Ramones performing in Toronto in 1976 © Plismo, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0
Ramones performing in Toronto in 1976 © Plismo, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0

Happy Birthday, Punk!

Der im Ventil Verlag herausgegebene Sammelband »Bored Teenagers. Ein Punk-Mixtape« feiert 50 Jahre Punk. Eine Festschrift der besonderen Art.

Rückblicke auf ein halbes Jahrhundert Musik- und Subkultur sind schon etwas Bemerkenswertes. Vor allem, wenn ihrem Anfang als Jugendkultur nicht nur ein Zauber, sondern auch das unproduktive Missverständnis einer »No Future«-Bewegung innewohnte. Die Zukunftsperspektive wollte Johnny Rotten im Sex-Pistols-Klassiker »God Save the Queen« ja nicht den jungen Punks versagen, sondern der Monarchie, ihrem verlogenen »England’s Dreaming« am Weg in den Neoliberalismus. Er und glücklicherweise erstaunlich viele andere Protagonist*innen der ersten Punk-Welle haben die Queen und Thatcher überlebt. Doch wenn rebellische Posen und überspitzte Parolenprosa von der Wirklichkeit eingeholt werden, wenn Demokratien tatsächlich in Richtung »Fascist Regime« zu kippen drohen, dann können auch Jahrzehnte alte Songs zu aktuellen Stichwortgebern werden. In 50 Jahren Punk wurden jede Menge solcher Songs geschrieben, die jenseits nostalgischer Pogo-Seligkeit wahlweise erfreulich oder erschreckend hörenswert geblieben sind. Etliche davon werden im vorliegenden Sammelband »Bored Teenagers« lesenswert thematisiert. 

Keine Chance der Langeweile!

Am Anfang war die Langeweile. Doch Punk ermöglichte es, genau diese juvenile Grundstimmung zu überwinden. Davon kündet exemplarisch der Song der Adverts, nach dem der Sammelband benannt ist. Herausgeber und Verlags-Verleger Jonas Engelmann dazu: »Für viele der Autor*innen in diesem Buch war es ebenfalls zunächst ein diffuses Gefühl, das Punk so attraktiv machte: Langeweile wurde ersetzt durch Wut, statt des Vakuums gab es plötzlich das Angebot, selbst etwas zu machen. Und Punk bot einen Raum, in dem das Anderssein, das Dahinter-, Dazwischen- und Danebensein aufgefangen, angenommen und bejubelt wurde. (…) Punk ist in den versammelten Texten Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, er ist musikalischer Aufruhr, Bruch und Weitermachen, Hausbesetzung, DIY-Label und Fanzine-Mailorder, Punk ist Theorie und Praxis, Einführung in Feminismus, Anarchismus und kritische Theorie, Kunst und Anti-Kunst, tot und lebendig, eines aber ist er nicht: langweilig.«

Punk sei Dank entgeht mensch auch bei der Lektüre von »Bored Teenagers« der Langeweile. Und das ist keine Selbstverständlichkeit. Denn Punk ist bestens dokumentiert: von detailverliebten Wikipedia-Einträgen bis zu umfangreichen Band-Biografien, Szene-Reportagen und kulturwissenschaftlichen Punk Studies. Und selbst Punks lassen sich mittlerweile von der KI Generiertes sprichwörtlich vorschreiben. Was deutschsprachige Publikationen betrifft, ist der Ventil Verlag eine verlässliche Größe; auch in Bezug auf kritische Auseinandersetzung, wie in »Punk As F*uck. Die Szene aus FLINTA-Perspektive« von Diana Ringelsiep und Ronja Schwikowski. Und wo Kritik, da auch Würdigung. Vor zehn Jahren erschien bereits mit »Damaged Goods« der Sammelband zum 40-jährigen Punk-Jubiläum. Ging es darin um 150 »zentrale Alben, Lieblingsplatten, übersehene Perlen und Klassiker«, so wurden diesmal Lieblingssongs nachgefragt. Wenn gut 180 Punk-affine Menschen über noch mehr Songs schreiben, dann verspricht das eine vielstimmige Rezeptionsgeschichte auf über 350 Seiten. In den besten Fällen reicht der persönliche Zugang der Autor*innen über anekdotische Plaudereien hinaus und es gelingt, den Songs jenseits von Eckdaten-Paraphrasen noch Interessantes abzuringen. So ergibt sich ein »Text-Mixtape«, das auch Lust macht, Neues zu entdecken. Und wenn etwas nicht so spannend erscheint, lässt es sich einfach vor- oder zurückspulen bzw. -blättern. 

