Make-over des Jahres: skug.at (Symbolbild) © Redaktion

Das Jahr 2018 in Listen

Und wieder diese Übersicht! Die skug-Redaktion nummeriert das vergangene Jahr durch.

Es ist wieder Zeit für den längsten Artikel des Jahres (und das will bei skug was heißen). Da skug bekanntlich das Magazin der Magazine ist, bieten wir traditionell zum Jahreswechsel unsere Liste der Listen, die über alles informiert, was das Jahr an Musik, Film und sonstigen ästhetischen Phänomenen zu bieten hatte. Es darf also gescrollt werden, bis die Finger rauchen. Wer jetzt allerdings sagt, die Listen sind mir ein wenig zu wenig und sich umfassendere Information wünscht, kann gerne sämtliche 254 Artikel und 206 Reviews des Jahres 2018 von skug durchlesen, so ist das Jahr 2019 dann auch schnell rum.

Christoph Benkesers Top Ten in Music
Ein Jahresrückblick ist immer ein Eingeständnis. Weil einem der Streamingdienst in konstanten Abständen den immergleichen »neuen« Scheiß in die Ohren spült, weiß man am Ende des Jahres gar nicht mehr so genau, was man in den vergangenen zwölf Monaten eigentlich so gehört hat. Das ist peinlich, aber verständlich. Wer setzt sich schon noch mit konventionellen Alben auseinander, gehört werden einzelne Songs, die der Schwarmintelligenz von irgendeinem supergeilen Algorithmus in Form einer chilligen Playlist empfohlen werden. »Pure Ambient«, »Dinner Party Essentials« oder »Fresh Discoveries« – für den exaltierten Musikenthusiasten ist für alle Fälle was dabei.

Außerdem sei das Album tot, hat zumindest jemand vor nicht allzu langer Zeit im »Rolling Stone« behauptet. Ich weiß nicht, ob wir dem Format dabei nicht vollkommen unrecht tun und nur voreilig den klapprigen Sarg zuklappen, um das gute alte Album auf dem Müllplatz der Geschichte verscharren zu wollen. Zuerst alle Musikmagazine wegsterben lassen und anschließend behaupten, dass das ja bitteschön kein Wunder sei, weil ohnehin kein Mensch mehr Musik hört. Ihr seid’s mir eine Partie. Aber ich will an dieser Stelle wirklich keinen falschen Kulturpessimismus aufflammen lassen. Das soll mal schön der anerkannte Kulturabgesangsverein in den Feuilletonspalten dieser Welt übernehmen.

Ich bin in der Zwischenzeit übrigens ein wenig in mich gegangen, und mir sind tatsächlich einige Alben eingefallen, die mich in diesem Jahr auf eine gute Weise berührt haben. Die ersten drei Monate im Jahr 2018 sind rückblickend ein schwarzes Loch für mich. Keine Ahnung, was da passiert ist. Erinnern kann ich mich jedenfalls nicht mehr. Im Frühjahr ging’s aber ordentlich los. Wolfgang Voigts »Rausch« konnte mich das ein oder andere Mal stampfend in ein dumpfes Schlafdelirium wiegen. Schlaf ist ein gutes Stichwort und gleichzeitig auch der Grund, wieso hier nichts von Mark Kozelek zu lesen ist. Ich hab’ es bis zum heutigen Tag nicht geschafft, ein ganzes Album des ehemaligen Red House Painters in einem Rutsch durchzuhören, ohne dabei nicht nach wenigen Minuten in feuchtwarme Träume zu fallen. Ganz im Gegenteil zu DJ Khalabs superduper Album, das für mich immer wieder den gedanklichen Drucktopf explodieren lässt. Ich kreuze alle meine Finger, damit das was wird fürs Donaufestival 2019.

Hach ja, Low machten nach einigen Jahren wieder Musik, die die Welt auslöscht (oder sie zumindest untergehen lässt) und Khotins »Beautiful You« nimmt dich, wenn alles vorbei ist, auf der anderen Seite mit einem kühlgestellten Papaya-Smoothie in Empfang. Mein elektrifiziertes »Strada del Sole«, während ich im Sommer unter wavy Birken am Gänsehäufel gegen den Hitzekoller ankämpfte. Gleiches gilt übrigens für Jimi Tenor. Der Typ kühlt dich einfach ab, egal zu welcher Tageszeit: Nüchtern zum Frühstück, abends auf der rauschenden WG-Feier oder allsonntäglich blubbernd in der Badewanne – ich verneige mich vor so viel genialem Dilettantismus. Jens Friebe hat zum Glück auch mal wieder ein Album gemacht. Und die österreichischen Bilderbücher sogar deren zwei. Eines ist gerade ohne große Promo-Scherereien über Nacht erschienen und hat mich mit offenen Armen, ähm … Synthesizern aufgenommen. Fand ich gut, auch wenn die Leute was anderes erwartet hatten. Aber so geht’s mir ja permanent.

War jedenfalls ein gutes Musikjahr, glaub’ ich. Nächstes Jahr schreib ich mir eine Liste.

  • Blood Orange: »Negro Swan« (Domino Records)
  • DJ Khalab: »Black Noise 2084« (On The Corner)
  • Noname: »Room 25« (No/Name)
  • Low: »Double Negative« (Sub Pop)
  • Jimi Tenor: »Order of Nothingness« (Philophon)
  • Stella Sommer: »13 Kinds of Happiness« (Affairs of the Heart)
  • Jens Friebe: »F**k Penetration« (Staatsakt)
  • Gas: »Rausch« (Kompakt)
  • Khotin:»Beautiful You« (Khotin Industries)
  • Bilderbuch: »Mea Culpa« (Maschin Records)

Bücher 2018, erlesen und gelesen von Christoph Benkeser
Ich komme tatsächlich immer seltener dazu, ein Buch von vorne bis hinten durchzuackern. Entweder es fehlt die Zeit oder die Muße, meistens aber beides. Gemütlich ist das jedenfalls schon länger nicht mehr. Was stapelweise gekauft wird, verstaubt dann wie ein schlafender Turm in der Ecke. Nur wächst der wie gesagt ständig. Da ich allerdings ein schlechter Statiker bin und auch sonst von Physik nichts verstehe, bricht der Bücherturm oft in sich zusammen. Was dann am Boden liegt, wird gelesen. Deshalb eine unvollständige Liste an Büchern, die ich heuer aus den Trümmern retten konnte.

  • Lars Henrik Gass: »after youtube« (Strzelecki Books)
  • William Collins: »The Story Of Grime« (Inner City Pressure)
  • Mindstate Malibu: »Kritik ist auch nur eine Form von Eskapismus (starfruit)
  • Herausgeber: Thomas Düllo, Holger Schulze, Florian Hadler »Was erzählt Pop?« (Lit Verlag)
  • Antonia Baum: »Tony Soprano stirbt nicht« (Piper)
  • Wolfgang Herrndorf: »Stimmen« (Rowohlt)
  • Friedrich Christian Delius: »Die Zukunft der Schönheit« (Rowohlt)

Lutz Vössings Alben des Jahres
Einiges gehört und auch einiges entdeckt, das hängenblieben ist: Einige musikalische Hochhöhepunkte, einige Herzensangelegenheiten und manchmal auch beides vereint, auf Platz 1 zum Beispiel. AUF ist klar die Nummer eins, auf Platz 2 befinden sich alle, die es nicht auf Platz 1 schafften, und alles auf Platz 3 durfte nicht unerwähnt bleiben, weil mindestens bemerkenswert.

Platz 1

Platz 2

Platz 3

Lutz Vössings Filme des Jahres
Viel geschaut, einiges gesehen. Viennale-Tour-de-Force und Internetquellen sei Dank flimmerten heuer diverseste Streifen mal sanft und mal weniger durch die Brillengläser zielgenau auf die Netzhaut. Anbei die Liste einiger diesjähriger herausragender Lichtspiele, mehr oder weniger von sehr gut bis gut.

Essentielles 2018 von Markus Stegmayr
1988, 1991, 1993, 1984, 1979. Das sind die Geburtsjahre von Kacey Musgraves, Noname, Rosalía, Julia Holter und Robyn. 2018 war für mich (fast vierzig) sozusagen ein Jahr mit weiblicher Musik. Mein Album des Jahres kommt von einer Musikerin, die vor Kurzem gerade einmal dreißig Jahre alt geworden ist – Kacey Musgraves. Ich habe 2018 nicht konzeptionell nach Musik von Frauen gesucht, aber sie hat mich gefunden und emotional berührt wie keine andere. Warum das so ist? Das lässt sich nur schwer beantworten.

01 Kacey Musgraves: »Golden Hour« (Universal Music)
Kacey Musgraves, gebürtig im Nest Golden in Texas und seit rund zehn Jahren in Nashville sesshaft, bündelt auf diesem Album Songs mit grandiosen Melodien, die sich dennoch auch nach hundertfachem Hören nicht abnutzen und stetig direkt und unverstellt berühren. In Sachen Songwriting konnte ihr im Jahr 2018 niemand das Wasser reichen.

02 Noname: »Room 25« (Self-Released)
Jazziger HipHop ist spätestens seit Kendrick Lamar und Thundercat eine große Sache. Noname, eigentlich ja Fatimah Nyeema Warner, lässt ihre Kolleginnen und Kollegen in diesem Segment aber alt aussehen. Musikalisch einfallsreich und harmonisch reichhaltig unterstützt rappt sie mit einem Flow über ihr Leben, der seinesgleichen sucht.

03 Rosalía: »El Mal Querer« (Sony Music Entertainment)
Flamenco? Ja und nein. Auf ihrem zweiten Album fettet die Spanierin diese traditionelle Musikspielart um Pop, R’n’B, HipHop und vieles mehr auf. Das klingt ebenso wagemutig wie eingängig und ebenso experimentell wie chartstauglich. In knapp über dreißig Minuten reißt sie die Popwelt nieder, wie wir sie bisher kannten.

04 Julia Holter: »Aviary« (Domino Recording)
Nach einigen mehr oder weniger verträglichen und einfach zu hörenden Alben schaltet Fräulein Holter hier in den Talk-Talk-Modus. Musikalisch anspruchsvoll, behutsam und doch unerschrocken zertrümmert sie letzte Überbleibsel von Popmusik und wendet sich einer undefinierbaren Kunstmusik zu, die mehrere Hördurchgänge großzügig mit lange nachhallenden Melodiefragmenten und Sounds belohnt.

05 Robyn: »Honey« (Embassy One)
Nur Hits! Könnte man meinen. Die aktuelle Robyn-Platte gönnt sich keine Ausfälle oder Filler, sondern hält das hohe Niveau des Eröffnungstracks »Missing U« auf unfassbare Weise. Dass dennoch keiner dieser Songs die internationalen Hitparaden im Sturm erobert hat, sagt viel über den Zustand der heutigen Popmusik aus.

Xavier Plus’ verzweifelter Versuch, das großartige Musikjahr 2018 in Listen zu fassen
2018 gab es international viele großartige Veröffentlichungen von alten Meistern und den jungen, aufstrebenden. 2018 war aber auch ein weiteres Jahr in Folge, in dem sich die österreichische Szene keineswegs hinter der anderer, möglicherweise mehr mit Jazz in Verbindung zu bringender Länder verstecken muss. Die hiesigen Musiker*innen sind kreativ und unabhängig, was sich in einigen der spannendsten Releases des Jahres geäußert hat. Auf den Bühnen Österreichs hat sich ebenfalls einiges getan. Daher nun folgend der Versuch, einige der für mich persönlich ganz besonderen Momente hervorzuheben.

Xavier Plus’ CD-Highlights des Jahres, national und international

  • Louis Cole: »Time« (Brainfeeder)

Nach Jahren des Tüftelns und Ankündigens und der Vorab-Videos ist es nun heuer endlich erschienen, das lang ersehnte dritte Soloalbum des musikalischen Querdenkers aus Los Angeles. Nachdenklich reflektiert Cole darauf die Geschehnisse, die in den letzten Jahren sein Leben geprägt haben. Soli von Gästen wie Brad Mehldau oder Dennis Hamm sorgen für zusätzliche Höhepunkte. Jeder Song in sich ein Fest!

  • Shake Stew: »Rise and Rise again« (Traumton)

Dieses Kraftpaket einer Band rund um den omnipräsenten Wiener Bassisten Lukas Kranzlbinder hat heuer sein zweites und meiner Meinung nach bisher bestes Album vorgelegt. Die Stücke bauen sich episch auf, tragen wahnsinnige Spannungen in sich und obendrauf gibt es stets tolle Soloeinlagen, u. a. vom britischen Saxofon-Star Shabaka Hutchings.

