»Ausreden«. Schon der Titel von Florian Klenks Buch trägt eine brutale Klarheit in sich, die nichts beschönigt und alles offenlässt. In diesem Wort steckt selbst schon ein Geständnis. Denn es beschreibt nicht nur die Lügen, mit denen Elfriede Blauensteiner ihre Taten zu rechtfertigen suchte, sondern auch Sprache als eine Art Tatort, als Ort, an dem Verantwortung einfach weggeredet wird. Klenk lässt Elfriede Blauensteiner sprechen und in jedem Satz zeigt sich eine Doppelbödigkeit. Äußerungen, die verharmlosen, verdrehen, ausweichen, beschwichtigen. »Ich hab’ nichts gemacht«, sagt sie, gleich darauf, »die haben mich alle nur ausgenutzt.« In dieser offensichtlichen Verweigerung zeigt sich das zentrale Paradox: eine Frau, die sich selbst als Opfer in Szene setzt, während sie über den Tod anderer spricht, als handle es sich um eine Lappalie.
Genau darin liegt die beklemmende Wirkung des Buches. Schuld wird absolut nicht reflektiert, sie wird umkreist, umgangen, verschoben, externalisiert. Jeder Satz ist ein Versuch, die Verantwortung vom eigenen Ich wegzuschieben. Polizei, Ärzt*innen, Gerichte, Protokolle, alles soll verdreht oder erfunden worden sein und die Opfer seien »ohnehin« krank gewesen. Die Aussagen stammen aus Gesprächen mit der Gerichtspsychiaterin Sigrun Roßmanith, geführt, nachdem Elfriede Blauensteiner ihre Geständnisse widerrufen hatte.
Bemerkenswert ist, wie Klenk sich als Autor zurücknimmt, er kommentiert nicht, korrigiert nicht, moralisiert nicht. Keine Anleitung, wie man das Gehörte bzw. Gelesene zu bewerten hat. Der Autor vertraut darauf, dass Wiederholung, Widerspruch und Selbstentlarvung ihre eigene Wahrheit erzeugen. Und das tun sie auch! Je länger Elfriede Blauensteiner redet, desto deutlicher wird: Wir haben hier eine Frau, die überzeugt ist von der eigenen Unschuld, während sie gleichzeitig erschreckend nüchtern und kalt über das Sterben anderer spricht.
Die Banalität des Bösen
Philosophisch lässt sich »Ausreden« als Buch über Verantwortung lesen, oder genauer über deren konsequente Vermeidung. Elfriede Blauensteiner erkennt sich selbst nicht als handelndes Subjekt, sondern als Getriebene von Umständen, von Menschen, von Zufällen. Gewalt, Armut, Nationalsozialismus, Ehe, Geldnot, Glücksspiel, alles taucht als Erklärung auf. Hannah Arendts Begriff von der Banalität des Bösen drängt sich auf, allerdings in einer rohen, österreichischen Variante: nicht bürokratisch, sondern kleinbürgerlich, nicht ideologisch, sondern ressentimentgeladen. Elfriede Blauensteiner erscheint nicht als fanatische Überzeugungstäterin oder bürokratische Mitläuferin – sie ist eine Kleinbürgerin des Grauens, die ihre Taten aus Bequemlichkeit, Gier und tiefsitzender Wut begangen hat. Ihr Denken ist durchzogen von Zufällen, die sie als ihr Schicksal deutet: »Ich hab’ halt Pech gehabt. Immer.« Verantwortung ist ein Terminus, der in ihrem Vokabular nicht vorkommt.
Besonders eindringlich sind die Passagen über Elfriede Blauensteiners Kindheit. Von Gewalt geprägt hat sich diese Erfahrung tief in Sprache und Wahrnehmung eingeprägt. Wenn sie sich erinnert: »Alle hatten Angst vorm Hitler. Doch der Stiefvater, der war sofort was«, dann zeigt sich ein Weltbild, in dem Macht und Angst zusammengehören. Anerkennung entstand in ihrer Kindheit nicht durch Fürsorge, sondern durch Einschüchterung. Gewalt war Normalzustand, etwas, das man überleben muss – und sei es durch die eigene Grausamkeit. Auch das Glücksspiel, das scheinbar banale Roulette im Casino Baden, ist mehr als nur eine biografische Episode. Es wird zur Illusion eines schnellen Auswegs, eines Hoffnungsschimmers, ohne Verantwortungsübernahme, ohne Folgen. Dass diese Haltung später mit dem Tod anderer endet, scheint im Text dann als erschreckend stimmige Fortsetzung der Natur der Sache.
Liebevolle Grausamkeit
Mit der »Nachrede« öffnet sich dann eine neue Ebene: die Kernfamilie. Florian Klenk zeigt, wie Elfriede Blauensteiner auch hier agierte: liebevoll und zugleich grausam, tröstend und sadistisch, unberechenbar und sprunghaft. Die Erzählung der Tochter, die von Schlägen ebenso berichtet wie von Momenten echter Nähe, zerstört jegliche Täter*innen-Opfer-Ordnung, ohne sie jedoch zu relativieren. Ihre Tochter erinnert sich: »Sie hat mich geschlagen, bis ich blutete. Und dann hat sie mich in den Arm genommen und gesagt: ›Das tut mir leid, mein Kind.‹« Diese Gleichzeitigkeit von Zuneigung und Sadismus erschwert jede Kategorisierung, jede Einordnung. Selbst die Katze wird zum Symbol von Blauensteiners Macht. »Ich hab’ ihr die Pfote gehalten, bis sie nicht mehr gezappelt hat.« Spätestens hier habe ich dann eine Lesepause eingelegt.
»Ausreden« ist kein angenehmes Buch, es liefert auch keine beruhigenden Antworten. Stattdessen lässt es die Leser*innen mit der Zumutung des Unaufgelösten zurück und Fragen über Fragen: Was entsteht aus Gewalt? Wo fängt Verantwortung an, wenn eine Person diese sprachlich absolut konsequent auslagert? Und was heißt Schuld, wenn ein Mensch sich beharrlich als unschuldig imaginiert? In einem nachgestellten Kommentar formuliert Florian Klenk sein Urteil so: »Elfriede Blauensteiner war keine Bestie, die ›plötzlich durchdrehte‹ … sie war das Produkt eines kalten Jahrhunderts.« Es ist ein Werk über Sprache als Schutzschild, Erinnerung als Verzerrung, grandios im Stil, verstörend im Inhalt.

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