Iv/An

»Comforts of the Future«

TONN Recordings

Mit »Comforts of the Future« ist im März 2018 das zweite Album des Zagreber Ausnahmekünstlers Ivan Antunovic unter dem Eigennamen Iv/An erschienen. Damit ist ihm wohl eines der berückendsten Synthwave-Alben der letzten Jahre gelungen. Bestechend ist schon der Opener »National Park«: so anmutig schön, als würde Scott Walker das Kraftwerk fahren. »Everyone’s an animal / trapped in a national park / lost in transit«. Hunger haben sei menschlich, Papiere haben nicht, formulierte einmal treffend B. Traven in seinem Buch »Das Totenschiff«. Selbiges gilt auch für Grenzen. Und die Bilder der über die Grenzen strömenden Hungernden sind das lyrische Leitmotiv dieses Klagelieds. Sozio-politisch bleibt es auch in »Somewhere There’s A Hunger Strike«, denn so viel Zynismus wollen wir oft nicht mehr aufbringen bei all der Diskrepanz zwischen den Menschen, die in Krieg und Terror leben, und jenen, deren Leben mehr durch den Schein bestimmt ist als durch existenzielle Sorgen und für die der Fun-Faktor zum Kompass der Lebensentscheidungen wird. »Comforts of the future / and the matters of the third world / behind the fence and out of sight / consumers in the spotlight«. Mit seinen eingängigen Hooklines und treibenden Beats wohl der clubtauglichste Track. Doch auch der redliche Umgang mit ethischen Fragestellungen führt zur Verengung auf zwei unterschiedliche Pole, denn während die einen sich von der Political Correctness gegeißelt fühlen, übersehen die anderen in ihrer Verbissenheit die Grenzen des Konzepts. Warum nicht einmal den Versuch starten, vernunftgemäß zu handeln, um nicht in eine dieser beiden Fallen zu treten? »Apolitically Correct« also? Das Wortspiel ist Absicht, und vielleicht der punkigste Song auf »Comforts of the Future«.

Dystopische Betrachtungen bestimmen auch den weiteren Verlauf des Albums und so führt uns das eher verhaltene »The Ether Screams« in die subjektiv empfundene Ohnmacht … In selbige Kerbe schlägt auch der erste Track der B-Seite »Repetitive Phase«, in dem Iv/An wieder einmal stimmlich brilliert. »We’re caught in a repetitive phase / everything stays the same«. So sollte eine Nacht in der Disko klingen. »Leitmotif (Zeitgeist)« setzt die Getriebenheit des Subjekts fort. »Down the factory line « gehen wir und alles prasselt auf uns ein. Der nervöse Diskobeat hämmert uns dabei den strikten und getriebenen Beat des Lebens um die Ohren: »We’re under a hectic schedule / trapped for life / in a vicious magic circle / fake comfort lasts / leitmotif’s fading fast«. Die zwischenmenschlichen Konsequenzen der Entfremdungen sind dann Thema in »Common Theme«, wo Iv/An über unsere Unfähigkeit, den Begriff der Liebe noch einzuholen, meditiert: »It’s easy to be hurt, feel rejected / while doing just the same to one another«. Denn, »just a replica in itself«, machen wir immer so weiter, wie einprogrammiert fällt uns der Ausbruch aus diesen Strukturen der gegenseitigen Verletzungen schwer … Zum Abschluss liefert uns Iv/An noch einen Song, der gemessen an musikalischer Textur und stimmlicher Brillanz auch neben David Bowie bestehen könnte. »Through (That Which Is Seen)« geleitet uns dann auch sanft aus diesem wundervollen zweiten Longplayer.

Iv/An live sehen kann man u. a. am 22. Mai gemeinsam mit Second Still, hosted by Bloodbeat, und am 27. Mai im Rahmen von Salon skug im Central Garden.