In ihren Anfangstagen wird die brasilianische Herkunft von Sepultura vor allem als geografische Besonderheit verhandelt. Das Quartett orientiert sich an US-amerikanischen Bands wie Slayer und Possessed – doch schon frühe Releases klingen eigenständig. Gitarrist Andreas Kisser setzt melodische Akzente, die dem Thrash-Sound eine originelle Färbung geben. Drummer Igor – heute: Iggor – Cavalera treibt die Songs mit Wucht und Beweglichkeit an. Die Alben »Beneath the Remains« (1989) und »Arise« (1991) machen die Band zur internationalen Szenegröße. Sänger Max Cavalera wird zum medialen Gesicht, als Sepultura ihren Stil in Richtung Groove Metal verschieben – ein Weg, den viele Thrash-Bands in den 1990ern einschlagen. Doch bei Sepultura klingt das nicht messerscharf und klinisch präzise wie bei Pantera, die diese Bewegung anführen. Gemeinsam mit Produzent Andy Wallace entsteht auf »Chaos A.D.« (1993) vielmehr ein Sound, der wirkt wie aus dem Sumpf gezogen.
Politisches Selbstverständnis
Was Sepultura zudem unterscheidet, ist ihre politische Haltung. Während viele Metal-Bands bei aller Gesellschaftskritik rhetorisch in verschiedene Richtungen offenbleiben, orientiert sich die Band an einer links geprägten Gegenkultur mit Punk-Attitüde. Sie versteht sich als Stimme gegen Ausbeutung und autoritäre Strukturen. Das ist keinesfalls selbstverständlich in einer Szene, in der etwa Pantera- und Down-Sänger Phil Anselmo einige Jahre später durch rassistische Gesten und Parolen auffällt. Eng verbunden mit der politischen Prägung von Sepultura ist die Frage nach Herkunft und Zugehörigkeit: Wie definiert sich eine brasilianische Band in einem US-dominierten Markt? Auf »Chaos A.D.« sind deutliche Tribal-Elemente im Drumming zu hören. Das Akustikstück »Kaiowas« ist der gleichnamigen indigenen Gemeinschaft in Brasilien und ihrem verzweifelten Protest gegen Vertreibung gewidmet. Die kulturelle Referenz ist hier kein bloßer Zusatz, sondern eine Erweiterung mit Anspruch auf Ernsthaftigkeit.
Musikalische und soziale Verschiebungen
Als 1996 der Nachfolger »Roots« erscheint, wirkt im Vergleich selbst »Chaos A.D.« geradlinig. Während viele traditionelle Metal-Bands dem Nu-Metal-Trend der mittleren 1990er skeptisch bis ablehnend begegnen, öffnen sich Sepultura dem Stil als Inspirationsquelle – und engagieren den Korn- und Deftones-Produzenten Ross Robinson. Auf »Roots« arbeitet die Band mit Downtuning, Feedback, repetitiven Grooves und intensivierten Tribal-Elementen. Für viele Fans der »Arise«-Periode ist das ein Bruch. Zugleich rückt die brasilianische Herkunft konzeptionell ganz in den Mittelpunkt. Ob musikalische Integrationen dabei konsequent oder problematisch sind, wird heute kritisch diskutiert. Neben Szene-Peers sind seinerzeit jedenfalls auch Mitglieder der indigenen Xavante sowie der brasilianische Perkussionist Carlinhos Brown an den Aufnahmen beteiligt. Zugehörigkeit wird über kulturelle Verortung und ein kollektives Praxisverständnis definiert. Der Promo-Begriff »Sepultribe« erhält eine tiefere Bedeutung und wird zentral für das Branding der Band.
Der andersartige Community-Gedanke, der sich hier abzeichnet, liegt quer zum Szeneverständnis, das im Metal der 1990er vorherrschend ist: kulturell abgegrenzt, stolz auf die eigene Mythologie. Im Metal ist die Auseinandersetzung mit den eigenen »Roots« zwar an der Tagesordnung, doch gemeint ist zumeist der musikalische Szene-Kanon von Black Sabbath bis Judas Priest. Von dieser Basis entfernen sich Sepultura nicht explizit – aber sie ordnen sie in ein größeres Bild ein. Mit »Roots« bedient die Band nicht mehr das vertraute Kampfmotiv »Wir Metalheads gegen den Rest der Welt«. Stattdessen steht ein anderer Gemeinschaftsbegriff im Raum: Das »Wir« bezeichnet keinen geschlossenen Zirkel, sondern einen betont offenen Zusammenschluss, der sich über politische Sensibilität und die Bereitschaft zum konsequenten Crossover definiert. Das irritiert die bewährte Ordnungsstruktur. Nicht nur der Sound gerät in Bewegung, auch die Idee von Zugehörigkeit wird neu verhandelt.
