Im Mai kommt der Eurovision Song Contest (ESC) nach Wien und alle freuen sich darauf, die dafür bezahlt werden. Wer die Nachrichtenseite vom staatlichen Sender ORF in diesen Tagen durchblättert, muss den Eindruck gewinnen, die Welt versinke gerade in Krieg und Chaos. Dass der US-Präsident dem Papst mehr oder weniger Prügel androht, darf auch nicht als Zeichen für eine baldige Friedensordnung gewertet werden. Zwischen all den Elendsnachrichten findet sich dann immer wieder ein lustiges: »Uiuiui, der Song Contest kommt und wir machen jetzt alle auf Frieden und Miteinander in Wien, supiiiiiii!« Wien will sich der Welt als weltoffen, bunt und szenig präsentieren und verspricht rund um den Sänger*innenwettstreit ein tolles Rahmenprogramm. Ein wenig fühlt es sich so an, als sollte die Stadt während des ESC zur Eventzone werden. Was da nicht passt, wird wegpoliert. Widersprüche kehrt man noch schnell untern Teppich.
Wer in Wien irgendwas mit Kunst macht, weiß ohnehin, dass die Liebe zur ars gratia artis in der Hauptstadt immer auch an touristisches Potenzial geknüpft wird und dass das gesellschaftliche Miteinander zwar wortreich (und durchaus auch finanziell) gefördert werden soll, aber am Ende wird die Rechnung mit den Investoren gemacht. Nirgendwo zeigt sich dies deutlicher als bei Projekten wie St. Marx für Alle!, der Bürgerinitiative für die Zwischennutzung des riesigen Geländes rund um den ehemaligen Schlachthof in Wien. In der dortigen Brache war zeitweilig Wildwuchs möglich. Bürger*innen durften an einem Stadtraum bauen, wie er ihnen gefiel, was das zeitweilige Wohlwollen der Stadt fand.

Von unten rauf statt von oben runter
Tatsächlich weiß man auch im Rathaus, wie wichtig so etwas ist. Viele legendäre Orte Wiens entstanden nicht durch Stadtplanung top-down, sondern erwuchsen quasi aus der Grasnarbe bottom-up. Das ist wichtig für Demokratie und gesellschaftliches Miteinander. Aber auch ganz praktisch bedeutsam, denn Wien ist ein komplett verplanter Ort. Jeder Zentimeter gehört wem und hat eine feste Nutzungszuschreibung. Das erstickt auf Dauer das Stadtleben. In Brachen hingegen (die ohnehin niemand will) dürfen tausend Blumen blühen und so eben auch im dritten Wiener Gemeindebezirk.
Bis Februar 2026 hatte St. Marx für Alle! einen Vertrag zur Zwischennutzung. Nach dessen Auslaufen war ein Verbleib auf dem Areal juristisch gesehen wohl eine Besetzung. Die Aktivist*innen gingen nicht. Die Brisanz der Lage war für sie mit freiem Auge nicht zu erkennen. Das Bauvorhaben, auf dem Areal eine superduper Eventhalle zu errichten, war zuletzt eher in weitere Ferne gerückt. Der Investor zögerte trotz versprochener Millionensubventionen. Das ist sicherlich auch der Weltlage, der Energiekrise und der zu befürchtenden weltweiten Rezession geschuldet. Viele haben gerade anderes im Kopf, als ein Flugzeug nach Wien zu besteigen, um dort einen jener internationalen Mega-Acts zu beglotzen, für die die Halle in St. Marx gebaut werden soll. Im Rathaus wurde bereits über andere Nutzungen des Areals spekuliert. Warum dann nicht einfach St. Marx für Alle! noch etwas stehen lassen?

Zerstören statt Dialog
Aber es kam anders. Am Donnerstag, dem 9. April 2026 tauchte morgens um 8:00 Uhr ohne Vorwarnung das Einsatzkommando der WEGA in St. Marx auf. Vermummte Polizisten stürmten das Gelände, führten mehrere Festnahmen durch und räumten gewaltsam. Sogleich kamen die Bagger. Sie hoben die selbstgebauten Strukturen, etwa vom Skatepark oder vom DIY Spielplatz, in die Höhe und ließen sie krachend zu Boden fallen. Was in einem Jahrzehnt mit viel Mühewaltung erbaut wurde, zerschmetterte man in kürzester Zeit buchstäblich zu Kleinholz. Warum überhaupt? Hätte man dies nicht abtransportieren können und anderswo aufstellen? Warum war das Zerstören plötzlich so wichtig?
Ein weiteres Detail, das füglich zur Beschreibung der Widersprüchlichkeit der Stadt passt. Man will Nachhaltigkeit – den Worten nach – und dann zerschlägt man gut genutzte Strukturen, nur damit ein Stück Land frei wird fürs große Betonieren, das dann noch Jahre (vielleicht Jahrzehnte) auf sich warten lässt. Dieser Nebenwiderspruch steht in enger Verbindung zum Hauptwiderspruch, nämlich dass man sich von Bürger*innen Initiative und Beteiligung erwünscht, die dann buchstäblich zubetoniert wird. Die beißenden Fragen sind: Wieso ist hier die Vermittlung so drastisch gescheitert? Sind die Aktivist*innen kategorisch gegen den Bau einer Eventhalle oder hätte die Stadt mit ihnen Wege zu einer gemeinsamen Nutzung des Geländes finden können? Warum gilt es für die Stadt so wenig, dass ein Gelände gemeinschaftlich und aktiv genutzt wird?

skug Talk zur Stadt für alle
Gerade der Stadtraum sollte ein Ort sein, der Widersprüche aushält. In ihm treffen kommerzielle Interessen, Repräsentationsbedürfnis und Freiheitswille der Bevölkerung aufeinander. Die Forderung an die Politik muss sein, dies auch alles abzubilden. Es gereicht der Stadt mehr zur Ehre, als glatte Oberfläche für den ESC zu polieren. Der Spuk ist nach einer Woche vorbei und sieht jedes Jahr im jeweiligen Austragungsort genau gleich aus. Wien war doch mal anders …
Am Dienstag, dem 21. April 2026 ab 20:00 Uhr diskutieren wir in unserem skug Talk beim Salon skug im Wiener Loop mit den Aktivist*innen von St. Marx für Alle! und versuchen gemeinsam zu ergründen, wie eine demokratische, offene, bunte, wildwüchsige und friedliebende Stadt möglich sein kann, trotz schnöder Kapitalinteressen. Wir freuen uns auf euch!











