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Das Jahr 2021 in Listen

Altes Jahr, neue Listen. Wieder hat die skug-Redaktion die elektronischen Bleistifte gespitzt und alles übersichtlich mitnotiert, das im letzten Jahr schön tönte, seltsam klang und tiefsinnig schillerte.

Durchbuchstabieren macht Spaß und ist ganz einfach: Man fängt mit »Alpha« an, dann kommt »Delta« und bald schon hängen wir alle bei »Omikron«. Bis »Omega« dauert es allerdings noch ein bisschen und damit wäre der offiziell letzte Covid-Witz des Jahres 2021 auch schon wieder Geschichte. Was bleibt, ist zumindest die Hoffnung, dass 2022 ein bisschen weniger »zu« sein wird. Ganz sicher hingegen ist, was für immer und ewig bleibt: die hochunterhaltsamen und sehr, sehr aufschlussreichen Listen der skug-Redaktion. Solange das Internet noch steht und das Metaverse uns alle verbindet, schenke sie die Orientierung, die heute wichtiger denn je ist. Denn wer kennt sich alleine im Lockdown noch aus mit all den neu erschienenen Büchern, Filmen, Musiken und Konzerten, die doch noch irgendwie stattgefunden haben? Dank der Sammelarbeit von skug braucht niemand zu denken, das Jahr sei an ihr oder ihm vorbeigezogen, denn mit dieser listigen Liste passt es jetzt in jedes Schulterpolster. Aber wie geht es weiter? Nur so viel: Resilienz war gestern, wir setzen auf »radikale Akzeptanz«. Im Jahr 2020 hat sie uns mit dem Salon skug auf Rädern bereits auf die Straße getrieben und im nächsten Jahr machen wir weiter, indem wir den öffentlichen Raum erforschen, der heute so wichtig ist wie selten zuvor. Sobald wir also wieder raus können und das Wetter wieder schön ist, sehen wir uns alle auf der Straße wieder. Manche von euch werden bis dahin vielleicht schon ans Ende der Jahreslisten gescrollt haben. Viel Spaß mit dem längsten skug-Artikel des Jahres.

Florian Rieders Top 10 2021

Beinahe wäre es wieder passiert – nach 2019, wo Monobrother als heimischer Artist den Thron für sich beanspruchen konnte, ist es 2021 Mo Cess, der sich nur knapp Evidence geschlagen geben muss. Aber dieser zweite Platz glänzt für eines der wohl besten Alben, das jemals von einem österreichischen Künstler geschaffen wurde, wie der erste Platz. Evidence, der auch bei Mo Cess hoch angesehen ist, hat sich aber mit seinem Album ein Denkmal gesetzt. Wo es bei den vorigen Releases noch einige Durchhänger gab, ist es diesmal ein Album ohne Skip Tracks, das von vorne bis hinten eines der rundesten Dinge der letzten fünf Jahre ist. Der Abstand, in dem diese beiden Alben heuer auf Heavy Rotation liefen, ist mehr als eindeutig. Trotzdem muss es auch nach Platz Eins und Zwei weitergehen und hier ist der Unterschied zwischen den Positionen nicht mehr so groß. Die $uicideboy$ etablieren sich als fixe Größe im HipHop-Universum und verlassen langsam, aber sicher den Untergrund. Im deutschsprachigen HipHop haben es nur drei Artists in die Top 10 geschafft. Audio88 & Yassin bleiben das Sprachrohr für alle, die den aktuellen Zustand im Rap wie auch in der Gesellschaft nicht aushalten. Babyjoy zeigt hingegen, dass Frauen im Rap-Geschäft mehr als angekommen sind und liefert auf ihrer EP eine Mischung aus souligen Songs, aber auch imposant gerappten Tracks, von denen jeder ein Ohrwurm ist – das nächste Mal hoffentlich als Album. Nicht auf dem Radar hatte ich dieses Jahr Limp Bizkit, die ihr erstes Album seit 2011 released haben. Aber natürlich fühlen sich die zehn Jahre viel länger an, war doch der letzte wirklich relevante Release »Chocolate Starfish and the Hot Dog Flavored Water« aus 2000. Trotzdem schaffen Limp Bizkit es, nach so langer Zeit das Gefühl zu erzeugen, dass man immer noch an der Jahrtausendwende steht und sich eigentlich nichts geändert hat – endlich wieder 16 sein.

Top 10 Releases 2021

  1. Evidence: »Unlearning Vol. 1« (Rhymesayers)
  2. Mo Cess: »Klåmm« (Duzz Down San)
  3. $uicideboy$: »Long Term Effects of Suffering« (G*59 Records)
  4. Audio88 & Yassin: »Todesliste« (Normale Musik)
  5. Bones: »Burden« (Team Sesh)
  6. Wicca Phase Springs Eternal: »Surrender« (Self-released)
  7. Aesop Rock x Blockhead: »Garbology« (Rhymesayers)
  8. Babyjoy: »Troubadour« (Self-released)
  9. Pouya: »Blood Was Never Thick as Water« (Self-released)
  10. Limp Bizkit: »Still Sucks« (Suretone Records)

Honourable Mentions:

Haze: »Die Zwielicht EP« • Corbin: »Ghost with Skin« • Bones: »Scraps« • Ahzumjot: »3:00« • Rob Sonic: »Latrinalia« • Eli Preiss: »Wie ich bleib« • Nas: »Kings Disease II« • Haiyti: »Mieses Leben« • K.I.Z: »Rap über Hass«

Top 10 Tracks 2021

  1. Evidence: »All Of That Said (feat. Boldy James)«
  2. Evidence: »Lost In Time (Park Jams)«
  3. Mo Cess: »Dschungel«
  4. Bones: »Ethanol«
  5. Bones: »Brimstone (feat. Xavier Wulf)«
  6. Audio88 & Yassin: »Cottbus«
  7. Lea x Casper: »Schwarz«
  8. I.Z: »Rap über Hass«
  9. Pouya: »Out the Mud«
  10. Edwin Rosen: »mitleerenhänden«

Mio Michaela Obernosterers Top 10 2021

2021, was soll ich sagen … Das Jahr war beschissen, aber der Sound war gut. Aiko Aiko haben nach »Lab Rats« (2015) endlich ihr zweites Album vorgelegt und es ist eine gottverdammte Oper! Hoffentlich bald live zu sehen beim für 21. Jänner 2022 geplanten Salon skug mit Aiko Aiko & DEATHDEATHDEATH, haltet uns die Daumen. Apropos Oper: Gazelle Twins Elektronik-Experimente von »Pastoral« (2018) kommen mit Unterstützung des Drone-Chors von NYX erst richtig zur Geltung. Und auch Lingua Ignota kann mit ihrem vierten Album den dramaturgischen Bogen ihrer musikalischen Entwicklung weiterhin halten. James Blake und When Saints Go Machine liefern mit den vielleicht traurigsten Alben ihrer Karriere den perfekten Soundtrack für depressive Novembernächte, zum Trost kann man sich aber in der Noise-Blanket von Low einwickeln, in die durchgehend spannenden Debüts von Smerz und Mala Herba vertiefen oder mit Xiu Xiu und Xeno & Oaklander einmal mehr auf vertrautem Terrain ankommen.

PS: Die Top Tracks dieses Jahres sind größtenteils Auszüge aus Releases, die es noch nicht zum Full Length Album gebracht haben, aber für die (nahe?) Zukunft Großes erwarten lassen, und seien deswegen ganz besonders ans Herz gelegt.

Top 10 Albums 2021

  • Aiko Aiko: »Radical Nopinion« (Whales Records)
  • Gazelle Twin & NYX: »Deep England« (NYX Collective Records)
  • James Blake: »Friends That Break Your Heart« (Republic Records)
  • Lingua Ignota: »Sinner Get Ready« (Sargent House)
  • Low: »Hey What« (Sub Pop)
  • Mala Herba: »Demonologia« (aufnahme + wiedergabe)
  • Smerz: »Believer« (XL Recordings)
  • When Saints Go Machine: »Emotional« (Self-released)
  • Xeno & Oaklander: »Vi/deo« (Dais Records)
  • Xiu Xiu: »Oh No« (Polyvinyl)

Top 10 Tracks 2021

  • Dino Spiluttini: »Gym Stabs«
  • Edwin Rosen: »Verschwende deine Zeit«
  • Ein Gespenst: »Ich tanze nur aus Höflichkeit«
  • Ethel Cain: »God’s Country (feat. Wicca Phase Springs Eternal)«
  • Florian Horwath: »Fallin in Dark Hands«
  • Schattenmusik: »Tote Tauben«
  • Schmyt: »Taximann«
  • Sophia Blenda: »Wie laut es war«
  • Space Afrika: »B£E (feat. Blackhaine)«
  • Wandl: »Baby Boy«

Top 10 Concerts 2021

  • Kinetical & P.tah et al, 22.05.2021, Salon skug auf Rädern, Yppenpark
  • Mermaid & Seafruit, 26.06.2021, Salon skug auf Rädern, Erdberg
  • Dino Spiluttini, 07.08.2021, Salon skug auf Rädern, Volkspark Laaerberg
  • Mermaid & Seafruit, 13.08.2021, ImpulsTanz, WUK
  • Conny Frischauf et al, 19.08.2021, Unsafe+Sounds, Wotrubakirche
  • Ai fen et al, 20.08.2021, Tender Matter Label Night, Central Garden
  • Dino Spiluttini et al, 28.08.2021, Unsafe+Sounds, Das Werk
  • Monobrother et al, 04.09.2021, Volksstimmefest, Jesuitenwiese
  • Apparat, 08.09.2021, Arena Wien
  • Kummer, 21.11.2021, Gasometer

7-inch Singles Top 10 von Georg Schneider (DJ Kramuri)

Social Lovers von der amerikanischen Westküste brachten heuer genau eine hinreißende Boogie-Single auf ihrem neu gegründeten Label Lovers Lane Music heraus. Auf dem Plattencover steht: »handle with perceptive tactics«. The Diasonics veröffentlichen seit 2020 ausschließlich Singles, die meist auf Funk Night Records erscheinen. Ihr »Beggin’« besticht mit seinem lyrischen Intro. Während der 3:46 Minuten gerät die Hörerschaft in ein immer unbeschwerteres Schweben! Arp Frique machen spannenden, tanzbaren Afrobeat mit Psychedelic-Einschlag. Es handelt sich hier um eine Record Store Day-Platte. Nun zu dem Norweger Leoparden. Er wühlt seit geraumer Zeit die Clubszene Oslos gehörig auf. Ich sammle mittlerweile alles von Lyskestrekk Records. Die Musikvideos von Leoparden bringen mich immer zum Schmunzeln. Radio Martiko operiert wiederum von Ghent, Belgien, aus. Die unten aufgelistete Split-Single überzeugt mit zwei irren Surf-Nummern, die großartig in einen Quentin Tarantino-Film passen würden. »Aht Uh Mi Hed« wird uns in Erinnerung bleiben als die Reggae-Coverversion eines Shuggie Otis-Songs. Little Beat More ist das unabhängige Label vom italienischen DJ und Produzenten Woxow – mit Sitz in Wien. Die wirklich empfehlenswerte Reihe »Veggie Tales« liefert zu jeder Single auch gleich ein Kochrezept mit. Wunderbare Idee! Und die restlichen drei Singles meiner bescheidenen Liste überlasse ich eurem Gespür … Alle natürlich 2021 erschienen. Aktuelle Nachpressungen sind keine dabei. Wenn ich nur die A-Seite angebe, hat die B-Seite denselben Titel.

