a1117895982_1x1_700
Zoh Amba

»Eyes Full«

Matador Records, Beggars Group

Mit »Eyes Full« liegt das sechste Album der Free-Jazz-Sensation Zoh Amba vor und sorgt insofern für Überraschung, als Zoh Amba hier das Saxofon gegen eine Akustikgitarre und eine begleitende Rockband eintauscht. Zoh Amba lebt nach einer Zeit in San Francisco mittlerweile in New York, stammt ursprünglich aber aus Tennessee und auf diesem neuen Album dienen der Appalachen-Bundesstaat, seine (Musik-)Kultur, aber auch seine sozialen Probleme und Brennpunkte als Fokuspunkt für dreizehn Songs, die – zumindest für Menschen, die ihre Hörgewohnheiten gerne an Genres ausrichten – etwas unerwartet wirken. Statt ekstatischer Saxofon-Exkursionen in freier Tonalität gibt es hier prägnanten und gediegenen Folk- und Country-Rock. Bei genauerem Hinhören finden sich aber durchaus einige Verknüpfungen zu Zoh Ambas bisherigem Schaffen. Am auffälligsten sind diese wohl auf der thematischen Ebene. Seit dem ersten, von John Zorn produzierten Album »O, Sun« sind Naturerfahrungen und Spiritualität zentral für Zoh Ambas Musik. Als Teenager verbrachte Zoh Amba dem Pressetext des Labels zufolge viele Stunden damit, in den Wäldern Tennessees Saxofon zu spielen, was natürlich Assoziationen zu etlichen anderen Musiker*innen, die aus der Natur Inspiration bezogen oder beziehen, aufmacht. Darüber hinaus praktiziert Zoh Amba auch Advaita Vedanta, eine hinduistische Lehre, was sich ebenso stark in dem bisherigen Output widerspiegelt. Auch hier könnte man eine Reihe von mehr oder weniger passenden Vergleichen zu anderen Vertreter*innen von Spiritual Jazz ziehen, einige der naheliegendsten sind wohl John und Alice Coltrane, Don Cherry sowie Zoh Ambas großes musikalisches Vorbild Albert Ayler. Zoh Amba schreibt, dass ein Ziel der Arbeit an dem neuen Album war, sich einerseits mit den eigenen Wurzeln auseinanderzusetzen und andererseits jenen Menschen Würde zurückzugeben, die oft vergessen oder verdrängt werden. So erzählt Zoh Amba Geschichten über Menschen am Rande der Gesellschaft und verliert dabei nie den liebevollen Blick auf diese, was wiederum im direkten Bezug zu der bereits angesprochenen Spiritualität steht. Aufgenommen wurde »Eyes Full« in den Sun Studios in Asheville, mit Jim White (Dirty Three, Cat Power, PJ Harvey etc.) am Schlagzeug und Kevin Hyland an der E-Gitarre. Zoh Amba selbst spielt Akustikgitarre und singt in einer Tonlage und mit einem Akzent, der am stärksten an Joanna Newsom zu »The Milk-Eyed Mender«-Zeiten erinnert. Das Saxofon kommt nur bei der Nummer »Child You’ll See«, die sich nach einem folkigen Start zu einem Drone-/Noise-Geflecht entwickelt, zum Einsatz. Musikalisch erinnert das Ganze vor allem an frühe Cat Power, nicht zuletzt durch Jim Whites markante Schlagzeugarbeit. Auch wenn die Songs von der musikalischen Sprache von Country Blues, Folk und Old-Time geprägt sind, so ist der Bezug zur Avantgarde – wenn auch vielleicht nicht eindeutig zum Free Jazz – nicht von der Hand zu weisen. Zoh Amba scheut nicht vor leichter Dissonanz zurück und zeitweise, vor allem bei dem schon angesprochenen »Child You’ll See«, gibt es kurze, ekstatische Ausbrüche Richtung Noise und freie Tonalität. Diese Kombination unterstreicht wiederum den Anspruch des Albums, eine Verbindung zwischen Heimat, Natur, Transzendenz und einem liebevollen Blick auf sich selbst und seine Mitmenschen herzustellen und dies in Songform zu gießen. Alles in allem ist »Eyes Full« ein sehr gelungenes und interessantes Album, das sowohl Fans von Zoh Ambas bisherigem Output abzuholen vermag als auch diejenigen, die sich für Indie-Folk, Americana, die Musik der Appalachen und artverwandte Dinge begeistern können.

favicon

Unterstütze uns mit deiner Spende

skug ist ein unabhängiges Non-Profit-Magazin. Unterstütze unsere journalistische Arbeit mit einer Spende an den Empfänger: Verein zur Förderung von Subkultur, Verwendungszweck: skug Spende, IBAN: AT80 1100 0034 8351 7300, BIC: BKAUATWW, Bank Austria. Vielen Dank!

Nach oben scrollen