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Sendeschluss für die Demokratie

Helga Schwarzwald vom Verband freier Rundfunk in Österreich und Okto-Geschäftsführer Christian Jungwirth mussten leider verkünden, dass die Stadt Wien ihre Basisförderung für das Wiener Community-TV einstellen wird. Ein schlimmer Fehler.

Kurz zur Erinnerung, weil das leicht vergessen wird: Sozialdemokratie ist eine Bildungsbewegung. Arbeiter*innenkampf war immer auch ein Kampf darum, sich ein eigenes Bild zu machen. Otto Neurath und Co. wussten beispielweise, dass möglichst viele Menschen mündig sein müssen und in der Lage, ökonomische und gesellschaftliche Prozesse zu verstehen und zu bewerten, damit eine Demokratie in Gang gebracht werden kann und funktioniert. Hierbei hatten sie enorme Gegenspieler in Kirche und Kapital, die wiederum Verblödung ziemlich super finden. Untertan*innen müssen nix wissen, brauchen nur reden, wenn sie gefragt werden, und verelenden in der ihnen zugewiesenen Freizeit vor Glotze und »Krone«. Der österreichische Boulevard sucht seit jeher an Trostlosigkeit seinesgleichen: Hundebabys, nackte Studentinnen, Klickbait und ganz viel Klassenhass. Irgendwem bei den heutigen Roten hätten auffallen müssen, dass das nicht zur Sozialdemokratie passt. Leider hinkt das Bewusstsein dem Sein in dieser Sache noch gewaltig hinterher.

Wo sind all die Millionen hin?

Finanzstadtrat Peter Hanke erklärte, die Förderung von linearem Fernsehen sei nicht mehr zeitgemäß, und zeigte, wie Themenverfehlung geht. Denn Okto braucht nur einen Bruchteil seiner Mittel für den technischen Sendebetrieb, das meiste Fördergeld geht in die Community. Darin liegt ja auch der Sinn eines Community-Mediums. Menschen bekommen Mittel und Werkzeuge in die Hand, um selbst Medien zu gestalten. Sie lernen teils unter fachkundiger Führung, aber vor allem ganz stark durch Learning by Doing, wie die eigene Lebenswirklichkeit medial vermittelt werden kann. Das ist ein wunderschöner Prozess, erhebend für alle Beteiligten. Er demokratisiert eine Gesellschaft und gibt marginalisierten Gruppen die Möglichkeit, sich zu artikulieren. Es ist das genaue Gegenteil davon, wenn ein Reporterass in der Redaktionsstube sitzt und halbgelangweilt überlegt, wie sich am nächsten Tag der Boulevard mit Trash fluten lassen könnte. Vielleicht mit einem Artikel darüber, wie die Macher*innen des »Sinnlos-Senders« so frech sind, statt »Danke für die Fördermillionen« zu sagen es auch noch wagen, zu widersprechen? So geht Ressentiment: Boulevardkonsument*innen wird suggeriert, es seien Fördergelder verschwendet worden (aka »versickert«) für TV, das eh niemand sieht, damit den leicht erregbaren Endverbraucher*innen wutschnaubend der Morgenkaffee aus dem Gesicht spritzt.

Die Wahrheit ist diametral. Bei Community-Sendern arbeiten sich Menschen für wenig Geld, und meist für nix, den Allerwertesten ab, damit es ein Stückchen – Achtung, Keyword! – »freie«, differenzierte und eben selbstgemachte Medienöffentlichkeit gibt. Nicht als Konsument*in im Sessel festkleben, sondern selbstermächtigend auftreten ist der Witz von Projekten wie Okto. Die Fördermillionen landen in ungleich höherem Maße ganz woanders. Denn kurioserweise wird ausgerechnet der Boulevard in Austria üppig alimentiert. TV ist hier ein gutes Beispiel. Einzig die liebe Göttin wird verstehen, warum für den gleichen Trash, mit dem in Köln Geld verdient wird, in Wien Gebühren gezahlt werden müssen. »Dancing Stars«, »Barbara Karlich« oder »Millionenshow« könnten leicht auf ein Bötchen gesetzt und hinaus in den freien Markt geschoben werden. Schwimmt’s? Na wunderbar, soll sich jemand über die Einnahmen freuen. Sinkt’s? Dann ist die Welt eben ein bisschen sauberer. Weniger Voyeurismus und Belächeln der Deprivierten hätte sicherlich eine Stärkung von Moral und Wohlbefinden zur Folge. Hier ist bei aktueller Medienpraxis ein echtes »Marktversagen« zu diagnostizieren, denn niemand kann erklären, warum in Österreich lupenreine Privatfernsehformate mit Gebühren bezahlt werden müssen. Hier »versickern« die Millionen.

Was wollen wir sehen?

Medien sollten breit aufgestellt sein und möglichst viel von der vermuteten Wirklichkeit in Österreich abbilden. Auf die Zugriffszahlen zu achten, ist nur bedingt sinnvoll, weil das Angebot die Sehgewohnheiten prägt. Wenn es sich der ORF zur Aufgabe macht, mit Sepp Forcher und Co. noch den letzten Hornbläser im Tiroler Hinterland zu porträtieren, dann ist das eben das österreichische Fernsehen. Es wird als das, was es ist, konsumiert und mangels Alternative »beliebt«. Einmal eingeschossen aufs gängige Format fragte Armin Assinger jahrzehntelang im Wochentakt: »Wollen sie den verwegenen Traum träumen, dem Elend der Erwerbsarbeit mittels eines Glücksspiels zu entfliehen, damit individueller Eskapismus noch nachhaltiger gesellschaftliche Solidarität verunmöglicht?« Das Publikum saß einsam im fahl-blauen Licht der Glotze, nickte stumm und willigte ein bei der »Millionenshow« passiv mitzumachen.

Mit dem Ende der Förderungen ist die Situation für Okto in Zukunft sehr schwer. Einem gewachsenen Community-Projekt, das gerne gelobt wurde, wird die Arbeitsgrundlage entzogen. Zwanzig hochqualifizierte Menschen sind von Arbeitslosigkeit bedroht. Das Team von Okto versprach allerdings, trotz Ausbleiben der Förderung nicht aufzugeben. Statt Basisförderung wird Okto jetzt am Gängelband der Projektförderung geführt, damit die Geldgeber aus dem Rathaus genau abchecken dürfen, ob die Kohle »widmungsgemäß« verwendet wird. Warum eine sich auswachsende Kontrollgesellschaft schlecht für die Demokratie ist, wird dabei wohl wenig hinterfragt. Aber auf welchem Sender könnte über diesen Zusammenhang noch informiert werden?

Link: https://www.okto.tv/