»Gute Kräfte sammeln sich«, der schnittig-zackige New-Wave-Song von Chuzpe, fällt dem Autor dieser Zeilen ein, wenngleich es ein klein wenig zu weit hergeholt sein mag: Es gilt, immer jene zu würdigen, die zivilgesellschaftlichen Widerstand gegen menschen- und naturverachtende Politik leisten. Deshalb stellt Studio Dan den bevorstehenden »You Better Listen!«-Abend im MuTh am 26. Februar 2026 um 19:30 Uhr unter das Motto »Die Guten«. Gemeint sind damit Ingrid Laubrock (sax, composition) und Tom Rainey (drums), die mit Studio Dan auftreten und die Uraufführung von Laubrocks neuem Werk »Torn« lancieren. Übersetzt heißt das in etwa »zerfetzt«, »verschlissen«, was auf die zurzeit dystopische Weltlage hindeutet. Das Programm, das auch am 28. Februar im Kölner Stadtgarten und am 1. März im Schwere Reiter in München zu sehen sein wird, enthält im weitesten Sinne New Yorker Jazzpositionen. Darüber, was die Kollaboration beider Persönlichkeiten der New York Jazz- und Improvisationsszene ausmacht, und über die vergleichsweise umsichtige Förderung österreichischer Biotope zeitgenössischer Musik hat sich skug mit Daniel Riegler, dem künstlerischen Leiter, Bandleader und zeitweise Komponisten von Studio Dan, per E-Mail-Korrespondenz unterhalten.
skug: Ingrid Laubrock hat mit Kapazundern der britischen Jazzszene, aber auch mit Siouxsie and The Banshees oder Django Bates interagiert. Seit 2008 lebt und arbeitet die deutsche Saxofonistin und Komponistin in New York und hat u. a. in Ensembles von John Zorn oder Anthony Braxton gespielt. Wäre es auch dein Traum gewesen, dich in London oder New York zu etablieren?
Daniel Riegler: New York war nie auf meinem Plan, aber ich habe mich einmal für die US-Westküste interessiert. Da waren damals interessante Leute am Mills College und an der University of California, San Diego. 2004 habe ich Miller Puckette und Fred Frith besucht, um auszuloten, ob ich da hinwill und ob sie mich als Studenten akzeptieren. Miller Puckette war extrem nett und hat mir den ganzen Musik-Campus gezeigt. Fred Frith war eher unfreundlich, es war sehr seltsam … Im selben Jahr haben wir dann aber auch die ersten Treffen zur Gründung der JazzWerkstatt Wien gehabt und weil das so ein fruchtbares Arbeiten in Wien geworden ist, habe ich ein postgraduales Studium nicht mehr weiterverfolgt. Aber Kalifornien hätte mich sehr gereizt. Ich hatte die Vermutung, dass dort irgendwas Besonderes in der Luft liegt: Cowell, Cage, Oliveros, Subotnick, Riley, Reich, Zappa, Beefheart … das hat mich ja alles sehr interessiert. Und dann hat sich auch mein ganzer Lebensentwurf entgegen dem Künstlerleben in einer so unfreundlichen Stadt wie New York oder London entwickelt, mit Kindern willst du da besser nicht Musiker sein. Und in Wien ist es für mich ja sehr gut geworden.
Anti-House, Paradoxical Frog und Sleepthief heißen Laubrocks New Yorker Band-Formationen, ein US-deutsches Sextett nennt sich Ingrid Laubrocks Lilith, doch zählen für mich persönlich ihre Duett-Vertonungen von Erica Hunts 60 »Koan«-Poems zum Schönsten, etwa jene von Fay Victor und Mariel Roberts. Auch ihr Schweizer Label Intakt forcierte Duoarbeiten, darunter »Brink« mit Drummer Tom Rainey, der mit Laubrock und Studio Dan auftreten wird. Welche Werke Laubrocks faszinieren dich am meisten?
Die »Koans« sind schön, ja! Und ich finde das Duo mit Kris Davis herausragend. Die Veröffentlichung heißt »Blood Moon«. Was das Schreiben für großes Ensemble betrifft, fand ich die Zusammenarbeit mit dem EOS Chamber Orchestra »Dreamt Twice, Twice Dreamt« interessant. Beides bezeichnenderweise 2020 entstanden …
Das besondere an Laubrock ist ihre Offenheit, ein bisschen auch gegenüber Popmusik, welche eine Art Third Stream, die Zusammenführung von Neuer Musik mit Improvisation ermöglicht. Hat Christof Dienz die Kooperation von Studio Dan mit Laubrock eingefädelt? Als Intendant der Klangspuren in Schwaz, wo das sehr vital klingende »Zones 1+2« uraufgeführt wurde?