  • Omar-S feat. Supercoolwicked: »Whats Good for the Goose« (FXHE Rec. Detroit)
  • Social Lovers: »Higher« (Lovers Lane Music)
  • Ze’ Bigode Orquestra: »Tikulafe« (Little Beat More)
  • Leoparden & Rezzi Razzi: »Hele Natta Lang« (Lyskestrekk Rec.)
  • Night Owls: »Aht Uh Mi Hed« /»Put On Train« (Spot Rec.)
  • Bacao Rhythm & Steel Band: »Dirt Off Your Shoulder«/»I Need Somebody To Love Tonight« (Big Crown)
  • Les Talismans/Les Jaguars: »L’Interplanetairev/»Guitar Jet« (Radio Martiko)
  • Johnny Valuti with The Ska-Ta-Nauts/Sir Jay with The Ska-Ta-Nauts: »Later Than Sooner«/»Swiss Ska Fever« (Tip-A-Top)
  • Arp Frique: »Nyame Ye«/»Oi Quem Q’Ue Nos« (Rush Hour)
  • The Diasonics: »Beggin’«/»Miss Jackson« (Funk Night)

Hans Grausgrubers am häufigsten rotierte Alben 2021

Nach einigem erfolglosen Nachdenken bezüglich einer Reihung (Qualität, Rotationshäufigkeit etc.) und letztendlich enttäuschtem Warten auf altbewährte Compilations (wie »Soul Togetherness 2021«) habe ich zehn häufig gehörte Alben, die dieses Jahr mein Gemüt erhellten, intuitiv gereiht.

  1. Curtis Harding: »If Words Were Flowers« (Anti)
  2. Jeb Loy Nichols (With Cold Diamond & Mink): »Jeb Loy« (Timmion)
  3. Menagerie: »Many Worlds« (Freestyle)
  4. Various Artists / Tom Moulton: »Spring Event« (Jamie)
  5. Silk Sonic: »An Evening With Silk Sonic« (Atlantic)
  6. Jon Batiste: »We Are« (Verve)
  7. Blue Lab Beats: »We Will Rise«, EP (Blue Note)
  8. The Paradise Projex; »The Paradise Projex EP« (Expansion)
  9. Jungle: »Loving In Stereo« (Caiola)
  10. The Rugged Nuggets: »Odds & Ends« (Colemine)

Peter Kaisers grandioser Listen-Overkill 2021

Marx spottete an prominenter Stelle, dass sich historisch Bedeutsames nicht bloß zweimal ereignet, wie Hegel bemerkt hatte, sondern »das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce«. 2021 kann zumindest in pandemiepolitischer Hinsicht – als lumpige Farce von 2020 betrachtet werden. Das virale Geschehen gehorcht nun mal keiner Schönwetter-Message-Control. Die musikalische Produktivität glücklicherweise auch nicht. Hier sind 21 Favourites plus zehn alte Klassiker zum Nach-/Hören:

5 super Alben (alphabetisch); gehört und rezensiert

5 super Alben/EPs (alphabetisch); nicht rezensiert, aber gerne gehört

  • Mykki Blanco: »Broken Hearts And Beauty Sleep« (Transgressive)
  • Girl in Red: »If I Could Make It Go Quiet« (AWAL)
  • Billy Nomates: »Emergency Telephone« (Invada)
  • Matt Sweeney & Bonnie Prince Billy: »Superwolves« (Drag City)
  • Yves Tumor: »The Asymptotical World« (WARP)

11 starke Songs, die u. a. auch von Zuständen und Verhältnissen 2021 erzählen

  • Alewya: »Play«
  • EsRAP: »Welche Regeln gelten hier«
  • Half Darling: »Tuesday«
  • Ja, Panik: »Apocalypse Or Revolution«
  • Kira: »The Ghosts«
  • Little Simz: »Introvert«
  • Lizzo: »Rumors« ft. Cardi B
  • Nenda: »Borders«
  • Billy Nomates: »Christmas Is For Lovers, Ghosts & Children«
  • pauT: »jackpoT« (gernoT blümels lapTop)
  • Sons Of Kemet: »Pick Up Your Burning Cross« ft. Moor Mother, Angel Bat Dawid

Im Schatten von »Nevermind«: 10 Alben, die nach 30 Jahren immer noch äußerst hörenswert sind

  • Alice Donut: »Revenge Fantasies Of The Impotent« (Alternative Tentacles)
  • Carcass: »Necroticism – Descanting The Insalubrious« (Earache)
  • The Ex & Tom Cora: »Scrabbling At The Lock« (RecRec)
  • fIREHOSE: »Flyin’ The Flannel« (Columbia)
  • Meat Puppets: »Forbidden Places« (London)
  • My Bloody Valentine: »Loveless« (Creation; Re-Release 2021: Domino)
  • Naked City: »Torture Garden« (Shimmy Disc/Earache)
  • No Means No: »0+2=1« (Alternative Tentacles)
  • Tumor Circus: »Tumor Circus« (Alternative Tentacles)
  • Voivod: »Angel Rat« (Mechanic/MCA)

Jannik Eders Musikrevue 2021

Kürzlich erstellte eine Wienerin eine Playlist mit Tocotronic-Liedern, deren Titel eindeutige Assoziationen zum Leben in der Pandemie herstellen: »Sag alles ab«, »Morgen wird wie heute sein«, »Jetzt geht wieder alles von vorne los« und so weiter. Die Playlist wurde schnell in den sozialen Medien herumgereicht – alte Tocotronic-Hits als Stichwörter unserer Gegenwart, das funktioniert natürlich.

Beiläufig fühlt man sich an das »Das gab’s doch schon bei den Simpsons«-Phänomen erinnert. Der Serie »Die Simpsons« wird ja nachgesagt, oft zukünftige Ereignisse vorhergesagt zu haben. Viel Verbreitung fand diese These, als Donald Trump 2017 US-Präsident wurde. Tatsächlich wurde Trump im Jahr 2000 in einer »Simpsons«-Folge als Präsident inszeniert. Doch es war weniger Prophezeiung als eine Mischung aus Zufall und Intuition. »Wir haben einfach nur einen witzigen Promi gesucht, den wir zum Präsidenten machen konnten«, sagte »Simpsons«-Autor Al Jean. Außerdem hatte Trump in den Neunziger-Jahren mehrfach mit einer Präsidentschaftskandidatur geliebäugelt.

Was sagt uns das? In der Popkultur ist über alles, was die Welt bewegt, schon einmal gesprochen worden. Und Grundmuster unserer Gefühlslagen sind oft gleich, egal welche Krise, welches Hoch, welche Lebenslage wir gerade erfahren. Es gibt dazu so viel Output der Popkultur, dass sich immer etwas Passendes für eine Situation finden lässt.

Hier reiht sich nun Ja, Panik ein, deren Song »On Livestream« mit folgenden Zeilen beginnt: »Drinnen ich / Draußen nichts / Schau mich an / Eine nervöse Gestalt«. Ja, was ist das, wenn nicht eine Beschreibung meiner Selbst im Lockdownblues? Und dann folgt im Song die Rede von »devices«, »screens« und »livestreams« – Begriffe, die seit Frühjahr 2020 starke Konjunktur haben.

Nun, dennoch ist das Album vor der Pandemie entstanden. Und eben, es ist guter Pop, weil es immer gültige Gedanken gekonnt auf ein Werk herunterbricht, das sowohl vor, in als auch nach einer bestimmten Periode glänzt.

Auch die anderen neun Alben dieser Liste werden nachhaltig glänzen. Wie immer war es schwierig, sich auf zehn Stück zu beschränken. Aber für alle kann guten Gewissens eine Hörempfehlung ausgesprochen werden und den Rest decken dann die Kolleginnen und Kollegen ab.

  • Armand Hammer: »Haram« (Backwoodz Studioz)

Es ist mittlerweile das fünfte Album, das Billy Woods und Elucid als Armand Hammer veröffentlichen, und jedes war ein Bravourstück des Underground-Raps. Höchste Zeit, dem New Yorker Duo einen Platz in der musikalischen Jahresrevue einzuräumen. »Haram« führt die bisherige Reise von Armand Hammer fort: rauer, düsterer Sound gepaart mit intelligenter Gesellschaftskritik.

  • Black Country, New Road: »For the First Time« (Ninja Tune)

Es gibt da wieder so eine Welle aus England, nein, hat nichts mit Corona zu tun. Sondern mit gehobenem Gitarrengeschrammel. Die Welle hat Bands wie Black Country, New Road nach oben gespült. Kaum war sie 15 Minuten berühmt, wurde sie vom Branchenfachmagazin »The Quietus« zur »best band in the world« geadelt. Britisches Understatement eben. Die Bandmitglieder selbst zeigen sich etwas reservierter, schmeißen lieber nerdig mit einer Million Popkulturreferenzen um sich. Sonstiger Markenkern: ein Orkan aus Math-Rock und Klezmer. Hierzulande konnte man das Septett am Donaufestival Krems in Anschau nehmen, der Auftritt geriet leider etwas Mumford & Sons’esk. Baldige Besserung erwünscht. Ansonsten erstmal Vorlieb nehmen mit dem Rest von dem, was die Welle mit sich geführt hat, etwa Squid oder Dry Cleaning oder Black Midi oder wie sie alle heißen.

  • Can: »Live in Brighton 1975« (Mute)

Eine Band – ein Konzert – ein Erlebnis. Man kann eigentlich nur neidisch sein auf die Menschen, die damals Zeitzeugen von Can wurden.

  • Circuit des Yeux: »-io« (Matador)

Das sechste Album der Avantgardemusikerin aus Chicago ist ihr bis dato zugänglichstes. Nach dem zweiten Song, »Vanishing«, könnte einem fast das Wort »poppig« über die Lippen rutschen. Aber danach wird’s eh wieder schwermütig. Haley Fohr, so der bürgerliche Name von Circuit des Yeux, entflieht mit »-io« Depression und Schaffenskrise – und das sehr kraftvoll. Im Mittelpunkt stehen wie stets überwältigende Orchesterarrangements und Fohrs markante Stimme.

  • Gewalt: »Paradies« (Clouds Hill)

Das Debütalbum gleich ein Opus magnum? Kann man in diesem Fall fast behaupten. Freilich, das Trio um Patrick Wagner alias Gewalt ist mit seinem brachialen, düsteren Industrial-Punk ein alter Bekannter. Zu zehn neuen Songs, die, typisch für Gewalt, den Grat zwischen Zynismus und Aufstand ausloten, gesellt sich auf der B-Seite eine Auswahl von Singles der letzten Jahre – macht aus der Doppel-LP definitiv etwas Besonders. Und letztlich eben ein »Debüt«, bei dem man sich fragt, was noch kommen soll.