  • Affäre Dreyfuss: »In Good Company« (Jive Music)

Ebenfalls aus Österreich kommt dieses der Hard-Bop- und Souljazz-Tradition verschriebene Sextett rund um den stets überall anzutreffenden Saxofonisten Martin Fuss und seine beiden Söhne Florian (Saxofon) und Dominik (Trompete). Eine gekonnte Verneigung vor der goldenen Epoche dieser Genres und dabei dennoch organisch mit starken Eigenkompositionen und exquisiten Neuinterpretationen von oft und weniger gespielten Stücken.

  • First Gig Never Happened: »Mingus Without Bass, Monk Without Hat« (Alessa Music)

Lisa Hofmaninger (Bassklarinette, Sopransaxofon), Alexander Fitzthum (Keys) und Judith Schwarz (Drums) haben es geschafft, den perfekten Mittelpunkt zwischen Traditionsverbundenheit und Vorausdenken beim Neuinterpretieren alter Stücke zu finden. Das Werk der im Titel erwähnten Grands Seigneurs drehen die drei liebevoll durch ihre Mühlen und heraus kommt ein so eigenständiges Werk, dass Mingus und Monk nun ohne Hut, weil gezogen, dastehen würden.

  • Simsa fünf: »The Time We Need« (Cracked Anegg Records)

Drummer Sebastian Simsa lässt uns auf dem Debüt seiner Formation tief in seine Persönlichkeit blicken, nicht zuletzt auch wegen der liebevollen Beschreibungen der Stücke im Booklet! Oft folkloristisch klingende Melodien werden untermalt und umwoben von dieser intuitiv schön interagierenden Kombination von hervorragenden Musikern. Zum Mitschunkeln, Summen, Pfeifen und Sich-treiben-Lassen!

  • Brad Mehldau Trio: »Seymour reads the constitution« (Nonesuch Records)

Nachdem sich Mehldau in diesem Frühjahr auf »After Bach« dem Vermächtnis des Wohltemperierten Klaviers widmete, hat er einige Monate später mit seinem angestammten Trio mit Jeff Ballard und Larry Grenadier seine stärkste Jazz-Platte seit Jahren vorgelegt. Tolle Eigenkompositionen stehen neben sehr gelungenen Versionen von Standards und einem Paul-McCartney-Song. Das Trio interagiert und köchelt auf gewohnt hohem Niveau, Mehldau selbst klingt hier besonders inspiriert und forschend.

  • Wolfgang Muthspiel Quintet: »Where The River Goes« (ECM Records)

Apropos Brad Mehldau! Auch als Sideman brilliert er, hier als Teil von Muthspiels ECM-erprobtem Quintett. Mit dem fabulösen Drummer Eric Harland, der seinen Vorgänger Brian Blade ablöste, ist hier eine Band zustande gekommen, die den melodiös pointierten Stücken von Muthspiel die nötige Tiefe, aber ebenso ein schönes Maß an Verspieltheit verpasst.

  • Mopo: »Mopocalypse« (We Jazz Records)

Bariton-Saxofon, Bass und Drums. Mehr braucht man nicht, um eine hochenergetische Jazz-Platte mit Punk-Appeal zu machen. Demonstrativ sitzen die drei Bandmitglieder auf dem Cover auf Motorrädern und beim Hören dieser CD fühlt man sich auch wie ein Teil einer rasenden Motorrad-Gang. Großes und vor allem lautes Kino aus der ansonsten ästhetisch eher ruhigen skandinavischen Jazz-Landschaft.

  • Kuu!: »Lampedusa Lullaby« (ACT Music)

Nicht minder punkig und laut ist das Album des Quartetts rund um die Schauspielerin und Sängerin Jelena Kuljić. Ein Schrei der Verzweiflung angesichts der aktuellen weltpolitischen Lage, aber auch Hoffnungsschimmer ziehen sich durch die Geschichten, die hier, untermalt von einer sensiblen und dennoch lärmenden Gitarre-Gitarre-Drums-Combo, mehr performt als nur gesungen werden. Eigenwillig, laut und kompromisslos!

  • Lionel Loueke: »The Journey« (Aparte Music)

Der Gitarrenvirtuose aus Benin begibt sich auf dieser CD auf eine Reise durch recht kurze, liebevoll arrangierte Stücke. An seiner Seite hochkarätige Weggefährten wie Pino Palladino (Bass) oder John Ellis (Saxofon). Kleinteilige Percussion-Parts in Kombination mit den wunderschönen, kantablen Melodien und dem höchst eigenen gitarristischen Können dieses Standout-Gitarristen kann einen »The Journey« ja nur total fasziniert zurücklassen, mit dem Finger am Weg zum Replay-Button. Immer wieder.

Konzerte, die Xavier Plus auch weit über das Jahr 2018 hinaus in Erinnerung bleiben werden

  • Brad Mehldau Trio, 18.05.2018, Konzerthaus, Wien

Da ist er schon wieder, der Mehldau. Aber wie. Zentriert in der Mitte der Bühne des großen Konzerthaus-Saals spielte das Trio ein fulminantes Set mit sehr vielen Balladen und einigen Stücken aus »Seymour reads the constitution«. Mehldau bestritt dabei immer wieder lange Solopassagen ganz allein, die in sich eigene Klangreisen antreten, und das gezielte und immer perfekte Wiedereinsetzen dieser jahrzehntelang miteinander und aneinander gewachsenen Band war jedes Mal ein Höhepunkt für sich.

  • Kurt Rosenwinkel/Jeremy Rose Quartet, 09.11.2018, Reigen, Wien

Vor gerade einmal einem guten Dutzend Gästen lieferten der US-Gitarrenheld und der Saxofonist von Down Under ein eruptisches Set. Besonders die Rosenwinkel-Soli steigerten sich jedes Mal aufs Neue in den Zenit, die Sessel unter den Hintern der wenigen Anwesenden müssen gelitten haben, unter all dem begeisterten Wippen und Mitfiebern. Aber auch Jeremy Rose zeigte sich von der mangelnden Publikumspräsenz unbeeindruckt und lieferte einen souveränen Auftritt, mit dem er absolute Größe bewies. Eine musikalische Sternstunde, wie sie dieses Lokal so schnell nicht wieder erleben wird.

  • Roy Ayers Ubiquity, 15.07.2018, Porgy & Bess, Wien

Mit Roy Ayers gastierte an diesem Abend eine Galionsfigur der Verbindung von Jazz und Soul in Wien. Ayers selbst, vom Alter schon sehr deutlich gezeichnet, enttäuschte zwar auf seinem elektrischen Mallet-Pad eher, seine junge Begleitband regte ihn aber doch vereinzelt zu Höhenflügen an und vor allem Mark Adams an der Keytar und Christopher de Carmine am Schlagzeug brachten das rappelvolle Porgy immer wieder zum Beben, Kopfnicken, Tanzen, während Ayers mit seinen Hits natürlich auch zum Mitsingen anregte. Alles in allem ein beseelter, entspannter und durch und durch positiver Konzertabend, der wohl genau das sein wollte und auch als genau das in Erinnerung bleiben wird.

  • Kompost 3, 12.10.2018, Porgy & Bess, Wien

Im Zuge eines zwei Abende füllenden Jeunesse-Programms, das ganz im Zeichen des Schaffens von Schlagzeuger Lukas König stand, trat seine mittlerweile sehr bekannte und renommierte Band Kompost 3 auf und entführte das Publikum in eine völlig surreale und bahnbrechende Klangwelt. Noch weniger durchgehende Grooves, Melodien oder Changes als bisher, dafür aber umso mehr Soundtüfteleien, Jam-Fragmente und Klangfarben. Das Konzert entwickelte innerhalb der ersten Minuten einen unwiderstehlichen musikalischen Sog, dem sich an diesem Abend niemand entziehen konnte. Aber wer würde das auch wollen?

  • Kokoroko, 24.08.2018, Café Nexus, Saalfelden

Das Londoner Afrobeat-Kollektiv hat nach wie vor noch kein Album veröffentlicht, 2019 soll es auf Gilles Petersons Label Brownswood Recordings dann aber soweit sein. Auf dem Londoner Szene-Sampler »We out here« waren sie aber schon mit der schunkelig-schönen Nummer »Abusey Junction« vertreten und sind seitdem in vieler Munde und auch in Saalfelden um 1:00 Uhr morgens im Café Nexus. Die drei Frontfrauen und die fünfköpfige Rhythmusgruppe wussten in dieser Location ordentlich einzuheizen. Recht schnell brach das Eis zum anfangs sehr steifen Publikum und dann wurde nur noch getanzt, geschüttelt und gefeiert. Das gelegentliche Schlagzeug- und Bass-Solo zur Befriedung nach groovelastigen Solohöhenflügen durften natürlich nicht fehlen und brachten immer wieder aufs Neue das Fass zum überlaufen.

Pontis’ Fave 2018
Was Everett True (aka Jerry Thackray) auf Facebook kürzlich über Buzzcocks (R.I.P. Pete Shelley) schrieb, gilt zugleich für mein Musikjahr 2018: »What if music feeds directly into your sense of identity, gives you a reason to carry on – and not just a reason, but it also inspires you, confuses you, lifts you higher than any drug, takes you to another universe?«

Pon 15 Albums 2018
01 Cupcakke: »Ephorize« (cupcakKe)
01 Elysia Crampton: »Elysia Crampton« (Break World Records)
03 Jlin: »Autobiography« (Planet Mu/Cargo Records)
04 Aisha Devi: »DNA Feelings« (Houndstooth/Rough Trade)
05 Gazelle Twin: »Pastoral« (Anti-Ghost Moon Ray/Cargo Records)
06 Kacey Musgraves: »Golden Hour« (Mca Records/Universal Music)
07 Julia Holter: »Aviari« (Domino Records/GoodToGo)
08 Tirzah: »Devotion« (Domino Records/GoodToGo)
09 Tallawit Timbouctou: »Hali Diallo« (Sahel Sounds/Cargo Records)
10 Janelle Monae: »Dirty Computer« (Atlantic/Warner)
11 Léonie Pernet: »Crave« (Infine/Indigo)
12 Idles: »Joy As An Act of Resistance« (Pias UK/Partisan Records/Rough Trade)
13 Laurel Halo: »Raw Silk Uncut Wood« (Latency)
14 Sarah Davachi: »Let Night Come On Bells End The Day« (Recital Program)
15 Katharina Ernst: »Extrametric« (Ventil Records)

Pon 14 Tracks 2018
01 Tirzah: »Devotion« (feat. Coby Sey)
01 Chaka Khan: »Like Sugar«
03 Holly Herndon & Jlin: »Godmother«
04 Gudrun Gut: »Baby I Can Drive My Car«
05 Sudan Archives: »Beautiful Mistake«
06 Marie Davidson: »Work It«
07 Bush Tetras: »Red Heavy«
08 Idles: »Danny Nedelko«
09 Noah Cyrus feat. MØ: »We Are (Fucked)«
10 Parquet Courts: »Wide Awake«
11 Tav Falco: »New World Order Blues«
12 Ebony Bones: »No Black In The Union Jack«
13 Marcus Miller: »Que Sera Sera ft. Selah Sue«
14 Miley Cyrus: »Down For It«

Pon 13 Live 2018
01 Tanya Tagaq (in concert with Nanook of the North), 15.05.2018, Halle G im MQ, Wiener Festwochen
01 Elysia Crampton, 01.06.2018, Deep Friday #1, Halle G im MQ, Wiener Festwochen
03 Coby Sey, 04.05.2018, Donaufestival Krems
04 Laurel Halo, 27.04.2018, Donaufestival Krems
05 Idles, 14.11.2018, Flex, Wien
06 ZONAL feat. Moor Mother, 28.04.2018, Donaufestival Krems
07 Pharmakon, 09.11.2018, Arena, Wien
08 Warmduscher, 27.09.2018, Waves Vienna, WUK, Wien
09 Kris Kristofferson, 15.06.2018, Stadthalle, Wien
10 Amen Dunes 18.09.2018, WUK, Wien
11 Machine Head, 19.04.2018, Gasometer, Wien
12 Ian Anderson presents Jethro Tull, 10.12.2018, Stadthalle, Wien
13 Hatebreed/Dimmu Borgir/Kreator, 12.12.2018, Gasometer, Wien

Pon 6 Books 2018
Welch’ Freude, gleich vier TeilnehmerInnen meiner beiden – einst in Wien kuratierten – Symposien finden sich in der heurigen Booklist: Evelyn McDonnell sorgt mit der umfangreichen Sammlung »Women Who Rock« für Empowerment von MusikerInnen sowie KritikerInnen für Aufsehen. Lawrence Grossberg analysiert in »Under the Cover of Chaos« die amerikanischen Katastrophen Donald Trump sowie American Right. Donna Gaines verdeutlicht außerdem »Why The Ramones Matter« und Everett True stößt in »Ed Sheeran is Shit« diverse Pop-Desaster vor den Kopf. Amen.