Reduktion und Zerfall
Auf einer B-Seite dieser Phase covern Sepultura den Song »War« von Bob Marley. Krieg ist im Metal ein gängiges Motiv – oftmals in martialischen Bildern, bis hin zum Schlachtenkitsch. »War« wird stattdessen zur Klage über den existenziellen Schmerz bewaffneter Konflikte – und über ihre Ausweglosigkeit. Der Nu-Metal-Sound ist das Scharnier zwischen dem fließenden Offbeat des Originals und der metallischen Verdichtung. Es entsteht ein tonnenschwerer Groove. Im Kleinen zeigt dieses Cover das Prinzip von »Roots« insgesamt: Reduktion auf Rhythmus, Atmosphäre statt Virtuosität. Songs werden auf rudimentäre Kerne heruntergebrochen. Daraus entsteht maximale Zugänglichkeit – oder äußerste Sperrigkeit. Einerseits haben Songs wie »Roots Bloody Roots« eine unmittelbare Wucht, die sich auf Festivalbühnen optimal entfaltet. Andererseits kippt das Album in der zweiten Hälfte mit seinen zerfaserten Ausbrüchen ins Unberechenbare. Dieser Hang zum Lärm ist kein Ausrutscher: Iggor Cavalera lebt ihn heute konsequent als Noise-Musiker, zuletzt durch eine Kollaboration mit Merzbow. Wie er im »White Centipede Noise«-Podcast berichtet, aktiviert er für diesen Release sogar alte Field Recordings aus der Zeit von Sepultura bei den Xavante.
Im Höhenflug der Plattenfirma Roadrunner Records wird »Roots« ein Hit und erhält Gold-Auszeichnungen in mehreren Ländern. Das Album erscheint in einem Moment, in dem globalisierte Crossover-Modelle Konjunktur haben: Drei Jahre später verzeichnet etwa Santana mit »Supernatural« einen Welterfolg, der die Latin-Rock-Identität des Gitarristen als hybride Signatur erneut in den globalen Mainstream bringt. Bei Sepultura übersetzt sich der Erfolg nicht in Stabilität. Noch 1996 scheidet Max Cavalera aus der Band aus – offiziell begründet mit der Vermischung familiärer und professioneller Rollen. Mit Abstand erscheint der Bruch folgerichtig: Zunächst werden die Songstrukturen poröser, dann zerfällt die Band. Max Cavalera gründet Soulfly zunächst als Fortsetzung von »Roots«: Tribal-Motive, »One Love«-Attitüde, Ross-Robinson-Sound. Doch das Projekt greift eher auf ein etabliertes Vokabular zurück, als neue Unsicherheiten einzugehen. Sepultura liefern fortan einen soliden Metal-Hardcore-Mix ohne die frühere Reichweite. Der produktive Kontrollverlust von »Roots« bleibt damit einzigartig.
Offenheit ohne Nachahmung?
Noch immer reagieren Teile der Metal-Szene auf »Roots« mit Vorbehalten. An der Integration brasilianischer Elemente allein kann es nicht liegen, denn die Erweiterung des kulturellen Vokabulars im Metal verunsichert nicht grundsätzlich. Zahlreiche Bands arbeiten mit regionalen Traditionen – und bleiben dabei strukturell in den Codes der Szene verankert. Genau das macht den Unterschied: Die Irritation von »Roots« liegt darin, dass die Bereicherung in eine musikalische Destabilisierung eingebunden ist – und noch dazu mit einer Auffassung von Gemeinschaft einhergeht, die Gewissheiten untergräbt. Metal definiert sich traditionell über klare Konturen – das gilt ästhetisch und sozial. Sepultura stellen beides zugleich in Frage: die musikalische Geschlossenheit und die Verlässlichkeit einer exklusiven Zugehörigkeit. »Roots« markiert einen Moment der Entgrenzung im Metal – kommerziell erfolgreich und viel diskutiert, aber ohne konsequente Nachahmung im Zentrum der Szene.