  • Hand Habits: »Fun House« (Saddle Creek)

»Fun House« heißt bekanntlich auch ein Album der Stooges aus dem Jahr 1970, das heute als Meilenstein des Proto-Punk gilt. Inwiefern Hand Habits daran andocken will, bleibt ungeklärt. Denn das Bild eines muskelbepackten Iggy Pop, dem seine zerrissene Skinny Jeans unterhalb der Schamhaare hängt, während er Zeilen wie »I’ve been hurt / And I don’t care« ins Mikrofon keift, kommt einem bei Hand Habits nicht in den Sinn. Das Album ist nämlich sehr schöner und melodischer Pop-Folk zwischen Sufjan Stevens, Perfume Genius und Simon & Garfunkel, bei dem es inhaltlich viel um (Geschlechts-)Identitätssuche geht.

  • Ja, Panik: »Die Gruppe« (Bureau B)

Eine Art Comeback-Album, nachdem sich Ja, Panik gefühlt schon aufgelöst hatte. Konzentrierter und weniger verschnörkelt als in der etwas fragwürdigen Phase zwischen »Libertatia« (2014) und der Bandchronik »Futur II« (2016). Die Songs haben mitunter gehörige Ohrwurmqualität (»On Livestream«), mit »Apocalypse or Revolution« enthält die Platte sogar den insgeheimen Nachfolger des epochalen Vierzehnminüters »DMD KIU LIDT«.

  • Masha Qrella: »Woanders« (Staatsakt)

Die Berliner Musikerin Masha Qrella vertont 17 Gedichte des linken ostdeutschen Schriftstellers Thomas Brasch. Kurzum: Selten so eine gelungene Übersetzung von Literatur in Popmusik gehört.

  • Moor Mother: »Black Encyclopedia of the Air« (Anti-)

Dieses eindringliche Werk zwischen Spoken Word, HipHop und experimentellem Electro steht in dieser Liste stellvertretend für ein Dreigespann großartiger Veröffentlichungen von Moor Mother in diesem Jahr: Als Teil des Free-Jazz-Kollektivs Irreversible Entanglements brachte sie »Open the Gates« (Don Giovanni/International Anthem) heraus sowie »Brass« in Kollaboration mit Billy Woods von Armand Hammer (siehe oben).

  • The Notwist: »Vertigo Days« (Morr Music)

Schon früh im Jahr erschien »Vertigo Days« der in der deutschen Indie-Szene nahezu sakrosankten Band um die Brüder Markus und Micha Acher. Was haben sich die Achers diesmal Besonderes einfallen lassen? Allen voran ein Get-together vieler Gastmusiker*innen – etwa Angel Bat Dawid oder Saya, Sängerin der japanischen Band Tenniscoats –, die den Songs auf diesem wie aus einem Guss wirkenden Album ihren Stempel aufdrücken.

Christian Eggers 2021er Gedenk

2021 – ein weiteres Jahr, wo mensch nirgendwo war und die Verluste von musikalischen, menschlichen Größen und Visionär*innen wie Peter »Pita« Rehberg, Sophie, Alvin Lucier, Oswald Wiener u.v.m. zwischen Lockdown-Taktungen zusätzlich immense Trauer freisetzen. Dennoch ein paar Versuche der Ablenkung anbei, ohne dabei noch groß Genres ausmachen zu müssen (siehe: Kelefa Sanneh – »Major Labels – A History of Popular Music in Seven Genres« – Canongate Books)!

  • Chihuahua: »Violent Architecture« (Self-released)

Überdrehter, dabei psychedelisch beflügelter Noise Rock, wie er im Post Brexit UK wieder vermehrt und konsequent gedeiht. Trumans Water trifft auf Johnson Tonic vor jählings leerem Supermarktregal!

  • Michael Hurley: »The Time Of The Foxgloves« (No Quarter)

Das große Versöhnungsangebot für all des Jahres gigantische Unbill und Dummheit. So locker, galant und befreit rutschen und flutschen hier die Weisheiten im Songformat der nunmehr 80-jährigen Folk-Legende.

  • Les Filles de Illighadad: »At Pioneer Works« (Sahel Sounds)

Dritte, aber erste und im titelgebenden Kulturzentrum Pioneer Works in Brooklyn 2019 aufgenommene Live-Platte des Überraschungsquartetts aus Niger. Voller repetitiv hypnotischer Welterschließung!

  • Life Without Buildings: »Any Other City« (Tugboat)

Nach verblüffender wie zufälliger TikTok-Wiederentdeckung zum 20-Jahre-Jubiläum der Erstveröffentlichung nun das zeitlose Reissue des ziemlich einzigartigen und zeitlosen Debüts der Glasgower Kunsthochschulhelden rund um Sängerin Sue Tompkins und ihre grenzenlos unprätentiöse Sprachakrobatik.

  • The Sunburned Hand of the Man: »Pick a Day to Die« (Three Lobed)

Das in Vielzahl an Besetzungen und meist im CDR-Format veröffentlichende, im besten und langlebigsten Sinne des Wortes Kollektiv mit seiner Rückkehr zur Studioaufnahme und unvermuteter, weil eher neuerer Eingängigkeit!

  • Susie Ibarra: »Walking on Water« (Innova)

Vielschichtige Field Recordings als Ausgangspunkt der Kompositionen der Perkussionistin Susie Ibarra in Kooperation mit dem Maler Makoto Fujimura. Akustisch dokumentierte Schmelzwasserfälle wie des Himalajas zu harter Klimabewusstseinsbildung und verstörender Musik.

  • Bob Nickas and Nikholis Planck: »Slang King: M.E.S. On Stage 1977–2013« (At Last Books)

Toll illustrierter Überblick auf Konzertbühnen getätigter Publikums-, Band-, Stadt- und Leutebeschimpfungen des wort- und witzgewaltigen, 2018 verstorbenen The Fall-Sängers und -Texters Mark E. Smith. Trocken, geistreich, schnell, und jenseits aller Gürtel- und Geschmackslinien!

  • Fatima Al Qadiri: »Medieval Femme« (Hyperdub)

Woher die Ideen und Inspirationen kommen, scheint bei der im Senegal geborenen, in Kuwait aufgewachsenen und in Berlin lebenden Musikerin und Künstlerin fast schon zweitrangig. Solange der Transfer der Poesie arabischer Frauen des Mittelalters für so außergewöhnlich erhabene Epik im endemischen Jetzt sorgt wie hier.

  • Katharina Ernst: »Le temps« (Trost)

Der Subtitel »a solo for drums and metal objects in five states« beschreibt das Soloprogramm von Katharina Ernst rein technisch, wie sehr das dann aber alles pur und ohne elektronische Zusätze wieder und weiter ganz anders groovt, ist schlicht und polymetrisch toll!

  • The Bug: »Fire« (Ninja Tune)

Kevin Martin liefert abgrundtiefe Sound- und Beatskelette voll der Gegenwart entliehenen Horrors für so brillant wie vielfältig düster-scharfe Grime & DarkHop-Stimmen wie Moor Mother, FFSYTHO, Irah, Flowdan oder Langzeit-Kollaborateur Roger Robinson! Um nur einen der knappen Titel zu zitieren: Hammer!

Lutz Vössings Short List 2021

Ein weiteres Jahr, in dem es schwerfiel, sich der Kunst nicht gänzlich bloß um der Weltflucht zu bedienen. Scheiße, aber hatte seine Momente.

  • Paavoharju: »Kastoin sulkaa kuulla« (Helmi Levyt/Fonal)
  • Floating Points, Pharoah Sanders & The London Symphony Orchestra: »Promises« (Luaka Bop)
  • Kayo Dot: »Moss Grew on the Swords and Plowshares Alike« (Prophecy Productions)
  • The Beths: »Auckland, New Zealand, 2020« (Carpark)
  • Duda Beat: »Te amo lá fora« (Not on Label)
  • Dÿse: »Widergeburt« (Cargo)
  • MeVo HaDuDaim: »Hakol O Klum« (Not on Label)
  • Derya Yıldırım & Grup Şimşek: »Dost 1« (Catapulte Records/Les Disques Bongo Joe)

Holger Adams Best of 2021

21 Platten aus 2021, musikalisch gesehen ein gutes Jahr, immerhin.

  • Fluisteraars: »Gegrepen Door de Geest der Zielsontluiking« (Eisenwald)

Platte des Jahres. Niederländischer Black Metal; roh und rasend einerseits, experimentell und außergewöhnlich andererseits.

  • Razen: »Blue Rot« (Hands in the Dark)

Mit der Stille Musik machen. Kirchenmusik ohne Gott. Wunsch fürs neue Jahr: gemeinsame Aufnahmen mit Bohren & der Club of Gore. Licht und Schatten.

  • Daniel Bachman: »Axacan« (Three Lobed)

Fingerstyle-Guitar eingebettet in Drone und Field-Recordings und dezent ergänzt um weitere elektronische Elemente. Eine Reise durch den amerikanischen Süden, atmosphärisch dicht und fesselnd.

  • Nora Brown: »Sidetrack My Engine« (Jalopy)

Ein Teenager aus Brooklyn spielt Old-Time Music aus eher entlegeneren Gegenden der USA. In den Liedern geht es zur Sache, sie geht noch zur Schule. Faszinierende Erscheinung.

  • Pelt: »Reticene« / »Resistance« (Three Lobed)

Neun Jahre nach »Effigy« endlich eine neue Platte. Offenbarung. Und damit nicht genug – ferner erschienen dieses Jahr auch noch Platten von Eight Point Star sowie The Black Twig Pickers und Nathan Bowles hat mit Bill MacKay ein Album veröffentlicht. Minimal Music meets Traditional Appalachian Music – durchs Unterholz ins Universum, verkürzt gesagt. Cosmic American Music.

  • Distels: »Distels« (Feeding Tube)

Schlafwandelnde Interpretationen britischer Folk-Music-Klassiker. Idealer Soundtrack, um den Wickerman im heimischen Schrebergarten in Brand zu setzen, weil die Kartoffeln wieder mal zu klein ausgefallen sind.

  • United Bible Studies: »Divining Moments« (Pariah Child)

Während der Wickerman noch lichterloh brennt, legen sich Nebel über Avalon: ätherische Klangskizzen, flüchtige Arrangements, zeitgenössischer Folk: aufgeklärt und mythenschwer zugleich.

  • Limpe Fuchs: »Solaia« (SPAM/Streamline)

Zum 80. Geburtstag ein neues Soloalbum von Limpe Fuchs, mit teilweise ungewöhnlicher Instrumentierung, spielt sie doch auf einer Seite einen Korg-Synthesizer! Auf der anderen Seite hört man sie an ihren Pendelsaiten, eine ebenfalls ungewöhnliche Aufnahme, da diese Instrumente sonst eher im Zusammenklang mit anderen aufgezeichnet wurden. Ich bin befangen, trotzdem: besondere Platte eines besonderen Menschen.

