Das Lunsentrio © YouTube

Anarchie und Unterhaltung

Vorhang auf für das Lunsentrio! »Aufstehn!«, das zweite Album des Lunsentrios ist eine vielseitige NDW-Platte, unpeinlich und macht Spaß! Sie hätte auch 1985 erscheinen können. Schön, dass sie jetzt erschienen ist.

»Ich schreib ’ne Rezension, die kenn ich schon, die machen ›Bumm Bumm Bumm Bumm …‹« So oder ähnlich könnte die innere Stimme beim Verfassen einer Besprechung des zweiten Albums des Lunsentrios vor sich hin trällern und läge damit gar nicht so daneben. Catchphrases, Riddims und Melodien sind nur auf Transit unterwegs, die Verweise vielfältig und das ist auch ganz im Sinne der Macher, wie der essayistische Pressetext von Hank Schmidt in der Beek nahelegt. Das Textuelle bleibt, der Beat und die Melodien gehen auf Reisen. So finden sich viel Bekanntes und Zitate auf alles, was mit der Neuen Deutschen Welle der ersten Hälfte der 1980er-Jahre in Verbindung gebracht werden kann.

Das Lunsentrio nennt sich also diese NDW-Boygroup, bestehend aus Nick McCarthy, Seb-I Kellig und Hank Schmidt in der Beek. Ersterer hat sich nach Jahren an der Gitarre bei Franz Ferdinand wieder ein vielseitigeres Musikprojekt gesucht (gute Gelegenheit, sich an dieser Stelle an die ebenfalls aus München stammende Band Kamerakino zu erinnern). Seb-I, der Dub-Produzent, betreibt in London gemeinsam mit McCarthy die Sausage Studios und sorgt hier für die Beats. Und dann ist da noch Hank Schmidt in der Beek, Künstler, Dichter, Maler und bereits bekannt aus den Formationen The Beatmen und Flashmen. 2016 erschien in Zusammenarbeit mit Fotograf Fabian Schubert der Bildband »Und im Sommer tu ich malen« (Edition Taube), der Hank Schmidt in der Beek bei der Landschaftsmalerei mitten in der Natur zeigt, auf der Staffelei sehen wir aber: er malt immer nur das Muster seines Hemdes. Magritte lässt grüßen!

»Maler, leg die Pinsel nieder, Dichter, stell das Schreiben ein«
Das Lunsentrio rockt in Songs 1, 2 und 3: Dem dadaistischen »Aufruf« folgt das »Pressefest«, erste Single und eine Hommage an den Polit-Deutsch-Punk der frühen 1980er, denn »bekanntlich sind die stärksten Fäuste die haushoch erhobenen« und mit genug Andreas Dorau im Nacken und einem schelmischen Grinsen passt dann auch ein »und es sind die schönsten Blusen, die hauchdünn gewobenen.« Mit »Cookie’s Pie and Mash« geht es soundmäßig zurück in den 1970er-Polit-Rock, der Text erzählt von Mods, Niklas, Little Seb und Hank.

Zeit für ein Gedicht! »Vom Schuldfester Hirten«, ein Anagramm-Gedicht für den Freund und Künstlerkollegen Rouven Schmitt-Hersfeld, lässt mich irgendwie so ratlos zurück wie die Biermösl Blosn. Mag an mir liegen … Doch schon bin ich wieder gebannt in Erinnerungen an die Urlaube der 1980er, singt Hank Schmidt in der Beek hier doch zur Melodie von Albano und Romina Powers Italo-Pop-Klassiker »Felicità«. »Im goldenen Hahn« macht es Bumm Bumm Bumm Bumm, dann Bamm Bamm Bamm Bamm, denn Amors Pfeile haben stark getroffen und das Girl mit dem The-Who-Shirt steht immer noch da und schaut immer wieder her. Diese Version entschädigt für die vielen Stunden auf der Rückbank eines Volvo 740 GLE auf dem Weg nach Caorle. Nach einer Bearbeitung des »Bed-In« von John Lennon und Yoko Ono – naheliegend: mit der Luns ist schließlich auch das Bett gemeint – im hessischen Dialekt geht es volkstümlich weiter mit der Empfehlung, »’S Dirndl und da Boandlkramer« doch einmal für sich sein zu lassen. Was die wohl in der Luns treiben?

»Was ich find’, das rott’ ich aus, allesamt rupf’ ich sie aus«
Die B-Seite eröffnet mit der zweiten Single »Das letzte Edelweiß«, der Hip-Hop-Hymne für alle leidenschaftlichen Blumenhasser. In manischer Wut werden alle möglichen Blumen aufgezählt, mit dem Plan, sie aus der nährenden Muttererde zu reißen. Die Anweisungen aus der Alpenblumenfibel gibt dazu Manuela Gernedel. In »Ois wos i brauch (warme Handschuhe und du)« wird es romantisch-besinnlich auf das, was manchmal – hier im Winter – wichtig ist: du und ich. Im Winter braucht es halt noch Tee mit Rum und warme Handschuhe.

Ein Gedicht, die zweite! »Ihr englischen Sack« steht ganz im Geiste H. C. Artmanns, kein prägnanterer Kommentar zum Brexit ist im Moment möglich. Soll es aber gar nicht gewesen sein, sondern ebenfalls ein Anagramm-Gedicht, diesmal für Niklas Schechinger, den Herren aus »Cookie’s Pie and Mash«. Und dann also doch nicht »Reggae im Ruhrgebiet« (Geier Sturzflug), sondern eine schmissige Coverversion des Reggae-Klassikers »Uptown Topranking«. Weil Hank Schmidt in der Beek seine Version der Tandem-7-inch-Single »Ein Typ wie du« verloren hatte, haben die anderen mit ihm einfach eine neue Version aufgenommen, erzählen sie uns. Herausgekommen ist »Ein Girl wie du – ein Typ wie ich« und aus »Ein Typ wie du / hat mir gefehlt / so jung wie du / und schon so blöd« wird darin »Dann und wann gibt’s keine Sweethearts beim Gemüsebau / dann und wann da wühlt man danach besser im Verhau / dann und wann da ist / das alles beides reiner Mist / denn ab und zu / da sind es schlicht / ein Girl wie du / ein Typ wie ich«. Mit seiner Unbeschwertheit würde ich mir diesen Track als Sommerhit 2018 wünschen!

Nach einem Lied über die Zweifel und Unsicherheiten des Lebens (»All die Wenns«) geht es mit einer Elektropunk-Version von Bots »Sieben Tage lang« noch einmal Richtung Party. Und wenn im letzten Lied (»Draußen dämmert schon der Tag«) schon das Morgenrot grüßt, dann grüßen wir zurück, trinken weiter, bleiben in unserer Spelunke und lassen uns noch einen ausgeben. Prost!