Die Magic Tuber String Band ist ein Folk-Music-Ensemble, das in die Nachbarschaft von Old Saw, Universal Light, Weirs, The Black Twig Pickers und Pelt gestellt werden kann. Die genannten Formationen machen alle Musik, die in vielen Genreschubladen klemmt: Cosmic Americana, Spiritual Jazz, American Primitive, Modern Classical (Minimal) Music – aus diesen und anderen musikalischen Entwicklungslinien beziehen sie Inspiration und fabrizieren so mehr oder minder experimentelle Kompositionen, die größeren Wert auf Atmosphäre und gelingende Momente legt als auf kompositorische Stringenz. Dies geschieht durchaus in Auseinandersetzung mit aktuellen Fragen, wenn auch musikalisch wie thematisch in historischer Perspektive – im vorliegenden Fall das Schicksal einer durch nukleare Verseuchung zerstörten Community. Anfang der 1950er-Jahre fielen die Stadt Ellenton, gelegen in South Carolina, ihre Einwohner*innen und die umliegende Natur, der Errichtung einer nuklearen Aufbereitungsanlage und der damit einhergehenden absichtsvollen regionalen Entsorgung von Schwerwasser, das während des Anreicherungsprozesses von Uran anfällt, zum Opfer. Die Bevölkerung wurde entschädigt oder enteignet und (zwangsweise) umgesiedelt, Gräber wurden umgebettet – die Natur ließ sich freilich nicht umtopfen. Die so entstandene Zerstörung von Gemeinwesen und Umwelt lässt sich heute noch betrauern. Das ist also das Thema von »Heavy Water«. Die historische Distanz zum Ereignis passt zur auch nostalgisch gefärbten Musik, aber beides sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Magic Tuber String Band der Gegenwart und Zukunft verpflichtet ist. Junge Leute, akademisch gebildete Punks, weiße und ich-weiß-nicht-genau-wie-sehr privilegierte Mittzwanziger wahrscheinlich, die zu Geige, Banjo, Field-Recorder und anderen Instrumenten und Gerätschaften greifen und mit ihrer Musik sicher nicht zurück in die Vergangenheit wollen, auch wenn es auf den ersten Eindruck hin so klingen mag. Sie verleihen ihrer Sorge und Kritik nur nicht Parolen schreiend Ausdruck. Das Quintett greift zu harmonischeren Mitteln, was mir durchaus entgegenkommt. Anschreien lassen kann ich mich auch morgen wieder. Für heute, und sicher auch noch mehrfach dieses Jahr, greife ich zur detailverliebten instrumentalen Musik der Magic Tuber String Band, um mir während des Hörens und in der Wahrnehmung der Geschichten, die sie erzählen will, die Hoffnung auf die Möglichkeit einer trotzdem noch zu gestaltenden und nicht nur freudlosen Zukunft nicht nehmen zu lassen.
Magic Tuber String Band
»Heavy Water«
Thrill Jockey
Unterstütze uns mit deiner Spende
skug ist ein unabhängiges Non-Profit-Magazin. Unterstütze unsere journalistische Arbeit mit einer Spende an den Empfänger: Verein zur Förderung von Subkultur, Verwendungszweck: skug Spende, IBAN: AT80 1100 0034 8351 7300, BIC: BKAUATWW, Bank Austria. Vielen Dank!