  • Enhet För Fri Musik: »Ömhet & Skilsmässa« (Discreet Music)

Schweden mit krautig-folkiger Platte übers Verlieben und Entlieben. Nostalgisch anmutende Miniaturen zwischen Anima Sound, Amon Düül I und Hölderlin. Ein bisschen zärtlich, ein bisschen traurig.

  • ladr.ache: »Autopsie D’Un Pneu« (Econore)

Schwer zu beschreiben. Quicklebendiger Damenchor mit Trommeln und ein paar anderen Instrumenten – das liest sich wie die Annonce zum Selbsterfahrungskursangebot der Volkshochschule, klingt aber (fast) überhaupt nicht so. Mutige Platte; folkloristisches Geklöppel mit mehrstimmigen Gesängen in verschiedenen Sprachen, irgendwo zwischen Dead Can Dance, Ghédalia Tazartès, finnischem Free-Folk und was weiß ich noch – toll.

  • Smolnik/Schlienz: »Smolnik/Schlienz« (Cosmic Winnetou)

Erzählungen und Vokalakrobatik über sanft oszillierende Synthesizer. Eigentümliche Mischung, halb Kosmische Kuriere, halb Robert Ashley. Fabelhaft.

  • Aaron Dilloway & Lucrecia Dalt: »Lucy & Aaron« (Hanson)

Elektronische Musik: aufgeschnitten, in Schleifen gelegt und wieder zusammengeklebt. »Souveränes Murksen« für Fortgeschrittene.

  • Sarah Davachi: »Antiphonals« (Late Music)

Nenn’ es Ambient oder Neo-Classical Music, Geschmackssache. Fest steht: In diesen musikalischen Gefilden kann es schnell langweilig werden, aber nicht bei Sarah Davachi …

  • Chuck Johnson: »Cinder Grove« (VDSQ)

… und auch nicht bei Chuck Johnson, der sich neben Sarah Davachi noch weitere Instrumentalistinnen ins Studio holte und eine Ambient-/Drone-Platte veröffentlichte, die auch über Underground-Kreise hinaus rezipiert und sogar lizensiert (tak:til, Deutschland) wurde. Die US-Pressung kommt allerdings im Siebdruck-Cover mit Effektlack, todschick.

  • Sarah Hughes & Jon Collin: »Washington DC, 11 April 2019« (Early Music)

Fragiler Dialog zwischen Saxophon und elektrischer Gitarre, geisterhafte musikalische Skizzen, Musik an der Grenze ihres Verschwindens.

  • Bill Orcutt & Chris Corsano: »Made out of Sound« (Palilalia)

Fantastische Improv-Platte, elektrische Gitarre und Schlagzeug, mal laut, mal leise – immer überzeugend.

  • Greg Malcolm: »Just Like Jim« (Ilam Press)

Sologitarre, generationsübergreifend. Der Enkel spielt hier die Gitarre seines längst verstorbenen Großvaters. Feinfühlig.

  • Sunburned Hand of the Man: »Pick a Day to Die« (Three Lobed)

Zur Hochzeit des sogenannten New Weird America ging es wilder, atonaler, chaotischer zur Sache, mittlerweile sind sie zur Jam-Band gereift (ja, die sind auch alt jetzt!) und es steht ihnen gut.

  • Ignatz & De Stervende Honde: »Saturday’s Den« (Les Albums Claus)

Apropos Jam-Band. »Träd Gras Och Stenar« ick hör’ dir trapsen. Belgisches Trio, das traumhaft vor sich hin schlurft und freundlich wackelt, wie weiland die legendären Schweden (die übrigens als Träden auch immer noch hin und wieder aus dem Seniorenheim von sich hören lassen).

  • Endless Boogie: »Admonitions« (No Quarter)

Plattensammlerband, weil Paul Major ist der Chef. Canned Heat in kauzig, Stooges bekifft und nicht auf Heroin. Insgesamt vielleicht so ein »nerdiges Jungsding«, kann mich aber auch täuschen. Live unschlagbar, aber wer weiß, wann es wieder mal so weit sein darf, bis dahin: Konserven.

  • Darkthrone: »Eternal Hails« (Peaceville)

Apropos kauzig: Gylves und Teds verrückte Reise durch den Heavy Metal geht weiter, solange Bier und Licht im Proberaum nicht ausgehen. Machen lassen, die wollen nur spielen.

Christoph Benkesers Jahresrückblick 2021

Wer das liest, hat das Schlimmste bereits hinter sich. Die Eso-Tante ist besucht, der Telegram-Onkel beschwipst, Omikron nur noch ein Brettspiel, das nie endet. Dass wir nebenbei drei Kilo Käse gegessen und den Magen mit dem ein oder anderen Likörchen geschlossen haben, fällt spätestens im neuen Jahr ins Gewicht. Wie immer aber werden die nächsten Wochen entscheidend sein, deshalb rauscht 2021 nach – mit den besten Kassetten aus Österreich für Kummer und Krawall im Ohrensessel.

  1. Aiko Aiko: »Radical Nopinion« (Whales Records)

Hätten sich Burial und Lana Del Rey von Four Tet verkuppeln lassen, um eine Platte zu produzieren, bei der Klimper-di-Pimper und Streichler-Einheiten den Vibe einer Beerdigung nachempfinden, es wäre so etwas ähnliches rausgekommen wie Aiko Aikos »Radical Nopinion«. Soll heißen: Schickt heftiger als eine Schneeballschlacht auf der Unisex-Toilette.

  1. Marie Vermont: »Huia« (Beach Buddies Records)

Alle Vöglein sind schon da. Nur einer fehlt. Der Huia, because der ist tot, finito, futschikato. UFO-Sichterin und Kurzschlussseminarleiterin Marie Vermont lässt das Federviecherl ein letztes Mal guguhen. Ein Nest aus Krach und Krawall im Donky-Kong-Paradise!

  1. Anne Pedersdotter: »Noising« (Wilhelm Show Me The Major Label)

Wreckers of Zivilisation, zieht euch die Wollsocken an. Anne Pedersdotter rabimmel-rabammel-rabummt sich durch den Verteilerkreis, belegt einen Lötkurs und betet in die Finsternis. Ohmm!

  1. Miles Matrix: »La Boum«

Wir lassen die goldene Casio vom Handgelenk baumeln, ordern den Partybus ins Schatzi Hagenbrunn und schlürfen Wodka aus Wassermelonen. Der Nostalgie-Konsum des Jahres kennt 2G nur von der Clubtoilette aus den 1980ern. Sheesh!

  1. Mme Psychosis: »BSV« (Cut Surface)

Beats, Synths, Vocals – die heilige Dreifaltigkeit für zerschnittene Oberflächen und das Gegenstück zur aristokratischen Tragödie, wo die Absenz der Präsenz noch so etwas wie Gruselfaktor für vom System entfremdete Seelen der Nacht bietet. Ein Tape wie ein Ausflug in den Böhmischen Prater am ersten Tag des Jahres.

Jens Buchholz’ gute Medien 2021

2021 war eher ein Bücherjahr für mich. So viele fantastische Bücher über Pop. Und es war ein Serienjahr mit vielen, vielen Serien, die sich wirklich gelohnt haben. Das Filmjahr war lau, das Albumjahr auch. Vor allem in der Musik hatte ich so viele schöne Dinge erwartet, etwa von DAF, was dann ziemlich enttäuschend war. Die Beatles-Doku »Get Back« ist mir durch den begleitenden Vergötzungsdiskurs extrem verhagelt worden. Da kann die Doku nichts dafür, aber Heiligsprechungen sind nicht so mein Ding.

Album

  1. Teenage Fanclub: »Teenage Fanclub« (Rough Trade)
  2. Sleaford Mods: »Spare Ribs« (Rough Trade)
  3. Sven van Thom: »Liebe und Depression« (Loob)
  4. Fritzi Ernst: »Keine Termine« (Bitte Freimachen Records)
  5. Noel Gallagher: »Back The Way We Came« (Membran)

Wiederbegegnung

  1. Falco: »Emotional« (Warner)

Die wichtigste Falco-Platte meiner Jugend mit allen Remixen. Eine emotionale Wiederbegegnung.

  1. Beatles: »Let It Be« (Universal)

Neuer Sound. Glyn-Johns-Mix! Alles!

Serie

  1. »The Detectorists« (arte)

Zwei Nerds auf dem Weg ins Leben. Eine bessere Serie gibt es derzeit nicht.

  1. »Star Trek: Lower Decks« (Amazon)

Beste Star-Trek-Serie überhaupt. Ein Fest für Fans, unterhaltsam für alle.

  1. »Beforeigners« (ARD)

Clevere Serie, die das Migrationsproblem auf die Zeitebene schiebt. Gegenwartsprobleme, klug thematisiert.

  1. »Years and Years« (ZDF)

Dystopie aus Großbritannien. Davon hat man noch Wochen böse Träume.

  1. »Sex Education« (Netflix)

Unterhaltsame dritte Staffel. Die Darsteller sind ihren Rollen eigentlich entwachsen und die Handlung mäandert unnötig.

  1. »The Mopes« (TNT Comedy)

Großartig-seltsame Serie über die Arbeit einer Depression. Irgendwas zwischen Kafka, Fellini und Rosamunde Pilcher.

  1. »The Crown« (Netflix)

Unterhaltung mit Goldrand. Jede einzelne Kameraeinstellung ein Fest.

  1. »Upload« (Amazon)

Dystopie zum Thema digitales Leben nach dem Tod.

  1. »After Life« (Netflix)

Traurige Serie über einen Witwer, der mit dem Leben ohne Frau hadert.

10. »State of the Union« (ARD)

Nick Hornby schreibt eine Serie. Nick Hornby!

Film

  1. »Sörensen hat Angst« (NDR)

Darsteller, Bilder und Geschichte. Bjarne Mädels Debütfilm war das Beste, was es dieses Jahr zu sehen gab.

  1. »Keine Zeit zu sterben« (Warner)

James Bond stirbt. Nichts wird mehr so sein, wie es war.

  1. »Neues aus der Welt« (Netflix)

Ruhiger Parabel-Western mit Tom Hanks.

  1. »I’m Your Woman« (Netflix)

Roadtrip, in den Siebzigern angesiedelt. Das Leben einer jungen Frau zerbröselt. Manchmal unnötig brutal.

  1. »The Trial of the Chicago 7« (Netflix)

Interessanter, aber von der Regie her nicht komplett gelungener Film über die 68er in den USA.

Buch

  1. Tobi Müller: »Play/Pause/Repeat« (Hanser Berlin)

Eine neue Perspektive auf Pop. Tobi Müller fragt, welchen Einfluss die Geräte haben, mit denen wir Pop konsumieren.

  1. Christian Elster: »Pop-Musik sammeln« (transcript)

Welche Bedeutung hat das Sammeln von Popmusik? Christian Elster betreibt Feldforschung.

