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Jozef van Wissem

»This Is My Blood«

Incunabulum

Der Jupp mit seiner Laute – dass er es mal so weit bringen würde, ich hätte es nicht gedacht, aber mittlerweile sind über zehn Jahre vergangen, seit er für seinen Soundtrack zu Jim Jarmuschs Film »Only Lovers Left Alive« beim Festival in Cannes ausgezeichnet wurde, was ihm zunächst viel Aufmerksamkeit einbrachte und in der Folge bzw. bis heute ein zahlreicheres Publikum beschert, als es vor dieser Zusammenarbeit der Fall war. Das war so nicht abzusehen, vergegenwärtigt man sich die Voraussetzungen: ein antiquiertes Instrument, eine verquere Art, es zu spielen, Veröffentlichungen in Eigenregie oder auf Nischen-Labels für experimentelle Musik (u. a. Important Records) und all das verkörpert in der Rolle des mittelalterlich gestimmten Goth-Cowboys. Zumindest diese dunkel-romantische Inszenierung darf als klassisch gelten bzw. geht sie irgendwie immer – nicht nur bei bei Jarmusch, sondern beispielsweise auch bei (dem frühen) Nick Cave oder David Eugene Edwards (16 Horspeower). So kommt es, dass van Wissem mit seinen repetitiven und minimalistischen Kompositionen ein breites, vorzugsweise schwarz gekleidetes Publikum erreicht, vom Roadburn-Festival in Utrecht bis zum Wave-Gotik-Treffen in Leipzig, und zwischendurch sitzt er mit seinem Instrument regelmäßig in Kulturkirchen und selbstverständlich auch in weniger sakral anmutenden, nicht zu großen Konzerthallen. Er zieht sein Ding konsequent durch, Respekt. Böse Zungen könnten behaupten, dass er immer wieder dieselbe Platte aufnimmt, und ich weiß, was damit gemeint sein soll, aber diesen kritischen Stimmen würde ich entgegenhalten, was ich auch mit Blick auf eine Band wie Sunn O))) zur Verteidigung jüngst ins Feld geführt habe: Mag sein, dass die – durchaus in vielen Aspekten vorhersehbare – Ästhetik sich auf wenige und nur im Detail variierende Parameter beschränkt, aber viele Menschen haben in ihrem Leben nicht einmal eine gute Idee, also bitte kein Neid! Darüber hinaus kann man zurecht darauf hinweisen, dass die meditativen Kompositionen einen hohen Wiedererkennungswert haben. Man weiß sofort, wer da Laute spielt, wenn man nur zwei oder drei aufeinanderfolgende Noten gehört hat. Auch das muss man erstmal hinkriegen. Jozef van Wissem spielt sein Instrument auf sehr eigene, unverkennbare und durchaus originelle Weise. Ob er auch, wie etwa Narciso Yepes, auf seiner Laute Bach nachspielen könnte? Wer so fragt, weil die Laute als klassisches Instrument diesen traditionsreichen Interpretationsspielraum öffnet, fragt falsch bzw. geht es van Wissem seit Anfang an und im Gegenteil darum, das Instrument, das er spielt, aus seiner klassischen Umgebung (einem technisch sicher anspruchsvollen aber mithin auch muffigen Milieu) und damit einhergehenden Erwartungshaltungen herauszuholen. Folglich buhlt van Wissem auch nicht in Kreisen traditioneller und akademisch geschulter Alter Musik um Anerkennung (auch wenn er selbst bei Patrick O’Brien Lauten-Unterricht nahm). Die Zusammenarbeit mit Jim Jarmusch war der popkulturelle Ritterschlag und diese bis in die Gegenwart hinein bestehende Verbindung ist auch der geeignete Orientierungspunkt, um »This Is My Blood« einzuordnen. Wer gerne oder gar ausschließlich Schwarz trägt, wem »Coolness« nach wie vor eine bedeutungsvolle popkulturelle Chiffre ist, wer zwischen Dead Can Dance, Current 93, Kronos Quartet, Popol Vuh, 16 Horsepower und Sisters of Mercy noch Platz im Regal hat und Jozef van Wissem noch nicht kennt – mit »This Is My Blood« ist mal wieder ein aktueller Anlass gegeben, sich mit der eigenwilligen Musik des Niederländers auseinanderzusetzen. 

Home / Rezensionen

Text
Holger Adam

Veröffentlichung
21.04.2026

Schlagwörter

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