01 Evelyn McDonnell: »Women Who Rock« (Black Dog & Leventhal)
01 Lawrence Grossberg: »Under the Cover of Chaos: Trump and the Battle for the American Right« (Pluto Press)
03 Leonard Cohen: »Die Flamme / The Flame« (Kiepenheuer & Witsch)
04 Donna Gaines: »Why The Ramones Matter« (University of Texas Press)
05 Philipp Meinert: »Homopunk History« (Ventil Verlag)
06 Everett True: »Ed Sheeran is Shit (and Other Major Musical Malfunctions)« (Rough Trade)

20 Alben, die Ulrich Rois 2018 viel Freude bereitet haben
2018 war ein hervorragendes Jahr für Musik. Auf persönlicher Ebene war für mich vor allem bemerkenswert, wie viele meiner liebsten Erscheinungen dieses Jahres aus dem Bereich Rock/Indie/Punk kamen, nachdem meine Hörgewohnheiten über die letzten Jahre mehr von experimenteller und elektronischer Musik geprägt waren. Im vergangenen Jahr schienen allerdings viele Gitarrenbands und vor allem auch einige VeteranInnen wie Superchunk, The Breeders und Tocotronic genau die richtigen Worte und Töne zu finden. Daneben gab es aber auch einige wundervolle (Fast-)Debüts, so zum Beispiel One Eleven Heavy, Garcia Peoples und Anna St. Louis. Ebenfalls auffallend war die Anzahl hochqualitativer Psychdelic Jams, wie sie unter anderem Dire Wolves (gleich auf mehreren Veröffentlichungen), Datashock und Our Solar System lieferten. Und sei es in dem punkigen Jam-Rock von Garcia Peoples, den ausufernden Jams der Dire Wolves oder der Punk-Rock-Oper von Fucked Up, in all diesen Veröffentlichungen ist für mich eine unbedingte Lebensfreude zu finden, ein rebellischer Geist, den auch Tocotronic in »Electric Guitar« besingen und der es sich auch in weltpolitisch schwierigen Zeiten wie diesen nicht nehmen lässt, seine Aufsässigkeit zu zelebrieren. Der Wiener Post-Punk-Underground lieferte passenderweise im Spätherbst mit The Boiler und Lady Lynch zwei düstere Highlights und Klitclique haben mit ihrem Debütalbum wohl ein ultimatives Statement des Art-Cloud-Raps abgeliefert.

Hier also 20 Alben, die mir 2018 viel Freude bereitet haben.

01 Garcia Peoples: »Cosmic Cash« (Beyond Beyond Is Beyond Records)
02 Wet Tuna: »Livin’ the Die« (Feeding Tube Records)
03 Dire Wolves: »Shoot Out In The Dildo Factory« (Eiderdown Records)
04 Fucked Up: »Dose Your Dreams« (Merge Records)
05 Tocotronic: »Die Unendlichkeit« (Rock-O-Tronic)
06 Superchunk: »What A Time To Be Alive« (Merge Records)
07 One Eleven Heavy: »Everything’s Better« (Kith & Kin Records)
08 Anna St.Louis: »If Only There Was A River« (Woodsist Records)
09 Datashock: »Kräuter Der Provinz« (Bureau B)
10 Our Solar System: »Origins« (Beyond Beyond Is Beyond Records)
11 The Breeders: »All Nerve« (4AD)
12 Prana Crafter: »Bodi Cheeta’s Choice« (Beyond Beyond Is Beyond Records)
13 Red Gaze: »Cuts« (Numavi Records)
14 Lady Lynch: »Lady Lynch« (Cut Surface)
15 The Boiler: »Body = Death« (Cut Surface)
16 Hellvete: »Droomharmonium« (morctapes)
17 Atalaya & Pandelindio: »s/t« (Frente Al Fuego)
18 Louise Landes Levi: »IKIRU or the Wanderer« (Oaken Palace Records)
19 Klitclique: »Schlecht Im Bett, Gut Im Rap« (Schlecht Im Bett Records)
20 Fauna: »Infernum« (Ventil Records)

Chris Hessles Tracks & Longplayer 2018
Von Lurka, Ploy und Rrose wurden 2018 regelrechte Rave-Anthems veröffentlicht. Während die ersten beiden – ähnlich wie Demdike Stare und Zeki – unterschiedliche Varianten des UK Hardcore Continuums verfolgen, wendet sich Rrose eindeutig Techno zu. Eine ähnliche Bruchlinie zeigt sich auch im Vergleich der atmosphärischen Arbeiten von Sophia Loizou und Electric Indigo. Im Gegensatz dazu repräsentieren Stefflon Don, Genesis Elijah und Ocean Wisdom mehr oder weniger Charts-kompatiblen HipHop aus Großbritannien, der mich oft mehr berührt als die hochglanzpolierten Versionen aus den USA. Besonders Stefflon Don und Genesis Elijah stellen zwei Extreme ein und desselben Genres dar: hier die Major-Produktion eines angehenden Superstars, dort eine deutlich kantigere DIY-Produktion. Zwischen diesen sehr unterschiedlichen Welten – House und Techno auf der einen Seite, HipHop auf der anderen – trafen sich 2018 vorwiegend zwei Genres: Grime, das mit drei Stücken von Lemzly Dale feat. Merky Ace (Bristol/London), Snowy (Nottingham) und Kinetical & P.tah (Linz/Wien) in den Single-Charts vertreten ist, sowie Footwork mit den Alben von RP Boo (Chicago) und DJ Fulltono/CRZKNY/Skip Club Orchestra (Osaka).

Chris Hessles Tracks 2018
01 Lurka: »Heat Mover« (Timedance 12/DL)
02 Lemzly Dale feat. Merky Ace: »What We Do« (Sector 7 Sounds 12)
03 Stefflon Don: »Senseless« (Universal DL)
04 Ploy: »Ramos« (Timedance 12/DL)
05 Zeki: »Good Friday« (Pennyroyal 12/DL)
06 Genesis Elijah: »Will & Jada« (Bandcamp DL)
07 Electric Indigo: »The Landing« (Imbalance Computer Music LP/CD/DL)
08 Snowy: »Back From The Dead (prod. Drone)« (Beatcamp DL)
09 Rrose: »Incisors« (Eaux 12/DL)
10 Kinetical & P.tah: »Roller (feat. Chrisfader)« (Duzz Down San DL)

Chris Hessles Alben 2018
01 Sophia Loizou: »Irregular Territories« (Cosmo Rhythmatic, LP/DL)
02 RP Boo: » I’ll Tell You What!« (Planet mu LP/DL)
03 DJ Fulltono/CRZKNY/Skip Club Orchestra: »Draping 1-5« (Bandcamp DL)
04 Demdike Stare: » Passion« (Modern Love, LP/DL)
05 Ocean Wisdom: »Wizville« (High Focus, LP/CD/DL)

Jannik Eders Empfehlungsschreiben für 2018
Eine subjektive Auswahl aus all jenen Kulturgütern, die es in meinen Radarbereich geschafft haben.

Zehn Alben by Jannik Eder

  • Beak>: »>>>« (Invada)

Wenn der raue, kalte Wind von der Küste Bristols Krautrock und Psychedelic in sich aufnimmt, entsteht solch ein Album wie dieses von der Band um den Portishead-Drummer Geoff Barrow.

  • boygenius: »boygenius« (Matador)

Julien Baker, Phoebe Bridgers und Lucy Dacus spielen sechs Tracks zusammen und ich fühle mich wie während des ersten großen Liebeskummers mit 16.

  • Cat Power: »Wanderer« (Domino)

Dieses sehr ruhige und stimmige Album von einer der größten Indie-Musikerinnen der USA war ein wundervoller Begleiter durch den Herbst.

  • Deafheaven: »Ordinary Corrupt Human Love« (Anti)

Mit ihrem Gemisch aus Black Metal, Shoegaze und Post Rock ist die Band aus San Francisco zum Kritikerliebling geworden. Tja, das, was sie machen, machen sie halt nun einmal richtig gut.

  • Closer: »All This Will Be« (Lauren)

Roh, aufgekratzt und voller melancholischer Poesie – das Debütalbum des Trios aus Brooklyn ist ein ziemliches Brett und eine atemberaubende Revitalisierung dessen, was einst Screamo genannt wurde.

  • Die Nerven: »Fake« (Glitterhouse/Hoanzl)

Auch das mittlerweile vierte Album des Stuttgarter Noise-Punk-Trios hat mich voll und ganz überzeugt. Nach wie vor grandiose Live-Shows.

  • Lolina: »The Smoke« (Self-Released)

Kurz gesagt, solange Lolina aka Inga Copeland Platten veröffentlicht, werden diese wohl auf meinen persönlichen Jahresbestenlisten landen.

  • JPEGMAFIA: »Veteran« (Deathbomb Arc)

Klar, zumindest ein HipHop-Album braucht diese Auflistung. Die Entscheidung fiel zugunsten von JPEGMAFIA, dessen viertes Album mit seiner Tendenz zu Glitch Hop und Footwork ziemlich mitreißend ist.

  • Marie Davidson: »Working Class Woman« (Ninja Tune)

Die 31-jährige Kanadierin ist eine brillante Spötterin des Dancefloors, scharfkantige Synthie-Beats und unterkühlter Sprechgesang sind ihre Stilmittel der Herrschaftskritik.

  • Sons of Kemet: »Your Queen Is A Reptile« (Impulse!)

Jazz als Grundlage, vermischt mit Afrobeat, Dub, Grime und vielem mehr. Eine absolute Wucht, dieses Album.

Drei Filme by Jannik Eder

  • Alex Garland: »Annihilation«

Fünf Frauen begeben sich in eine mysteriöse »Area X«, um die Welt zu retten. Tolle Besetzung, angenehme Distanz zu zeitgenössischen Scifi-Standards, das gegen Ende aufkommende Gefühl eines LSD-Trips auf einem Goa-Festival tilgt die ein oder andere Schwachstelle.

  • Kathryn Bigelow: »Detroit«

Als beklemmendes Kammerspiel inszeniert, befasst sich der Film mit Rassismus und Polizeigewalt. Kam zwar schon Ende 2017 in die hiesigen Kinos, aber für mich persönlich eines der eindringlichsten und erinnerungswürdigsten Werke der letzten Jahre – grandiose Schauspielleistungen!

  • Christian Frosch: »Murer – Anatomie eines Prozesses«

Österreich und der Umgang von Justiz und Politik mit Nazi-Kriegsverbrechern … ’nuff said.

Drei Konzerte by Jannik Eder

  • Anna Calvi, 15.11.2018, Simm City, Wien
  • Circuit des Yeux, 06.05.2018, Donaufestival Krems
  • DJ Taye 03.03.2018, Elevate, Graz

Bonus: Ein Buch by Jannik Eder

  • Erich Hackl: »AM Seil« (Diogenes)

Hackl war schon immer Poet und zugleich Chronist. In seinem neuesten Buch erzählt der gebürtige Steyrer von einem Wiener Kunsthandwerker, der zwei Jüdinnen vor den Nazis versteckt.

Hans Grausgruber: Retro Groove 2018
Eine Auswahl meiner meistgehörten Platten 2018: neunmal Soul (mehr oder weniger jazzig, funkig, poppig, aber immer mit Bezug in die 1970s), einmal Latin. Erst bei der Vorauswahl der infrage kommenden Alben wurde mir klar, dass ich, was aktuelle Neuerscheinungen (also keine Reissues) betrifft, fast nur noch Soul (& Co.) höre bzw. kaufe. Hier die Liste dessen, was mir dieses Jahr Freude bereitete – beim Kochen, Autofahren, Entspannen, Biertrinken …

  • Will Sessions & Amp Fiddler featuring Dames Brown: »The One« (WSS)

Die eklektische Detroiter Jazz/Funk/Boogie-Band Will Sessions liefert die Grooves für P-Funk-Meister Amp Fiddler und das grandiose Soul-Trio Dames Brown. Vor allem im 1970s-Funk und Boogie verankert, erzählt dieses »Konzeptalbum« eine Art »Love Story«; musikalische Anleihen werden von Marvin Gaye bis Parliament genommen, insbesondere die souligeren Songs beeindrucken.

  • Joel Sarakula: »Love Club« (Légère)

Rock your soul: Joel Sarakula macht auf »Love Club« jenen Pop-affinen, relaxten und beizeiten ein wenig linkischen, gelegentlich rockigen »Blue Eyed«-Soul, wie wir ihn vor allem aus den USA kennen, für den man völlig zu Recht auch den Terminus »Yacht Rock« verwenden könnte. Anleihen gibt’s von Curtis Mayfield bis Steely Dan und Breakaway.

