Illustration © Pe Tee

Serienstart: The New Normal

Jetzt sitzen wir also wieder fest. Der weiche Lockdown wurde sogleich härter und wird sich bald wieder etwas lockern. Aber weg ist das alles noch lange nicht. Wie umgehen mit dieser neuen Lage? skug hört sich einmal um.

»Die Abnorm wird die neue Norm.« Damit hat Robert Musil eine der Grundformeln der Moderne ausgesprochen. Moderne Gesellschaften sind ungewöhnlich flexibel, es gibt nichts Heiliges und Festes, bestenfalls Gewohnheiten. Gerne darf man sich fragen: Würden wir mit der Langeweile der Normalität überhaupt leben können? Nur, hat es die überhaupt je gegeben? Genauer betrachtet wird allerdings fraglich, ob die tiefen Einschnitte eigentlich solche sind oder nicht die gleichzeitige Kontinuität viel überraschender ist? Wenn alle Geschäfte zu sind, ist dann der Konsumzwang weg? Natürlich nicht. Warum sollte man ausgerechnet jetzt sein Leben ändern? Eines scheint klar, der zweite Lockdown kann nicht mehr wie der erste sein. Ihm fehlt das Neue, Reiz und Lust der Überraschung. Was sich vielmehr einstellt, ist die Gewöhnung an Eingriffe in den Alltag.

Die skug-Redaktion ist sich nicht sicher, ob hierbei noch die witzigen Aspekte überwiegen können. Sicherlich, die Gespräche über die Lockdown-Maßnahmen haben immer noch eine gewisse frivole Lust in sich. Das Irren der Regierungen und deren offenkundige Überforderung wird von vielen demaskiert und darin liegt immer etwas eigentümlich Versöhnliches. Zwar wird man als Bürger*in regiert, aber die Volksvertreter*innen versinken in ihrem eigenen Scherbenhaufen. Na Bätsch. Zugleich wandert die Lage langsam wie ein Gift ins Gebein, Anflüge einer depressiven Grundhaltung müssen mit immer größerem Energieaufwand bekämpft werden. Für diejenigen, für die der Kampf gegen das Virus kein Abstraktum mehr ist, zeigt sich ein neues, grauenhaftes Sterben. Die USA haben einen neuen Präsidenten, sicherlich keinen sonderlich guten, aber einen, der in Tränen ausbricht, wenn er den Beschreibungen einer Krankenschwester aus Utah zuhört. Es ist wirklich schlimm.

Haben wir es nicht bald hinter uns?
Anders als die pfiffige Message-Control glauben macht, ist das Ende noch nicht in Griffweite. Das Heilsversprechen Impfung ist zwar grundsätzlich glaubwürdig, nur ist hierbei einiges im Kleingedruckten verborgen. Die beteiligten Pharma-Unternehmen geben selbst in ihren optimistischsten Schätzungen an, nur einen Bruchteil der Dosen in nächster Zeit produzieren zu können. Viele Tücken stecken noch im Detail. Zwei der drei in der Endphase der Zulassung befindlichen Impfstoffe brauchen eine sehr starke Kühlung von minus 70 Grad. Hier dämmerte die Gefahr einer Art Impf-Apartheid. Allein aufgrund der Kühlung und der hohen Kosten lässt sich an zwei Fingern abzählen, welche Regionen zuletzt geimpft werden.

Aber auch in den reichsten Regionen steht eine logistische Riesenaufgabe bevor, es wird noch viele Monate, vermutlich einige Jahre dauern, bis die Eindämmungsmaßnahmen vollständig beseitigt werden können. Die Regierung in Österreich hat in dieser Krise mehr als einmal wie ein Haufen Hochstapler*innen agiert. Ein gutes Beispiel sind hierfür die für die nächsten Wochen angekündigten Massentests. Während es über Sommer und Frühherbst nicht gelang, einige zehntausend Test so durchzuführen, dass ein effizientes Tracing die Infizierten isoliert hätte und eine weitere Ausbreitung unterbunden worden wäre, will man nun kurzerhand Millionen testen. Irgendwie wird das Militär dabei helfen. Süffisanz ist zwecklos, es bleibt nichts anderes, als zu hoffen, dass die verwegenen Pläne irgendwie funktionieren. Drohend hängt bei allem der Gedanke unterm Horizont, dass der Kampf gegen das Virus jetzt sehr zäh werden könnte. Rückschläge und neue Verschärfungen im steten Wechsel mit zeitweiligen Lockerungen sind vielleicht noch zermürbender als ein einziger langer Lockdown gewesen wäre, der ermöglich hätte, die letzten Infektionsherde auszumerzen, so wie dies beispielsweise in Thailand gelungen zu sein scheint.

