Iannis Xenakis

»Persepolis«

Karlrecords

Eine Beschreibung von Xenakis’ theoretischer Herangehensweise an die Musik könnte trockener kaum sein: Die von ihm begründete »Stochastische Musik« verarbeitet Zufallsphänomene, wie z. B. Regen, zu Datensätzen, die in Kurven visualisiert und zu Kompositionen verwandelt werden. Durch die Anwendung von zu seiner Zeit aktuellen Theorien oder Gesetzen der Naturwissenschaft, und hier besonders der Mathematik, auf das Verfahren der Komposition ging er gänzlich neue Wege im musikalischen Formalismus. Auch die Hintergrundinformation, dass er zusätzlich als Architekt tätig war, unterstreicht das Bild des verkopften Komponisten, der Musik fürs Archiv »herstellt«. Doch der Grieche Xenakis war auch Widerstandskämpfer im Nationalsozialismus, wurde zum Tode verurteilt und konnte sich, inzwischen nach Paris geflohen, erst mit 25 Jahren professionell der Musik widmen. Seine radikale Herangehensweise ist die eines zutiefst Gezeichneten, eines die Vergangenheit verarbeitenden und überwindendenden Avantgardisten.

Mit »Persepolis« veröffentlichen Karl Records die weiland vom Schah von Persien in Auftrag gegebene, 1971 im Iran im Rahmen einer bombastischen Multimedia-Performance (Multimedia, Kinder mit Fackeln, wahrscheinlich Menschenopfer) uraufgeführte Komposition zu Ehren der antiken Ruinen neu. Apokalyptisch, episch, dissonant, chaotisch ist diese Stunde voll von Klängen, die in ihrer Wucht so eindrucksvoll wie »zeitlos« sind. Die Unfähigkeit, irgendein Instrument sicher herauszuhören, verstärkt das starke Gefühl des Unheimlichen: Die abwesende Stadt Persepolis spricht aus der Vergangenheit in die Gegenwart, man fühlt sie förmlich schreien. Doch die Unsichtbarkeit jeder lebendigen Form, jedes Subjektes, irritiert, hält bis zum Ende die Spannung und evoziert gewaltige, bedrängende Bilderwelten. Musik, wie sie H.P. Lovecraft beim Schreiben von »Mountains of Madness« vor seinem geistigen Ohr hatte.