Am 29. März 1986 beginnt ein bis heute einzigartiges Kapitel der europäischen Popgeschichte: Mit »Rock Me Amadeus« wird erstmals und bislang unerreicht ein Österreicher mit einem deutschsprachigen Popsong zur Nr. 1 der US-Charts. Falco landet damit vor Prince und den Bangles und setzt seinen Triumphzug fort, der ihn auch im Vereinigten Königreich sowie in zahlreichen weiteren Ländern an die Spitze führt. Der Höhepunkt von Falcos »Imperial Phase«. Aus diesem für die europäische Popgeschichte schier unglaublichen Anlass führte skug ein ausführliches Gespräch mit Michael Rager, dem Betreiber des allwissenden Falco-Online-Lexikons Falco Compendium. Darin offenbart der ausgewiesene Falco-Insider eine Expertise, die keine Nuance auslässt. Viel Vergnügen beim Longread, der Verborgenes wieder ans Licht bringt, Vergessenes ins Bewusstsein zurückholt und mit fulminantem Faktenreichtum eine Welt rekonstruiert, die damals noch eine ganz andere war.
skug: Am 29. März 1986 stand Falco mit »Rock Me Amadeus« auf Platz 1 der amerikanischen Charts. Wenn man sich das Umfeld anschaut, waren seine Konkurrenten alles andere als irgendwer. Hinter Falco lag auf Platz 2 Prince mit »Kiss« und auf Platz 3 waren die Bangles mit »Manic Monday«.
Michael Rager: 1986 war wirklich ein starkes Popjahr. Die Pet Shop Boys standen in den Startlöchern und Madonna, INXS und Whitney Houston wurden zu Stars. Die Billboard-Charts fassten damals mehrere Kategorien zusammen: Radio-Airplay, Verkäufe und eine Kombination aus beiden. Und in allen dreien stand Falco mit einem deutschsprachigen Song fast einen Monat auf Platz 1.
Wie erklärst du dir das?
Falco hatte mit »Der Kommissar« ja 1982 schon einen Hit in den USA, wenn auch einen kleineren. In der Coverversion von »After the Fire« stieg der Song sogar bis auf Platz 3. Für Musikinteressierte war er also kein Unbekannter. Damals hat er gesehen, dass sein deutschsprachiger Song bei Weitem nicht so erfolgreich war wie die englische Version. Und trotzdem lehnte er es drei Jahre später wieder ab, »Rock Me Amadeus« auf Englisch einzusingen. Was für eine Chuzpe zu sagen: Nein, ich mache das nicht. Andererseits hat er ein Umfeld vorgefunden, das ihm geholfen hat. Ein Jahr zuvor, 1984, war der Film »Amadeus« von Miloš Forman sehr erfolgreich in den Kinos gelaufen. Und genau zu dem Zeitpunkt, als Falco auf Platz 1 war, fand auch die Oscar-Verleihung statt, bei der »Amadeus« der große Gewinner war. Außerdem war Falcos Song damals durchaus provokant, es war damals schon eine kleine Aufregung wert, dass ein Unterhaltungsmusiker ein Lied über einen Künstler der sogenannten E-Musik singt.
»Rock Me Amadeus« war aber auch die Nummer 1 in Großbritannien. Und auch hier hat er sich gegen sehr starke Konkurrenz durchgesetzt. Hinter Falco lag auf Platz 2 George Michael mit »A Different Corner«, auf Platz 3 Cliff Richard mit der Spitting-Image-Version seines Hits »Living Doll« und auf Platz 4 der künftige Sommerhit »Lessons in Love« von Level 42.
