Salon skug © Redaktion, Grafik: Kathi Arnecke

So rollte der Salon skug 2021

Unser Endbericht für den Sommer 2021 und zugleich Zwischenbericht über unsere Erfahrungen mit einem mobilen Veranstaltungsbetrieb, der ohne Verbrennungsmotoren auszukommen gedenkt.

Kennt ihr das? Ihr fahrt zur Schule, mit dem Bus (die meisten haben das doch so gemacht) oder eben mit der Bahn, aber das sind Details. Die Fahrzeuge haben ein Schild, auf dem steht die Endstation angeschrieben. Seltsam, jetzt fährt es sich Jahr und Tag zur Penne, aber eben nie zur Endstation. Warum auch? Ist da was Besonderes? Sieht die Endstation etwa anders aus? Ist da zugleich die Welt zu Ende? Na ja, eher nicht. Eine seltsame Melancholie kann sich einstellen beim Nachdenken über die »Endstation«. Der Bus hält, der*die Busfahrer*in steigt aus, raucht ’ne Zigarette und wartet, bis es an der Zeit ist, die Fuhre in die entgegengesetzte Richtung zu machen. Aber an eben diesem Punkt, dem letzten Wartehäuschen, geht es nicht weiter. Man kann zwar zu Fuß weiterlaufen und landet dann im Wald oder Feld. Nur, wie weit kann ein Mensch schon laufen? Wer hingegen motorisierten Individualverkehr betreibt (also ein Auto hat), kennt keine Endstation. Mit dem eigenen Fahrzeug geht es immer weiter. Angeblich zumindest.

Manche Endstationen in Wien haben allerdings einen besonderen und geheimnisvollen Reiz. Man stiefelt noch ein paar hundert Meter weiter stadtauswärts und landet dann in einer kleinen Parkanlage, die man noch nie zuvor gesehen hat. An dem verwunschenen Ort, der ein wenig so wirkt, als wäre dort zum Beispiel immer Weihnachten, liegt dann eines der Stadtgartenämter der MA 42 verborgen. Freundliche Mitarbeiter*innen händigen einem dort gerne den Schlüssel zu einem Stromkasten aus. Das muss natürlich zuvor mit gewissen Anträgen und Telefonaten erst vorbereitet werden (Don’t ask!), ist aber ab einem bestimmten Punkt eigentlich ganz leicht. Mit dem Schlüssel kann dann in einer Parkanlage oder an einem öffentlichen Platz Strom bezogen werden und dann darf der Salon skug auf Rädern losdröhnen.

Salon skug auf Rädern mit Kinetical & P.tah in Ottakring © Redaktion

Die Stadt neu be- und erfahren
Hat das jetzt ein bisschen kompliziert geklungen? Hmmm, dann vielleicht, weil es das auch ist. Der Salon skug auf Rädern ist eine Art »Umwege-Mobil«. Sicherlich, dem Team von skug ist der ausgetretene Pfad wohl bekannt, wir haben ihn schließlich mitausgetrampelt. Eine Veranstaltung kann einfach an einer der dafür vorgesehenen Venue abgehalten werden und gut ist’s. Das Publikum weiß es, die Anwohner*innen haben sich dran gewöhnt und es muss mit keinen Magistraten verhandelt werden. Ebenso ist die technische Logistik bereits vorhanden. Wenn es dann aber unbedingt einer dieser sogenannten »ungewöhnlichen Orte« sein soll (Gibt es die überhaupt, war nicht überall in Wien schon mal was irgendwie Ähnliches los?), dann doch bitte einfach einen PKW beladen und das Equipment dahin kutschieren. Warum aber ins Hinterland der Stadt reisen und dann alles Material auf zwei Lastenfahrrädern mit speziell angefertigten Anhängern packen, die zugleich als Bühnenelemente dienen? Die Antwort ist ganz simpel: Weil wir nicht mehr im Zeitalter des Bullshit leben wollen!

Bullshit heißt (Achtung Metapher!): Wir sehen die Endstation nicht mehr, weil wir vielleicht schon längst dran vorbeigefahren sind. Busfahrer*in gibt es auch keine*n mehr, ist aber wurscht, weil seit wir das Kliff überschritten haben, beschleunigt das Fahrzeug ganz gut von allein. Konkret: Wir leben in der Blase eines Glaubens an angeblich unerschöpfliche Energiequellen, die es nicht gibt. Wir leben in der Blase eines Versprechens des »Immer weiter so!«, das unmöglich umsetzbar ist. Wir leben in der Blase vollständiger Virtualisierung alle Beziehungen, die uns denken lässt, ein »Like« sei eine soziale Interaktion. Damit wären die drei zentralen Dimensionen jener Entmündigung umrissen, bei der skug und der Salon skug auf Rädern nicht mitmachen wollen.