  1. Jens Balzer: »High Energy – Die Achtziger, das pulsierende Jahrzehnt« (Rowohlt)

Eloquentes Buch über die Popkultur der Achtziger-Jahre. Theoretisch up to date und sehr gut geschrieben.

  1. Christoph Dallach: »Future Sounds« (Suhrkamp)

Dallach puzzelt aus Interviews die Geschichte des Krautrock zusammen. Sowas hat es noch nicht gegeben.

  1. Daniel Decker: »Not available« (ventil)

Daniel Decker nimmt sich der Alben an, die nie erschienen sind. Schätze, die nie oder erst spät gehoben wurden.

  1. Ole Nymoen/Wolfgang M. Schmitt: »Influencer« (Suhrkamp)

Nymoen und Schmitt analysieren das Influencer-Geschäft und deuten dessen Folgen.

  1. Patrick Lohmeier: »Columbo, Columbo« (BoD)

Lohmeier weiß alles über die großartige Serie und in diesem Buch steht es drin. Fantastisch!

  1. Alan McGee: »Creation Stories« (Matthes & Seitz)

Alan McGee ist ein großkotziger Idiot. In diesem Buch beschreibt der Oasis-Entdecker sein Leben. Leser*innen können tausend spannende Bands entdecken.

  1. Manfred Maurenbrecher: »Der Rest ist Mut« (be.bra)

Der Liedermacher rekapituliert seine Achtziger-Jahre. Die vierzig Jahre Abstand haben seinen Blick geschärft. Sehr gelungener Rückblick.

10. Frank Goosen: »Sweet Dreams« (KiWi)

Typisches Goosen-Buch. Der Clou: Er kombiniert seine autobiographischen Texte mit seinen autofiktiven Figuren. Sehr cool. Und sehr lustig.

© Jens Buchholz

Jenny Legensteins (Film-)Jahr 2021 im Rückblick

Jahr 2 der Corona-Zeitrechnung: Nach wie vor befinden wir uns in einer weltweiten Krisen- und Ausnahmesituation, die gleichermaßen langweilig wie aufreibend ist. Das typische Katastrophenszenario in Literatur und Film schreibt jedenfalls den alsbaldigen Zusammenbruch der Zivilisation nach Eintreffen des Ereignisses vor. Stattdessen arbeitet alles und jede*r, soweit es möglich ist, weiter wie bisher. Zum Glück auch die WKStA, die das perfide System von Kurz & Co aufdeckte. Diese Partie sind wir erst einmal los.

Exkurs: Der innere Kreis der sogenannten »neuen« ÖVP um Sebastian Kurz aka »Familie« wurde ja kürzlich in der entbehrlichen »Falter«-Jahresendbeilage »Best of Böse« als Heilige Familie persiflierend dargestellt. Satire darf das. Gute Satire ist aber viel mehr und eigentlich ganz was anderes als abgehalfterten Figuren der Öffentlichkeit ein »Ätschebätsch!« nachzurufen. Laue Spassetln auf Flegelalterniveau rufen bei unsereins nur das Fade-Aug-Syndrom hervor. Gute Satire ist nicht nur lustig, sie bringt Kenntnisgewinn, liest das Offensichtliche gegen den Strich, nimmt Stellung, hebelt das übliche Wenn-dann-wie-du-mir-so-ich-dir-Schema aus, übt Gesellschaftskritik.

Bei dieser Gelegenheit: Cartoonist Rudi Klein wird 70. Alles Gute! Leider hängt der »Lochgott«-Schöpfer und Zeichner unzähliger herrlich schwarzhumoriger Comicstrips und Cartoons, die im »Standard«, im »Profil«, in der AK-Zeitschrift »Für Sie« und anderen Medien erschienen sind, den Zeichenstift an den Nagel bzw. steckt ihn ins Federpennal oder legt ihn ins Tischladl. D. h. nicht ganz, den »Lochgott« möchte er unentgeltlich weiterleben lassen. Wir sind gespannt, wo die Deität in Zukunft auftauchen wird (https://www.kleinteile.at).

In Sachen Kunst und Kultur gab es 2021 wieder viel mehr, als anzusehen, anzuhören oder in anderer Weise zu erfahren möglich war, bzw. in den kurzen Zeiten zwischen den Lockdowns zu wenig Gelegenheiten, auch nur annähernd alles zu besuchen, was eine im Kino, im Museum, in Ausstellungen, im Theater, im Konzert etc. interessiert hätte. Und Lesen geht immer – aber auch hier gilt: »Das Leben ist zu kurz um schlechte Bücher zu lesen.« (Kurt Tucholsky). Nun zu meinen Highlights, völlig subjektiv und in alphabetischer Reihenfolge:

Kino

Entdeckung (auf DVD):

»Strawanzer – Die letzte Runde« (Spielfilm, Österreich, 1983, Regie: Peter Patzak), erschienen als »Der Standard« Edition DVD #107

Filmfestival

Das Frauen*Animationsfilmfestival beging seine 20. Ausgabe von 10. bis 14. März gänzlich online. Es war fast so schön und spannend und überraschend wie im Kino. Nächste Ausgabe von 9. bis 13. März 2022.

Wiens größtes Filmfestival konnte in seinem 59. Jahr von 21. bis 31. Oktober analog stattfinden. Zwei Entdeckungen, Filme, die wohl zumindest in Österreich nie regulär ins Kino kommen werden und die beide auf unterschiedliche Weise lineares Erzählen aufbrechen und trotzdem umso mehr übermitteln, sind »Vida comienza, Vida termina« (Schweiz/Argentinien/USA; Regie: Rafael Palacio Illingworth) und »Diários de Otsoga« (Portugal; Regie: Miguel Gomes, Maureen Fazendeiro).

Das Art Visuals & Poetry Film Festival geht alle zwei Jahre über die Leinwand und ist in den sieben Jahren seines Bestehens zum zweitgrößten Poetry Film Festival der Welt gewachsen. In diesem Jahr fand das Festival von 9. bis 13. November im Künstlerhaus statt.

Streaming

Nicht nur aus Kostengründen habe ich noch immer kein Netflix-, Hulu- oder auch nur ein Flimmit-Abo. Je mehr Zeit vor dem Kastl beim Serien-Binge-Watchen verbracht wird, desto weniger Zeit zum Lesen und Leben. Daher das Gratisangebot kursorisch durchstreift und auf folgende, durchaus sehenswerte Kanäle gestoßen:

Spiel- und Dokumentarfilme mit Österreichbezug. Etwa sind anlässlich des 100. Geburtstags von Georg Stefan Troller einige seiner fürs deutsche Fernsehen entstandenen Portraits z. B. von Edith Piaf, Charles Bukowski, Russ Meyer, Helena Rubinstein oder Simone Weil zu sehen.

Die ORF TVthek ermöglicht das Nachschauen normalerweise ja nur sieben Tage lang, doch unter dem nichtssagenden Menüpunkt »History« findet sich ein Dauerarchiv des öffentlich-rechtlichen Senders, das auch eine Auswahl des legendären Fernsehdiskussionsformates »Club 2« beinhaltet. Faszinierend, wie Menschen miteinander reden, streiten oder einfach aneinander vorbeireden konnten, bevor alle nur mehr ihre NLP-geschulten Ergüsse abspulten.

Auch jene berüchtigte Ausgabe zum Thema »Jugendkultur« mit Nina Hagen, die Moderator Dieter Seefranz seinen Job kostete, ist abrufbar. Wir entzünden ein Kerzerl für den zu früh Verstorbenen und verweisen auf ein weiteres Schmankerl der »Club 2«-Sammlung: Am 25. August 1987 diskutierten u. a. Frauenstaatssekretärin Johanna Dohnal, Anwalt Gabriel Lansky, Frauenhaus-Leiterin Christine Saiko und »Krone«-Kolumnist Richard Nimmerrichter über die gesetzliche Gleichstellung von Vergewaltigung in mit jener außerhalb der Ehe. (Nimmerrichter begeht übrigens am 31. Dezember seinen 101. Geburtstag. Wir gratulieren nicht.) Hut ab vor Frau Dohnal, Frau Saiko und allen Frauen und Männern, die sich für die Gleichstellung von Vergewaltigung in und außerhalb der Ehe einsetzten. Das entsprechende Gesetz wurde 1989 beschlossen.

Bücher

  • .aufzeichnensysteme: »RAUTE« (Ritter Verlag)
  • Ilsa Barea: » Legende & Wirklichkeit« (Edition Atelier)
  • Lisa Bolyos/Carolina Frank: »Mich hat nicht gewundert, dass sie auf Mädchen steht« (Achse Verlag)
  • Ilse Kilic: »Fadenspannung« (Edition Atelier)
  • Ann Leckie: »The Raven Tower« (Orbit)
  • Michael Loebenstein/Eszter Kondor et al.: »Maria Lassnig. Das filmische Werk« (Synema)

Entdeckungen:

  • Carl Amery: »Der Untergang der Stadt Passau« (1975, Süd Ost Verlag)
  • Natalia Ginzburg: »Caro Michele« (1973 auf Italienisch, 1974 auf Deutsch bei Suhrkamp)

Walter Pontis’ Faves 2021

Es funktioniert: Hell on earth mit music for psychedelic therapy. Sinners get ready, whatever, happier than ever!

Walter Pontis’ Top 20 Alben 2021

  1. The Pop Group & Dennis Bovell: »Y In Dub« (Mute/Rough Trade)
  2. Alan Vega: »Mutator« (Sacred Bones)
  3. Lingua Ignota: »Sinner Get Ready« (Sargent House/Cargo)
  4. Lyra Pramuk: »Delta« (Bedroom Community)
  5. Tirzah: »Colourgrade«(Domino)
  6. Low: »Hey What« (Sub Pop)
  7. Moor Mother: »Black Encyclopedia Of The Air« (Anti)
  8. Phew: »New Decade« (Mute)
  9. Megan Thee Stallion: »Something for Thee Hotties« (1501 Certified • 300)
  10. Amyl and the Sniffers: »Comfort To Me« (Ato Records)
  11. Jon Hopkins: »Music For Psychedelic Therapy« (Domino)
  12. Les Filles De Illighadad:»At Pioneer Works« (Sahel Sounds)
  13. Billie Eilish: »Happier Than Ever« (Interscope)
  14. Nick Cave & Warren Ellis: »Carnage« (Goliath Records/Rough Trade)
  15. Chris Corsano & Bill Orcutt: »Made Out Of Sound« (Palilalia)
  16. Billy Gibbons: »Hardware« (Concord Records/Universal Music)
  17. Gazelle Twin & Nyx: »Deep England« (Nyx Collective)
  18. The Bug: »Fire« (Ninja Tune)
  19. Floating Points, Pharoah Sanders & The London Symphony Orchestra: »Promises« (Luaka Bop)
  20. Adrian Younge: »The American Negro« (Jazzisdead)

