Maria Lassnig war eine Künstlerin der Extreme: extrem sensibel, extrem ehrlich, extrem kompromisslos. Ihr Werk ist eine Einladung, die Welt anders zu sehen – nicht als Ansammlung von Objekten, sondern als Netzwerk von Empfindungen. Natalie Lettners »Maria Lassnig. Die Biografie« (Brandstätter Verlag, 2017) ist das perfekte Pendant dazu: kein trockenes Sachbuch, sondern ein literarisches Kunstwerk, das Maria Lassnigs Leben so lebendig macht wie ihre Bilder. In ihrem Buch gelingt Lettner das scheinbar Unmögliche: Sie schreibt nicht nur über Maria Lassnig, sondern mit ihr. Sie zitiert ausführlich aus Tagebüchern, Interviews und Briefen, lässt Lassnigs eigene Stimme immer wieder aufleben.
Ein Leben als Kunstwerk
In einer Zeit, in der Kunst oft als Spekulationsobjekt oder politisches Statement behandelt wird, erinnert Maria Lassnig uns daran, dass die wahre Revolution der Kunst in der Radikalität der Wahrnehmung liegt. Dass diese Künstlerin sich selbst zum zentralen Sujet ihrer Malerei machte, war keine Eitelkeit, sondern eine radikale erkenntnistheoretische Entscheidung – damals, als die Kunstwelt von Abstraktion, Konzepten, Minimalismus dominiert wurde, beharrte sie auf Figuration. Nicht als Rückschritt, sondern als Revolution. Ihr Körper war kein Modell, sie malte nicht, was sie sah, sondern was sie spürte: das Kribbeln auf den Füßen, die Enge in der Brust, die Hitze im Gesicht, die Angst als Farbe. Maria Lassnig machte den Körper in einer Welt, die ihn als Objekt behandelte und betrachtete (ob in der Werbung oder in der damals männlich dominierten Kunstszene), zu einem Subjekt der Wahrnehmung.
Hier berührt ihr Werk die Phänomenologie Maurice Merleau-Pontys, der den Körper nicht als Ding unter Dingen beschrieb, sondern als »Fleisch der Welt«, als den Ort, wo sich Bewusstsein und Sein verbinden. Maria Lassnigs »Körpergefühlsbilder« sind Karten ihrer innerlichen Topografie, in der sich Schmerz, Sehnsucht und Ekstase manifestieren. Sie malte sich als »Zitrone« oder als »Knödel« und stellte den Körper damit als ein fluktuierendes Feld von Empfindungen dar, das sich der normativen Ästhetik völlig entzieht.

Sensibilität als Fluch und Segen
Maria Lassnigs Leben war geprägt von extremer Sensibilität, die sie sowohl isolierte als auch zu großer Kunst befähigte. Natalie Lettner schildert, wie die Künstlerin Lärm, Gerüchte, Berührungen mit einer Intensität wahrnahm, die für viele unerträglich gewesen wäre. Diese Hyperästhesie (wie Lassnig es selbst bezeichnete) war aber kein Defizit, sondern der Schlüssel zu ihrem Werk. Während die meisten Menschen ihre Körperwahrnehmung als selbstverständlich hinnehmen, wurde sie für Maria Lassnig zu einem unendlichen Forschungsfeld.
In einer Gesellschaft, die Frauen entweder als Mutter, Muse oder Monster sah und in diese Kategorien einteilte, weigerte sich diese Künstlerin, sich in eine dieser Rollen pressen zu lassen. Stattdessen war sie die sensible Beobachterin, die ihren Körper nicht als Schicksal, sondern als Material begriff. Lassnigs »Krebsangstfarben«, »Schmerzfarben« und »Spannungsfarben« sind wörtlich gemeinte Versuche, Unaussprechliches ins Visuelle zu übertragen. In einem Interview (1994) sagte sie: »Es gibt zu wenige Wörter, deshalb zeichne ich ja.«
Ihrer Zeit weit voraus
Natalie Lettners Biografie ist auch eine Abrechnung mit den Mythen der Künstler*innen-Existenz. Weder war Maria Lassnig tragische Opferfigur noch triumphierende Feministin noch das einsame Genie. Sie war alles zugleich und nichts davon. Lettner entwirrt diese Widersprüche mit einer Eleganz, die perfekt zu dem doch sehr komplexen Charakter der Künstlerin passt. Lassnig sehnte sich nach Anerkennung, sabotierte aber immer wieder ihre eigene Karriere durch schroffe Umgangsformen oder plötzliche Auf- bzw. Ausbrüche. Sie war eine Pionierin der Body Art, lehnte Feminismus als Label aber ab: »Meine Kunst ist nicht geschlechterspezifisch«. Und doch sagte sie kurz vor ihrem Tod: »Wenn man eine nachdenkliche Frau ist, ist Feminismus nicht zu vermeiden.«
Ihr später Ruhm (der Goldene Löwe in Venedig 2013, die MoMA-Ausstellung 2014) kam nicht zufällig erst im hohen Alter. Die Malerin war ihrer Zeit oft zu weit voraus – oder, wie sie selbst sagte: »Ich hatte das Gefühl, gleichzeitig zu früh und zu spät dran gewesen zu sein.« Ihr Werk passte in keine Schublade: Weder voll figurativ noch voll abstrakt, weder rein feministisch noch rein formalistisch. Es war vielleicht etwas zu persönlich für die Avantgarde und zu radikal für den Mainstream.
Späte Anerkennung
Erst als sie über 70 war, gelang Lassnig der internationale Durchbruch. Die Kunstgeschichte hat Frauen wie Maria Lassnig lange ignoriert (bzw. Frauen in der Kunst haben es immer noch schwer), weil ihr Werk sich wohl nicht in die männlich dominierten Narrative einfügen ließ. Während Künstler wie Pablo Picasso oder Jackson Pollock als Genies gefeiert wurden, die die Kunst revolutionierten, wurde Maria Lassnig oft als »exzentrische Einzelgängerin« abgetan. Dabei war ihr Ansatz – nämlich die Subjektivierung der Malerei – mindestens ebenso radikal wie die Abstraktion oder der Surrealismus.
Hier behandelt Natalie Lettners »Maria Lassnig. Die Biografie« auch die politische Dimension: die Frage nach Zeit und vielleicht auch Gerechtigkeit in der Kunst. Will heißen, Anerkennung scheint einmal mehr nicht nur vom Talent abzuhängen, sondern auch davon, wie gut oder eben nicht gut ein Werk in ein bestimmtes kulturelles Narrativ passt. Lassnigs Werk war zu unbequem, zu persönlich, zu weiblich (im Sinne einer nicht-normativen Weiblichkeit), um in den Olymp der Moderne aufgenommen zu werden. Erst spät, als die Kunstwelt selbst diverser und vor allem reflexiver wurde, fand sie ihren Platz. Verdient!

P.S.: Sehr empfehlenswert ist auch der wunderbare Film »Mit einem Tiger schlafen« (AT, 2024) der Regisseurin Anja Salomonowitz.
Link: https://www.brandstaetterverlag.com/buch/maria-lassnig/