Zum internationalen Erfolg der Nummer gibt es eine interessante Geschichte. Außerhalb Europas war der Song zunächst in Kanada ein Hit, von dort schwappte er in die USA. In Großbritannien wurde »Rock Me Amadeus« erst ein Hit, weil er in den USA bereits erfolgreich war. Die ursprüngliche Version war dort schon Ende 1985 veröffentlicht worden und komplett untergegangen. Erst als der amerikanische Remix in Amerika zum Hit wurde, interessierten sich auch die Engländer dafür. Aber während es für Falco in den USA nach »Der Kommissar« und »Rock Me Amadeus« praktisch vorbei war, war er in Großbritannien vom Frühjahr 1986 bis zum Frühjahr 1987 mit jeder neuen Veröffentlichung in den Charts. Nach »Rock Me Amadeus« kam noch »Vienna Calling« in die Top Ten, dann die englische Version von »Jeanny«, danach »The Sound of Musik« und schließlich sogar noch »Emotional«.
Das wird selten erwähnt.
Ja, man macht sich heute gar nicht mehr klar, welche Dimension Falcos Erfolg damals angenommen hat. Heute klingt es selbstverständlich: Falco, das ist der mit der Nummer 1 in Amerika. Aber um die Dimension klarzumachen: Das wäre, als hätte heute eine österreichische Band wie Bilderbuch mit einem deutschsprachigen Song einen Nummer-1-Hit in den USA. Das ist kaum vorstellbar. Noch unglaublicher ist, dass Falco bis Ende Mai 1986, als der Hit eigentlich schon durch war, überhaupt keine Promotion in den USA gemacht hat, weil im März seine vermeintliche Tochter geboren wurde. Erst für die Nachfolgesingle »Vienna Calling« flog er in die USA. Ähnlich war es in Großbritannien. Seine Plattenfirma und das Management mussten ihn regelrecht beknien. Und wenn man ihn bei diesen Auftritten sieht, wirkt er oft gelangweilt und desinteressiert, mit der Haltung: »Was wollt ihr eigentlich?« Gleichzeitig hat meiner Meinung nach diese arrogante Unverfrorenheit Falcos Status als unangepasster, einzigartiger, seltsamer, aber selbstbewusster Künstler, der sich nicht des Erfolges wegen anschmiegt, definiert.
Es gibt ja auch diese Geschichte von Falcos Auftritt in der amerikanischen Show »Solid Gold«, wo er bei den Proben als Künstler aus »Australia« angekündigt wurde, was ihn ziemlich verärgert hat. Nach der Richtigstellung wurde er im nächsten Durchlauf als Künstler »from the land Hitler came from« vorgestellt. Da wollte er eigentlich schon gehen. Seine Haltung ist also zumindest ein Stück weit nachvollziehbar. Aber es ist auch bizarr: ein Weißer aus Österreich, der auf Deutsch rappt.
Auch wenn es heute problematisch klingt: Damals gab es in den USA noch die sogenannten »Black Charts«. Und erstaunlicherweise war »Rock Me Amadeus« auch dort sehr erfolgreich. Bis heute wird diskutiert, ob das der erste Rap-Song war, der es in den USA auf Platz 1 geschafft hat. Es war also ein Song, der die Rap-Community durchaus erreicht hat, aber auch die weiße Mittelschicht, die mit Mozart etwas anfangen konnte.
Wir haben uns jetzt das Happy End angeschaut. Aber als der Song im Mai 1985 veröffentlicht wurde, sah es keineswegs so aus, als würde Falco bald zum Weltstar werden.