Wir versuchen hingegen mit unseren – zugegeben sehr beschränkten – Mitteln, die Stadt neu zu erfahren und Menschen in ein Gespräch darüber zu verwickeln, wie wir neue Formen des Zusammenlebens finden können. »Wie heute publizieren?« war beispielsweise Thema des Selbsthilfe-Gesprächskreises aus Journalist*innen beim ersten Salon auf Rädern im Mai. Oder welche Stadt uns da gerade gebaut wird, sorgte für Diskussionsstoff bei unserem zweiten Salon mit Lokalaugenschein inmitten der Riesenhochhausbaustelle des 3. Bezirks.

Salon skug auf Rädern mit Mermaid & Seafruit in Erdberg © Redaktion

Music and subversive Wisdom
Die besondere Mischung des Salons ist nicht gleich jeder und jedem unmittelbar verständlich. Im Zusammenhang mit unserem August-Salon zu den Zapatistas ereilte uns aus dem fernen Südamerika die Anfrage, ob der Salon skug denn nun eine Party mit Live-Musik sei oder eine politische Diskussionsveranstaltung. Die Antwort »Beides!« führte zu der Annahme, die politischen Kulturen in Europa und Südamerika seien doch sehr verschieden. Nö, der Salon skug ist auch in Europa eher ungewöhnlich. Die Konzeption muss auch weiterhin noch ein bisschen beworben werden, weil zuweilen gerade das akademische Publikum hier manchmal streikt und sich lieber nur »schöne Musik« wünschen würde, bei der man nicht »auch noch nachdenken muss«.

Das haben wir leider nicht im Programm. Denn es ist gerade der alte skug-Spleen, energisch zu widersprechen, wenn wer meint, »Kunst sei Kunst und Politik sei Politik« Ästhetik und Politik (von unten) sind nicht voneinander zu trennen und skug nimmt das ernst. Natürlich ist der Salon skug auch wiederum kein Proseminar, denn bei aller Ernsthaftigkeit darf der Kram gerne auch lustig sein und sollte eine gute Party liefern. Die Musik unserer wunderbaren Live-Acts schafft überhaupt erst diese besondere Verbindlichkeit. Die Message von Musik zu entschlüsseln ist meist erst das Ergebnis einer langwierigen Interpretationsarbeit. Das kann alles im Magazin skug nachgelesen werden. Der Live-Auftritt ist aber das unmittelbare Erlebnis der Haltung eines Acts.

Social Media, Internetz und Co. sind eh super, aber eben dieses Live-Erlebnis ersetzen sie nie. Deswegen macht sich skug auch gerne einmal im Monat die Mühe, diese direkte Begegnung zu ermöglichen. Zum Schwelgen für die, die nicht dabei sein konnten, ein Namedropping der Extraklasse: HipHop gab’s von Kinetical & P.tah mit Support von Mo Cess & Pirmin, Rock von Laut Fragen bei der Hugo-Sonnenschein-Revue mit dem Papiertheater Zunder, Elektronik & Noise von Mermaid & Seafruit und Gegenwartskunst als Klanggebilde aus den Versatzstücken des Ibiza-House lieferte Dino Spiluttini. Was für ein Sommer …

Salon skug auf Rädern mit Dino Spiluttini in Favoriten © Redaktion

Wie kommt das alles an?
Sind die Menschen erst einmal im Salon zusammengetroffen, entsteht diese gewisse, intellektuelle »Umwegrentabilität«. Gespräche, Begegnungen, Gedankenaustausch werden befördert, mithin der klassische Sinn eines »Salons«. Niederschwellig vermittelnd zwischen Publikum, Künstler*innen und Diskussionsteilnehmer*innen können so die Ideen ihre Besitzer*innen wechseln. Unter anderem auch der Grundgedanke des Salon skug auf Rädern, in den öffentlichen Raum vorzustoßen und dabei keinen Verbrennungsmotor anwerfen zu müssen. Alles wird getragen, geschoben oder per ungeheuer effizient eingesetzter Pedalkraft transportiert.

Das allein ist schon so eine Art Statement und das steht dann als Fahrrad-DJ-Pult aus Vierkant-Alurohren auf dem Platz und zeigt, dass es geht. Die Mühen sind beträchtlich, aber so ist das eben, wenn man die vorgeschriebenen Geleise verlässt. Außerdem, Jahrhunderte der wirtschaftlichen und industriellen »Effizienz« haben uns dahin gebracht, wo wir heute sind. Darüber darf ruhig einmal nachgedacht werden. Vielleicht wäre Reduzierung in vielen Beziehungen ganz schön schlau und Gebot der Stunde.

Jede Fahrt mit einem fünf Meter langen Fahrrad und hundert Kilo Equipment durch die Stadt ist zugleich eine kleine Demonstration. Auf den viel zu engen Radwegen können die zwei riesigen skug-Mobile meist nicht fahren. Die Autofahrer*innen müssen deshalb das Tempo reduzieren, mit dem sie auf die nächste rote Ampel zu brettern. Die Reaktionen der Verkehrsteilnehmer*innen sind verschieden. Manche hupen, freuen sich und es gibt für skug mit dem »Daumen-nach-oben»-Zeichen ein Realworld-Like. Andere machen sich die Mühe, an unserem Konvoi nochmals mit heruntergelassener Beifahrerscheibe vorbeizufahren und uns ein »Oaaaaaaschloooooch« zuzubrüllen.

