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Oren Ambarchi

»Hubris (10th Anniversary Remaster)«

Black Truffle

Der australische Musiker Oren Ambarchi beginnt seine Karriere mit sperrigen Releases, die auf den ungewöhnlichen Sounds basieren, die er einem denkbar minimalistischen Setup entlockt. Zu diesem gehört eine abgesägte rote E-Gitarre der Firma Washburn, die zum optischen Markenzeichen wird. In Interviews zeigt Ambarchi früh einen betont vielfältigen Geschmack, der seinen Zugang zur Musik prägt: Dass jemand für Sun Ra und Napalm Death gleichermaßen schwärmt, wirkt damals noch auffallend und originell. Während manche Kolleg*innen aus dem Noise-Kosmos mit hohen Frequenzen die Ohren bluten lassen, bringt Ambarchi im tiefen Frequenzspektrum die Erde zum Beben. Das verschafft ihm die Aufmerksamkeit von Sunn O))), die ihn kurzerhand mit auf Tour nehmen. Dort wird der Musiker erstmals einem Drone-Metal-Publikum bekannt. Dieser Durchbruch führt allerdings nicht dazu, dass Ambarchi im Weiteren vorrangig diese musikalische Nische bespielt. Vielmehr zieht der Moment weitere Kollaborationen nach sich, die sein musikalisches Ausdrucksspektrum zusätzlich erweitern – von Noise-Größen wie Keiji Haino über Improvisationsmusiker wie Jim O’Rourke bis hin zu Komponisten mit akademischer Prägung wie Alvin Lucier. Parallel dazu baut Ambarchi das Nischenlabel Black Truffle auf. Inmitten dieser Prozesse entdeckt er zunehmend die Kraft der Rhythmen – wie manch anderer Noise-Veteran im mittleren Lebensalter. Eine hypnotische Qualität hatten bereits frühere Produktionen entfaltet. Mit »Quixotism« (2014) wird sie konsequent durch repetitive Grooves erzeugt – zwischen Krautrock, Techno und subtilen Einflüssen globaler Musiktraditionen. 2016 erreicht diese Entwicklung einen Höhepunkt auf »Hubris«. Die Liste der Mitwirkenden ist lang: Unter anderem sind Mark Fell, Arto Lindsay, Keith Fullerton Whitman und abermals Jim O’Rourke beteiligt. Ricardo Villalobos steuert die notwendige Techno-Credibility bei – und vermutlich den einen oder anderen rhythmischen Kniff. »Hubris« klingt jedoch nicht wie ein Album, auf dem eine Reihe mittelgroßer Namen um Aufmerksamkeit konkurriert: Alle Beteiligten stellen ihren Beitrag diszipliniert in den Dienst der beiden überlangen Haupttracks und des kurzen Interludes. Das Ergebnis ist beeindruckend kontrolliert – jeder Sound scheint am richtigen Platz zu sitzen. Gerade darin liegt aus heutiger Sicht aber eine gewisse Ambivalenz. Die Ausstrahlung früher Longplayer wie »Suspension« (2001) oder »Triste« (2003) bleibt unerreicht. Wo diese Alben von einer eigensinnigen Offenheit und einem spröden Sounddesign lebten, wirkt »Hubris« fast übermäßig geschmackssicher. Die Musik ist hervorragend gemacht, keine Frage. Doch ihre Perfektion hat einen Preis. Vieles erscheint schon ausbalanciert, bevor es überhaupt Reibung erzeugen kann. Ambarchi, dessen aktuelle Arbeit von improvisatorischen Konstellationen in Ensembles geprägt ist (»Ghosted«), besitzt inzwischen einen beträchtlichen Status als kuratorische Figur: Nicht zuletzt durch seine Arbeit mit Black Truffle hat er Einfluss darauf gewonnen, wer innerhalb der experimentellen Musikszene wahrgenommen wird und dazugehört. Die gemeinsam mit der Klangkünstlerin crys cole entstandene EP »Sparkling or Silent« (Portraits GRM) ist in dieser Entwicklung zuletzt eine kleine Überraschung und weckt angenehme Erinnerungen an das frühe Schaffen. Die Musik wirkt kontrollierter als damals, trägt im Zusammenspiel mit cole jedoch wieder einen Hauch von produktiver Unordnung in sich. Daraus entstehen einige originelle, hörenswerte Momente.

Home / Rezensionen

Text
Kai Ginkel

Veröffentlichung
03.06.2026

Schlagwörter

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