Melodisch-symphonischer Black Metal, wie er, aufwendig orchestriert und kostümiert, auch als Beitrag Norwegens zum Eurovision Song Contest zur Aufführung gebracht werden könnte: Das ist sicher eines der galligsten Urteile, das man über das vorliegende zweite Album von Stormkeep fällen könnte – und ganz falsch läge man mit dieser Einschätzung nicht. Die im Klangbild dominanten Keyboard-Melodien schrauben sich dramatisch in die Höhe, die Gitarren arbeiten in dieselbe Richtung, das Schlagzeug hält dagegen und knüppelt verzweifelt alles nieder und durch die so aufwendig arrangierte Finsternis geistert eine Stimme, die mal keift, mal klar zum Ausdruck kommt und hin und wieder durch sakral anmutende Chöre effektvolle Verstärkung erfährt. Insgesamt entsteht auf diese Weise ein theatralisches Gesamtbild, das – nächste fiese Bemerkung – die Vermutung nahelegen könnte, es handle sich bei der dunkel-romantischen Darbietung von »The Nocturnes of Iswylm« um den Mitschnitt eines Black-Metal-Musicals. Verrat und Ausverkauf kann allerdings nur wittern, wer immer noch Kirchen brennen sehen möchte und seit Mitte der 1990er-Jahre Zeter und Mordio schreit, weil Dimmu Bogir, Cradle of Filth und andere Vampirdarsteller den einst misanthropisch gestimmten und absichtlich mies produzierten Black Metal der berühmt-berüchtigten zweiten Generation in ein auf Hochglanz poliertes und erotisch konnotiertes Kostümfest mit allem Drum und Dran verwandelt haben. Tanz der Vampire statt Tanz der Teufel sozusagen. Die damals erbittert geführten Auseinandersetzungen um das Wahre, Böse und absichtlich Nicht-so-Schöne des Black Metal sind längst Geschichte – und aus historisch sicherer Distanz wird in der gut informierten Gegenwart alles zum Material für nostalgisches Reenactment. Genau da setzen Stormkeep an. Schon ihr Debütalbum »Tales of Othertime« griff tief in die von Tolkien inspirierte Rollenspielkiste und hantierte mit Versatzstücken der verfemten Ästhetik des symphonischen Black Metal, war aber noch deutlich rauer produziert. »The Nocturnes of Iswylm« schließt inhaltlich an die Fantasy-Thematik des Vorgängers an, doch musikalisch tragen Stormkeep noch dicker bzw. selbstbewusster und unverschämter auf. Um keine finster-verführerische Pose sind sie verlegen, kein schwelgerisches Riff ist ihnen zu kitschig, keine blutrünstige Geste zu exaltiert. Im Grunde muss man sich nur die Cover-Gestaltung des Albums anschauen und weiß Bescheid. Die Vampirella mit der überproportional großen und entblößten Oberweite sitzt auf dem glutäugigen Drachen und unterjocht den Zauberer, der sich ihr entgegenzustellen scheint: »Ergib dich in dein Schicksal«, mag sie rufen, während sie beschwörend beide Arme hebt. So zwingt sie ihn und alle, die sich ihrem Eindruck nicht entziehen können, in die Knie. Widerstand zwecklos. Bleibt nur, die Waffen zu strecken.
Stormkeep
»The Nocturnes of Iswylm«
Vesperian
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