Eigentlich hast du zwischen 1982 und 1984 einen Wiener Künstler, der in Wien mit Wienern produziert und relativ authentisch ist. Nach dem Flop seines zweiten Albums »Junge Roemer« stand er jedoch vor der Situation, dass er mit dem nächsten Album Erfolg haben musste, um seinen Vertrag zu guten Konditionen zu verlängern. Gleichzeitig war klar, dass es mit seinem Produzenten Robert Ponger nicht weitergehen würde. Die beiden hatten sich zerstritten. 1985 bekam er dann von seinem Manager Horst Bork die niederländischen Produzenten Rob und Ferdi Bolland vorgesetzt. Die beiden waren im Kino, hatten »Amadeus« gesehen und dachten sich: »Wir sollen für einen Wiener einen Song schreiben, warum also nicht über Mozart?« Falco gefiel das Lied zunächst überhaupt nicht, er wollte es gar nicht aufnehmen. In der amerikanischen Version kann man seine Abneigung teilweise hören, da singt er mehrmals »Fuck you, Amadeus«, obwohl klar war, dass so etwas im Radio problematisch ist. Für seine ersten beiden Alben hatte Falco die Texte noch selbst geschrieben. »Rock Me Amadeus« stammt jedoch größtenteils von den Bollands, sowohl Musik als auch Text. Sein eigener Beitrag beschränkt sich im Wesentlichen darauf, das Präfix »Rock Me« hinzugefügt und einige Worte verändert zu haben.
Für Falco-Fans ist es ein Schock, dass dieser Text nicht von ihm selbst ist. Aber wenn man sich das Demo anhört, das die Bollands gemacht haben, merkt man: Der Song war im Grunde fix und fertig. Vergleicht man das Demo mit der fertigen Aufnahme, wird aber auch klar, was Falco mit seiner Performance beigesteuert hat.
Natürlich! Das Demo stammt von Rob Bolland. Falco ist, ähnlich wie Elvis Presley, eher ein Interpret. Deshalb gibt es auch so wenige funktionierende Falco-Cover. Man merkt schnell, dass diese Songs eigentlich nur in seiner Interpretation funktionieren.
Stimmt, die Version von den Toten Hosen ist ziemlich lahm.
Gutes Beispiel! Das einfach mit E-Gitarren nachzuspielen, reicht nicht. Falco-Songs sind auch 40 Jahre später noch sofort erkennbar. Der Text von »Rock Me Amadeus« leistet außerdem einiges für die Marke Falco. Er stellt eine Art Personalunion zwischen Mozart und Falco her. Der Text handelt nicht nur von Mozart, sondern auch von Falco selbst. Andere Künstler mit anderen Charaktereigenschaften hätten das nicht singen können.
Niemals! Seit ich weiß, dass die Bollands diesen Text geschrieben haben, fasziniert mich, wie gut sie sich in diese Kunstfigur hineingedacht haben. Sie haben das, was auf »Junge Roemer«, Falcos großem Flop, begonnen hat, weiterentwickelt und auf eine größere Bühne gestellt. Und dann kommt noch das Video und MTV dazu.
Das Video hat sicher einen entscheidenden Anteil am Erfolg. Es war tatsächlich eines der meistgespielten Videos des Jahres 1986. Die Idee mit den zwei Zeitebenen, die Falco ins Rokoko und den Amadeus-Falco mit Rockern und Punkern in die Gegenwart versetzen, ist stark. Und das alles vor historischer Wiener Kulisse. Ich glaube allerdings, dass die ursprüngliche Idee aus dem Video »Mulatschag« von Drahdiwaberl stammt. Dort sitzen Bildungsbürger aus dem ersten Wiener Bezirk in einem klassischen Konzert, dann kommt Drahdiwaberl herein und alles vermischt sich, wird chaotisch und exzessiv. Genau das passiert am Ende von »Rock Me Amadeus« auch, wenn sich die beiden Zeitebenen überlagern. Außerdem ist das Video auch deshalb so gelungen, weil es Falco mit seiner Körpersprache stark in den Mittelpunkt stellt.
Mit dem Video zu »Junge Roemer« wurde ja schon etwas Ähnliches versucht, aber »Rock Me Amadeus« perfektioniert das.
Und das ist genau das, was die Bollands auch musikalisch machen. Wo Robert Pongers Songs eher subtil bleiben, tragen die Bollands dick auf. Da heißt es: Das ist ein Österreicher, er braucht einen Hit, also singt er über Mozart. Und die beiden Videoregisseure Rudi Dolezal und Hannes Rossacher setzen das visuell genau so um. Auch da hat Falco zunächst protestiert, weil er diese Amadeus-Perücke nicht tragen wollte.
