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Glaubt an euch

Bei der Super Bowl Halftime Show zeigt sich, wie Amerika so drauf ist. skug schaut deshalb seit Jahren hin. Mittlerweile hat die Verwobenheit von Politik und Showbusiness ein aberwitziges und bedrohliches Ausmaß erreicht.

Ein Spezifikum unsere Zeit liegt darin, dass die Gewissheiten periodisch wiederkehrender Großveranstaltungen futsch sind. Grund: Politik. Und der kann nicht mehr entkommen werden. Würde man jemandem im Jahr 2012 erzählen, dass 2026 nicht klar ist, ob die Fußballweltmeisterschaft der Männer stattfinden wird, dann würde man dem Zeitreisenden das kaum glauben. Schließlich gehört »die WM« in Europa – so wie der Super Bowl in den USA – fraglos zu den wichtigsten Ereignissen im Leben vieler Menschen. Und wurde seit 80 Jahren nicht mehr abgesagt. Aber machen die Dänen mit, wenn die USA Grönland militärisch besetzen? Machen die Deutschen und Österreicher mit? Eher nicht, der Boulevard spekuliert bereits. Popmusik, die kleine lustige Schwester des Sports, ist davon ebenso betroffen. Außer der Sendeleitung des ORF (die dafür bezahlt wird) freut sich auch niemand wirklich auf den Eurovision Song Contest in Wien, weil, you know, selbst das israelische Militär räumt ein, dass 70.000 Menschen in Gaza getötet wurden. Auf den Straßen Wiens wird vermutlich auf Demos ausgehandelt werden, wer daran eigentlich schuld ist, und das halbgare Geträller in der Stadthalle wird demgegenüber weitgehend ins Hintertreffen geraten. Bei dieser Entwicklung zeigt sich, dass inmitten eines Zusammenbruchs der internationalen »Rechts- und Werteordnung« – also wenn senile Narzissten meinen, sie müssen eine Eisinsel besetzen (wozu auch immer) oder ein vom internationalen Strafgerichtshof gesuchter Möchtegernpotentat UNO-Gebäude per Bulldozer plattmacht – einfach ganz schwer pure Party zu machen ist.

Das ist alles kein Spiel mehr

Niemand weiß das besser als der Puerto-Ricaner Bad Bunny und er weiß auch, dass er die Halftime Show und das damit verbundene Millionenpublikum nutzen kann, um trotzdem genau das zu tun. Und das gelang ihm vorzüglich. Er lieferte am Abend des 8. Februar 2026 in Santa Clara eine perfekte Party und zugleich ein ausgeklügeltes politisches Statement, für das man den Herrn mit dem Kleiderbügel im Anzug einfach liebhaben muss. Für diejenigen, die von der Diskussion um Bad Bunnys Auftritt nichts mitbekommen haben sollten, hier die »Kurzversion« des aktuellen Kulturkampfs: Benito Antonio Martínez Ocasio aka Bad Bunny wurde auf US-amerikanischem Staatsgebiet geboren und lernte als Erstsprache Spanisch (ist dort so üblich). Die Insel Puerto Rico wurde aber – aus Kostengründen – nie ein US-Staat und die Menschen dort sind deshalb Bürger*innen zweiter Klasse. Die US-amerikanische Rechte skandalisierte den Auftritt Bad Bunnys, weil dieser mit seinem spanischen Gesang (den niemand verstehe) seinen »Hass auf die englische Sprache« ausdrücke. Nichts logischer als das. Wir müssen Songs wie die »Ode an die Freude« (Schiller/Beethoven) als Hassbotschaft gegenüber dem Englischen begreifen, was sonst soll die Herrschaften dazu bewogen haben, die Nummer in einer Fremdsprache zu dichten? So weit, so klar.