Im Covid-Kampf verändert Kritik ihren Grundgeschmack. Wenn man gemeinsam so tief im Schlamassel sitzt, dann sollte hieraus eigentlich ein gemeinsames Handeln in der Not erwachsen. Die Nerven sind bei vielen längst überreizt und damit auch die Bereitschaft, sich Kritik anzuhören und diese zu verarbeiten. Können wir nicht gerade jetzt etwas ändern? Sicherlich, aber hinter dem Schirm der fraglos abnormen Lage agieren jene, die immer in den Startlöchern sitzen, weil sie über die entsprechenden Mittel verfügen. Der Desaster-Kapitalismus und seine Erbeutungs-Warlords schlafen nicht. Sie werden stündlich noch reicher, weil der Umbau der Gesellschaft zu ihren Zwecken weiterbetrieben wird. Die österreichische Bundesregierung, zum Teil aus Bosheit (türkis), zum Teil aus Doofheit (grün), nutzt clever die Zeit zum Kampf gegen die Frühpension. Als ob nicht jedem denkenden Menschen klar sein müsste, dass bei 500.000 Erwerbslosen und einer neuen Welle der Digitalisierung die Lebensarbeitszeit nach Kräften verkürzt werden müsste. Nirgendwo scheint ein zartes Stimmchen linken Aufbruchs zu hören zu sein. Man wird ja wohl die Krise jetzt nicht nutzen, um ideologisches, linksradikales Zeug zu fordern, tönt es aus den Schaltzentralen, während die eigene neoliberale Ideologie – obwohl gerade handgreiflich widerlegt – schnell noch umgesetzt wird.

Überblick durch Serien
Lockdown-Zeit ist Serienzeit bei skug. Der letzten Lockdown haben wir mit drei Serien begleitet: »Beschäftigungstherapie« mit Tipps für den Zeitvertreib in der Isolation, »Subkultur in der Corona-Krise« mit Lageberichten Kulturschaffender und »Quarantänetalk« mit Künstler*innen-Interviews. Jetzt starten wir die Serie »The New Normal« und fragen uns: Was bedeutet der neuerliche Shutdown für unser Leben und unsere Arbeit? Wie kommen wir zurecht mit dieser Verdummungspolitik des »Licht am Ende des Tunnels« (Sebastian Kurz) und dem unsinnigen Versprechen, danach sei alles wieder wie zuvor. War das denn gut? Kann dies wer ernsthaft wollen? Hat nicht dieses jetzt so ersehnte »Zuvor« uns genau hierin geführt? War da was mit Kunst und Artikulation der Utopie?

Außerdem lädt die offenkundige Unfähigkeit weiter Teile der Gesellschaft, insbesondere von Industrie und Regierungen, zu schlimmsten Befürchtungen ein. Die Corona-Krise ist vermutlich nur der Auftakt zu weit gravierenderen Katastrophen. Man muss kein Klimaforscher sein, um zu ahnen, dass Mückenstiche Mitte November in Österreich ein eindeutiger Beleg für den Klimawandel sind. Vor diesem Hintergrund ist jeder Versuch, die Tiroler Skisaison zu retten, auch als Beihilfe zum Klimaverbrechen zu verstehen. Können wir jetzt nicht endlich wenigstens das Skifahren aufgeben, wenn ohnehin kein Schnee mehr fällt? Können wir überhaupt je irgendetwas ändern? Die Chance der Krise scheint neuerlich zu verpuffen und wird eher genutzt, um andere Agenden durchzusetzen. Was ist mit den »Ermüdungsbrüchen«? Die Aufrufe der Politik zu Zusammenhalt und gemeinsamer Anstrengung wirken schal und zunehmend verzweifelt. Weite Teile der Bevölkerung marschieren auf dem Zahnfleisch und offenkundig halten sich viele nicht mehr an die aktuellen Eindämmungsmaßnahmen. Ist dies gerechtfertigter ziviler Ungehorsam und Kampf gegen die Biopolitik der Regierungen, die wieder mal Seuchen zum Anlass nehmen, um Rechtsstaat und Freiheit einzuschränken? Dürfen wir als Linke dieses Thema den rechten Spinnern überlassen?

Dies sind so Fragen und es gibt noch viele mehr, denn die Lage ist wahrhaft unübersichtlich. Das skug-Umfeld spitzt die elektronischen Griffel und liefert verschiedenste Beobachtungen zur Lage, sei es Alltag, Hochpolitik oder Theoriegeschichte. Nichts ist zu klein, nichts ist thematisch zu groß, um der Covid-Lage Herr zu werden. Lustvolle Bezüge zu gewissen oder vermuteten Hintergründen werden gerne mit Popsahnehaube garniert oder auch literarisch gewürzt. Denn in der jetzigen Situation bleibt uns meist nur das Glück der Analyse. Aber die ist sogleich gelebte Solidarität.

Link: https://skug.at/t/the-new-normal/