Sprechen wir noch über die verschiedenen Versionen von »Rock Me Amadeus«. Es gibt den europäischen »Gold Mix«, der sowohl auf der Single, als auch auf dem Album »Falco 3« verwendet wurde. Und dann gibt es ja noch unzählige weitere internationale Versionen. Ich habe nie ganz verstanden, mit welcher Version er eigentlich in den USA auf Platz 1 war?
Die Ursprungsversion ist der »Gold Mix«. Gleichzeitig gab es eine »Extended Version« als Maxi-Single. Diese Versionen wurden in Europa veröffentlicht und waren auch erfolgreich, nur eben nicht in Großbritannien. Daraufhin meldete sich die amerikanische Plattenfirma und meinte, wenn man den Song in den USA erfolgversprechend veröffentlichen wolle, brauche man etwas Dynamischeres. Die Bollands gingen wieder ins Studio und erstellten die acht Minuten lange »Salieri Version«. Dafür haben sie alles verwendet, was auf dem Masterband noch vorhanden war, und zusätzlich zahlreiche Elemente ergänzt: eine gesprochene Mozart-Biografie, ein neues Gitarrenriff, Frauenchöre, ein Saxofon- und ein Violinensolo. Alle internationalen Singleversionen greifen letztlich auf diesen Remix zurück. Das sogenannte »American Edit« basiert auf der normalen Singleversion, ergänzt am Anfang eine Frauenstimme, fügt später einen Chor hinzu und verändert das Outro. Im Großen und Ganzen bleibt der Song aber unverändert und auch Falcos auf Deutsch gerappte Strophen bleiben unangetastet. Und genau diese Version wurde in den USA zur Nummer 1.
Das ist die Version, die mit »Uh, Rock Me Amadeus« anfängt, oder?
Genau.
Aber Falco war nicht wirklich glücklich mit dem Erfolg, oder?
Das würde ich so nicht sagen. Aber es gab ein anderes Problem. Zeitgleich zur Veröffentlichung lernte er seine spätere Frau kennen, die schnell schwanger wurde. Damit kam auch seine bürgerliche Seite stärker zum Vorschein, der Wunsch nach Familie und Stabilität. Gleichzeitig entwickelte sich »Rock Me Amadeus« zu einem riesigen Erfolg. Ich bin mir sicher, dass Falco diesen Erfolg wollte. Aber das private Glück kam in einem Moment, in dem seine Prioritäten eigentlich woanders lagen.
Das stimmt.
Auf der anderen Seite war Falco nicht der Typ, der seine Karriere so konsequent und strategisch vorangetrieben hat wie etwa Madonna. Er hätte auch als relativ unbekannter Bassist in Underground-Bands bestehen können. Ihm fehlte zum Teil die Energie und vielleicht auch das Interesse, sich dauerhaft neu zu erfinden. Er hat keinen seiner großen Hits selbst komponiert und im Laufe der Zeit immer weniger zu den Texten beigetragen. Auch der Schritt, gezielt neue internationale Produzenten zu suchen, hat nicht funktioniert. Dabei soll Nile Rodgers, Gitarrist von Chic und Produzent von David Bowies »Let’s Dance«, und ebenso, gerüchteweise, Dave Stewart von den Eurythmics Interesse gehabt haben, mit ihm zu arbeiten. Aber das war für Falco offenbar ein Schritt, der ihm zu groß erschien, diese Dimension hat er sich nicht zugetraut. Und das hat einem langfristigen internationalen Erfolg sicher im Weg gestanden.
Er war doch sogar mit seinem Manager Horst Bork in Los Angeles, wo der schon ein Haus für ihn gefunden hatte. Und dann hätte er dort leben können, mit Familie und Cadillac. Aber er wollte nicht, er hatte Heimweh.
