Bildausschnitt Coverart Koto: »Jabdah« (Memory Records)
Bildausschnitt Coverart Koto: »Jabdah« (Memory Records)

Italo Disco: Fünfmal 1986

Der Musikjournalismus behandelt Pop zunehmend als eine Jubiläumsgeschichte großer Alben. Fünf Italo-Disco-Singles aus dem Jahr 1986 setzen ein Gegengewicht – zwischen Proto-Techno, Camp, Zukunftsvision und Starkult.

Von »Graceland« über »The Queen Is Dead« bis hin zu »Reign in Blood« feiern 2026 zahlreiche Langspiel-Klassiker aus Pop und Rock ihren 40. Geburtstag. Nach dem jüngsten Rückblick auf »Rock Me Amadeus« richtet sich der Fokus hier erneut auf das Single-Format – diesmal auf fünf Stücke aus einem Genre, das 1986 in voller Blüte stand und bis heute ein Image zwischen Trash und Kult genießt: Italo Disco. Diese Musik ist harmonisch oft simpel und selten subtil, zugleich aber originell und atmosphärisch. Viele Stücke setzen auf unmittelbare Eingängigkeit, eine funktionale Dramaturgie und einen Klang, der voll und ganz in der Technologie seiner Zeit aufgeht: Drumcomputer, Sequencer, frühe digitale Synthesizer. Fernab vom »ernsten« Pop-Kanon wird das Genre seit Jahrzehnten wiederholt von jüngeren Generationen erschlossen, die in der Musik nicht mehr vorrangig den gnadenlosen Kommerz der 1980er hören, sondern einzigartige Soundwelten entdecken.

Koto: »Jabdah« (Memory Records)

Manchmal wird Italo Disco als ein Vorläufer von Techno verhandelt. »Jabdah« von Koto ist ein schlüssiges Beispiel dafür. Bis auf einige Spoken-Word-Passagen ist der Track instrumental. Er lebt von kalten Synthesizer-Melodien, harten Drumcomputer-Sounds und seiner futuristischen Atmosphäre. Die Übergänge zwischen den einzelnen Parts sind fließend organisiert. Dadurch fühlt sich die Musik im besten Sinn ziellos an, jedenfalls nicht wie eine lineare Song-Konstruktion mit Spannung und Auflösung. Das ist wie gemacht für ausufernde DJ-Sets. Der Track entwickelt seine Wirkung über sein konstant hohes Energielevel und seine zwingende Eingängigkeit: hymnisch und überschwänglich – ohne Pathos, dafür mit viel Witz. Inzwischen sind beide Mitglieder von Koto, Anfrando Maiola und Stefano Cundari, verstorben. Sie hinterlassen eine musikalische Zukunftsvision, in der Technologie nicht für Entfremdung steht, sondern für Spaß, Bewegung und Abenteuer.

Baltimora: »Juke Box Boy« (EMI)

Als Tänzer war Jimmy McShane das Gesicht des Mailänder Projekts Baltimora, das zumeist auf seinen größten Hit »Tarzan Boy« (1985) reduziert wird. Bei öffentlichen Auftritten übernahm McShane das Playback. Produzent Maurizio Bassi war als Mann im Hintergrund für Musik und Gesang verantwortlich. Classic-Rock-Fans verhandeln solche Konstellationen gern als Schwindel – man denke nur an den Skandal um Milli Vanilli. McShane, bereits 1995 verstorben, wird als tragische Figur im Schatten des »eigentlichen« Musikers wahrgenommen. Inzwischen ist jedoch klarer, wie originell und camp das Gesamtpaket Baltimora eigentlich war. Der Beitrag von McShane war zentral. Als ausgebildeter Schauspieler konnte er mit seinem exzentrischen Stil und seinem entrückten Tanz die überzeichnete Musik von Bassi perfekt verkörpern. »Juke Box Boy« ist ein Beispiel dafür, wie sich Italo Disco Mitte der 1980er am internationalen Pop orientierte und doch eigenständig blieb: bunt, theatralisch und comichaft.

