reproduzieren, eine schwierige Aufgabe hat. Live fällt das ebenfalls auf, besonders der Gesang trifft nicht mehr wirklich denselben Nerv. Auf LP2 (2016) und LP3 (2019) wurden auch die Texte deutlich schlechter, das Schwelgen in Selbstmitleid war einfach zu viel. Die Musik hingegen entwickelte sich weiter und wurde zarter und heller. Und nun kommt »American Football« (LP4) und wir sehen weitere interessante Entwicklungen. Schlagzeuger Steve Lamos war zwar schon immer einer der Leistungsträger dieser Band, aber auf diesem Album scheint er der klare Star zu sein. Sein Drumming trägt so gut wie jeden Song und ist vordergründig, aber nicht aufdringlich. Neu sind die immer wieder verzerrten Gitarren, die häufig als Texturgeber fungieren und nicht nur Leadinstrument sind. Ein anderes neues Stilmittel sind die in verschiedenen Instrumenten wie Xylophon oder Glocke eingestreuten Bluenotes. Was leider nach wie vor störend wirkt, sind die teilweise unterirdischen Lyrics von Sänger Mike Kinsella. Dem entgegen wirken hochkarätige Features, etwa von Brandan Yates, Sänger der Band Turnstile, oder Wisp, die interessante Akzente setzen. Alles im allem ist LP4 ein interessanter nächster Schritt dieser Kultband. Die Musik ist nach wie vor berührend, einzigartig und trägt das Gefühl von 1999 noch immer im Herzen, wenn auch ein leichter Midlife-Crisis-Charakter dazugekommen ist. Allerdings wird man das Gefühl leider nicht ganz los, dass dieses Album wohl nicht rein aus dem Drang zur künstlerischen Äußerung entstanden ist, sondern die Gunst der Stunde genutzt wurde, um Geld zu verdienen. Aber auch das sei den Jungs aus Urbana, Illinois, vergönnt.
American Football
»American Football« (LP4)
Polyvinyl Record
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