Katia Labèque, David Chalmin, Massimo Pupillo und Raphaël Séguinier

»Moondog«

Deutsche Grammophon/Universal

Wer sich ein wenig mit Bestenlisten aus dem Underground beschäftigt, der wird zwangsweise bald über den Namen Moondog stolpern. Der hieß eigentlich Louis Thomas Hardin, kam aus den USA, war ein Komponist und Instrumentenbauer, begeistert für Bach, Jazz, die Musik der Native Americans und schöne Klänge und wurde/wird gefeiert für seinen äußerst eigenwilligen Sound und die ohrwurmartigen Melodien. Gut erkennbar war auch sein wildes Äußeres – er trug Mönchskutte, langes, schwarzes (später weißes) Haar, Bart und oft einen Helm – nur für ihn selbst nicht, denn er war seit dem Independence Day 1936, als vor seinem Gesicht eine Granate explodierte (!), blind. Da die Musik des 1999 in Münster gestorbenen Künstlers viel zu selten gespielt wird und das offensichtlich nicht gut ist, haben sich Katia Labèque (Piano, Wurlitzer), David Chalmin (Electric Guitar, Vocals, Synths & Electronics), Massimo Pupillo (E-Bass) und Raphaël Séguinier (Percussions, Drums & Electronics), die sich bereits aus dem Projekt B for Bang gut zu kennen scheinen, darangemacht, Stücke von Moondog mal mehr, mal weniger frei zu interpretieren. Der erste Versuch ist auf »Lullaby« zu hören. Sofort der Wiedererkennungseffekt: Das ist doch Moondogs weirdes Trommelgeklapper! Dazu ein Endlos-Gitarrenriff, das mal so gar nicht typisch ist. Klingt eher nach Tuareg-Musik, wie man sie beispielsweise von der Band Tinariwen kennt. Natürlich darf auch sein wohl bekanntester, vielleicht auch schönster Song nicht fehlen, »Bird’s Lament«. Hier besonders: die elektronische Gitarre und das Changieren zwischen Dur und Moll! Wessen Tränenbäche da nicht alle Dämme brechen, dessen Felder sollen auf ewig von Dürre gepeinigt sein! Auf »All is Loneliness« sind auch Lyrics zu vernehmen, die von Moondog selbst stammen und gesungen wurden. Die Tragik seiner ganzen Geschichte schlägt hier ein, tut jedoch nicht lange weh, denn die vier Musiker, allen voran Pianistin Labèque mit ihrem Minimal-Spiel, also sich ständig wiederholenden Tonfolgen und einem verzerrten Bass, treiben die Energie in ungeahnte Höhen und verwandeln jedwede Melancholie in Freude über das, was von Moondog blieb und das Herz zum Tanzen bringt. »Tugboat Toccata« tönt sehr »rockig«, das letzte Stück »New Amsterdam« steckt auch noch den Harold Budd’schen Ambient-Bereich ab. Fazit: Trotz der Vielseitigkeit ist das Album äußerst homogen. Mit seinen gut 40 Minuten aber unfassbar kurz. Zum Glück hat Moondog ein mittelgroßes Oeuvre hinterlassen, demnach muss das noch nicht alles gewesen sein, hofft man.