Helene Hegemann, 2025 © Kaethe17, Wikimedia Commons, CC BY 4.0
Helene Hegemann, 2025 © Kaethe17, Wikimedia Commons, CC BY 4.0

Man hält die Luft an

Angst vor Musik und Tage im Bett: Persönliche Verbindungen zu Patti Smith und Christoph Schlingensief werden von Theatermacherin und Schriftstellerin Helene Hegemann in ganz eigenen Bildern und Sprachanflügen beschrieben.

»Aber ich glaube, die Geschichte fängt mit meiner Angst vor Musik an«, schreibt Helene Hegemann in ihrem Buch »Patti Smith«, Band 13 in der KiWi Musikbibliothek. Hegemann wohnte als Kind in einer Berliner Sozialwohnung nahe eines Spielplatzes, »auf dem ständig kleine Kinder unter dem Klettergerüst übernachteten, weil ihre Eltern zu besoffen waren, um ihnen die Haustüre zu öffnen«. Musik wäre für sie eine Bedrohung, erklärt Hegemann, denn Musik würde bei ihr gleichzeitig zwei Hirnareale aktivieren, nämlich »das Areal für Gefahrenerkennung und das für Entgrenzung«. Ihre alleinerziehende Mutter hörte nur dann Musik, »wenn einer ihrer schizophrenen Rauschzustände in Melancholie ausgeufert ist«, und driftete in »Phasen archaischen Wahnsinns« ab. Vor allem, wenn sie den Song »Bette Davis Eyes« hörte. »Seit ich das weiß, halte ich mir die Ohren zu, wenn der Song gespielt wird«, schreibt Hegemann. Wenn sie als Kind nach Haus kam und bereits im Stiegenhaus laute Musik hörte, »wusste ich, dass mir ein Kampf auf Leben und Tod bevorstand«.

Go Rimbaud

Helene Hegemanns Vater, ein enger Mitarbeiter von Christoph Schlingensief, schrieb ihr manchmal Postkarten aus Hollywood oder Brasilien. Oder aus »Österreich, wo Christoph Schlingensief gerade sechs Millionen Arbeitslose dazu aufgerufen hatte, gemeinsam im Wolfgangsee baden zu gehen und den Wasserspiegel ansteigen zu lassen und das Ferienhaus von Helmut Kohl zu überfluten«. Hegemann erzählt, dass sie bis heute manchmal Tage im Bett verbringe, wenn sie in der S-Bahn das falsche Lied höre. »Mich versetzt das noch immer zurück in diese Unterwasser-Existenz, in die ich mich als Kind aus lebensbedrohlichen Situationen geflüchtet habe.« Wenn zum Beispiel Patti Smith, die vor Kurzem auch bei den Wiener Festwochen auftrat, in »Horses« dreißig Mal »Go Rimbaud« singt. Patti Smith symbolisiere eine »merkwürdige, autistische Spiritualität, die sie sich im Laufe ihres Lebens als Privatreligion erschloss. Es ist wichtig zu erwähnen, dass sie immer Zugriff auf eine Gegenwelt hatte, eine Traumwelt, etwas Mystisches, Überhöhtes, das für viele Menschen nur durch Geld zu erreichen ist und deshalb überhaupt nicht.«

Zu Angst tanzen

Patti Smiths Song »Piss Factory« erinnert Helene Hegemann daran, dass sie sich nach dem Tod ihrer Mutter von Salatgurken und Ferrero Rocher ernährte, Möbel kaputt haute und kein einziges Mal weinte. Die 13-Jährige entwickelt einen »Schutzwall vor zwei Tsunamis, die aus zwei entgegengesetzten Richtungen auf mich zukrachten. Die eine Welle war der Tod, die andere das Leben, beide in ihrer Gewalt unbezwingbar. Man hält die Luft an.« Dann ruft ihr Vater aus Wien an, wo er 2005 mit Christoph Schlingensief eine Produktion am Burgtheater gestaltet, und kauft seiner Tochter ein Flugticket. Bei dem Wiener Projekt gehe es um einen toten Hasen, um Richard Wagner und dessen Todessehnsucht, »eine Mischung aus Kunstausstellung und Gottesdienst«, behauptet Vater Hegemann.

Patti Smith und Christoph Schlingensief lernten sich in Bayreuth kennen, schreibt Helene Hegemann. Schlingensief habe die Produktionsbedingungen in Bayreuth später als faschistoid bezeichnet und sei überzeugt gewesen, dass sein Krebs dort gewachsen sei. Mit seinen Inszenierungen zeige Schlingensief der Welt, wovor sie Angst hat. »Und Patti zeigt der Welt, dass sie keine Angst zu haben braucht. Nein, falsch, vielleicht zeigt sie der Welt eher, dass man zu Angst ganz gut tanzen kann, das ist ein Unterschied.« Als Helene Hegemann Christoph Schlingensief in Wien kennenlernt, kommt er ihr wie »eine Mischung aus Jesus und attraktivem Ruhrpott-Hausmeister« vor. Aber auch wie ein Punk, zum Beispiel als er als Rudi Dutschke verkleidet »Bring mir den Kopf von Adolf Hitler« grölt. Seine Produktionen hätten sie »vor der Klapse« gerettet.

»Aria for Christoph«

Ein paar Monate nach der Premiere in Bayreuth treffen sich Patti Smith und Christoph Schlingensief in einem Slum in Namibia. »Der Slum sieht aus wie das Holocaust-Mahnmal. Das ist erst mal Christophs große Entdeckung.« Baracken und Wellblechhütten seien so angeordnet wie die Betonstelen des Holocaust-Mahnmals in Berlin. Schlingensief baut einen Animatographen auf, eine Art Wäschepilz mit weißen Laken, auf die Filme projiziert werden. Plötzlich taucht Patti Smith in Afrika auf. Schlingensief hat keine Ahnung, warum sie kommt: »Aber immer wieder, an größten Krisentagen, wenn nichts mehr ging, tauchte Patti Smith aus irgendeinem Nebel auf und stand da mit ihrer Klarinette.«

Schlingensief katapultiere »jeden, der offen oder verzweifelt genug war, zurück in den Zustand eines Kindes, das die Welt wahrnimmt, ohne sie zu beurteilen«, schreibt Helene Hegemann. Sie hält Patti Smith für eine Obdachlose, als sie mit ihr in einem Hinterzimmer des Burgtheaters warten muss. Die vermeintliche Obdachlose geht dann auf die Bühne und singt das Lied »Aria for Christoph«: »An actor held in chains / Of tortured scenes […] Our tears of joy / Mock the rain / As dreams ordain / The brightest flame«.

Helene Hegemann: »Patti Smith. Helene Hegemann über Patti Smith, Christoph Schlingensief, Anarchie und Tradition«, KiWi Musikbibliothek, 2021

Link: https://www.kiwi-verlag.de/buch/helene-hegemann-helene-hegemann-ueber-patti-smith-christoph-schlingensief-anarchie-und-tradition-9783462053951 

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