Punk Moments

Bei so einem Unternehmen reproduziert sich der Kanon der bekannten Namen freilich wie von selbst. Allerdings handelt es sich bei den besprochenen Songs erfreulich oft nicht um die offensichtlichste Wahl, nicht nur um »Greatest Hits«. Zu den Ramones gibt’s drei Beiträge, aber keinen zu »Blitzkrieg Bop«; obwohl die im Jänner 1976 erschienene Single den veritablen Auftakt zum 50. Punk-Jubiläum markiert. Die Frage, wann Punk denn nun wirklich begonnen hat, wird pragmatisch eingefangen, indem Proto-Punk ab den 1960er-Jahren miteinbezogen wird. Die meisten Beiträge handeln, wenig überraschend, von Bands und Songs aus den 1980er-Jahren. Ausnahmen im Sinne von Auslassungen im Kanon (nichts über UK Subs, DOA, Misfits, GBH, SNFU oder Poison Idea) bestätigen die Regel der subjektiven Vorlieben. Die prinzipielle musikalische Offenheit erlaubt es wiederum, teils verblüffenden und teils im Punk-Kontext vielleicht sogar stilistisch provokanten Proviant aufzutischen. Aber auch anhand von Throbbing Gristles »Discipline«, Motörheads »Ace of Spades«, Bauhaus’ »Dark Entries« und final mit »X-Ray« vom neuen The-Notwist-Album lassen sich individuell erfahrene »Punk Moments« schildern. 

Manche der Beiträge bleiben betont biografisch. Ein bestimmter Song wird zum musikalischen Erweckungserlebnis, dient dem Initiationsritus in oder ohne einer Szene. Punk verleiht Motivationsschübe, endlich der Provinz in Richtung Großstadt zu entfliehen; oder doch vor Ort die Dinge selbst in die Hand zu nehmen, Konzerte zu veranstalten, eine Band zu gründen, an Songs zu arbeiten. Und genau darüber zu schreiben. Das dient einigen der Autor*innen auch als Ausgangspunkt für vielschichtigere musikalische Analysen, wirkungsgeschichtliche Einordnungen, (szene-)politische Verortungen von Bands und Songs. Einige wenige Texte sind älteren Datums: z. B. der von Diedrich Diederichsen, ursprünglich eine Rezension von Napalm Deaths »From Enslavement to Obliteration« (1989), sowie Martin Büssers (2010 verstorbener Testcard-/Ventil-Mitbegründer) Würdigungen von Squirrel Bait und den fantastischen The Ex mit dem 1998 verstorbenen Cellisten Tom Cora.

Was ist Punk?

»Punk is whatever we made it to be«, lautete die Maxime der Minutemen, die im Sammelband nicht fehlen dürfen. Dementsprechend gelingt es auch, die Vielseitigkeit und Widersprüchlichkeit, das Destruktive wie das Konstruktive der im wahrsten Sinne des Wortes diversen Punk-Entwürfe einzufangen: das Stumpfe von The Exploiteds »Sex And Violence« und das Virtuose von No Means Nos »Rags And Bones«; die »Boshaftigkeit«, die »Sid-Vicious-Seite«, von der Simon Reynolds spricht, ebenso wie die empowernden Sängerinnen von Crass, die für die Grafikerin Minou Zaribaf zu weiblichen Role Models werden konnten: »Ich sah auch anders aus als meine deutschen Mitschüler*innen. Dank Punk sollte jetzt Schluss sein mit der Qual der Assimilation (…) auch die Kreativität machte mir Mut, mich nicht mehr verstellen zu müssen.« 

Punk als globales Phänomen wird sichtbar in Beiträgen über National Wake aus Südafrika während des Apartheid-Regimes, Killer Halohetet aus Israel, Mercenárias aus Brasilien, The Blue Hearts aus Japan sowie über die in den letzten Jahren ins Exil gegangenen russischen Pornofilmy. Australiens Platz in der Punk-Geschichte versteht sich mit The Birthday Party oder den Cosmic Psychos ja von selbst. Dass sich Punk über den anglophonen (Sprach-)Raum hinaus auch gerne in den jeweiligen regionalen Sprachen artikulierte, davon zeugen u. a. Terveet Kädet auf Finnisch, Wannskraekk auf Norwegisch, Armia auf Polnisch, Las Vulpess und Sin Dios auf Spanisch, Negu Gorriak auf Baskisch/Euskada. Und es fehlt auch nicht mein liebster »Italo-Pop«, der von Kina mit »Questi Anni« und Negazione mit »Lo Spirito Continua« kommt. Genau, dieser Punk-Spirit lebt weiter! Punk und das Schreiben darüber bleiben produktiv. »Für immer Punk« also? Das Bekenntnis der frühen Goldenen Zitronen sowie jede Menge deutschsprachiger Songs werden wohl im voraussichtlich im Mai erscheinenden Folgeband »Angriff aufs Schlaraffenland. Ein Deutschpunk-Mixtape« verhandelt werden. 

Jonas Engelmann (Hg.): »Bored Teenagers. Ein Punk-Mixtape«, Ventil Verlag, 372 Seiten, € 25,00

Link: https://www.ventil-verlag.de/titel/1991/bored-teenagers

Home / Musik / Artikel

Text
Peter Kaiser

Veröffentlichung
25.03.2026

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