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Green Cosmos

»Morgenmusiken«

Frederiksberg Records

Der spontane Gedanke beim Erstkontakt mit dieser Veröffentlichung war ein ungläubig-amüsierter: »Das ist doch ausgedacht!« Alle Jahre wieder finden sich musikalisch begabte Scherzkekse, die ihrer eigenen Leidenschaft und der aller anderen Plattensammler*innen dadurch Ausdruck verleihen, dass sie pseudo-historische Artefakte in die Welt setzen, die ihrer äußeren Erscheinung und dem musikalischen Inhalt nach obskur, vergessen und frisch ausgegraben wirken – sie sind aber lediglich der zu gleichen Teilen nostalgisch und satirisch gestimmten Fantasie entsprungen, eine idealerweise kundig ins Werk gesetzte Erfindung! Vor allem im Krautrock bzw. in der elektronischen Musik haben solche Scherzartikel Tradition. Da fallen mir die legendären Damenbart ein, der sagenhafte Meeresbiologe mit musikalischen Neigungen Jürgen Müller oder die mehrteilige Kosmischer-Läufer-Reihe. Wenn gut gemacht, dann spiegeln solche Erscheinungen auf humorvolle Weise den grassierenden Wahnsinn um Privatpressungen und die rastlose Jagd nach vergessenem musikalischem Material, das im Falle der Wiederentdeckung mythisch überhöht und stolz präsentiert werden kann. Als ich jetzt also zu Green Cosmos las: »In the late 1970s, four young musicians from Marsberg, Germany – despite the absence of a local jazz scene – came together to form Green Cosmos, a quartet whose sound drew equally from John Coltrane’s spiritual fire, world music traditions, free jazz, and Indian classical influences«, da glaubte ich den Braten doch gleich zu riechen! Sofort nachgeguckt: Marsberg gibt es tatsächlich … Jupiterhausen allerdings nicht. Die einschlägig bekannte Datenbank für Tonträger offenbart dann auch, dass Green Cosmos 1983 »Abendmusiken« veröffentlicht haben, »Morgenmusiken« hingegen unveröffentlichtes Material beinhaltet. Wäre ich notorisch misstrauisch, dann könnte ich immer noch daran zweifeln, dass »Morgenmusiken« authentisches Material beinhaltet, weil was heißt bzw. beweist schon »unveröffentlicht«!? Aber jetzt wollen wir es mal gut sein lassen mit den detektivischen Schnüffeleien und uns der Musik widmen. Die ist nämlich erstaunlich gut! Vier stilecht mit verbeulten Jeans, Cordhosen und typischen Bärten dekorierte bundesdeutsche Jazzer (bitte, wie es in dieser Generation weit verbreitet, entsprechend hart deutsch aussprechen: »Jatzer!«), die ihren eigenen Spiritual Jazz gemacht haben! So ganz eigen ist der nicht, sie lehnen sich deutlich an den großen Vorbildern an, aber auf inspirierte Weise. Vor allem an Coltrane, Alice und John, und Pharoah Sanders muss ich denken, und auch Einflüsse klassischer indischer und afrikanischer Musik bereichern das Klangbild. (So steht es ja schon, siehe oben, in den Infos zur Veröffentlichung.) Die Sitar wurde eingespielt von Narayan Govande, der das Quartett im Studio besuchte, die Kalimba hat der Schlagzeuger Alfred Franke mitbedient. So ist sie also tatsächlich damals in der nordrhein-westfälischen Provinz entstanden, die sanfte Musik, die mich auch an Peter Michael Hamels Between denken lässt. Ob die sich mal über den Weg gelaufen sind, damals? Ich weiß es nicht. Ist jetzt auch nicht entscheidend. Fazit: Ein Label aus New York legt »Morgenmusiken« vor und damit ein Stück unentdeckte bundesrepublikanische Jazzgeschichte frei, die jede Aufmerksamkeit rechtfertigt.

Home / Rezensionen

Text
Holger Adam

Veröffentlichung
10.04.2026

Schlagwörter

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