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Marisa Anderson

»The Anthology of UnAmerican Folk Music«

Thrill Jockey

Marisa Anderson, Gitarristin aus Portland, Oregon, meldet sich mit einem Album von Interpretation aus dem Fundus von Harry Smith zurück. Aus dessen legendärer Sammlung resultiert bekanntlich »The Anthology of American Folk Music«, die im Zusammenhang mit der Bürgerrechtsbewegung und dem Folk-Revival ab den 1950er-Jahren zu Prominenz gelangte und bis heute Musiker*innen inspiriert. Anderson hat sich für ihr Album Kompositionen herausgesucht, die sich nicht auf der berühmten Veröffentlichung finden, denn sie stammen aus anderen Ecken der Welt. Ecken, in die sich die USA immer wieder einmal verirrt haben, um politisch-militärischen Einfluss zu nehmen. Als Kritik in antikolonialistischer Hinsicht betitelt Anderson ihre Sammlung als »UnAmerican«, nimmt den spätestens seit der McCarthy-Ära einschlägigen Kampfbegriff und wendet ihn symbolisch gegen die Weltmacht, die ja nach wie vor überall dort um sich schlägt, wo sie ihre Interessen wahren zu müssen meint. Die musikalischen Vorlagen für Anderson stammen u. a. aus Syrien, Afghanistan, Kambodscha, Pakistan und Jemen, und Andersons Methode in der Auseinandersetzung ist durch den Versuch gekennzeichnet, den ästhetischen Prozess der Interpretation auch als soziale und politische Geste aufzufassen und auszustellen. Die Liner-Notes des Albums beschreiben ihre Bemühungen um einen Dialog mit den ihr fremden Kompositionen. Nicht vom Blatt hat sie nachgespielt, sondern ihre Ohren gespitzt, um zu hören, was Aufnahmen aus der Sammlung von Smith ihr zu verstehen geben. Die daraus resultierenden eigenen Bearbeitungen erheben daher keinen Anspruch auf Authentizität. Anderson weiß, dass ihr Forschungsinteresse ein heikles ist. Kulturelle Aneignung, ick hör dir trapsen … Sie beschreibt ihr Verhältnis zu den regional spezifischen musikalischen Ausdrucksformen als Zusammenarbeit, die von historischen Entwicklungen und daraus resultierenden Positionen weder in individueller noch globaler Hinsicht abstrahieren will: »My approach to tradition is with the hands that I have and the history that I have,« schreibt sie, und weiter: »In that way it’s a collaboration – you don’t go into collaboration trying to play like the other person, you go in trying to find out how to play together.« 

Ihr so adressiertes Selbst begreift sie also sowohl in autobiografischer als auch allgemein historischer Hinsicht als verstrickt: die queere amerikanische Staatsbürgerin, bemüht um einen aufmerksamen und behutsam grenzüberschreitenden musikalischen Dialog. Wenn sie schon nicht gut machen kann, was auf anderen gesellschaftlichen Ebenen und im Rahmen der gewaltsamen Durchsetzung von Machtinteressen weltweit verbrochen wurde und wird, so will sie es als Musikerin doch im Rahmen ihrer Möglichkeiten besser machen, ein Beispiel dafür geben, dass kulturelle Ausdrucks- und in weiterem Sinn menschliche Daseinsformen, die aus machtvoller Perspektive als »unamerikanisch« gebrandmarkt wurden und werden, nicht dämonisiert sondern wertgeschätzt werden können und sollten. Die Reichweite ihrer künstlerischen Auseinandersetzung ist bescheiden und das ist nur gut so, will sie nicht im ästhetischen Prozess wiederholen bzw. fortsetzen, was sie ethisch und politisch ablehnt: Unterdrückung, Überwältigung, Ausbeutung und Ignoranz. Soweit ich das beurteilen kann, gelingt ihr das auch. Die Musik ist schön, die aufmerksame Geste von Anderson kann auch in jedem der Herkunftsländer der gewählten Kompositionen Gefallen und so ihr Angebot zum friedlichen Miteinander, zum Zuhören seine Verwirklichung finden. Eine schwache Geste, sicher, aber unterschätzen sollte man sie in ihrer Wirkung dennoch nicht. Als Musikerin versucht sie, ein politisches Verantwortungsbewusstsein wahrzunehmen und zu artikulieren. Ob sie sich damit in ihrer Rolle überfordert? Bill Clinton hat auch ungefragt alle hören lassen, wie er Saxofon spielt … Widerspruchsfrei muss ein politisch aufgeladenes Projekt wie Andersons »The Anthology of UnAmerican Folk Music« auch nicht über die Bühne gehen. Sie lenkt die Aufmerksamkeit ihres Publikums auf richtige und wichtige Fragen und Erfahrungen der Vergangenheit und Gegenwart und findet in ihrer ästhetischen Praxis herrschaftskritische, kultursensible und – im Rahmen ihrer Themenstellung – plausible Antworten auf Fragen danach, wem die Musik und, in weiterem Zusammenhang, die Welt gehört. Wie kann Teilhabe organisiert werden, nicht nur in sozio-kultureller Hinsicht, sondern – ganz allgemein gesagt – im Hinblick auf ein ressourcenschonendes, nachhaltiges und friedfertiges globales Miteinander? Mit Blick auf Nachrichten aus aller Welt sieht es da gegenwärtig reichlich finster aus, aber Andersons Vorschlag und Umsetzung für irrelevant zu erklären, würde bedeuten, allen herrschenden Mächten unwidersprochen stattzugeben – und das geht ja auch nicht.

Home / Rezensionen

Text
Holger Adam

Veröffentlichung
27.05.2026

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