Das orangefarbene Monster im Weißen Haus hatte besonders schlechte Laune, weil es eigentlich große Sportereignisse geil findet (Jubel und so), aber weil leider mit Bad Bunny nichts als »Spaltung« gesät würde, musste Donny (anders als letztes Jahr) leider daheimbleiben. Außerdem sei der Weg von Washington nach Kalifornien »zu weit«. Das stimmt natürlich alles nicht. El Presidente Trump weiß genau, dass er im Stadion ausgebuht worden wäre, so wie sein Vize JD Vance bei der Eröffnung der Olympischen Winterspiele in Mailand zwei Tage zuvor. Das Lagerdenken der Rechten ging letztlich so weit, dass die Organisation »Turning Point USA« kurzerhand eine alternative Halftime Show auf die Beine gestellt hatte, mit Kid Rock und einer Reihe konservativer Acts, die kaum über den eigenen Familienkreis hinaus bekannt sind. Eine schöne Metapher auf den aktuellen Zustand der USA: Man kann nicht einmal mehr die gleiche Fernsehshow gemeinsam ansehen, jede Seite braucht ihre Version.

Bad Bunny hat sich vermutlich nicht gewünscht, dass er allein aufgrund seiner Herkunft und Erstsprache als »der Falsche« für die US-Rechte gilt, aber er nimmt den Fight auf. Bei den Grammys vor einer Woche bekam er drei Preise verliehen und bevor er dem lieben Gott dankte, bat er darum, endlich ICE zu stoppen. Die US Zoll- und Einwanderungsbehörde (Immigration and Customs Enforcement) terrorisiert seit Wochen das Land, indem sie Vermummte losschickt, um Menschen zu inhaftieren, die nicht mehr dazugehören sollen. Wer sich ihr in den Weg stellt, wird erschossen. Weitere Infos dazu bitte bei Bruce Springsteen nachhören. Bad Bunny will genau deshalb in den USA nicht auf Tournee gehen, weil er befürchtet, dass bei den Konzerten ICE auftaucht, um Menschen mit dunklerer Hautfarbe festzunehmen und zu deportieren. Genau das hatte die Heimatschutzministerin Kristi Noem ja auch für die Super Bowl angekündigt. Schlimmer geht fast nimmer. Vor diesem unfassbar vergifteten politischen Hintergrund soll nun noch wer Party machen – viel Spaß!

Wir sind Puerto Rico

Vorhang auf für Bad Bunny im Stadion von Santa Clara und den Beweis, dass sich selbst in dieser Lage noch gute Unterhaltungskunst abliefern lässt. Bunnys erster, geistreicher Kunstgriff liegt darin, den Kunstrasen des Football-Stadions in eine Zuckerrohrplantage zu verwandeln. Darin tanzt er Stationen ab, in denen kleine Szene aus der Arbeitswelt seiner Landsleute zu sehen sind. Ein Schelm, wer sich hier an Michail Kalatosow »Soy Cuba« erinnert fühlt. Die Message dieser kleinen Perlen des Agit-Prop: »Schaut einmal, wir sind diejenigen, die diese Arbeit machen. Für uns und für euch. Ihr seid eingeladen, euch zu überlegen, ob es wirklich so sinnvoll ist, uns dafür zu verachten, oder ob wir nicht gemeinsam feiern könnten.« Szenewechsel, ein Tanzcafé, Bad Bunny erscheint auf dem Dach und macht, was er am besten kann: zu fetzigen Latin-Trap-Beats Anzüglichkeiten ins Publikum zwinkern. »Macht Sie dieser Bongo-Stick nicht auch irgendwie …?« Der Mann ist einfach von seinen Mickey-Mouse-Handschuhen bis zur Schuhsohle komplett sexpositiv und er mag es halt, wenn die Hintern wackeln. (Hatten ihm die Rechten das nicht auch vorgeworfen? Nun, der Chorknabe Kid Rock wird sich bei seiner Gegenveranstaltung sicherlich auf Familienwerte konzentriert haben – nur, wen interessiert’s?). 