  • Sharon Jones & The Dapkings: »Soul of a Woman« (Daptone Records/Groove Attack)

Das letzte, siebente und posthum erschienene Studioalbum der im Jahr 2016 verstorbenen Soul-Diva. Extrem abwechslungsreich, bedient es eine breite Stilpalette von funky Rhythm’n’Blues, balladeskem Soul und »Pop« bis Boogaloo und Gospel, ohne dass das Album seinen Flow einbüßen oder wie ein musikalischer Fleckerlteppich klingen würde.

  • Prophet: »Wanna Be Your Man« (Stone’s Throw/der promotor)

1984 kam ein Boogie-Album namens »Right on Time« heraus – es sank ohne große Resonanz im Plattenmeer, stand später jedoch als Rare-Groove hoch im Kurs, bis dann letztes Jahr ein paar der Songs »upgedated« und mit neuen Boogie-Steppern – state-of-the-art coproduziert von Mndsg – auf das vorliegende Album gepackt wurden.

  • Idris Ackamoor & The Pyramids: »An Angel Fell« (Strut/Hoanzl)

Den afrozentrischen Ansatz im Jazz seiner frühen Jahre mit Bezügen zu Alice Coltrane oder Sun Ra hat Ackamoor in den beinahe 50 Jahren seines Schaffens zugunsten eines professionellen Eklektizismus mit Bezügen zu Afrobeat, Funk und Reggae zurückgenommen. Produziert hat Malcom Catto von den Heliocentrics, der auch ein wenig Dub ins Spiel bringt.

  • Various Artists: »Soul Togetherness 2018« (Expansion Records)

Seit 2000 präsentiert Expansion einen Überblick über das, was die aktuelle englische Soulszene bewegt. Die Auswahl kommt von Richard Searling und Ralph Tee: Die Songs sind wie immer, mit der einen oder anderen Ausnahme, aktuell – die Tendenz geht dieses Mal eine Spur stärker in Richtung Synth-Funk und Boogie, die Produktionen sind aalglatt wie das Parkett, über das Musiker und Sänger routiniert-sicher gleiten.

  • Far Out Monster Disco Orchestra: »Black Sun« (Far Out Records)

Das Far Out Monster Disco Orchestra und Far-Out-Labelchef und Producer Joe Davis liefern exzellenten brasilianischen Disco-House mit einer kräftigen Note Brit-Soul/Funk. Altgediente Stars der brasilianischen Szene, i. e. Mitglieder der Bands Banda Black Rio und Azymuth, liefern die Grooves für fantastische Sängerinnen wie Mia Mendes oder Heidi Vogel.

  • Various Artists: »15th Record Kicks – The Explosive Sound of Today’s Scene. 15 Heavy Funk, Deep Soul, Afro, Boogaloo Essential Floor Fillers« (Record Kicks)

Nicht alle, aber der Großteil der 15 Songs dieser Label-Schau ist aktuell. Die Palette reicht (siehe Titel) von beschwingt schlagerartigem Pop (The Devonns, Marta Ren) über funkigen Rhythm’n’Soul (Martha High) bis zu schwereren Groove-Kalibern (Calibro 35, The Crabs Corporation). Auf dieser Compilation findet sich jetzt nicht die große neue Sensation, aber sie hat von Anfang bis zum Ende einen hohen Fun Factor.

  • The Brit Funk Association: »Full Circle« (Expansion Records)

Funkiger, relaxt-geschmeidiger Soul-Jazz, wie wir ihn seit den 1980’s von Bands wie Incognito oder Beggar & Co. kennen. Und aus Mitgliedern besagter Bands setzt sich dieses Ensemble u. a. auch zusammen. Dieser Sound ist zu einem Markenzeichen der englischen Dancefloor-Szene geworden.

  • Orquesta Akokán: »Orquesta Akokán« (Daptone/Groove Attack)

Für dieses Album, das vor allem dem Mambo verpflichtet ist, flog der Exil-Kubaner José »Pepito« Gómez zurück nach Havanna, stellte eine Gruppe von Routiniers aus den legendären Bands Los Van Van, Irakere und NG La Banda zusammen und nahm in den altehrwürdigen Estudios Areito (berühmt für Buena Vista Social Club) die neun Songs dieses Album auf.

Hans Grausgruber: Best of Reissue 2018
Zwölf Reissue-Labels, von denen viele meiner Tonträger stammen – und die kontinuierlich an meinem finanziellen Ruin arbeiten.

Von Field Recordings über Soul, Funk und Reggae bis HipHop und Electronica – das ist das breite Feld, das Soul Jazz mit seinen Reissues beackert. Bei jamaikanischer Musik aus dem Studio von Clement »Coxsone« Dodd kann SJR die Oberhoheit beanspruchen: Schwer erhältliche bis völlig rare Songs aus den Genres Ska, Rock Steady und Reggay (früher Reggae) füllen neuerdings die Compilations von Label-Chef Stuart Baker. Die zuletzt erschienene »Studio One Freedom Sounds – Studio One in the 1960s« zelebriert diese Stile beeindruckend. Die angekündigten Sampler »Studio One Lovers Rock« und »Brown Sugar. I’m in Love with a Dreadlocks« versprechen ähnliche Gustostückerln. Im Bereich des HipHop stellt »Boombox 3« das Nonplusultra der tonträgermäßigen Aufarbeitung von HipHop der ersten Stunde dar.

Kein reines Reissue-Label, veröffentlicht Strut immer wieder Sternstunden der populären Musik als vollständige Alben oder Compilations. Zu meinen Favoriten dieses Jahr zählen eindeutig »Disques Debs International Vol. 1« (eine Compil besagten Labels) und das Kultalbum »Las Palé« der Band Feeling Kréyol. Beide Tonträger bringen die typische Musik der französischen Antillen, v. a. jene Guadeloupes, also beschwingte Rumbas, Beguines und Merengues.

Die Palette dieser drei zusammengehörenden Labels reicht von R&B, Soul und Funk bis Disco, Boogie und Boogaloo. Schwer, bei ihrem hohen Ausstoß an Reissues eine Auswahl zu treffen. Eine der untypischeren Compilations ist vielleicht »Cover Me: The Eddie Hinton Songbook« mit zwei Dutzend Songs, die Hinton in den 1960s und 1970s allein oder im Duo mit anderen geschrieben hat und von Stars aus allen möglichen Genres gesungen wurden. Die Interpreten hier reichen von Dusty Springfield, Jackie Moore und Aretha Franklin über Willie DeVille und Cher bis zu den Box Tops und den obskuren Brick Wall. Auch Hinton selbst griff hin und wieder zu Gitarre und Mikro. Sein »It’s All Wrong But It’s Alright« zeugt von seinem hohen Potenzial als Performer.

Das britische Label gehört neben Ace, Kent & Co. zu den produktivsten Reissue-Labels in Sachen R&B und Soul. Sein Sublabel Real Side sei hier wegen seiner seit 2014 erschienenen neun Compilations mit Modern-Soul-Klassikern wärmstens empfohlen. Soeben ist »Soul on the Real Side #9« erschienen.

»Soul Togetherness 2018« wird auch in meinen »Retro Groove«-Charts vorgestellt. Hier sei noch kurz »The Best of Uno Melodic Records« erwähnt, eine Werkschau von Roy Ayers’ Label, auf dem dieser zwischen 1980 und 1983 nicht nur einige seiner besten Songs, sondern auch andere Musiker aus seinem Umfeld veröffentlichte – darunter Sylvia Striplin. Ihr Album »Give Me Your Love« (1981) wurde von Expansion ebenfalls dieses Jahr reissued.

Eines der für den Reggae-Aficionado absolut unerlässlichen Labels, ursprünglich ein Ableger von On-U Sound. Dieses Jahr erschienen gleich vier essenzielle Tonträger, sowohl Compilations als auch vollständige Alben – zuletzt Nummer 100, I-Mo-Jah/Phillip Fullwood: »Rockers from the Land of Dub« & »Words in Dub« (2 CD). Es ist ein außergewöhnliches, exzentrisches Reggae-Album, das Label-Manager Pete Holdsworth dankenswerterweise der Vergessenheit entrissen hat.

Das japanische Label erwähne ich hier vor allem wegen seiner kürzlich erschienenen Compilation mit Songs und Produktionen von und mit Prince Buster. »Let’s Go to the Dance« gehört mit zum Besten, was in den letzten Jahren an Rock Steady wiederveröffentlicht wurde – und das war viel, sehr viel!

Ein weiteres Label aus Japan, das sich der Wiederveröffentlichung großer und rarer jamaikanischer Musik der 1960s, 1970s und 1980s widmet. Neben Ska- und Rocksteady-Compils der Labels Kenton (»Kenton Ska from Federal Records: Skalvouvia«) und BMN (»BMN Ska & Rock Steady – Always Together 1964–1968«) dieses Jahr wurde auch eine Art Werkschau von Ashton »Family Man« Barrett, »Soul Constitution. Instrumental & Dubs 1971–1982«, veröffentlicht, die das hohe Allround-Potenzial des Bassisten von Bob Marleys Wailers-Band belegt.

Seit 2014 erscheinen auf diesem deutschen Label die Compilations »Too Slow To Disco«, die sich souligem Softrock (AOR, Yacht Rock etc.) verschrieben haben. Eine spannende Entdeckungsreise in eben genannte musikalische Gebiete ist jedenfalls garantiert. 2018 erschien die fünfte Compilation »Too Slow To Disco Brasil«, auf der Ed Motta tief in die Rare-Grooves-Schatzkiste der MPB (Música Popular Brasileira) greift. Empfohlen sei auch die extra erschienene 10″ (zwei weitere Songs) dazu.

Ein kleines Label mit vielen bunten, unkonventionellen Seiten. Ein Beleg dafür sind nicht nur seine Tonträger, sondern auch seine Konzerte, DJ-Sets und seine tolle Homepage. »Lift It Up Soundsystem Presents Volume III – Take The Space Train« präsentiert (wie schon die beiden Vorgänger Vol. I + II) eine fantastische Auswahl musikalischer Genres: von Gypsy-Swing und Jazz bis Highlife und Raga, von Serrane Ferret und dem Gerry Mulligan Quartet bis zu E.K’s Band und Ravi Shankar.

Abschließend muss an dieser Stelle noch Piranha, obwohl nicht eigentlich ein Reissue-Label, wegen seiner ungewöhnlichen wie fantastischen Compilation »I’m Not Here to Hunt Rabbits. Guitar & Folk Styles from Botswana« erwähnt werden. Diese Musik, der ein Hauch Field Recordings anhaftet, ist dem 1970s-Jive der südafrikanischen Townships verwandt, ihre Antennen empfangen aber auch Rumba congolaise sowie Rock, Pop und Blues auf der Langwelle.

Das Label bietet dem Betreiber Joey Negro eine Bühne zur Präsentation seiner Raritäten-Show. In teils eigenen Edits werden vor allem Soul und Funk kompiliert, aber auch Disco, karibische Stile, HipHop und House. Eine der Compilation-Serien heißt »Under the Influence«, »Volume Six« wurde von Faze Action zusammengestellt, mit, wie erwartbar, diversen Latin- und Afro-Flavours – 20 Songs auf 2 CDs, die meinen Sommer 2018 verschönerten.

Geri Schöberls Konzert-Hitliste 2018 (in chronologischer Reihenfolge)

  • Jaya The Cat, 11.01.2018, Flex Café, Wien

Anständiger Konzertjahresauftakt mit »Drunk Rock Reggae«, knackiger Setlist und einer Location wie erfunden für Jaya The Cat.

  • The Menzingers, 11.02.2018, Flex, Wien

Wuchtiger Gig der Pennsylvania-Punks. Spielten ihre Stärken vor allem stimmlich aus, unterstützt durch gut gemischten Sound. Das Bouncing-Souls-Cover »Kate Is Great« als aufgelegte, aber trotzdem liebe Überraschung.

  • Glen Hansard, 18.02.2018, Gasometer, Wien

Einer der Höhepunkte recht früh im Jahr. Das Sound-Überraschungsei Gasometer hatte mal wieder einen rausgehauen. Sehr abwechslungsreiche Stückauswahl (Glen Solo, Frames, Swell Season), die in einer überragenden Version von Springsteens Schmacht-Serenade »Drive All Night« als Closer gipfelte, mit der der »Boss« selbst wohl auch eine rechte Freude gehabt hätte. Die beeindruckende Besetzung u. a. mit gesamtem Streicher*innen- und Bläser*innensatz funktionierte tadellos. Darüber hinaus eines der angenehmsten Publika, bei dem man das Gefühl hatte, es weiß wirklich jede*r, worum es geht.

  • Brian Fallon & The Howling Weather, 02.03.2018, Arena, Wien

Ausgesprochen kurzweiliger Abend mit einem gut gelaunten und wie immer plauderfreudigen Frontmann von The Gaslight Anthem (gerade auf Schaffenspause mit Ausnahmen; siehe 28.07.2018). Überzeugende Setlist mit Stücken aus allen Nebenprojekten (Horrible Crowes, Molly and the Zombies und eben Howling Weather). Starkes Finish mit »I still haven’t found what I’m looking for« mit Unterstützung des Supports Dave Hause.