Ja, er soll ja gesagt haben, das Schönste an der amerikanischen Flagge seien die rot-weiß-roten Streifen. Aber ich glaube, er hat verstanden, dass er in den USA nicht funktioniert hätte. Wien war für ihn die richtige Option. In einem Interview hat er einmal gesagt: »Wäre ich in L.A. geblieben, wäre ich durch die Betten geschlafen worden und jetzt tot.«
Es gibt ja auch diese Geschichten, wie er bei der Japan-Tournee 1986 stundenlang mit seiner Frau und seiner Mutter telefoniert hat und eigentlich gar nicht dort sein wollte. Er hat als Wiener Pflanze am besten funktioniert. Dass »Rock Me Amadeus« so erfolgreich geworden ist, kann man auch auf das Zusammentreffen vieler Zufälle zurückführen.
Stimmt, es war eine Zeit, in der der amerikanische und internationale Musikmarkt offener für andere Sprachen war. Aber für Falco war dieser Hit gleichzeitig auch ein Unglück. Ein größtenteils von anderen geschriebener Song, der seine Persona perfekt ausdrückt, wird zum Mega-Erfolg. Danach wurde ihm, wohl auch wegen dem weltweiten Promotion-Stress und dem Druck, der auf ihm lastete, das Songschreiben und Texten zunehmend gleichgültig. Irgendwann sah er sich nur noch als Popstar, der einen Hit braucht. Wie dieser musikalisch aussah, war ihm egal. Schon das 1986 erschienene Album »Emotional« ist im Grunde ein Album, auf dem Falco Songs der Brüder Bolland interpretiert. Und danach ging es kontinuierlich abwärts. Kurz vor seinem Tod galt er bereits als »Ex-Künstler«.
Ja, eigentlich ist das tragisch. Die Bollands haben ja gleich noch einmal versucht, so etwas wie »Rock Me Amadeus« zu wiederholen. Im Sommer 1986 kam die Single »The Sound Of Musik«, die erneut ein Österreich-Klischee aufgriff, diesmal das Musical »The Sound of Musik« mit der Familie Trapp. Und Dolezal und Rossacher machten wieder ein Video mit Punkern und Rockern, nur dass Falco diesmal rätselhafterweise als der bayerische König Ludwig auftaucht. Und so etwas funktioniert dann nicht.
Stimmt. Wobei »The Sound Of Musik« mit seiner ungewöhnlichen Struktur schon ein frecher Nachfolgehit ist.
Fantastisches Lied!
Aber kein klassischer Hit. Und später kam noch »Wiener Blut«. Abgesehen davon haben die Bollands aber genau das gemacht, was von ihnen erwartet wurde: Sie haben Hits geschrieben.
»Wiener Blut« als Single zu veröffentlichen, ist schon sehr verwegen. Ein Lied im Wiener Hardcore-Dialekt, sodass nicht einmal mehr Deutsche verstehen, worum es geht.
Ja, aber das ist eben das typische Falco-Prinzip, wie schon bei »Rock Me Amadeus«. Und genau das macht ihn langfristig einzigartig. Er passt sich nicht an und sagt, ich singe jetzt auf Englisch oder Hochdeutsch. Er sagt: Ich mache das, aber auf meine eigene Art. Und genau das macht einen Künstler interessant, der Umstand, dass er keine Marionette ist.
Trotzdem hat er Anfang der Neunzigerjahre noch einmal ein Comeback versucht, mit der Single »Titanic« und dem Album »Nachtflug«. Das wirkte ein bisschen so, als hätte er zu den Bollands gesagt: Kommt, schreibt mir noch einmal »Rock Me Amadeus« und »Falco 3«, aber mit Beats aus den Neunzigern. Und auch da hatte er, obwohl das Album nicht schlecht ist, nur begrenzten Erfolg.
