Carcass

»Torn Arteries«

Nuclear Blast

Stimmen von mutmaßlichen Forensikern verlieren sich in unheilvollem Hall. Die Doublebassdrum setzt ein. Ein Riff für die metallische Ewigkeit beginnt sich in die Gehörgänge zu fräsen. Die Melodie der Leadgitarre ornamentiert dieses vorzügliche Schädelspalten. »Corporal Jigsore Quandary« nannte sich der Hit – ein sprichwörtlicher Schlag – auf Carcass’ drittem Album »Necroticism«. Das war vor 30 Jahren. Das (Kern-)Trio aus Liverpool hatte zuvor noch im Teenageralter mit seinen ersten beiden Alben Grindcore sowie das Subgenre Goregrind in Ton, Wort und Bild mitinitiiert. »Necroticism« und das darauf folgende »Heartwork« (1993) prägten den melodischen Death Metal ebenso nachhaltig, vereinten das Staccato-Riffing des Thrash mit tiefer gestimmtem Groove und einprägsamen Hooks. »Swansong« (1995) verzichtete gänzlich auf Blastbeats und zelebrierte Kulturindustrie-kritischen »Rot’n’Roll«. All das und noch viel, viel mehr werden sich alte Fans beim Hören des neuen Carcass-Albums gerne vergegenwärtigen. Jedoch wie schon »Surgical Steel« (2013), das erste Reunion-Album, geht »Torn Arteries« auf Nummer sicher. Musikalisch ist die nach wie vor hoch im Kurs stehende Schnittmenge aus »Necroticism« und »Heartwork« um »Swansong«-Elemente erweitert worden. Revolutioniert wird hier freilich schon lange nichts mehr. Das gelungene Artwork mit dem Gemüseherz überrascht bei den sympathischen Vegetariern ebenso wenig wie die beliebten Wortspielereien à la »Eleanor Rigor Mortis« – zaubert aber auch sofort ein Grinsen ins Gesicht. Bezogen auf den alten Napalm-Death-Personalpool bleibt ja auch Mick Harris mit dem neuen Scorn-Werk »The Only Place« seinen bewährten elektronischen Frequenzen treu. Am abenteuerlustigsten erscheint Godfleshs Justin Broadrick, der bei Zonal mit Moor Mother kollaborierte. Aber wie dem auch sei, ich will die kleine »More-of-the-Same«-Enttäuschung ja nicht zum großen Selbstplagiatsvorwurf aufblasen. Bewusste Selbstlimitierung führt bei Bands, die ihre einst originelle Soundnische gefunden haben, immer noch zu gediegenem Songwriting, dem man den hörbaren Spaß an der Sache schwerlich absprechen kann. Und das funktioniert bei Napalm Death, Voivod oder eben Carcass nach wie vor alle paar Jahre auf metallhandwerklich höchstem Niveau. Sowohl diejenigen, die nicht glauben wollen, dass Deafheavens gänzliche Abkehr von Black-Metal-Einflüssen die Sensation des Jahres sein soll, als auch Metalheads, denen das neue Iron-Maiden-Album ebenso wie die Huldigungen zum 30-jährigen Jubiläum von Metallicas »Schwarzem Album« herzlich am Allerwertesten vorbeigehen, dürfen sich an »Torn Arteries« erfreuen.