  • Hot Water Music, 28.04.2018, Muffathalle, München

In Ermangelung eines Österreichtermins erste Konzertreise des Jahres und jeden Kilometer wert. Premierenbesuch in der Muffathalle gut geglückt. Die neueren Post-Hardcore-Hadern des 2017er-Albums »Light It Up« funktionieren freilich genauso wie die Klassiker von den Über-Alben »No Division« oder »Caution«. Mit Tim Barry und den Flatliners außerdem hochkarätig supported.

  • NOFX @ Punk in Drublic, 19.06.2018, Arena Open Air, Wien

Was soll man sagen? Oft sehr absichtlich ganz weit weg von irgendeinem Geschmack – geschweige denn von gutem. Das weiß man, geht zu einer NOFX-Show und wird garantiert nicht enttäuscht. Auch nicht musikalisch. Vergnüglicher Abend im rappelvollen Außenbereich der Arena.

  • Pearl Jam, 03.07.2018, Tauron Arena, Krakau

Nach den zuvor schon vom Autor besuchten Europa-Terminen der 2018er-Tour in Amsterdam und Prag mauserte sich der Polen-Gig zum musikalisch hochwertigsten. Die Setlist wartete mit einigen Raritäten auf (»Other Side«, »Green Disease«, »You Are«, … ). War die Reise wieder mal definitiv wert.

  • Eels, 17.07.2018, Arena Open Air, Wien

Ab und zu wie erwartet tragikomisch, doch meistens überraschend rockig. Einer der angenehmsten Abende des Jahres. Vorprogramm mit That One Guy Klamauk vom Feinsten.

  • The Gaslight Anthem, 28.07.2018, Palladium, Köln

Zuweilen anstrengender Abend (Publikum, Hitze …) auf der kurzen, die Schaffenspause unterbrechenden »59 Sound Anniversary Tour«. Neben dem komplett gespielten Album ließ die übrige Songauswahl kein/e Auge/Stirn/Achsel etc. trocken.

  • Mad Caddies acoustic @ Punk Rock Holiday, 07.08.2018, Tolmín

Kurzes, aber umso feineres Akustik-Set bei einem Sockenverkaufsstand am Festivalgelände.

  • The Lawrence Arms @ Punk Rock Holiday, 10.8.2018, Tolmín

Persönlicher Festival-Höhepunkt, der bei weitem nicht von genügend Publikum gewürdigt wurde. Eingeleitet von je einigen Akustiknummern der beiden Sänger/Gitarristen folgte eine zugleich witzige, aber zeitweise auch harte Show.

  • Will Varley, 30.09.2018, Chelsea, Wien

Perfekter Singer-Songwriter-Abend mit Schmäh, Anspruch und einigen (politischen) Anliegen. Sollte längst nicht mehr sowas wie ein »Geheimtipp« sein.

  • Dave & Tim Hause, 14.10.2018, privat

Frühherbstlicher, privater Fanklub-Gig in einem Garten mit ca. 50 Leuten. Je nach Gusto geeignet für sonntäglichen Nachmittagskaffee, oder beginnenden Dämmerschoppen. Gute Geschichten und immer besonderer Konnex zwischen den Brüdern und dem Publikum. Intimer geht’s fast nimmer.

  • Muncie Girls, 31.10.2018, SUb, Graz

Möglicherweise, so hörte man, Rekordpublikum im revitalisierten SUb. Eine gute Stunde intensive Tuchfühlung mit dem britischen Punkrock-Trio, dessen neue Stücke auch live einiges hermachten.

  • Dan Mangan @ Blue Bird Festival, 22.11.2018, Porgy & Bess, Wien

Rundum charmanter Auftritt des Kanadiers mit lustigen Anekdoten und noch besserer Musik.

  • Chuck Ragan, 09.12.2018, Porgy & Bess, Wien

Kraftvoller Schlussstrich unters Konzertjahr 2018, reduziert auf Akustikgitarre und Pedal Steel. Letztere, gespielt von Todd Beene, setzt einem ohnehin starken Akustikauftritt von Chuck Ragan die Krone auf.

Robin Franks Favoriten aus 2018
Wie auch im kommenden Jahr feier(te)n 2018 viele der »ganz Großen«, wie Nazareth oder Ian Anderson, ihr 50-Jahres-Jubiläum, 2019 darf man auf die Festlichkeiten von Judas Priest und Alice Cooper gespannt sein. Jedoch gab es auch im weniger bekannten Rahmen sowohl heimische (Mothers of the Land, Pastor, Mother’s Cake, Belle Fin, Liquid Steel) als auch exotische Ambush (SE), The Vintage Caravan (IS), The Picturebooks (DE), Wucan (DE), Black Mirrors (BE), Battle Beast (FI), ACCEPT (DE) Bands zu sehen. Man konnte das Freddie-Mercury-Biopic »Bohemian Rhapsody« kaum noch erwarten, das auf jeden Fall sehenswert ist, auch, wenn es nicht auf ganzer Linie überzeugt. Spannend waren die Album-Veröffentlichungen von Prince, Jack White und Alice in Chains. Und wie das Tourleben von Led Zeppelin wirklich aussah, kann man seit Ende November in Mark Blakes »Bring It on Home« nachlesen.

Top 10 Konzerte & Festivals (in chronologischer Reihenfolge)
01 Long Distance Calling, 09.03.2018, B72, Wien
02 Cosmic Ceremony, 20./21.04.2018, Venster 99, Wien
03 Roger Waters, 16.05.2018, Stadthalle, Wien
04 Alice In Chains, 30.06.2018, Arena, Wien
05 Judas Priest, 28.07.2018, Stadthalle, Wien
06 The Vintage Caravan, 19.10.2018, Arena, Wien
07 Belle Fin, 21.10.2018, Schauspielhaus, Wien
08 Over the Mountain Festival 2018, 01.12.2018, Livestage, Innsbruck
09 ONE Love Vienna Festival 2018, 03.12.2018, WUK, Wien
10 Ian Anderson, 10.12.2018, Stadthalle, Wien

Top 10 Alben, Filme & Bücher (in chronologischer Reihenfolge)
01 Jack White: »Boarding House Reach« (Third Man Records)
02 Roger Daltrey: »As Long As I Have You« (Polydor)
03 Kevin Macdonald: »Whitney«
04 Alice in Chains: »Rainier Fog« (BMG)
05 The Vintage Caravan: »Gateways« (Nuclear Blast)
06 Prince: »Piano and a Microphone 1983« (Warner Bros)
07 Stuart Cosgrove: »Harlem 69: The Future of Soul« (Polygon An Imprint of Birlinn Limited)
08 Bryan Singer/Dexter Fletcher: »Bohemian Rhapsody«
09 Philip Norman: »Slowhand: The Life and Music of Eric Clapton« (Little, Brown and Company)
10 Mark Blake: »Bring It on Home: Peter Grant, Led Zeppelin and Beyond« (Da Capo Press)

Jan Bruckschwaigers Jahresliste der einmaligen Annehmlichkeiten

01 Becoming Animal, 13.04.2018, Fluc, Wien
Gordon Sharp liefert engelsgleichen Gesang zum Sound von Massimo Pupillo, der mich wie kein anderer heuer emotional bewegt hat. Gäbe es einen Gott, wäre diese Musik wohl im Diesseits verboten.

02 Box and the Twins, 16.11.2018, Rhiz, Wien
Newcomer aus Deutschland, die einen solch bezaubernden Dream Pop spielen, dass wir all das Schlechte für eine Zeit vergessen können.

03 ZINN, 24.06.2018, Chelsea, Wien
»What Is It Like to Be a Wolf?« war das Motto und trotz der Jahreszeit war das Chelsea verzaubert wie an einem vernebelten Novemberabend. ZINN machen melancholischen, von Dream Pop angehauchten Folk Rock.

04 Laut Fragen, 28.11.2018, Rhiz, Wien
Laut Fragen sollten eigentlich bei jeder kommenden Demo gespielt werden. Polit-NDW hab’ ich mir schon lange wieder gewünscht. Der Protest soll Spaß machen und er soll auch was aussagen. Beides erfüllt das Duo von Laut Fragen mit Bravour! Live sehr umtriebig. Es sei hier nur ihre letzte und beste Show erwähnt.

05 Gewalt, 12.11.2018, Das Werk, Wien
Gewalt wollen in erster Linie wirken. Und die Wirkung des neuen Projekts von Patrick »größer als Gott« Wagner ist gewaltiger Schalldruck.

06 Otto von Schirach, 30.06.2018, Fania Live, Wien
Tobende Menge und der Compressor auf Anschlag! IDM-Freak Otto von Schirach kehrt als Draculo zurück nach Wien und will an unseren »Culo«.

07 Warmdüscher beim Waves Vienna, 27.09.2018, WUK, Wien
Obwohl der Bassist nach dem dritten Lied völlig zugedröhnt weggekippt ist, dennoch eines der energetischsten Konzerte dieses Jahres. Verrückte Briten, mit einem großen Entertainer als Sänger.

Jan Bruckschwaigers wiederholbare Annehmlichkeiten

01 Sir Tralala: »Echt gute böse Lieder« (Schallter/Hoanz)
Das Böse besingen, um das Gute zu fördern … und schiach ist nur der, der sich darin wiedererkennt. Gleichzeitig der beste und hoffentlich nunmehr letzte Beitrag zum Thema Neues Wiener Lied.

02 Vox Low: »s/t« (Born Bad Records)
Wave, so reduziert und hypnotisch, dass man glauben mag, hier wäre einfach nur ein Klassiker remastered worden. Einfach nur geil. Sorry, kritiklos.

03 Das Lunsentrio: »Aufstehn!« (Problembär Records)
Eine der besten NDW-Platten der 1980er … ups, doch aus 2018. Macht jedenfalls Spaß!

04 Tom Wu: »All I Want« (Cut Surface/Echokammer)
Das erste Studioalbum des Kamerakino-Schlagzeugers. Mit seiner schlagzeuglastigen Version von Tanzmusik ist er der Disco-Elefant.

05 Zement: »Klinker« (Sunhair Music)
Noch immer verhältnismäßig reduzierter Krautrock, aber noch nie so gut und getrieben. Vor allem »C2 (A,F)« hat schon fast den Drive eines Moroder. Ich versprech’: Ich mach ein Video dazu!

06 Box and the Twins: »Everywhere I Go Is Silence« (Synth Religion)
Wunderschön unaufdringlicher Dream Pop.

07 Iv/an: »Comforts of the Future« (TONN Recordings)
»National Park« ist eine Hymne; und auch der Rest der Platte schillert.

08 Lady Lynch: »s/t« (Cut Surface)
Neue schwarze Scheibe aus dem Hause Cut Surface, im Geiste aber New York der frühen 1980er. Punkig und groovt.

09 The Good Force: »Hørproben« (Demo Suzuki)
Ur-Punk Robert »Räudig« Wolf macht Clubmusik for the mind; und ich will dazu tanzen.

10 Phal:angst: »Phase IV« (Bloodshed666 Records)
Die vierte Phase der Düsteratmosphäriker, so dicht gesponnen und verspielt wie noch nie.

Mio Michaela Obernosterers Top 10 2018
Vor drei Monaten hatte ich meine Best-of-Liste schon komplett fertig … nur um sie Ende des Jahres (wieder) komplett auf den Kopf zu stellen. Insbesondere im September und Oktober ist unglaublich viel unglaublich gutes Zeug erschienen, darunter Lows Dauerohrwurm »Double Negative«, Gazelle Twins Avantgarde-Burner »Pastoral« und SRSQs Solodebüt »Unreality«, das sich zusätzlich zum Them Are Us Too Memorialalbum »Amends« einen Stockerlplatz verdient hat. Aber auch die heimische DIY-Szene setzte im Herbst Glanzlichter, allen voran das lange erwartete The Boiler LP-Debüt »Body=Death« und Lady Lynchs S/T-Wiederauferstehungsalbum, beide sind im Oktober auf Cut Surface erschienen. Außerdem im Mix: Jon Hopkins »Singularity« (perfekt zum Einschlafen UND Aufwachen), Lingua Ignotas unter die Haut gehendes »All Bitches Die« sowie TWINS S/T-Werkschau »That Which Is Not Said«. Review hab’ ich trotzdem wieder nur einen geschafft, nämlich zu »New Material« von Preoccupations.

