Alva Noto & Ryuichi Sakamoto

»Glass«

Noton

»Glass« heißt das neue Album der beiden Ambient-Granden Alva Noto (aka Carsten Nikolai) und Ryuichi Sakamoto. Angelehnt ist das Werk an das vom Architekten Philip Johnson errichtete Glass House, in dem die beiden 2016, anlässlich des 110. Geburtstags des berühmten, wegen seiner Vergangenheit aber auch höchst umstrittenen Stararchitekten, eine abermalige Zusammenarbeit realisierten. Es ist ein beständiger Schwellenzustand, auf den man sich mit diesem Album einlässt. Man weiß sich nie ganz außerhalb, aber eben auch niemals zur Gänze innerhalb des weltbekannten Gebäudes, dessen vollständige Durchsichtigkeit offensichtlich nicht nur als namentliche, sondern auch als konzeptuelle Grundlage für »Glass« gedient hat. Die nahtlos ineinander übergehenden 37 Minuten sind jedenfalls durchzogen von zirpenden Geräuschen, von denen sich nicht sagen lässt, ob sie nun der Umgebung oder der Elektronik Nikolais entstammen. Durch die Verwendung von speziellen Kontaktmikrophonen wurden außerdem die surrealen Resonanzen der umliegenden Glaswände hörbar gemacht. In Kombination mit dem ausgedehnten, außerweltlich anmutenden Rauschen unablässig pulsierender Drones und den einsam verhallenden Anschlägen unterschiedlicher Zimbeln entsteht auf diese Art eine wohlwollende, sich über die großzügige Laufzeit vollständig ausbreitende Sogwirkung. »Glass« ist die vollständige Symbiose zweier Künstler, deren Arbeitsweisen ursprünglich nicht unterschiedlicher hätten sein können. Der Beginn ihrer Kollaboration vor über 16 Jahren basierte auf dem Versuch, Sakamotos neoklassisches Klavierspiel mit den surrenden Elektronik-Arrangements von Carsten Nikolai zu verbinden. Das gelang auf Anhieb mit dem mittlerweile zum neoklassischen Standardwerk gewordenen »Vrioon» und zog sich später weiterhin wie ein roter Faden durch ihre Arbeiten. Während Sakamoto, einst Mitglied der einflussreichen japanischen Avantgardepop-Band Yellow Magic Orchestra, von Nikolais unkonventionellen Ansätzen profitierte, wurde dieser umgekehrt einer klassisch-traditionelleren Notation vorstellig gemacht. »Glass« ist in dieser Hinsicht keine Verbindung ihrer unterschiedlichen Ansätze, sondern die ausschließliche Abstraktion zweier Arbeitsweisen, die bisher in dieser Form nicht dagewesen war und gerade deswegen eine bestimmte, wenngleich ausdrücklich willkommen geheißene Veränderung in ihrem gemeinsamen Schaffen darstellt. War die musikalisch kreative Aufteilung zuvor meist eindeutig anhand deren jeweiliger Handschrift erkennbar, so ist dies auf »Glass« nicht mehr unzweifelhaft bestimmbar. Wo einst zarte Klavierpassagen und elektronische Frequenzen miteinander zu kommunizieren versuchten, steht nun ein 37 Minuten langer Koloss, gigantisch, erhaben und ansatzlos schwebend zugleich.