Nein, falsch geraten! Ingrid wurde direkt von Studio Dan und mir beauftragt. So wie das recht oft ist, mit unseren Programmen. Oft werden diese akzeptiert, aber manchmal brauchen die Veranstalter noch ein paar Jahre, bis sie unsere Ideen mit anderen Ensembles umsetzen. Haha, ich sollte es wohl als Kompliment nehmen.
Wie liest sich eigentlich die Partitur von »Zones 1+2«? Gibt es da notierte Passagen und weniger fixierte, die freies Flottieren ermöglichen?
Genau so! Also beides. Es ist eine sehr gute Balance aus Determiniertem und Freiem. Das passt super zu uns, so haben wir’s gerne. Und wie du sagst: So werden Stücke meistens »vital« und »flott«. Die Komponist*innen tun sich selbst einen Gefallen, wenn sie gelegentlich die Kontrolle abgeben. Klingt nicht nur besser, sondern ist auch eine gute Übung fürs Ego … Ich spreche aus Erfahrung.
Und wie unterscheidet sich die neu erarbeitete Komposition klanglich von »Zones«? Heißt das Werk »Die Guten« oder lautet das Motto des Abends so?
Da müssen wir die Proben und die Premiere abwarten. Aber Ingrid kennt uns jetzt und überlässt dem Ensemble noch etwas mehr Gestaltungsraum. Sie ist ja eine erfahrene Improvisatorin und weiß, was da rauszuholen ist. Und nein, das Stück hat erst seit zwei Tagen einen Titel und heißt »Torn« … »so wie die Welt zurzeit«, schreibt Ingrid.
Ingrid Laubrock ist Aktivistin gegen die desaströse Disruptionspolitik des Trump-Regimes, demonstriert gegen Gesichtserkennung und Streifen der ICE-Miliz auf Arealen von Universitäten und beklagt die bevorstehende Abwicklung von Förderungsinstitution wie NEA (National Endowment for the Arts) und weitere ideologische Kürzungen im Kulturbereich. Die Einschnitte der Stadt Wien und des Bundes nehmen sich dagegen bescheiden aus, doch könnte Österreich Ähnliches bevorstehen, wenn eine Partei wie die FPÖ den Bundeskanzler stellt. Ist Studio Dan 2026 von Kürzungen betroffen bzw. welche Möglichkeiten siehst du, drohendes Ungemach abwehren zu können?
Ingrid ist sehr mutig und bewundernswert! Und es fällt mir schwer, in diesem Kontext von so existenziellen Dingen, wie sie gerade in den Staaten passieren – und in der Ukraine, im Iran, you name it – über österreichische Förderpolitik zu sprechen. Aber ja, es hängt wohl alles zusammen. Wir erleben gerade einen großen Rückhalt von Stadt Wien und Bund. Unsere Subventionen wurden nicht gekürzt. Natürlich führe ich das vor allem auf unsere mittlerweile 20-jährige gute inhaltliche Arbeit zurück. Aber vielleicht auch darauf, dass wir den größeren Kontext im Auge behalten. Und damit meine ich nicht etwaige Kommentare zur Weltpolitik, sondern dass unsere – noch immer sehr kleine – Organisation mittlerweile einen relativ großen Einzug an Künstler*innen hat. Wir sorgen ja für Arbeit der Spieler*innen, der Mitglieder, wir vergeben Kompositionsaufträge, Libretto-Aufträge nach außen, wir vernetzen und ermöglichen etc. Es ist schon ein kleines durchlässiges Biotop geworden. Vielleicht glaubt man in den Institutionen ja sogar – so wie ich –, dass solche Biotope unsere Demokratien stabilisieren. Im Nachkriegsamerika gab’s ja, im Rahmen des Marshallplans, kulturelle Programme zur Stabilisierung der jungen Demokratien in Europa – nur so als Anmerkung, dass ich wohl nicht der Einzige bin, der das glaubt. Und vielleicht schließt sich so der Kreis zu Ingrid und Tom, die ja in unserem Programm »Die Guten« heißen. Also die guten Leute aus Amerika, die unsere Solidarität erfahren … das ist das Bisschen, das man beitragen kann. So ist der Titel ja schon gemeint. Biotope sind fragil, aber vielleicht sind sie auch die Grundlage für Resilienz. Ich möchte das glauben. Aber ich möchte auch nicht (mehr) naiv sein, es kann auch noch sehr hart werden für uns.

Live-Konzerte von Studio Dan feat. Ingrid Laubrock & Tom Rainey:
- »Die Guten« im Wiener MuTh: Donnerstag, 26. Februar 2026, 19:30 Uhr
- Stadtgarten in Köln: Samstag, 28. Februar 2026, 20:00 Uhr
- Schwere Reiter in München: Sonntag, 1. März 2026, 20:00 Uhr