Mios Top 10 Albums 2018

  • Gazelle Twin: »Pastoral« (Anti-Ghost Moon Ray)
  • Jon Hopkins: »Singularity« (Domino)
  • Lady Lynch: »Lady Lynch« (Cut Surface)
  • Lingua Ignota: »All Bitches Die« (Profound Lore Records)
  • Low: »Double Negative« (Sub Pop)
  • Preoccupations: »New Material« (Flemish Eye)
  • SRSQ: »Unreality« (Dais Records)
  • The Boiler: »Body=Death« (Cut Surface)
  • Them Are Us Too: »Amends« (Dais Records)
  • TWINS: »That Which Is Not Said« (2MR)

Mios Top 10 Tracks 2018

  • Carla Bozulich: »Glass House«
  • Dancing Plague: »Pure Desperation«
  • Devon Welsh: »Vampires«
  • Distel: »Solar Lodge«
  • Low: »Always Trying To Work It Out«
  • Preoccupations: »Doubt«
  • Qual: »Above Thee Below Thee«
  • The Boiler: »Body=Death«
  • Them Are Us Too: »Floor«
  • TWINS: »Stuck«

Mios Top 10 Concerts 2018

  • Fever Ray + Tami T, 19.02.2018 Gasometer, Wien
  • Baths + Daedelus DJ Set, 03.03.2018, B72, Wien
  • Braids, 03.04.2018, B72, Wien
  • Xeno & Oaklander + Aviadoras, 17.05.2018, Bach, Wien
  • Transformer = 5 (12 live acts), 22.06.2018, AU, Wien
  • Turnoff Point Special (6 live acts), 21.07.2018, AU, Wien
  • Cut Surface Annual (6 live acts), 29.08.2018, Fluc, Wien
  • The Boiler + Falle, Venster 99, 31.10.2018, Wien
  • Peter Hook And The Light, 11.11.2018, Flex, Wien
  • Lady Lynch + Terz Nervosa, 13.12.2018, Venster 99, Wien
Travis Scott als Gott © YouTube

Die Consumerism-Escapism-Videos 2018 von Frank Jödicke
Das aufwendig produzierte Musik-Video wurde 2018 zur besten Einschlafhilfe unserer Zeit. Wer beim Dösen gerne ein wenig nachdenkt, kann diese Liste (mit viel Licht und Schatten) zur Hilfe nehmen.

01 Sons of Kemet: »Your Queen Is A Reptile«
Queen Elisabeth II hat bekanntlich drei Keulen zum »Keulen«, damit sie die bei der Jagd nicht durch die Kugeln getöteten Tiere eigenhändig erschlagen kann. Sons of Kemet erklären in ihrer hilfreichen Geschichtsstunde, was von der gekrönten Scheißkuh zu halten ist.
https://www.youtube.com/watch?v=YEpziXD-SDk

02 Lady Gaga, Bradley Cooper: »Shallow«
Jetzt in echt? So stellen sich Menschen Probleme vor, die anscheinend nie welche hatten. Von der Schminke bis zu Gesangsstimme alles irgendwie sehr shallow, zu Deutsch: oberflächlich. Und das bis zur unfreiwilligen Komik. Ein echter Oscar-Kandidat.
https://www.youtube.com/watch?v=bo_efYhYU2A

03 Childish Gambino: »This Is America«
Eine Jahresliste ohne dieses Werk geht kaum. Zukünftige Generationen werden sich an der Exegese dieses Videos abarbeiten, dabei zeigt es nur, was gerade abgeht.
https://www.youtube.com/watch?v=VYOjWnS4cMY

04 Travis Scott: »Stop Trying To Be God«
Der Gottkomplex ist ein typisches Alltagsproblem der HipHoper. Die ganze Black Moses/Black Jesus Thematik wurde zumindest visuell noch nie so überzeugend bearbeitet. Diesseits und jenseits von meschugge.
https://www.youtube.com/watch?v=YqvCptqhHfs

05 Sidi Touré: »Heyyeya«
Nette Gegend, nette Leute und guter Sound. Sidi Touré belegt erneut, dass es in Mali gerade abgeht (und dort immer aufwendiger produziert wird).
https://www.youtube.com/watch?v=9ng2YJ7ulTU

06 The 1975: »Love It If We Made It«
Das völlig überabgefeierte Werk belegt eindrucksvoll, wie ohnmächtig Popmusik erscheinen kann. Das Elend der Welt in drastischen Bildern, unterlegt mit seichter Musik und Dance-Moves aus den 1980er. Bei dieser gut gemeinten, dünnen Suppe stellt sich die Frage, ob man es besser nicht ge-made hätte.
https://www.youtube.com/watch?v=1Wl1B7DPegc

07 Noname: »Room 25«
Fatimah Nyeema Warner ist das aktuelle poetische Übertalent. Ihre nicht gespielte, private Scham und Orientierungslosigkeit verträgt sich einzigartig mit klarer Text-Message. Vom neuen Werk »Room 25« gibt es noch kein offizielles Video, dafür durfte sie in der »Late Show« vorbeischauen. Der Startschuss für die visuell-akustische Überproduktion.
https://www.youtube.com/watch?v=otGhpa8tcoA

08 The Weeknd, Kendrick Lamar: »Pray For Me«
Kendrick Lamar ist der Barack Obama der populären Musik. Alles an ihm ist elegant und irgendwie muss man ihn mögen. Bei genauerem Hinschauen ist dann aber vieles »wäh«. Bei »Black Panther« lernen wir zumindest, dass Empowerment jetzt im Traumland stattfindet.
https://www.youtube.com/watch?v=XR7Ev14vUh8The

09 Lonnie Holley: »I Woke Up…«
Schlicht unnachahmlich dieser Mann. Er liefert uns Bild und Ton für die Horrorshow unserer aktuellen Weltlage. Es wäre dann jetzt wirklich an der Zeit, einmal aufzuwachen.
https://www.youtube.com/watch?v=Ss3cz9FgGnA

10 Parquet Courts: »Wide Awake«
Damit die Zehn auch voll werden. Die lustigen Burschen tun sich schwer mit dem Wachbleiben. Gelungene Indie-Nummer, bei der einen allerdings das Gefühl beschleicht, sie würde jedes Jahr von irgendwem produziert.
https://www.youtube.com/watch?v=eZXS8Jpkiac

Als Extra: Die Clickbait-Liste 2019
Die Situation für den (Musik)-Journalismus wird immer schwieriger. Deswegen rücken die verbliebenen Magazine jetzt zusammen. Unsere geschätzten KollegInnen von »VICE« Österreich haben uns deshalb exklusiv aus Berlin die Titel der zehn besten »VICE«-Artikel des nächsten Jahres zugesandt:

01 Selbstversuch: Drei Jahre ohne einen klaren Gedanken
02 Hart feiern mit dem Chemiebaukasten
03 Ich habe ein Jahr lang alle meine Artikel mit dem Wort »Ich« begonnen
04 Die besten Clubs zum Handbagging
05 Sei! Denke! Erwäge! Warum verstehen Teenager von heute keine Ein-Wort-Aufforderungssätze?
06 Einen Monat lang in den Mokassins eines ostdeutschen Neonazis
07 Der Oma die Psychopharmaka vertauscht – was ich gelernt habe
08 Video: Weltmeisterschaft im Muli-Humpeln in Lahti
09 Der Penis steckt in der Besteckschublade – so fühlt es sich an
10 Diese Regierung ist schrecklich, ich weiß aber auch nicht warum

Übrigens, die zehn besten Möglichkeiten alternativer Medieninfos finden sich hier: https://bam.jetzt/

Alfred Pranzls dreidimensionale Kür

Top 12 of the Pops by Alfred Pranzl
Nur dreieinhalb Artists aus diesem Paket habe ich bereits für skug rezensiert: Anna von Hausswolff, Jlin, Belp und Gaye Su Akyol halb in einem skug-Artikel. Aus Zeitgründen folgen immerhin Kurzrezensionen über den sehr guten »Rest«. Lonnie Holleys »Mith« wird noch als Langrezension nachgereicht.

01 Lonnie Holley: »Mith« (Jagjaguwar/Cargo)
Album des Jahres, mit dem Statement zur politisch-sozialen Malaise in den USA! Ein überaus bedrohliches Posaunen-Loop liefert die gespenstische Note zu »I Woke Up in a Fucked-Up America«. Trotz äußerst trister Lebensumstände wurde der 68-jährige Afroamerikaner zu einem multidisziplinären Künstler, der seine späte Musikkarriere (Debütalbum 2012) mit diesem absoluten Meisterwerk krönt. Die begleitenden begnadeten Musiker, darunter der unterschätzte Laraaji am Piano, agieren in einer eigenen Spaced-out-Liga, was Van Morrisons »Astral Weeks«, an dem Jazzmusiker mitwirkten, in Erinnerung ruft. Holley schöpft aus real erfahrenem Leid und dennoch ist etwa »I Snuck Off The Slave Ship« ein gigantisch-zeitlos-schöner Brocken von Klang. »Mith« berührt zutiefst und klingt hoffnungsvoll leichtfüßig mit »Sometimes I Wanna Dance« aus.

02 Tony Allen Jeff Mills: »Tomorrow Comes The Harvest« (Blue Note Records/Universal)
Afrobeat-Futurismus, kurzgeschlossen mit Post-Techno. Talking Drums ins Visionäre gebeamt. Die grandiose, funky Rhythmusarbeit von Jeff Mills (Drum Machines, Synths) und Tony Allen (Drums) darf Jean Phi Dary gehörig mit Keyboardsounds auffetten. Ein echter Überflieger ist der Tastenhopper »The Seed«, der meine Einzeltrackliste anführen würde, hätte ich eine im Talon.

03 Jlin: »Autobiography« (Planet Mu)
Auftragskomposition für Wayne McGregors Dance Company. Darin hebt Jerrylinn Patton ihre Sounds auf eine neue, hochkulturelle Ebene. Messianʼsche Vogelgeräusche zeugen von Gestaltungskraft. Manches, aber längst nicht alles gemahnt an zeitgenössische E-Musik, doch die Kurve in die Zukunft von Footwork wird stets gekratzt.

04 Soap&Skin: »From Gas to Solid / You Are My Friend« (Solfo/PIAS/Hoanzl)
Auf ihrem dritten Longplayer übertrifft sich Anja Plaschg aka Soap&Skin selbst. Ein Befreiungsschlag und trotzdem aufbauend auf ihrem bisherigen Werk. Neu ist das Einarbeiten von selbst unperfekt eingespielten Instrumentalparts, etwa am Flügelhorn (»Heal«, »Foot«), was einen zusätzlichen Reiz verleiht. Der Computer ist ihr Instrument, um neu zu arrangieren und orchestrieren. Emotionale Wirkmächtigkeit durch Multiplizieren von Schnipseln in genau richtiger Dosierung. Viele Eigenkompositionen tragen immer noch reichlich Schwermut in sich, doch gewinnen diese bei jedem weiteren Hören. Zuversicht und der Wille zur Reflexion brechen sich Bahn. Eindrucksvoll ist, was Soap&Skin aus Louis Armstrongs »What A Wonderful World« oder noch grandioser aus »Dream Baby Dream« generiert. Das Suicide-Remake erstrahlt mit Akkordeon zärtlich neu als »Italy«, worauf das choral-instrumentale Requiem »(This Is) Water« folgt. Ein bedrückendes Gedenken an die ertrunkenen Bootsflüchtlinge im Mittelmeer.

05 Anna von Hausswolff: »Dead Magic« (Pomperipossa Records/City Slang)
Göteborg, von Hausswolffs Homebase, trägt das Wort Gothic in sich. Jenseitige Musik zu zappendusteren Lyrics. Tod und Auferstehung liegen auf dem vierten Album eng beisammen. Die Schwedin hat definitiv ihren Sound, den glückseligerweise nach wie vor Orgeln dominieren, sowie ihre Bestimmung gefunden.

06 Moon Gangs: »Earth Loop« (Village Green)
Tiefe Orgeltöne grundieren, analoge Sequencer jubilieren. Besonders brillant in »Second Run«. Beak>-Keyboarder William Young ist Moon Gangs, mit pompösen und teils ins Interstellare abhebenden Kompositionen, die er aus Selbst-Jamming mit Synthesizern entwickelt hat. Musik, die zunächst gar nicht an Bristol denken lässt und passenderweise auf Village Green Recordings, dem britischen Label für neuartige Minimal Music, klassische und elektronische Musik, rauskommt.

07 G.Rag & Die Landlergschwister: »Neue Stadt« (Gutfeeling/Broken Silence)
Es ist eine Freude: Meine Kinder shaken zu dieser Münchner Combo, die bayrische Landler, und Zwiefache ebenso drauf hat wie Rocksteady- oder Cumbia-Nummern, die selbstverständlich im Blasmusikgʼwand aufblitzen. Auch die lässigen Covers von Hank Williams (»Mansion On The Hill«) oder dem LCD Soundsystem (»You Wanted A Hit«) regen zum Tanzen an. Neben einem Disco-Hadern (»Electric Fling« von der Rah-Band) wird außerdem noch der titelgebende No-Wave-Klassiker »Wir bauen eine Neue Stadt« von Palais Schaumburg in die Mangel genommen.

