»Alles ist gut« © Viennale

Umkehrung eines Machtverhältnisses

In »Alles ist gut« porträtiert Eva Trobisch eine selbstbewusste junge Frau, die nach einer Vergewaltigung die Deutungshoheit über das an ihr begangene Verbrechen behält, indem sie allein bestimmt, wie damit umgegangen wird. Männer sind hier vor allem aggressive, unbeholfene Opfer ihrer selbst.

Die Berliner Filmemacherin Eva Trobisch, die mit ihrem ersten Langspielfilm bereits am Münchener Filmfest und beim Filmfestival Locarno mit Preisen versehen wurde, stellt mit »Alles ist gut« viele Fragen zu Selbstbestimmung und deren Grenzen. Das heißt: Inwieweit kann Frau bestimmen, wie Erlebnisse einzuordnen sind, was sie zulässt und was sie an sich heranlässt. Dabei liegt der Fokus auf Janne (Aenne Schwarz), die nach einem durchzechten Klassentreffen Martin (Hans Löw) mit zu sich nach Hause nimmt und ihm einen Schlafplatz anbietet. Er, leicht schnöselig aber nicht unbedingt unsympathisch, macht ihr sexuelle Avancen, auf die sie nicht eingeht. Schließlich wird er übergriffig, es kommt zu einem Unfall, als sie sich wehrt und ihn wegstößt. Dabei verletzt sie sich am Kopf, es scheint der Höhepunkt der Dramatik erreicht, man denkt: Jetzt endlich muss es doch bei ihm klicken. Doch nach kurzem Trösten fängt er wieder an mit Grapschen, sie wehrt den großen, durchtrainierten, offensichtlich gefährlichen Mann jedoch nur noch vorsichtig ab, sodass ihr Verhalten von manchen wohl ohne die brutale Szene zuvor als zweideutig beschrieben werden könnte – doch es ist eindeutig. Am Ende liegt sie auf dem Boden und lässt die Vergewaltigung über sich ergehen. Man erwartet Schreie, weitere Abwehrversuche, doch es scheint, als wolle sie die Situation nicht noch weiter aufheizen, was zunächst extrem bizarr wirkt.

»Alles ist gut« © Viennale

Dieser zuletzt beschriebene Moment ist für den Film maßgeblich. Zum einen scheint er das Klischeebild der hilflosen Frau zu bestätigen, die »doch nur laut genug schreien« müsste und »sich nicht entschieden genug wehrt«. Sicherlich würde auch das nicht viel bringen. Die aufgesetzte Heiterkeit am nächsten Morgen lässt erahnen, dass da mehr zu erfahren sein wird. Eva Trobisch hatte nämlich ganz anderes im Sinn, wie sie im Publikumsgespräch bei der Viennale beschreibt. Laut Trobisch hatte Janne eine gewisse Wahl. Welche genau, bleibt offen. Und hier wird es etwas problematisch. Hat eine Regisseurin wirklich die Macht über ihre Figuren oder handelt der Film eigenen Gesetzen entsprechend? Denn: Welche Wahl hat man tatsächlich, wenn sich ein physisch überlegener Mann auf einen wirft? Janne entscheidet sich, vielleicht schon während der Vergewaltigung, für das Narrativ »schlechter, besoffener Sex/Party aus dem Ruder gelaufen«, lässt es über sich ergehen und schweigt darüber ab dem nächsten Tag. Das muss man erstmal verdauen. Ist das nun Victim Blaming? Im Verlauf des Films wird klar, dass dem wohl nicht so ist. Natürlich entscheidet sie sich nicht für die Vergewaltigung, sondern bloß darüber – und das ist wesentlich – wie sie mit dem Abend und den Folgen umgeht. Es soll bei den zwei Minuten bleiben, in denen er in sie ejakuliert, ein rein physischer Vorgang, der nur von ihm ausging und darüber hinaus nicht mehr für sie bedeuten solle. Mehr möchte sie ihm, Martin, ihrem Peiniger, nicht zugestehen. Und sich selbst nicht als Opfer sehen, sich nicht von diesen zwei Minuten Vergewaltigung, der puren, stumpfsinnigen, männlichen Gewalt, beherrschen lassen. Darum geht es in dem Film, anderen Aspekten, z. B. dem ersten Sex mit ihrem Freund nach dem Vorfall oder der Abtreibung selbst wird hingegen kaum Raum gegeben.

Blöd nur, dass auch der eigene Mann völlig unfähig ist, mit ihr zu reden. Gute Freunde zum Reden tauchen auch nicht auf. Ihr neuer Chef hat selbst Probleme, mit der gewalttätigen Ehefrau umzugehen. Und ihr Chef ist gleichzeitig auch Chef von Martin, der gebildeter und intelligent wirkender Mitarbeiter in einem Sachbuchverlag ist. Dem fühlt sie sich überlegen (und ist es nun auch). Trobisch schafft es, bei den mit äußerst feinem Humor gespickten Aufeinandertreffen zwischen Täter und Opfer die Grenzen männlicher Macht und Privilegien – und zu guter Letzt auch Jannes Selbstbestimmung zu zeigen, wenn sich im Verlaufe des Films die Machtverhältnisse zu ihren Gunsten verlagern. Martin versucht – man sieht ihm das schlechte Gewissen an – so gut wie möglich, »es wieder gut zu machen«. Doch sie blockt ab. Die Situation ist komplett absurd. Und sie bemerkt, dass sie ihn in der Hand hat, und diese Macht genießt sie, genießt man als Zuschauer*in, der Slapstick-artige Humor und die rein passiven, spöttischen Reaktionen Jannes auf die Versuche Martins, die Situation in den Griff zu bekommen, erzielen filmisch eine besonders starke Wirkung. Martin hat keine Chance, wieder Kontrolle zu erlangen. Nun liegt es an Janne und die schweigt. Das ist ihre Art, damit umzugehen, ganz egal, wie man das findet. Und alles ist gut, wenn man es sich einredet. Doch irgendwann holt einen die Realität wieder ein, die Grenzen der Selbstbestimmung werden erreicht, wenn sie an die Tür klopft. Der Film ist grotesk, teils überzogen und damit so real, in seiner real-politischen Erzählweise ungemein feministisch und wuchtig. Und die äußerst gut ausgewählten Schauspieler*innen sind dafür wesentlich verantwortlich.

Link: https://www.viennale.at/de/film/alles-ist-gut