Anfang der Neunziger wäre es egal gewesen, was er gemacht hätte. Das Publikum war weitergezogen. Falco wirkte wie ein Relikt der Achtzigerjahre, fehl am Platz zwischen den Grunge-Bands mit ihren Holzfällerhemden. Wäre »Titanic« 1986 erschienen oder 1997 zum gleichnamigen Film von James Cameron, wäre es vermutlich ein großer Hit geworden. Aber lass uns noch kurz über die B-Seite von »Rock Me Amadeus« sprechen.
»Urban Tropical«.
Genau. Eine Nummer, die er mit dem österreichischen Künstler Supermax produziert hat und die es nicht auf das Album »Falco 3« geschafft hat, weil sie so …
Seltsam?
… ungewöhnlich war. Und das ist eigentlich ein Statement. Nach dem Motto: Wenn ich diesen kommerziellen Amadeus-Song schon machen soll, dann kommt auf die B-Seite etwas völlig Skurriles, ein Track über Sex und Drogen in einem Wiener Aufnahmestudio. Das ist typisch Falco. Es ist, als würde er sagen: Auf der A-Seite bin ich etwas kommerzieller geworden, aber dreht die Platte um, da findet ihr den Strizzi, der sich immer noch alles reinzieht. Es ist eine Art Protest, versteckt auf der B-Seite. Ein Signal an seine Fans: »Keine Angst, ich bin immer noch der unangepasste Wiener Underground-Künstler, der sich nicht verbiegen lässt.«
Ich finde, dass »Urban Tropical« seine seltsame Faszination in der Singleversion gar nicht richtig entfalten kann. Das gelingt erst in der »Extended Version« auf der Rückseite der »Rock Me Amadeus«-Maxi.
Stimmt. Wobei ich glaube, dass hier nicht die Maxi verlängert wurde, sondern eher die Single gekürzt ist.
Glaub’ ich auch! Das Lied ist ja auch musikalisch seltsam, ich könnte es dir jetzt nicht vorsingen.
Kommerziell ist das nicht, diese losen groovigen Strukturen, aber es kommt Falcos Sprechgesang extrem entgegen. Extrem relaxt.
Was meinst du, was ist denn das Erbe, das der riesige Überhit »Rock Me Amadeus« hinterlassen hat? Und ist das heute noch interessant?
Interessant ist es wegen des massiven Erfolges, der Falco zu einer Ikone nicht nur der österreichischen und deutschsprachigen, sondern auch der europäischen Popmusik gemacht hat, zu einem Obelisk, zu einem Ereignis, das nicht wiederholbar ist. Und das Erbe ist genau dieses Alleinstellungsmerkmal. Es gibt keine Nachfahren von Falco, außer vielleicht Bilderbuch, aber auch nicht wirklich. Es gibt keine Legacy-Künstler. Wo soll man ihn einordnen? Vielleicht ist das Erbe, dass da einer einfach in deutscher Sprache sein Ding durchgezogen hat.
Ja, eine absolute Singularität. International sieht man ihn als Drei- oder Vier-Hit-Wunder, im deutschsprachigen Raum hatte er mehr als ein Dutzend Hits. Ich habe immer das Gefühl, man würde ihn heute anders sehen, wäre nicht noch »Out of the Dark (Into the Light)« und sein Unfalltod dazugekommen. Ich glaube nicht, dass das Album oder die Single ohne diese Koinzidenz irgendjemanden interessiert hätten.
Find ich auch. Er hat stark begonnen, hat dann stark den Kommerz bedient, bis dann in den Neunzigerjahren gar nichts mehr ging. Und nach seiner letzten Tournee 1993 ist Falco, Kapitel 1 abgeschlossen. Dann kam das Kapitel 2, mit der langen Pause und den kleineren, Techno- und Dancefloor-lastigen Comeback-Hits »Mutter, der Mann mit dem Koks ist da« und »Naked«. In dieser Zeit und auch dann bei der Zusammenarbeit mit Torsten Börger, der Tic Tac Toe groß gemacht hat und der Falcos letztes posthum erschienenes Album »Out of the Dark (Into the Light)« produziert hat, hatte man das Gefühl, es ginge nur noch ums Überleben. Und wer weiß, ob er nicht im RTL-Dschungelcamp gelandet wäre, wenn er nicht gestorben wäre!