08 Belp: »Hippopotamus« (SVS Records/Jahmoni)
Noch ein Ausflug nach München. Zu Jahmoni, dessen Eigner Sebastian Schnitzenbaumer hier Vielfalt mit gelassener Grandezza walten lässt. Intelligente Dancefloor-Sounds mit Dub-Veredelung.

09 Gaye Su Akyol: »İstikrarlı Hayal Hakikattir« (Dunganga Records/Glitterbeat/Hoanzl)
Feinsinnig orchestriert und arrangiert. Wunderbare Arabesken treffen auf wohlig austarierte Surf-Sounds samt Farfisa-Orgel, Violine etc. Die Mischkulanz aus orientalischem Klang und dem Beharren auf Surfgitarreneleganz ist die Essenz, die Gaye Su Akyols Band im Rahmen des Salam Orient Festivals im Oktober 2018 im WUK auch live superb rüberbrachte.

10 The Missing Waves: »Post-Crash« (Brocoli)
Wie destilliert man aus meist experimenteller Veranlagung und Instrumentierung heraus Popmusik? Das Trio um Sängerin Marie Catherine Mossé (Vocals, Keyboards, Mossétron) auf dem Pariser Edel-Label Brocoli zeigt es vor. Madame Mossé spielt Keyboards, Mossétron, Daniel Palome Vinuesa Bürsten, Scheren und Blasinstrumente und Nabil Boutelda Drums und Percussion. Dabei kommen echte Songs raus, von verquerer Schön- und Verwegenheit, wie etwa der impulsiv-dringlich gesungene Hit »Horizon«.

11 Swans: »Soundtracks for the Blind/Die Tür ist zu« (Young Gods/Mute)
Re-Release des Jahres. Die x-fach-Alben aus 1996, kompakt auf drei CDs. Die soundtechnische Vielfalt, von ligetieskem elektroakustischem Horror bis zu einer Endzeitballade. Eine Orgel sorgt mal für eine feierlich-schwermütige Ausschweifung und die bedrohlich durchstartende Swans-Rockdüsternis ist ohnehin allgegenwärtig.

12 Various Artists: »Soul of a Nation – Jazz is the Teacher, Funk is the Preacher« (Soul Jazz Records)
Der Kreis schließt sich mit der nach einem James-Blood-Ulmer-Song benannte Compilation mit afroamerikanischen Artists aus den Jahren 1969–1977 samt lehrreichem Booklet. Politischer Aktivismus und Self-Empowerment mittels radikalem Jazz, Street Funk und Proto-Rap. Reichend vom Art Ensemble of Chicago (»Theme De YoYo«, extrem funky!) über Funkadelic bis Gil Scott-Heron und Don Cherry. Noch zu Entdeckendes überwiegt aber: Genannt seien nur Harlems The Har-You Percussion Group, Sarah Webster Fabio, eine frühe Spoken-Word-Poetin von der West Coast, oder Oneness of Juju aus der New Yorker Loft-Szene mit dem glorios abhebenden »Space Jungle Funk«.

Die Avantgarde ist weiblich – Alfred Pranzls Top 10
Leider können wir skug nicht hauptberuflich machen, weswegen es oft länger dauert, bis gewisse Tonträger sickern bzw. diese überhaupt durchgehört werden können. Nun, aus dem Stapel mit CDs von Elektronik- und Instrumentalmusikerinnen schält sich eine grandiose Liste heraus, die Bestand hat. Immerhin: Für Mary Lattimores »Hundreds of Days« fand ich bereits während 2018 Zeit für eine Rezension für skug.

01 Stephanie Pan: »Have Robot Dog, Will Travel« (Arteksounds)
Das atemraubendste Werk 2018! Anfangs Postdubstep-Subbässe, ein niedlich-melodischer Loop und daraus erhebt sich eine klagende Frauenstimme. Die Sounds irrlichtern gespenstisch, hier mal eine ratternde Synthline, dort wundervolle Drones. Lo-fi Electronics, Baby Synths, Toy Instruments, Autoharp und Vintage Keyboards sorgen für eine Art mystischen Klang. Über allem erhaben thront die überaus variable Stimme von Stephanie Pan. Mal an das Gurren Meredith Monks erinnernd, mal chorhaft, mal lyrisch zart. Dieser Liederzyklus über das technologische Zeitalter ist eine Ode an die Abstraktion, an die Mehrdeutigkeit, an ungesagte Worte, an menschliche Nichtperfektion.

02 Kali Malone: »Cast of Mind« (Hallow Ground)
Die 1994 in Colorado geborene Amerikanerin lebt seit 2012 in Schweden und ist heuer beim Unsafe+Sounds Festival aufgetreten. Der Sound von »Cast of Mind« erinnert an den Minimal-Music-Pionier La Monte Young und betont den psychologisch betörenden Aspekt, den das Fließen von Obertönen evoziert. Ein wundersames Album, auf dem Malone die Harmonics des Buchla 200 Synth mit dem ruhigen Fluss von Holz- und Blasinstrumentenobertönen liiert.

03 Catherine Christer Hennix: »Selected Early Keyboard Works« (Empty Editions & Blank Forms)
Empty Editions fördert bislang unveröffentlichte Musik der schwedischen Pionierin der Minimal Music aus dem Archiv. »Mode Nouvelle des modalités« klingt wie strenge E-Musikkammer mit Fender Rhodes, sobald aber in den Well-tuned-Piano-Modus geschalten, wandelt es sich als Part II in ein Stück mit wolkigen Pianoläufen und Orgelschleifen. Der ätherische, sich wellenförmig ausbreitende Acid-Drone von »The well tuned Marimba« ist eine Variation von Hennixʼ »The Electric Harpsichord« und der finale »Equal Temperament Fender Mix« eine halluzinatorische Adaption einer Zwölfton-Stimmung.

04 Pauline Anna Strom: »Trans-Millenia Music« (RVNG)
Brian Eno oder Tangerine Dream sind große Einflüsse auf die Komponistin aus der kalifornischen Bay Area, die sich, blind geboren, ihre ureigene Spacemusik erschuf. Diese auf Emulatoren, FX etc. kreierte und zunächst auf Kassette publizierte Dreamscape Music aus den Jahren 1982–1984 wirkt wie aus der Zeit gefallen.

05 Olivia Block: »132 Ranks« (Room40)
Leise setzen Geräusche ein, die sich zu einem gewaltigen Rauschen steigern, ehe Olivia Block die riesige Skinner Orgel in der Rockefeller Memorial Chapel in Chicago zu spielen beginnt. Block zieht alle Register, vom tiefsten Pedalton bis zu höchsten, glockenähnlichen Tönen. Dabei hat Block eine Ader fürs Kontemplative wie für opulente Dramatik. Sinuswellen und Orgelcluster verwachsen zu einer massiven Klanginstallation, bei der die Architektur des Gotteshauses selbst auf CD nachwirkt.

06 Vanessa Tomlinson: »The Space Inside« (A Guide To Saints)
Die australische Percussionistin ist Mitglied der Experimentalcombo Clocked Out und lotet auf ihrem Soloalbum das Klangspektrum der Solo-Konzertbasstrommel und Solo-Tam-Tam auf hörenswerte Weise aus.

07 Julia Reidy: »Beholder« (A Guide To Saints)
Die australische Gitarristin mit Wohnsitz Berlin dehnt die Ausdrucksmöglichkeiten ihres Instruments. Electronics (DX7 und Synths) sowie Field Recordings gesellen sich zu Gitarren-Layers/Loops. Besonders gefallen die schönklangorientierten E-Saiten-Malversationen im Titelstück, aber auch mit dominierender E-Gitarre in avantrockistischer Reinkultur (»Jfai«).

08 Various Artists: »Zoom In 12: New Art Music from Lithuania« (MIC Lithuania)
Voller Magie sind sieben Live-Mitschnitte von Werken litauischer Komponist*innen, die ein bisschen einen Nationalstil durchschimmern lassen. Minimalismen, spirituelle Versenkung und eine gewisse Naturverbundenheit sind Gemeinsamkeiten in den eine feine Erhabenheit ausstrahlenden Kompositionen. Hauptsächlich von Tonsetzerinnen, und zwar von Justina Repečkaitė, Egidija Medekšaitė oder Žibuoklė Martinaitytė, die in New York lebt und heuer texturalen Zauber auf ihrem Album »Horizons« (MIC Lithuania) entfacht. Schlussendlich ist Justė Janulytės »Harp Is A Chord« ein beschaulich kreiselndes Juwel für Harpsichord und Akkordeon, das Erinnerungen an Mary Lattimore weckt.

09 Mary Lattimore: »Hundreds of Days« (Ghostly International)
Schwermut senkt sich über die Welt. Mary Lattimore ist mit melodramatischen Songs deren geniale Interpretin. Etwa im zum Weinen schönen »On The Day You Saw The Dead Whale« oder in »Baltic Birch« das einen windschiefen Trauermarsch anklingen lässt und das Verwittern von aus Birkenholz errichteten Gebäuden in lettischen Ostseebädern zum Thema hat.

10 Surma: »Antwerpen« (Radicalis Music)
Débora Umbelino aus dem portugiesischen Leiria erinnert ein klein wenig an Björk. Die Popavantgardistin weiß um die Wirkung von ätherischem Gesang im Konnex mit opulent bis fragil instrumentierter Electronica. Das Debütalbum, benannt nach der belgischen Hafenmetropole, ist von den verschiedensprachig angelegten Songtiteln her das Werk einer Kosmopolitin. So enthält »Voyager« Samples afrikanischer Stammesgesänge oder das traumwandlerische »Miratge« heißt »Illusion« auf Katalanisch.

Interdisziplinärer Mix by Alfred Pranzl – 13 Denkwürdigkeiten
Erleuchtung durch fantastischen Live-Sound. Mit ihrer räudigen Kombination aus Post-Punk/Free Art Rock samt melodischen Hooklines und furiosen Lyrics spielten Trupa Trupa aus Gdánsk am Waves Festival mein Konzert 2018. Samt bedenkenswerter Worte von Grzegorz Kwiatkowski in einer Zwischenansage: »There are people who claim the Holocaust did not happen. Fuck them«. Laut Kwiatkowski, der in vergangenen Jahren in Wien und Graz als Literat Artist in Residence war, gab es in Österreich keine richtige Entnazifizierung, wegen der Ausrede, dass Österreich ein Opfer von Hitler gewesen sei. Wie sehr die dunklen Schatten der Nazizeit nach wie vor über Österreich liegen und wieder hervorkriechen, hat Georg Friedrich Haas unmissverständlich im »Monolog für Graz«, aufgeführt beim musikprotokoll in Graz am 6. Oktober 2018, mit seiner Sprechkunst zur kongenialen Musik des New Yorker Talea Ensemble dargelegt. Doch auch in Deutschland ist die Lage nicht viel besser. »Konkret« hatte in der Ausgabe 10/2018 »Deutschlands Nazis – Die Schläfer erwachen« als Titelstory und Herausgeber Hermann L. Gremliza beschrieb im doppelseitigen Kommentar dieser Ausgabe die große Menge an Nationalsozialisten und Neonazis, die in deutschen Institutionen ihr unseliges Wirken unter demokratischem Hut verbargen und verbergen. Georg Seeßlen ist »Konkret«-Autor und doziert in seinem diesjährigen Buch »Is this the End?« über Pop als Problemgebiet. Das ist uns 2019 einen Salon skug wert! Näheres folgt. Pop reflektiert den gegenwärtigen politischen Wahnsinn auf der Welt zu wenig oder nicht mehr, dafür tut das die wiederauferstandene Zeitschrift »Melodie & Rhythmus«. Dieses 1957 gegründete »Magazin für Gegenkultur« steigt nach einem Jahr Pause wie ein Phönix aus der Asche. Die linkspolitische Gazette, die locker das Dahinscheiden von »Spex« wettmacht, dokumentiert mit einer Fotoreportage von Robert Newald den Neofaschismus in Österreich, wartet mit einem Manifest für Gegenkultur auf oder widmet sich der künstlerischen Aufarbeitung des Mordes an der Revolutionärin Rosa Luxemburg. Die Buchautoren Timothy Snyder, Michael Hartmann und Philip Manow und »Requiem für den amerikanischen Traum«, ein Dokumentarfilm über Noam Chomskys (anlässlich dessen 90. Geburtstag am 7. Dezember 2018) warnende Gesellschaftsbeobachtung, gewähren jeweils klare Analysen, die den Aufstieg des Rechtspopulismus und den drohenden Abstieg in Autokratien erklären. »Wer regiert das Geld?« ist die zentrale Frage. Eine minoritäre Elite von Reichen und Mächtigen lenkt den Diskurs und gefährdet mit der Unterminierung der Mittelschichten die Demokratie. Eine der Hauptursachen ist die zunehmende Ungleichheit, der mit einer effizienten Besteuerung von Kapital und profitgierigen Konzernen entgegengewirkt werden könnte. Die Politik wird dazu aufgerufen, statt ruinösem Konkurrenzdenken endlich wieder das Gemeinwohl und Solidarität zu stärken. Es braucht die Vordenker einer Bürgerbewegung, wie James Baldwin für die afroamerikanische in den USA einer war: »Die Welt ist nicht weiß. Sie war nie weiß. Weiß ist eine Metapher für Macht.« Raoul Pecks Dokumentarfilm »I Am Not Your Negro!« ist eine denkwürdige Hommage an den 1987 verstorbenen US-Schriftsteller James Baldwin, eine Rückschau auf die brutale US-Historie, in der der politische Filmregisseur die Geschichte dreier Freunde Baldwins miterzählt, jene der Ermordung der schwarzen Bürgerrechtler Martin Luther King jr., Medgar Evers und Malcolm X. Die autogerechte Stadt ist ein Fluch. In seinem 100. Todesjahr waren Otto Wagner, der nicht nur ein fantastischer Architekt, sondern auch Visionär der Stadtplanung war, dem die Stadtpolitik nicht gerecht wurde, zwei großartige Ausstellungen im Wien Museum und MAK gewidmet. Leider wurden trotz massiver Proteste nicht wenige Stationen der von ihm errichteten Stadtbahn-Gürtel- und Wiental-Linie (heute U4 und U6) abgerissen. Was zur allerletzten Station meines Jahresrückblicks führt: Peter Payers »Der Klang der Großstadt – Eine Geschichte des Hörens. Wien 1850–1914«. Der Historiker, Stadtforscher, Publizist und Kurator im Technischen Museum Wien schrieb ein allumfassendes Buch, das sowohl den Kampf der Bürger gegen allerlei üble Geräusche des Alltages der k.u.k-Monarchie-Metropole als auch Taten der nicht zimperlichen Lärmerreger schildert: »Unisono verwiesen die Automobilisten auf den Gewöhnungseffekt, der sich früher oder später einstellen werde. Um dem nachzuhelfen, bediente man sich mitunter eigenwilliger Hilfsmittel. So montierte ein erfinderischer Autolenker einfach einen Pferdekopf an der Front seines Wagens, in der Hoffnung, damit die scheuenden Gäule friedlich zu stimmen.«