Wir danken an dieser Stelle beiden Rezensenten und fragen uns, was sie uns sagen wollen. Die einen sind sich anscheinend ganz sicher, dass die Zwangsentschleunigung eine bodenlose Frechheit ist, die anderen sind vielleicht offen für den notwendigen Wandel unserer Stadtnutzung. Bei skug ahnen wir: Den Autos sollten wir die Stadt nicht mehr überlassen und wir versprechen, an diesem Thema dranzubleiben, wenn wir im nächsten Sommer den Salon auf Rädern wieder mobil machen. Einmal kann man den Salon skug auf Rädern übrigens im Jahr 2021 noch inoffiziell erleben, nämlich am 10. Oktober zum Abschluss des Urbanize-Festivals, danach wird es erst einmal zu kalt sein.

Salon skug auf Rädern im Probeaufbau am Zukunftshof © Redaktion

Haben wir schon was gelernt?
skug macht seine Aktionen und auch ganz sicherlich den Salon skug auf Rädern nicht mittels eines aufgeblähten Größen-Ichs. Das »Konzept« ist immer noch in Teilen unausgegoren. Wir entscheiden vieles im freien Fall und lernen im Grunde erst, was wir tun, während wir es tun. Deshalb haben wir im riesigen Stauraum unserer Räder vieles dabei, nur keine festgeschriebene Lehre. Der Salon skug auf Rädern ist im Kern Experiment. Wir ahnen, dass sich im Salon-Betrieb und überhaupt noch vieles wird ändern müssen. Das Faktenmaterial sammelt sich während des Veranstaltungsbetriebs an, denn die Salons sind (wie so vieles in dieser Zeit) auch Krisen-Chronicles.

Unseren Salon im Juli mussten wir wetterbedingt ausfallen lassen und damit auch die eigentlich für August geplante Veranstaltung in der ehemaligen Notgalerie, kürzlich unter dem Namen Dream Estate neu eröffnet, verschieben. Es war der erste Ausfall eines Salon skug überhaupt. Grund war der für den 17. Juli angekündigte Starkregen. Einige Tage zuvor hatte sich in Deutschland der vom Regen unterspülte Boden aufgetan und ganze Dörfer verschluckt. Das war uns Zeichen genug. Die Klimakatastrophe kommt allmählich im globalen Norden an. Auch in Wien schüttete es wie aus Kübeln. Katastrophal war es glücklicherweise nicht, an Freiluftveranstaltungen war dennoch nicht zu denken.

Auch skug kann dem Kalender keine neuen Tage hinzufügen und somit war das Wetterereignis Grund für die Reduktion unseres Spielplanes. Wir sind trotzdem mächtig happy, vier Salons auf Rädern (der erste zählt eigentlich doppelt, wegen doppeltem Programm) hingebogen zu haben. Das Wetter dürfte nur allmählich zu einem Dauerproblem werden, wie vieles andere auch. Abschließend deshalb noch ein besonderer Gruß an die kleinsten Besucher*innen unseres letzten Salons im Volkspark Laaerberg in Favoriten. Ihr Besuch verursachte beim Team tennisballgroße Schwellungen, die über Wochen nur langsam juckend abheilten. Die Entzündungen hinterließen nach ihrem Abheilen kleine Löcher im Bein. Sieht richtig gut aus. Klimawandel und Salon ermöglichen eben auch neuartige Begegnungen zwischen Stechmücken und Menschen.

Auch wenn es zuweilen juckt und die Muskeln herausfordert, wenn wir als Gesellschaft nicht verantwortungslos und dumm einfach bis zur Endstation weiterrattern wollen, dann müssen sich nun Dinge ändern. Überall. Die neuen Formen des Zusammenlebens zeichnen sich bereits ab, aber es wird schwierig und arbeitsintensiv werden. Der Salon skug auf Rädern versucht hier zumindest ein winziger Beitrag zu sein, indem er ein ästhetisch-politisches Feld eröffnet, über mögliche gemeinsame Ziele zu reden, und selbst auslotet, wie verändert veranstaltet werden könnte. Die Salon skug Mobile sind robust, gut durchdacht, leicht zu reparieren (!) und rollen im nächsten Jahr wieder durch die Stadt, denn die Aktion war kein Witz für einen Sommer, sondern verändert unseren Betrieb dauerhaft. They call it »Nachhaltigkeit«.

Allen Beteiligten gebührt unser großer Dank! Wir sehen uns demnächst in den Herbst- und Wintersalons in Innenräumen. Ein letztes noch: Die unzähligen Ideen und Verbesserungsvorschläge, die uns informell während der Salons zugetragen wurden, arbeiten wir in den nächsten Jahren ab. Versprochen.