Oh ja, nein, Hilfe! Was für eine grausame Vorstellung!
Andererseits ist es auch denkbar, dass er vielleicht stärker in Richtung Literatur gegangen wäre oder auch auf einer kleineren Dimension Musik gemacht hätte, die stärker seinen persönlichen Vorlieben entsprochen hätte. Aber Mitte der Neunziger war er wirklich am Sand. Das, was David Bowie ganz bewusst mit »Blackstar« gemacht hat, er wusste, er stirbt, und hat ein Abschiedsalbum gemacht, das ist Falco unbewusst perfekt gelungen. Denn das Album »Out of the Dark (Into the Light)« war, wenn man ehrlich ist, furchtbar und wäre zweifellos total gefloppt. Aber auf die Zeile: »Muss ich denn sterben, um zu leben?« in »Out of the Dark (Into the Light)« stürzte sich die Presse und dann wurde auch dieses Lied ein Hit. Das hat ihm einen relativ versöhnlichen Abgang verschafft. Und durch seinen frühen Tod konnte er die coole Figur mit tragischer Geschichte werden.
Ja, aber das alles funktioniert nur, weil es vorher »Rock Me Amadeus« gegeben hat. »Out Of The Dark (Into The Light)« lebt komplett von dem Glanz des Amadeus-Genies, das sich für seine Kunst geopfert hat.
Man muss da vielleicht auch unterscheiden zwischen dem Falco in den deutschsprachigen Landen, mit vielen Hits und einer Lebensgeschichte, die für viele Leute absolut präsent ist. Und dann der Falco international, der mit »Der Kommissar«, »Rock Me Amadeus«, »Jeanny« und »The Sound Of Musik« bekannt war, aber über seine Lebensgeschichte nach 1986 weiß man da eigentlich nichts mehr. Trotzdem gibt es in Japan oder den USA immer noch Leute, die Falco-Fans sind. Irgendwas, was man vielleicht auch nicht bis zum Letzten erklären kann, dürfte er schon gehabt haben, was ihn auch international auf einem gewissen Level immer noch interessant macht.
Richtig. Und diese ganzen Musicals und Imitatoren, die es heute gibt, die funktionieren wegen des Nachruhms dieses Dreisprungs »Der Kommissar«, »Rock Me Amadeus« und »Out Of The Dark (Into The Light)«.
International ist er allerdings schon sehr reduziert auf »Der Kommissar« und »Rock Me Amadeus«, das merkt man auch an den Soundtracks zu diversen Hollywood-Produktionen, da wird manchmal »Der Kommissar« verwendet, aber hauptsächlich »Rock Me Amadeus«. Jetzt zuletzt in »Stranger Things« oder in »The Simpsons«, da werden die Songs als Verortung der Zeit verwendet. Vielleicht ist »Rock Me Amadeus« einfach ein Novelty-Hit, ein Hit, der nur in diesem einen Jahr, in diesem speziellen Kontext mit nur diesem Künstler international funktioniert hat.
Das ist ein gutes Schlusswort! Ich danke dir für das wie stets spannende Gespräch!
Ich danke dir!
Über den Autor: Jens Buchholz hat für skug bereits drei Texte zu Falco verfasst: »Der Falke am Karrierehöhepunkt«, »Das (fast) perfekte Falco-Album« und »Falco am absteigenden Ast«. Er ist zudem Autor des Buchs »Falco – Populäre Irrtümer und andere Wahrheiten«, das 2024 im Klartext Verlag erschienen ist.











