Fuzzman

»Endlich Vernunft«

Lotterlabel

Wäre ich mein Kärntner Namensvetter und Landeshauptmann, ich hätte Fuzzman ganz oben auf meiner Ratgeberliste. Aber wer weiß schon, was sich zwischen Klagenfurt und Klippitztörl, wo das jährliche »Fuzzstock« Bergfestival stattfindet, so alles abspielt? Jedenfalls beachtlich, wie es Fuzzman immer wieder glückt, mit Land und Leuten zu kooperieren, temporäre Bündnisse einzugehen, ohne sich selbst anzubiedern, mit den Verhältnissen zu arrangieren oder andere billig bloßstellen zu müssen. Das frühere Video von »Für eine Handvoll Gras« mit dem Männergesangsverein Obermillstatt ist beispielhaft dafür; ebenso das neue Video zu »Weil ein Schlager vergeht« mit der Gemeindekapelle Paternion-Feistritz. Von Unverbesserlichen wusste Fuzzman freilich immer schon Abstand zu halten und diesen auch musikalisch energisch einzufordern. »Ich tachinier« vom letzten Album – mit dem nachgereichten besten Ibiza-Reenactment-Video! – wartete mit der anthropologisch wertvollen Zuschreibung auf: »Ihr seid Hulapalus und nicht irgendein Tier.« Auf dem neuen, kompakt unter 30 Minuten gehaltenen Album richtet sich »Da ist doch nichts verkehrt« an die lieben Leut’, die da meinen, »wir sind jetzt wieder wer«. Auf »Endlich Vernunft« gelingt Fuzzman mit seinen Singin’ Rebels in Text, Ton und Tonfall überzeugender denn je so etwas wie ein säkularisierter Schlager. Einer, der wie Folk- und Country-Rekonstruktionen mitten im Pop anzusiedeln ist und nicht als Schmerzgrenze des kommerziell noch Erträglichen fungiert. Das Pathos funkelt noch, aber durch Zitate fragmentiert wie in »Ein Heimatfilm«. Die Akkordfolge des Refrains von »Gib mir mehr« erinnert stark an Against Me!s »Black Me Out« und ließe sich bei Bedarf dementsprechend leicht »hochpunken«. Die immanenten Heils-, Glücks- und Liebesversprechen im Kitsch- und Bierzeltrausch sind nicht zur Gänze einer ernüchterten Trost- und Hoffnungslosigkeit gewichen. Aber die Melodie der Melancholie speist sich freilich aus der unverdrängten Einsicht, dass da mal mehr war. Vielleicht auch bloß mehr Sorglosigkeit, mehr Seifenblasen, mehr Selbsttäuschung. Auf jeden Fall aber ein »Mehr«. Und auch das Meer, an das es u. a. auch den Nino aus Wien oder Tanzbaby gezogen hatte, darf als ewiger Sehnsuchtsort in »Und ich träume vom Meer« nicht fehlen. So etwas vermag der Blick auf den letzten Schluck im Glas und auf Zuckerglasurreste auf Papptellern auszulösen. Oder der Verlust von lieben Menschen, mit denen es womöglich auch nicht immer ganz einfach war. Um sich hinterblieben nicht von der eigenen Ohnmacht dumm machen zu lassen, an den Anfang und an das Ende des Albums wirklich berührende Kärntnerlied-affine Songs zu stellen – das muss man erst einmal so hinkriegen! Fuzzman ist eine wunderbare Herbstplatte gelungen, die zumindest ein paar sommerliche Sonnenstrahlen nicht vermissen lässt.