Von der Lust am Bi-Ba-Bumsen geht es dann wieder nahtlos zur proletarischen Selbstvergegenwärtigung. Bad Bunny steht plötzlich auf einem Pick-up-Truck in einer Autowerkstatt, die ölverschmierten Tänzer*innen schleppen Autoreifen herum. Noch mal die wichtige Erinnerung: »Wir sind die aus den Elendsvierteln von Porto Rico und wir dürfen auch versuchen, uns von diesem Leben etwas zu nehmen.« Zwischen dem Zuckerrohr tauchen Violinist*innen im feinen Zwirn auf und Bad Bunny wendet sich wohldosiert pathetisch ans Publikum. Er sei heute hier bei der Halftime Show, weil er nicht aufgegeben habe, an sich zu glauben. Daran zu glauben, dass auch einer wie er es schaffen kann. »Und du kannst das auch«, sagt er direkt in die Kamera. Ihr da draußen, die ihr aus Elendsquartieren kommt, die falsche Sprache sprecht oder die falsche Hautfarbe habt, ihr könnt es dennoch schaffen. »Tú también deberías de creer en ti. Vales más de lo que piensas. Confía en mí.« Der abgehalfterte amerikanische Traum klingt plötzlich auf Spanisch wieder ein bisschen glaubhaft. Danke, Benito.

Der nächste kluge Schachzug kommt sogleich. Emanzipation der einen könnte ja als Bedrohung für die anderen verstanden werden. Bad Bunny lässt im Stadion eine Hochzeitsszene aufbauen. Wurde eben noch die Lust am Single-Dasein illustriert, dann geht es jetzt schon in den sicheren Hafen der Ehe – ein echtes Angebot an die wertkonservativen Zuseher*innen. Und wer singt auf der Hochzeit? Es ist der Stargast der 2017er Halftime Show Lady Gaga – und die singt sogar auf Englisch. Hier wird eins, was immer zusammengehört hat. Der biederste und langweiligste Teil der Show ist glücklicherweise bald rum. Bad Bunny ist zurück und ruft: »Tanzt und liebt ohne Angst!« Muss man ihm lassen, der Typ ist einfach gut. Selbst seichte Salsa-Zwischenstücke gewinnen so eine ergreifende Aufladung. Wenn er einem kleinen Latino-Jungen, der vor einem altertümlichen Fernsehapparat sitzt, seinen Grammy überreicht, darf das Publikum sogar zu Tränen gerührt sein. Ricky Martin darf dann noch kurz zeigen, dass er die bessere Stimme als Bad Bunny hat, und macht aus dessen »Lo que le pasó a Hawaii« einen Klassiker des Puerto Rico Social Club. 

Liebe und Gemeinschaft

Es folgt abschließend der Fahnenappell zu Bad Bunnys Reggaeton. »God Bless America« meint diesmal aber alle Staaten des amerikanischen Kontinents, deren Fahnen gemeinsam ins Stadion getragen werden und die Bad Bunny sorgfältig auflistet. Am Ende ruft er: »Seguimos aquí!« – Wir sind immer noch da! Denn »gemeinsam sind wir Amerika«. Besser geht Halftime Show nicht. Inmitten all des gewalttätigen Wahnsinns und aufkeimenden Faschismus reicht Bad Bunny auch denen die Hand, die ihn nie wollten, und lässt Einigkeit zumindest möglich erscheinen. Wenn im Herbst in den USA hoffentlich noch gewählt werden darf (die Menschen in Puerto Rico dürfen das natürlich sowieso nicht), ist vielleicht noch nicht alles verloren, denkt man sich nach dieser Show. Es gibt fraglos in den USA genügend viele wohlmeinende, warmherzige Menschen, die Trumps Machtergreifung ablehnen. Aber kriegen die noch eine demokratische Chance? Es wird leider knapp. An Bad Bunny wird’s nicht gelegen sein, der konnte noch inmitten all dieses gewaltigen Hasses von Liebe und Gemeinschaft singen.

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