Walter Pontis’ Thirteen Tracks 2021

  1. Bbymutha: »Hateithere.«
  2. Westside Gunn: »Hell on Earth, Pt. 2«
  3. Saweetie: »Best Friend (feat. Doja Cat)«
  4. Cardi B: »Up«
  5. DreamDoll: »Different (Freestyle)«
  6. Iggy Azalea: »I Am The Stripclub«
  7. Latto: »Big Energy«
  8. Lakeyah ft Gucci Mane: »Poppin«
  9. Gewalt: »Es funktioniert«
  10. Anika: »Change«
  11. Wanda Jackson: »Big Baby«
  12. Zinn: »Wiederholung«
  13. Connie Frischauf: »Auf Wiedersehn«

Walter Pontis’ Buchtipp 2021

Sahra Wagenknecht: »Die Selbstgerechten« (Campus, 2021)

Ulrich Musa-Rois’ Best of 2021

2021 war ein Jahr, das in meiner Rezeption von Live-Musik sehr gespalten war. Einerseits war mir der persönliche Besuch von größeren Konzerten selbst nach der Impfung noch nicht so recht geheuer, andererseits habe ich mit großer Begeisterung die Rückkehr einiger Bands auf die Bühnen mitverfolgt, was dank Live-Streams und Plattformen wie nugs.net und livephish.com zum Glück auch aus der Ferne möglich ist. Allen voran seien hier Phish zu nennen, deren Sommer- und Herbst-Touren definitiv mein musikalisches Highlight des Jahres waren. Das Quartett aus Vermont spielte durchgehend großartige Konzerte, besonders hervorzuheben wären zum Beispiel 2021-08-06 Noblesville, IN und 2021-10-23 Chula Vista, CA. Mit vier Volumes der Dave’s Picks Serie und dem »Listen to the River« Box-Set waren natürlich auch Grateful Dead wieder ein großer Bestandteil meines diesjährigen Soundtracks. Die mittlerweile fast jährlichen Dead-Box-Sets sind immer ein absolutes Highlight, sowohl was die Auswahl des Materials als auch die Präsentation betrifft. Bei den Studioalben haben mir vor allem die neuen Werke von Jon Batiste, Ryley Walker und Zement viel Freude bereitet. Der äußerst produktive Jeffrey Alexander ist mit zwei Alben seiner Heavy Lidders und einem der Dire Wolves gleich dreimal vertreten. Erstmalig gibt es von mir auch eine Filmliste, insbesondere Jane Campions »The Power of the Dog« hatte es mir heuer angetan. Äußerst gespannt bin ich auch auf Paul Thomas Andersons »Licorice Pizza«, den ich wohl aber erst frühestens im Jänner 2022 sehen werde.

Studio-Alben

  • Jon Batiste: »We Are« (Verve Records)
  • Ryley Walker: »Course In Fable« (Husky Pants Records)
  • Zement: »Rohstoff« (Crazysane Records)
  • Jeffrey Alexander and the Heavy Lidders: »Beowulf’s Trip« (Arrowhawk Records)
  • Hellvete: »Voor Harmonium« (Aguirre Records)
  • Jeffrey Alexander and the Heavy Lidders: »Elixor of Life« (Centripetal Force/Cardinal Fuzz)
  • Dire Wolves Just Exactly Perfect Sisters Band / DWLVS: »Bolinas« (self-released)
  • Rose City Band: »Earth Trip« (Thrill Jockey)

Live-Veröffentlichungen

  • Phish: »2021 Fall Tour« (livephish.com)
  • Phish: »2021 Summer Tour« (livephish.com)
  • Phish: »The Clifford Ball« (livephish.com)
  • Grateful Dead: »Listen to the River, St. Louis ’71, ’72, ‘73« (Rhino)
  • John Coltrane: »A Love Supreme Live in Seattle« (Impulse/Verve/Universal)
  • Grateful Dead: »Dave’s Picks Vol. 37–40« (Rhino)
  • MV & EE: »Green Ark« (Child of Microtones)
  • Ghost Light: »2021-07-02 Peach Music Festival« (nugs.net)
  • Zement: »Schleifen« (Sunhair Records)

Filme

  • »The Power of the Dog« (Regie: Jane Campion)
  • »The Feast« (Regie: Lee Haven Jones)
  • »Gaia« (Regie: Jaco Bouwer)
  • »Lamb« (Regie: Valdimar Jóhannsson)
  • »Dune« (Regie: Denis Villeneuve)
  • »Summer of Soul« (Regie: Questlove)
  • »The Beatles: Get Back« (Regie: Peter Jackson)

Noch nicht gesehen, jedoch sehr große Erwartungen:

  • »Licorice Pizza« (Regie: Paul Thomas Andersen)
  • »Don’t Look Up« (Regie: Adam McKay)
© Ulrich Musa-Rois

Andreas Pavlics Neuheiten und Entdeckungen 2021

Die Schwierigkeiten, eine rückblickende Jahresliste zu erstellen, für jemanden, der meist ein, zwei Jahre bis drei, vier Jahrzehnte hinterher ist, sind natürlich enorm. Einige kulturelle Bruchstücke und Splitter, die das Jahr 2021 im Verlauf ausstreute, konnten dennoch aufgesammelt oder aufgesaugt werden. Daher vier kurze Listen, die Reihenfolge soll keine Wertung oder sonst eine Rangordnung wiedergeben. Apropos Listen … die verwegensten Listen sind jene von Fritz Widhalm vom Fröhlichen Wohnzimmer. Das noch laufende Projekt fasst die Popgeschichte in (bisher) 20 Listen. Zu finden unter: http://www.dfw.at/1/sweetplan.htm

Fünf angespülten Songs 2021, welche die Lockdowns und die Zeit dazwischen erträglicher machten

Fünf herausragende Platten 2021

  • Trees Speak: »PostHuman« (Soul Jazz Records)
  • Various Artists: »Habibi Funk: An eclectic selection of Music from the Arab World, Part II« (Habibi Funk)
  • Common: »A Beautiful Revolution. Pt. 1« (Loma Vista)
  • Ziad Rahbani: »Bennesbeh Labokra … Chou?« (Wewantsounds)
  • Nils Frahm: »Graz« (Erased Tapes Records)

Fünf literarischen Veröffentlichungen 2021

  • Ilse Kilic: »Fadenspannung« (Ritter Verlag)

Gesponnene Fäden zwischen Literatur, Alltag und Erinnerungen.

  • Eva Schörkhuber: »Die Gerissene« (Edition Atelier)

Die lange Reise einer Schelmin und ihr Versuch, anzukommen.

  • Mieze Medusa: »Du bist dran« (Residenz Verlag)

Drei treffen sich in Bruck an der Laa und geben ihrem Leben eine neue Richtung.

  • Ilabella Feier/Manfred Poor: »American Apocalypse« (Limbus Verlag)

Beat Poetry und Fotographien einer USA-Reise.

  • Audre Lorde: »Die Quelle unserer Macht«, Unrast Verlag

Lyrik der US-Feministin in zweisprachiger Ausgabe.

Die fünf Sachbücher-Liste

  • Lea Susemichel, Jens Kastner (Hg.): »Unbedingte Solidarität« (Unrast Verlag)

Fragen der Solidarität weiterdenken.

  • Abel Paz: »Durruti« (Edition AV)

Die langersehnte Neuauflage der großen Durruti-Biographie.

  • Nastassija Martin: »An das Wilde glauben« (Matthes & Seitz)

Wagemutiges Denken nach dem überlebten Angriff eines Bären.

  • Anton Brokov-Loga/Frank Eckardt: »Stadtpolitik für alle« (Verlag Graswurzelrevolution)

Aufschlussreicher Diskursbeitrag zu Fragen des urbanen Lebens.

  • Louise Michel: »Die Pariser Commune« (Mandelbaum Verlag)

Deutschsprachige Erstveröffentlichung von Louise Michels Erinnerungen an die Pariser Commune.

Alfred Pranzls interdisziplinäre Querverweise

  • »Ever Given«

Der 400 Meter lange Koloss von einem Containerschiff hat sich im März 2021 im Suezkanal quergestellt und das globale Gesetz der Lieferketten unterbrochen. Wurde auch höchste Zeit, weil aufgezeigt wurde, was schrecklich falsch läuft. Vollautomatisch gesteuerte Just-in-time-Produktionen konnten nicht mehr eingehalten werden. Und der Fakt, dass Tiere leider immer noch als »Dinge« gelten, wurde einmal mehr offenkundig. Eiskalten Konzernrechnern ist es egal, wenn ein Drittel der Lebendfracht, etwa Rinder aus Rumänien, verschifft nach Saudi-Arabien, verrecken müssen – trotz dieser hohen Todesrate ist immer noch ein satter Gewinn drin.

  • Datenstromanalyse

Vom Waren- zum Datenstrom und zurück. Super immerhin, dass die Ressourcenknappheit wegen mangelnder Recyclingquote (eine Ursünde des Kapitalismus) endlich durchschlägt. Sand im Getriebe der Autoverkäufer, denn es gibt nicht genügend Chips. Und das E-Auto ist keineswegs die Lösung, schon gar nicht der weitere Bau von Straßen – ach, Wiener SPÖ! Und dass mensch nicht nur seine Daten preisgibt, sondern Daten-Trafficing gewaltig viel Energie verschlingt, sollte Allgemeinwissensgut werden. Vom Energiesparen redet keiner, doch weniger ist mehr. Warum gibt es keine Smartphone-losen Tage … verflixt, ­schon wieder läutet ein Paketdienst an der Tür. Störung im Dayjob-Homeoffice. »Könnten Sie bitte diese Amazon-Packerl für die Nachbarn bunkern?« Es sind sage und schreibe sieben! Tja, tue ich. Aus Solidarität zum Lieferanten, ein Ausgebeuteter am Ende einer Kette. Den bequemen, die gesellschaftliche Schieflage nicht wahr haben wollenden Internetbestellzeitgenoss*innen ist das egal.

  • »Dummheit«

Diese Eingangsfeststellungen führen zum klugen Buch zur Zeit von Heidi Kastner. Die Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie am Kepler Universitätsklinikum in Linz erklärt in »Dummheit« (Kremayr & Scheriau) warum sich wider besseres Wissen Querulanten in Irrsinnigkeiten hineinsteigern und Eigenverantwortung ein Fremdwort wurde – Stichwort Corona-Impfgegner*innen allerlei Schattierung, die mit Rechtsextremen, die sich die Demos gekrallt haben, marschieren. Erwähntes ergibt sich aus dem mangelnden Reflexionsvermögen von mindestens 80 % der Menschheit. Und zum Glück gab es auch das intellektuelle Unvermögen einer überheblichen, raffgierigen türkisen Clique, die Österreich endlich los ist. Dass rechtsstaatliche Institutionen in unserer Demokratie noch funktionieren, lässt mit Schrecken an Ungarn oder Polen denken.