01 Trupa Trupa: Konzert und Interview (Waves Vienna, 30.09.2018 im WUK)
02 Georg Friedrich Haas & Talea Ensemble: »Monolog für Graz« (musikprotokoll, 06.10.2018)
03 »Konkret – Politik und Kultur«, 10/2018
04 »Melodie & Rhythmus«, 1. Quartal 2019, erschienen im Dezember 2018
05 Georg Seeßlen: »Is this the End? – Pop zwischen Befreiung und Unterdrückung« (Edition Tiamat)
06 Timothy Snyder: »Der Weg in die Unfreiheit – Russland Europa Amerika« (C.H.Beck)
07 Philip Manow: »Die Politische Ökonomie des Populismus« (Edition Suhrkamp)
08 Michael Hartmann: »Die Abgehobenen – Wie die Eliten die Demokratie gefährden« (Campus Verlag)
09 Kelly Nyks/Jared Scott: »Noam Chomsky – Requiem für den amerikanischen Traum« (u. a. tv.orf.at/dokfilm)
10 Raoul Peck: »I Am Not Your Negro!« (u. a. tv.orf.at/dokfilm)
11 »Otto Wagner« (Wien Museum Karlsplatz, 15.03.–07.10.2018)
12 »Post-Otto Wagner – Von der Postsparkasse zur Postmoderne« (MAK, 30.05.–30.09.2018)
13 Peter Payer: »Der Klang der Großstadt – Eine Geschichte des Hörens. Wien 1850–1914« (Böhlau)

»Waldheims Walzer« © Ruth Beckermann Productions

Anm. der Redaktion: Leider ist uns beim Sammeln der Jahrescharts ein Faux pas unterlaufen und ein unentbehrlicher Beitrag durchgerutscht. Hier nun auch die Jahresbestenliste 2018 unserer Filmredakteurin Jenny Legenstein.

Jenny Legensteins 10 beste Filme, die 2018 in österreichische Kinos kamen

Die Überzahl an Filmen »Made in Austria« in dieser Aufzählung entspringt keineswegs patriotischen Gefühlen, sondern dem Umstand, dass ich in diesem Jahr (aus Gründen, die hier zu erklären zu weit führen würde), sehr viele Filme heimischer Produktion gesehen hat. Es besteht keine Wertung innerhalb dieser Liste, die Filme sind in alphabetischer Reihenfolge angeführt.

»Die bauliche Maßnahme«, Dokumentarfilm Ö 2018, Regie: Nikolaus Geyrhalter
Anfang 2016 beschließt die österreichische Regierung, entlang der Brennergrenze einen Zaun zu errichten. Nikolaus Geyrhalter und sein Filmteam reisen dorthin, recherchieren und filmen zwei Jahre lang Menschen und Landschaft, holen Meinungen und Stimmungen ein. Der Film vermittelt ein vielschichtiges Zeitbild, ein Porträt einer geografisch besonderen Region, und so nebenbei zeigt er ein leidiges Stück Realsatire. Der Zaun wurde übrigens bis heute nicht aufgestellt.
Link: http://diebaulichemassnahme.at/
https://www.youtube.com/watch?v=07IDCUAn1As

»The Florida Project«, Spielfilm USA 2017, Regie: Sean Baker
Die sechsjährige Moonee (Brooklynn Prince) lebt mit ihrer jungen, alleinerziehenden und joblosen Mutter Halley (Bria Vinaite) in einem kunterbunten Block des sogenannten »Florida Project«, eigentlich ein Motel, in dem der knurrige aber großherzige Hausmeister Bobby (Willem Dafoe) Leute mit knapper Kasse auf Dauer wohnen lässt. Während Moonee und die anderen Kids unbeaufsichtigt ihre Freiheit genießen, gerät ihre Mutter nicht nur in finanzielle Schwierigkeiten. American Independent Film at its best.
https://www.youtube.com/watch?v=WwQ-NH1rRT4

»In den Gängen«, Spielfilm D 2018, Regie: Thomas Stuber
Irgendwo im Osten Deutschlands, in der Pampa, könnte man sagen, tritt der schüchterne Christian (Franz Rogowski) seine neue Stelle in einem Großmarkt an. Langsam lebt sich der Ex-Häftling ins Gefüge eines ganz speziellen Mikrokosmos ein. Ein stiller, schöner deutscher Film voller Alltäglichem, Liebe, Kameradschaft, Spaß und Tragödie – und eine Ode ans Staplerfahren, u. a. mit Sandra Hüller und Peter Kurth.
https://www.youtube.com/watch?v=XpRUxLdIZfI

»Lady Bird«, Spielfilm USA 2017, Regie: Greta Gerwig
Greta Gerwigs Regiedebüt porträtiert Christine McPherson (Saoirse Ronan), die sich selbst Lady Bird nennt, in ihrem Abschlussjahr an einer katholischen High-School in Sacramento. Uncoole Schule, überhaupt uncoole Gegend – kein Wunder, dass die junge Dame da raus will. Ein Coming-of-Age-Film, der ohne großes Drama vom Etwas-erwachsener-Werden erzählt.
https://www.youtube.com/watch?v=cNi_HC839Wo

»Mappa Mundi«, Spielfilm/Animationsfilm A 2017, Regie: Bady Minck
Außerirdische reisen durchs All, auf ihrer Forschungstour stoßen sie auf die Erde und befragen unseren Planeten. Milliarden Jahre Geschichte in 45 Minuten. Dabei geht es vor allem ums Bild der Erde, das sich Menschen in Form von Landkarten gemacht haben. Noch nie war eine Lektion in Kartografie so unterhaltsam. Überzeugend auf Bild- wie Tonebene: mit den Stimmen von Adele Neuhauser, Maria Bill, Alexander Tschernek, Ruth Beckermann u. v. m. und Musik von Siegfried Friedrich, David Furrer, André Mergenthaler sowie Special appearance vocals: Sainkho Namtchylak.
Link: http://badyminck.com/
https://www.youtube.com/watch?v=wim0-lqmS-0

»Murer – Anatomie eines Prozesses«, Spielfilm A 2018, Regie: Christian Frosch
1963 steht Franz Murer (Karl Fischer) in Graz vor einem Geschworenengericht. Der ehemalige SS-Führer und Leiter des Ghettos in Vilnius wird angeklagt, ein NS-Verbrecher zu sein. Zahlreiche Zeug*innen und schriftliche Dokumente beweisen die Schuld des Angeklagten. Doch das Urteil steht längst fest, der ehrenwerte Bürger, Ehemann und Vater Murer ist freizusprechen. Ein leider wahres Lehrstück aus der Geschichte Österreichs darüber, wie Politik und Justiz »zusammenarbeiten«, das erklärt, warum diese Land so tickt, wie es tickt. Besondere Erwähnung: Alexander E. Fennon als wahrer Advocatus Diaboli.
Link: https://www.filmladen.at/murer
https://www.youtube.com/watch?v=M_KyYWphIXw

»Nico 1988«, Spielfilm I, B 2017, Regie: Susanna Nicchiarelli
Susanna Nicchiarellis Biopic zeigt Christa Päffgen alias Nico (Trine Dyrholm) nach ihrer Zeit als Model und Sängerin bei The Velvet Underground in einem eindringlichen Porträt, dem hier ein ausführlicher skug Artikel gewidmet ist.
https://www.youtube.com/watch?v=kTEjOf0EWbY

»Waldheims Walzer«, Dokumentarfilm A 2018, Regie: Ruth Beckermann
Dieser Film ist allein schon aufgrund der politischen Entwicklungen der letzten Jahre einer der wichtigsten Filme zurzeit im Kino. Anhand von Archivaufnahmen zeichnet Beckermann chronologisch die Ereignisse während des Bundespräsidentenwahlkampfs 1986 bis zum Amtsantritt Waldheims im Juni desselben Jahres nach. Der von der ÖVP nominierte Kandidat Waldheim hatte in seinen biografischen Angaben stets den Eindruck erweckt, sich nach einer Kriegsverletzung an der Ostfront 1941 bis Kriegsende in Wien aufgehalten zu haben, vor 1945 nie am Balkan gewesen zu sein und während der NS-Zeit auch von Kriegsverbrechen nichts gewusst zu haben. Diese Angaben wurden infrage gestellt und aufgrund zahlreicher Dokumente widerlegt. Gewählt wurde er trotzdem (»Jetzt erst recht!«). Die Waldheim-Affäre gilt als Auslöser einer tiefgehenden Diskussion um die Opfer-/Täter-Rolle von Österreicher*innen in der Nazizeit und der Abkehr von der Opferthese Österreichs. Ein Konsens, der nunmehr wieder in Gefahr ist.
Link: http://waldheimswalzer.at/de/
https://www.youtube.com/watch?v=g5-SFTA5Cjw

»Weapon of Choice«, Dokumentarfilm A 2017, Regie: Fritz Ofner, Eva Hausberger
In den USA gilt das Wort Glock quasi als Synonym für Handfeuerwaffe. In Österreich, wo das gute Stück hergestellt wird, gehört die Glock zur Polizeiausrüstung, wie auch in zahlreichen anderen Ländern. Doch irgendwann ist auch die größte Polizei- oder Militäreinheit mit Glocks ausgerüstet und da der private Markt viel größer ist, bedient die österreichische Firma dieses lukrative Segment vor allem in den USA. Gaston Glock, der Konstrukteur der Waffe und Firmenchef, ist ein medienscheuer Mann. Ihm können die Filmemacher*innen nicht nahekommen. Sie treffen Menschen, die mit Glock zu tun haben: Waffenhändler und Waffennarren, einen Ex-Gangster und einen Golfkriegsveteranen.
Link: http://www.weaponofchoice.at/
https://www.youtube.com/watch?v=S85jFoQHqX4

»Zu ebener Erde«, Dokumentarfilm A 2018, Regie: Birgit Bergmann, Steffi Franz, Oliver Werani
Plastikfolie als Nässeschutz, Pappe als Wärmedämmung, ein Schlafsack als Bett – wer in der Stadt ohne festen Wohnsitz lebt, improvisiert, um sich vor Feuchtigkeit, Kälte und Blicken zu schützen. Die Langzeitdoku »Zu ebener Erde« gibt Einblicke in Lebensrealitäten auf der Straße und porträtiert mehrere Menschen ohne Obdach in Wien. Ein respektvolles und differenziertes Bild von Obdachlosigkeit.
Link: http://zuebenererde.at/
https://www.youtube.com/watch?v=QPS5nf-k6aQ