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Magdaléna Manderlová

»Kozmické louky«

Gruenrekorder

Gruenrekorder Field-Recordings mal wieder. Hochempfindliche Spezialausrüstung, die in die Gegend gestellt und exakt ausgerichtet wird, um in quasi naturwissenschaftlicher Gründlichkeit zu dokumentieren, was sich akustisch so regt. Im vorliegenden Fall: vorwiegend Frösche, Vögel und Insekten, die durch Flora, Fauna und wechselndes Wetter hüpfen, staksen und krabbeln und dabei von feinen Antennen registriert werden. Wozu? An anderer Stelle und mit Augenmerk auf frühere Veröffentlichungen von Gruenrekorder sind mit solchen Aufnahmen verbundene Motive in den Blick geraten, die Soundforschung und -dokumentation, ganz allgemein gesprochen, als Kritik an einem anthropozentrischen Weltbild erscheinen lassen. Schon die behutsame Geste, ein Mikrofon auszurichten, um andere Spezies oder Naturphänomene zu belauschen, ist heikel genug (Obacht, wo man während des Aufstellens hintritt!) und will insofern als Ausdruck eines demütigen Verhältnisses zur Schöpfung verstanden sein. Das ist auch alles gut und richtig so, aber heute geht’s mir um einen anderen Aspekt. Über Aktivismus und Kritik hinaus: Worin kann der Gebrauchswert solcher Arbeiten noch liegen? Die Aufnahmen von Magdaléna Manderlová werden als Schallplatte mit impressionistischer Covergestaltung präsentiert und die dokumentierten Naturgeräusche als wohlklingende Kompositionen der mehr oder minder absichtslosen Wahrnehmung überlassen. Das Quaken, Piepsen, Plätschern und Knistern kann auf diese Weise eine beruhigende Wirkung entfalten und Menschen, die sich zur Entspannung von ASMR-Videos einlullen lassen, könnten zum Erreichen innerer Ausgeglichenheit ebenso zur Schallplatte mit Field-Recordings greifen. Die hat allerdings den Nachteil, dass man sich alle zwanzig Minuten wieder aus dem Ohrensessel erheben muss, um die Nadel aus der Auslaufrille zu nehmen und die Schallplatte zu wenden, um die Klangtraumreise fortzusetzen zu können, aber so erhält sich wenigstens eine minimale Aufmerksamkeit, die vor zu viel Dösigkeit schützt. Die Aufnahmen wollen ja gehört werden! Hört man zu, so wird man auf »Kozmické louky« auch des Umstands gewahr, dass sich unter die Naturgeräusche zum Ende hin zusätzliche Musikinstrumente und menschliche Stimmen mischen. Vorsichtig ergänzt Manderlová, was die Umgebung ihr an Material liefert, und in der Folge tritt der klangschöne und auch romantische Charakter der gesamten Aufnahmen mehr und mehr in den Vordergrund. Die Natur als Abstandsphänomen, in der philosophischen Anthropologie spricht man von »exzentrischer Positionalität«, regt die Sehnsucht an, in ihr aufgehoben zu sein. Musizierend und singend nähert sich Manderlová wieder an und für den Augenblick der aktiven Teilnahme (auch in der Rolle der Zuhörenden) mag die Grenze zur umgebenden Flora und Fauna verschwimmen oder gar momentweise aufgelöst werden. Dieser wunde Punkt markiert jedoch ebenfalls die gefährliche Grenze zu folkloristischem Kitsch und ideologischem Wahn. Ersteres ist nicht so schlimm. Hin und wieder soll man ruhig die Natur besuchen dürfen, wie das Paradies, aus dem man sich vertrieben wähnt, aber bitte im Bewusstsein, dass es kein Zurück gibt. Es wird also doch wieder kritisch. Field-Recordings against fascism! Ich nehme an, es gibt in der Community bereits entsprechend politisch informierte Diskurse um Wohl und Wehe der Inszenierung von Natur. Man kommt nämlich nicht drum herum: Die ästhetische Erfahrung von Natur hat als Modus der Bewältigung der Trennung ebendiese als notwendige Voraussetzung. Ästhetische Theorie, Grundseminar. Einfach gesagt: Die Komponistin kann als Arrangeurin dessen, was ihr als Natur erscheint, nicht aus ihrer Haut. Gut so.  

Home / Rezensionen

Text
Holger Adam

Veröffentlichung
19.05.2026

Schlagwörter

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