  • Menschenrechtskonvention

Außer Kraft gesetzt. Moria ist jetzt Kara Tepe und die Situation auf Lesbos ist zwar etwas besser, doch gleichen die Flüchtlingslager Gefängnissen. Auch an weiteren EU-Außengrenzen wie Kroatien und Ungarn werden Menschen um ihr Asylrecht gebracht. Eine EU-weite Lösung wird nicht kommen und Zyniker der autoritären Macht wie Lukaschenko und Putin haben ein Mittel gefunden, der EU den Spiegel über das Verfehlen eigener Werte vorzuhalten. Üble Zustände an den Grenzen von Belarus zu Polen und Litauen lassen schaudern. Zugang zu Asyl ist ein fundamentales Menschenrecht, wird jedoch durch illegale Push-backs allüberall hintertrieben.

  • Buczacz/Memorial

Leider wiederholt sich die Geschichte und auch der Antisemitismus ist keineswegs überwunden. Der israelische Historiker Omer Bartov erzählt in »Anatomie eines Genozids – Vom Leben und Sterben einer Stadt names Buczacz« (Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag) die tragische Geschichte der Kleinstadt in Ostgalizien in der heutigen Ukraine. Bereits im 17. Jahrhundert war Buczacz Schauplatz von antijüdischen Pogromen, wo im Zuge eines Kosaken- und Bauernaufstands circa 50.000 Menschen niedergemetzelt wurden, und nach den barbarischen Judenmorden während der nazideutschen Besatzung und dem die Erinnerung tilgenden Sowjetkommunismus sind fast keine Spuren mehr von der einst großen jiddischen Bevölkerung zu finden. Traurigerweise fügt es sich, dass am 28. Dezember 2021, 30 Jahre und 7 Tage nach dem offiziellen Ende der UdSSR, die Unterdrückung der Wahrheit erlebten Unrechts wieder Staatsräson wird. Das autoritäre Putin-Regime, in dem der Geheimdienst und eine mafiöse Elite den Ton angeben, sieht sich als legitimer Nachfolger auch von Stalins Sowjetunion und hat per oberstem Gerichtsbeschluss die Auflösung der 1988 gegründeten Menschenrechtsorganisation Memorial angeordnet. Gerade die für eine funktionierende Zivilgesellschaft so wichtige Institution, die einer Unzahl von Verfolgten des Sowjetregimes die Würde zurückgab, was eigentlich Aufgabe des Staates Russland wäre.

  • Kevin Coyne: Porträtist sozial Verwahrloster

Sigi Maron hat Songs dazu verfasst und auch Kevin Coyne, verstorben im Dezember 2004, hätte Menschen auf der Flucht besungen. Coyne verdingte sich in frühen Tagen als Sozialarbeiter. Aus seinen scharfen Beobachtungen heraus verstand er es, den Verzweifelten, den »Lunatics« Großbritanniens literarisch-musikalisch eine Existenz zurückzugeben. Seine Songs zerreißen immer noch mein Herz und Herausgeber Steffen Radlmaier ist mit »The Crazy World of Kevin Coyne – Künstler und Rockpoet« (starfruit) ein vielschichtiger Zugang zur schwierigen Person Kevin Coyne gelungen. Eine der gelungensten Schilderungen ist »Same Same But Different«, worin Karl Bruckmaier die Laufbahn der Solokünstler Kevin Coyne und Robbie Williams kurzschließt. Zwei Kleinbürger-Kids aus der englischen Provinz, heilige Trinker, Fußballfans, Expats …

  • Open Air Gigs (mit Omen)

Leider habe ich den nach Hörensagen fantastischen Gig von Kinetical & P.tah beim ersten Salon skug auf Rädern nicht erleben können, doch umso größer war die Freude, dass Mio, Frank & David einen Folge-Salon mit Mermaid & Seafruit im Innenhof der Erdbergstraße 202 aufzogen. Seinen Dayjob verrichtet der ominöse Zeilenknecht nämlich im 4. Stock des Direktionsgebäudes der Wiener Linien. Von dort geht es nicht nur quer durch zur Wiener Arena, sondern das Treppenensemble eignet sich vortrefflich als Bühne, auch für einen hochkarätigen Panel, der die Wiener Stadtplanungsmalaise zum Thema hatte. Noch ein Open-Air-Highlight, wenngleich ein Ereignis dabei als böses Omen gedeutet werden kann: Baulückenkonzert am 20. Juni mit Monobrother und EsRap am Nordwestbahnhofgelände, gehostet von Oliver Hangl. Im DJ-Vorprogramm macht’s plötzlich Rumms – die Plattennadel ist im wegen der Hitze geschmolzenen Vinyl festgefahren … wie hieß doch mal ein Bundeskanzler, der den Neoliberalismus in der SPÖ vorantrieb? Klima, Viktor. Den Sieg des Neoliberalismus, der mehr oder weniger in uns allen steckt, rückgängig machen ist schwer zu bewältigen … Fight the power!

»Ever Given«, Suezkanal © Copernicus Sentinel/Pierre Markuse, CC BY 2.0

Alfred Pranzls Soundexpeditionen 2021

Aus- und Einklang extraordinaire, Gewesenes, zum Leben erweckt. Den Eingangssegen erhält eine spirituelle Erleuchtung mit aufs Wesentliche reduziertem und doch oszillierendem Klang der Weisheit. Wer wie der Autor dieser Zeilen einen Gottesdienst in einer Baptist Church in New York City als eine der berückendsten Live-Performances ever in Erinnerung behält, der empfindet auch John Coltranes zeitloses »A Love Supreme: Live In Seattle« (Impulse!/Verve/Universal) als glückselig machende Sonntagsmesse. Dieses Dokument aus 1965 entfernt sich sehr vom Studiooriginal und ist gerade wegen der musikalischen Ausritte, die nichtsdestotrotz die vierteilige Suite zusammenhalten, ein improvisatorischer Hochgenuss mit John Coltrane, Pharoah Sanders und teils Carlos Ward an den Saxophonen, McCoy Tyner am Piano, Elvin Jones an den Drums sowie Jimmy Garrison und Donald (Rafael) Garrett an den Kontrabässen. Pharoah Sanders ist jetzt 81 und strahlt mit seinem Saxophonspiel mit Floating Point und dem London Symphony Orchestra auf »Promises« (Luaka Bop) eine sanfte, astrale Ruhe aus – ein ausladend weiter Ambient-Raum tut sich auf. Eine wohltuende Medizin, um die Übergeschnapptheit wegen Omikron usw. in Gelassenheit ertragen zu können!

Auf Jamaika wehten die Fahnen auf Halbmast. Mit Lee »Scratch« Perry hat am 29. August 2021 ein verlässliches Irrlicht am Pophimmel sein Leben ausgehaucht und am 8. Dezember ist auch noch Robby Shakespeare, Bassist des genialen (Dub-)Reggae-Rhythmusgespanns und Produzentenduos Sly & Robbie 68-jährig viel zu früh verstorben. Grace Jones aber weilt noch unter uns und ein posthumes Vermächtnis verschafft Trost. »Lee ›Scratch‹ Perry’s Guide To The Universe«, erschien im November 2021 auf We Are Busy Bodies, ist irgendwie eine Vorahnung. Der 85-jährige Dubreggae-Alchimist transzendiert in eine unendliche Galaxie, schleudert die musikalischen Vorgaben der kanadischen Experimentalmetal-Band New Age Doom in neue Dimensionen. Da läuft es einem kalt über den Rücken, so unglaublich wahrhaftig floatet eine Jazztrompete durch den Hallraum. Alles wirkt zerdehnt und Schwergewichte von Dub-Bässen haben die Bodenhaftung verloren und schweben durch Raum und Zeit. Auch Perrys Vocals floaten gespenstisch im Hallsaal. Da braucht es kein Gras mehr. Lee »Scratch« Perry und New Age Doom, eine wirkungsmächtige, bewusstseinserweiternde Droge itself!

Nach einem weiteren posthumen Album vom Afrobeat weit hinter sich lassenden Tony Allen (1940–2020) gilt es sich der Gegenwart zu stellen, wenngleich Allens Kollaborationen mit Rap-Jungspund*innen erfolgten. Auf ein Album des Jahres können sich indes viele Kritiker*innen einigen: Little Simz’ »Sometimes I Might Be Introvert« (Age 101/Awal). Dank Hauptproduzent Inflo, aber auch wegen der durchaus diversen Musik zwischen Rap und Grime. So ist mein Lieblingstitel etwa nicht das symphonisch-bombastische »I Love You, I Hate You«, sondern »Point and Kill«, ein Duett mit dem nigerianischen Rapper Obongjayar, unterlegt mit raffiniert gespielten afrikanischen Rhythmen sowie peppigen Bläsern überdrüber. Den Hauptohrwurm schickt uns Anika Henderson, sehnsuchtsvoll mantramäßig einen »Change« (PIAS/Invada/Rough Trade) zum Besseren beschwörend. Die deutsch-britische Musikerin hat die Zeichen der Zeit erkannt, dass sich kräftig viel ändern müsste, damit im unregulierten Finanzkapitälozön die Welt nicht gänzlich moribund wird. »Never Coming Back« meint den Verlust der Biodiversität und »Rights« ist ein Aufruf an unterdrückte Bevölkerungsteile zur Selbstermächtigung. Ihr unterkühlter Gesang à la Nico ist nach wie vor Anikas Markenzeichen, doch verlässt sie mit warmen Synthrepetitionen kältere Postpunk-Gefilde.

Artpop ist wohl eine bessere Definition für den Anika-Sound, an den Conny Frischauf prima andockt. Mit »Die Drift« (Bureau B) ist ihr ein wundersam krautig-elektronisches Album, das gleichwohl aus der Kraft der Wiederholung zu schöpfen weiß, gelungen. Ja, Panik comebacken glorreich als und auf »Die Gruppe« (Bureau B) und einer der Hits darauf ist das sarkastische »Cure«, wo der Teufel Kapitalismus mit noch mehr Kapitalismus ausgetrieben wird. Attwenger hingegen weben auf »Drum« (Trikont) die Essenz von Trap genial in ihren Sound ein, etwa mit Ybsole, und beteiligen Fuzzman und Lukas König, die an dieser Stelle für ihre heurigen Alben gewürdigt werden, an eher Attwenger-typischen Fetzern. Auch Altın Gün beamen alte Volkslieder ins Heute oder lassen sich wie Attwenger kräftig davon inspirieren. Der niederländische Hans Peter Falkner ist Jasper Verhulst. Der Bassist schürft allerdings türkische Volksmusik der 1960/1970er-Jahre zutage und hält mit türkischen Musiker*innen bereits bei Album Nummer drei. »Yol« (Glitterbeat/Indigo), frei nach dem Filmdrama »Yol – Der Weg« (1982), in dem erstmals Kurdisch gesprochen wurde, arbeiten nun auch warme Synthiesounds und Europop in ihren Retro-Sound, der auch auf anatolischen Psychedelic Rock baut, ein und erweisen sich mit dem Hit »Yüce Dağ Başınd« durchaus als chartskompatibel!