Scotch: »Mirage« (ZYX Records)

Oft als schräge Spaßtruppe verbucht (»Disco Band«, »Delirio Mind«), hatte das Duo Scotch ein Gespür für ausgefallene Ideen. Schon die instrumentale Debüt-Single »Penguins’ Invasion« (1983) demonstrierte einen originellen Zugang zu Italo Disco. Auch »Mirage« weicht von stereotypen Erwartungen ab, allerdings auf eine andere Weise. Der Track verbindet typische Disco-Elemente – treibender Beat, Synth-Flächen und klare Struktur – mit Anleihen aus dem Italo-Pop jenseits der Tanzfläche. Die raue Stimme von Vince Lancini und der italienisch gesungene Chorus verleihen dem Song eine überraschende Tiefe: Es geht nicht mehr nur um Tanzbarkeit und Klamauk, sondern auch um Ausdruck, um ein leicht gebrochenes Gefühl. »Mirage« ist zugleich Party-Track und Melancholie-Pop: hell und eingängig an der Oberfläche, aber mit einer Sehnsucht, die gerade dadurch wirksam ist, dass sie sich im Hintergrund hält.

Sabrina: »Sexy Girl« (Baby Records)

Oftmals war Italo Disco eine Musik der Studios und der Produzenten. Schon vor ihrem europaweiten Durchbruch mit »Boys (Summertime Love)« (1987) hob sich Sabrina davon deutlich ab und verkörperte einen personalisierten Ansatz, bei dem sie selbst als Star-Figur ganz im Mittelpunkt stand. »Sexy Girl« trug diese Setzung bereits im Titel: maximale Präsenz, kalkulierte Attraktion als Pop-Strategie – nicht ironisch, nicht als Parodie, aber doch mit einem kleinen Augenzwinkern. Sabrina Salernos Stimme musste dabei nicht technisch beeindrucken oder virtuos sein. Etwas anderes war entscheidend: Sie musste glaubhaft ein enormes Selbstbewusstsein transportieren. Genau darin liegt die oft unterschätzte Qualität dieser Performance: Den Song beherrscht Sabrina durch Timing, Haltung und Ausstrahlung. Bei allen Anleihen am großen Pop bleibt die Musik zugleich dem Clubsound verbunden, mit ihrer synthetischen Basslinie und den hellen Keyboard-Hooks. »Sexy Girl« verbindet damit zwei zentrale Logiken der 1980er: Starkult und Dancefloor.

Ciber People: »Doctor Faustu’s« (Memory Records)

Die Ciber bzw. Cyber People hatten einen eigenwilligen Zugang zur Rechtschreibung: Was es mit dem Apostroph im Titel von »Doctor Faustu’s« auf sich hat, muss wohl für immer ein künstlerisches Geheimnis bleiben. Das Projekt um Alessandro Zanni und Stefano Cundari (Koto) war ein zentraler Akteur des »Spacesynth«, einem Subgenre zwischen Clubmusik und Roboter-Ästhetik. Durch Vocoder-Stimmen und die futuristische Grundstimmung klingt die Musik, als hätten Kraftwerk ihre Gründlichkeit kurz abgelegt und eine spielerische Parallelwelt erschaffen. Dennoch herrscht eine gewisse Spannung. Während einige Italo-Disco-Stücke eine makellos glänzende Zukunft erträumten, klingt »Doctor Faustu’s« ambivalenter. Der Track bleibt euphorisch, durch seinen Drive und den melodischen Chorus. Zugleich strahlt er eine eigenartige Unruhe aus, getragen von hektischen Synths, nervösen Breaks und polternden Percussion-Elementen. Das ist fast schon düster – jedenfalls für Italo-Disco-Verhältnisse.

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Text
Kai Ginkel

Veröffentlichung
20.04.2026

Schlagwörter


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