Von Amsterdam nach Duluth, Minnesota. Zu Recht von der Kritik in den Himmel gehoben werden auch Low: »Hey What« (Sub Pop) ist auch aufgrund bewusst eingefügter Störgeräusche ein eigenes Kaliber und es verwundert, dass das Trio deswegen für einen Grammy Award in der Kategorie »Best Engineered Album (Non-Classical)« nominiert wurde, zum ersten Mal in seinem 28-jährigen Bestandsjahr. Auf andere Weise verheißen die Felice Brothers aus Upstate New York Grandezza. Ian Felice besingt auf »From Dreams To Dust« sein eigenes Begräbnis und »Jazz On The Autobahn« ist mit Verlaub der allereindringlichste Folkrock-Song 2021. Das fährt! In der Weltmetropole NYC schließt sich der Kreis extraordinaire. Das Archäologie-Label des Jahres heißt Ostinato Records und offeriert via Bandcamp wahre Schätze. Beispielsweise ist auf »Sweet As Broken Dates: Lost Somali Tapes from the Horn of Africa« die mich zurzeit rührendste Musik Ostafrikas zu entdecken. Lange bevor Somalia zu einem failed state wurde, regierte mit Siad Barre ein Diktator, der vor den großen Dürren unter den Somalis eher beliebt war und die dortige Musikszene teils seltsam förderte (viele Polizeibands und sogar eine Gefängniswärterband). Sehr schön auch rauszuhören: der Einfluss, den Popmusik aus Indien damals ausübte.

  • John Coltrane: »A Love Supreme: Live In Seattle« (Impulse!/Verve/Universal)
  • Floating Points X Pharaoh Sanders X London Symphony Orchestra:
    »Promises« (Luaka Bop)
  • New Age Doom/Lee »Scratch Perry«: »Guide To The Universe” (We Are Busy Bodies)
  • Tony Allen: »There Is No End« (Decca/Blue Note/Universal)
  • Little Simz: »Sometimes I Might Be Introvert« (Age 101/Awal)
  • Anika: »Change« (PIAS/Invada/Rough Trade)
  • Conny Frischauf: »Die Drift« (Bureau B)
  • Ja, Panik: »Die Gruppe« (Bureau B)
  • Attwenger: »Drum« (Trikont)
  • Altın Gün – »Yol« – Glitterbeat/Indigo
  • Low: »Hey What« (Sub Pop)
  • The Felice Brothers: »From Dreams To Dust« (Yep Roc Records)
  • Various Artists: »Sweet As Broken Dates: Lost Somali Tapes from the Horn of Africa« (Ostinato Records)

Die Consumerism-Escapism-Videos 2021 von Frank Jödicke

Diese Flucht-durch-Konsum-Liste gibt es jedes Jahr in der großen Liste (ganz leicht zu finden, einfach bis ans Ende herunterscrollen) und bietet Tipps zur verinnerlichten Beziehung mit dem Medium Musikvideo. Ideal bei Lockdown: Daheim sitzen, tief in der Nacht, und schauen, was die Welt an bewegten Bildreizen zu bieten hat. Das ist immer ein bisschen traurig (Isolation), aber auch schön, weil die Action bekanntlich auch mal zu viel sein kann und die Möglichkeit, sich und das erschöpfte Hirn berieseln zu lassen, mit Sound und Vision, herrlich entspannend ist.

Khruangbin & Leon Bridges: »B-Side« (Official Video)

Khruangbin heißt Flugzeug und hebt fast immer ab. Sie machen dieses Zeug – nennt es bitte nicht Weltmusik – mit so Einflüssen von weit her und das in eine soulig-funkige Stimmung versetzt, dass man gleich wieder Lust hätte, auf eine Party zu gehen (you know, gab es vor Covid und war manchmal ziemlich lustig). Was bleibt, ist cooles Herumgegucke in einem Video, das nach feinem B-Movie aussieht und deswegen ganz richtig B-Side heißt. Alles also logisch. Ansonsten wichtiger Fashion-Tipp: Tragt eure Haare wie hochpreisige Hunde.

Stephen Fretwell: »The Long Water«

Hinfallen, niedersinken um ein bisschen im Dreck oder auf den Treppenstufen herumzuliegen. Geht es uns nicht allen so? Richtig ergreifend, dass in dem exquisit halb gut gemachten Video am Ende eine zweite Person auftaucht und die sich windende Beckett-Figur umarmt. So gibt es ein bisschen Erlösung mit Pop.

For Those I Love: »To Have You«

Gruppenidentität in ihrer Lokalität. Dubliner Vorort, Fußball, Autos reparieren. Das sind so Erfahrungswelten, die genau so nur die Leute, die da dabei sind, auch haben können und doch stecken universelle Erfahrungen da drin, die man mitempfinden darf, wenn man sich dieses Video und sein Pathos gibt. Dieses Gefühl, dazuzugehören und zugleich sehr unzufrieden zu sein, aber zumindest diesen Widerspruch zu haben. Ist es trist, schwarz-weiß mit ganz viel Grau? Sicher, aber eben auch diese seltsam warme Gewissheit: This is your life.

Cassandra Jenkins: »Hard Drive«

Prophetie und Pop haben ein bekanntermaßen schwieriges Verhältnis. Cassandra Jenkins ist aber eine so große Künstlerin, dass sie es einfach zusammenbringt. Gepredigt wird vor einem heruntergekommenen Ladenlokal. Die Spuren hoffnungsloser Zivilisation und die Hoffnung auf ein Einswerden mit einer weitgehend zerlegten Natur, die Frage, welche Rolle hat das Bewusstsein zum Kosmos und … okay, cut the crap, this is serious. Wir merken uns eines vom freundlichen Gebet der Cassandra: Es geht uns allen schlecht, es ist ein hard drive, wir sind on the edge, aber da sind wir nicht alleine. Wir erleben uns – in Kunstwerken – in einem Schutzraum allgemeiner Freundschaft und Solidarität. Wir setzen unsere Lebenssplitter wieder zusammen. Nächstes Jahr schaffen wir das.

Tyler, The Creator: »Corso«

Was soll man sagen, Tyler, The Creator ist der vielleicht größte Künstler seiner Generation und weil er auf Wegen und Abwegen wandelt, die nur mehr ihn interessieren und die nur er noch versteht, liefert er ein einziges großes, stylisches Drumherum, in das zarte und großartige musikalische Skizzen eingebettet werden. Diesmal ein Besuch in der Sesamstraße, in der in wunderschöner und herzhaft obskurer Weise aufgezeigt wird, dass alle Musik von Tyler wollen und er langsam etwas genervt ist.

Arooj Aftab: »Diya Hai (Feat. Badi Assad)«

– Zehn Jahre bist du in mein Haus gekommen um die Einheit, das Tahid, zu schauen. Nun ist es an der Zeit für dich zu gehen.

– Woher aber weiß ich, dass ich die Reife erlangt habe, große Meisterin?

– Kennst du das Bild, das im Eingangszimmer meines Hauses hängt?

– Nein, ich habe es vergessen.

– Siehe, jetzt bist du ein Sufi!

Sam Fender: »Spit Of You«

Sam Fender macht Songs über Schlägereien, Leben in der Provinz und bedient sich so geschickt des Formen- und Themenkanons von Springsteen, dass alles überraschend frisch klingt. Songs über verletzte Männlichkeit, von jemandem, der kein Rad abhat, sind sicherlich ein Geschenk für die Menschheit. Die Männer haben Bierdosen in der Hand, zeigen ihre Hollywood-Ärmerl mit den Peckerln und dann ganz viel Gefühl. Warum ist das eigentlich so, dass man mit jedem reden kann, außer mit dem eigenen Vater? Die meisten Boys werden verstehen und die Girls können halt seufzen: Haben’s also auch nicht leicht, die Typen.

Self Esteem: »I Do This All The Time«

Okay, wir müssen uns einfach auch mal wieder mehr selbst in den Arm nehmen. Geht zumindest im Video von Self Esteem. Konzentriert euch auf den Genuss, lasst euch nicht einschüchtern von dem, was andere (angeblich) erreicht haben, und sendet keine langen Textmessages (Ausnahme natürlich Jahreslisten …). Stimmt alles und die Musik mit Kate-Bush-Klagerufen, dem eigentümlich »nahen« Sprechgesang, schafft eine der besten Hymnen des Jahres. Rebecca Lucy Taylor hat sich die Hilfe geholt von Jack Antonoff, Dauergast der Consumerism-Escapism-Liste.

Stromae: »Santé«

Stromae gehört zur großen Gruppe berühmter Franzosen, die Belgier sind. Seine solide ausgearbeiteten Tanzanreize streut er da aus, wo sie 2021 hingehören: In die Arbeitswelt. Ein Video, das den boulot im Büro, Fischerei, Restaurant in wenigen Sekunden einfühlsam proträtiert. Die ganze Last, die Nerverei ist augenblicklich vor den stauenden Zuschauer*innen entfaltet. Und was hilft da schon außer Augenrollen? Fangt an zu tanzen! Ist das einzige, was hilft …

The Regrettes: »Monday«

Dieses Jahr war es wieder wichtig, in Kontakt mit dem inneren Teenager zu bleiben. Was hilft da mehr als Nachwuchs-Punk aus L. A. von The Regrettes? In »Monday« lehren sie, die letzte wahre Freundin ist eine Untote, die beim letzten Horrorfilmschauen einfach dageblieben ist und uns zeigt, dass nichts so schlimm sein kann wie ein Abschlussball (selbst wenn man eine makellose Schönheit ist). Das sind die Gnaden des Pandemie-Lockdowns: Daheimsitzen mit den Geistern und wissen, die perfekte soziale Interaktion ist immer nur geträumt.

Звуки Му: »грубый закат«

Ausnahmsweise ein Video, das nicht aus diesem Jahr stammt. Aber 2021 war eben auch das Jahr, in dem leider Pjotr Mamonow, der Frontmann und Ideengeber der legendären Swuki Mu, an den Folgen einer Covid-Erkrankung starb. Mamonow gehörte zur raren Kategorie »großer Künstler und seltsamer Heiliger«, der seine letzten Jahre in einem orthodoxen Kloster verbachte. Wer sich bei Swuki Mu einhört, erkennt, dass Moskau zeitweilig so cool und abgefahren wie New York war. Die Sounds, die Tanzstile, das clowneske Irgendwas – einfach großartige Avantgarde.

Wet Leg: »Wet Dream«

Masturbation mit Hummerkrallen, auf so eine Idee kommt Rotkäppchen auch nur im Film. Wet Leg hat zwei Nummern draußen, beide sind toll, sie werden Post-Punk-Platten machen und viel Freude bereiten, so erfrischend angstfrei wie sie auftreten.

Bloc Party: »Traps«

Was könnte öder sein als eine Band, die im Video losrockt, und ein Haufen Typen in Hoodies, die dazu rumhotten? Stimmt. Bitte dieses Video anschauen und einräumen, kann trotzdem ziemlich geil sein. Erscheint erst 2022 und jetzt schon instant classic. Wird Bloc Party besser? Nö, aber sie bleiben ziemlich weit oben von gut.