Der Titel des Albums kann aus dem Niederländischen mit »zornig« oder »aufgebracht« übersetzt werden. Der grimmig grundierte Black Metal von Hulder wirkt aber vor allem – und aller garstigen Inszenierung zum Trotz – durch die überwiegend getragene Stimmung der Kompositionen seltsam feierlich. Marliese Beeuwsaert und ihre dunkle Bruderschaft beschwören allerlei finstere Mächte, rufen verborgene Geister an und zelebrieren ihre heidnisch inspirierte Naturverbundenheit. So weit, so formvollendet dunkel dräuend. Ich will nicht sagen, dass die Masche nicht zieht, aber ein klitzekleines bisschen zu raffiniert fällt der Gesamteindruck von »Verbolgen« aus. Der atmosphärische Black Metal wird derart stimmig präsentiert, dass jedes darin entfachte Feuer angenehm wärmt – bedrohlich wirken die imaginierten Naturgewalten aber nicht. Das ganze Album scheint mir eher zum Beleg zu taugen, dass Menschen, die sich von einer solchen Ästhetik angesprochen fühlen, im Grunde vor allem eines wollen: ihre Ruhe. Ich nehme mich da nicht aus. Der durch und durch warme Klang des Albums, das überwiegend getragene Tempo der ausgewogen produzierten Lieder, die romantisch-eskapistischen Perspektiven (Rückzug in die Natur, in eine vormoderne Vergangenheit etc.) – all das eignet sich hervorragend als Projektionsfläche für alle, die sich zivilisationsmüde und gestresst (zumindest hin und wieder) vom jeweils eigenen Alltag abwenden. Gefährlich wird das nur, wenn man nicht den Weg aus diesen Fantasiewelten wieder zurück in die widersprüchliche und schwer auszuhaltende Gegenwart findet. Die Wälder, mythisch verklärt im Black Metal als Hort von allerlei unbekannten Mächten, brennen in Zeiten des Klimawandels und kein Zauberwort vermag dies rückgängig zu machen. Darüber sollte man »zornig« und »aufgebracht« sein, natürlich. Man muss sich aber darüber hinaus vielleicht auch noch was anderes überlegen – und was tun!? Es ist in diesem Zusammenhang interessant, dass sich etwa am Beispiel des »Fire in the Mountains«-Festivals beispielhaft zeigen lässt, wie in manchen Bereichen der Extreme-Metal-Szene und damit verbandelten anderen Genres sich Eskapismus und Aktivismus nicht widersprechen, sondern ergänzen. Allerlei politischer Themen nimmt sich das Festival dezidiert an und will so realitätsnahe Impulse für marginalisierte Minderheiten und deren Lebensweisen setzen. Anerkennung und Achtsamkeit lautet das Gebot der Stunde: für queere Communities, indigene Bevölkerungsgruppen, mentale Gesundheit und nachhaltiges Miteinander. Oberflächlich betrachtet mag es absurd anmuten, Hulder hier einzuordnen, aber genau da gehören sie hin. Was an selbstzerstörerischen Tendenzen (Suizid, Mord und Totschlag) zum Gründungsmythos des Black Metal (der zweiten Generation) gehören mag, ist lange schon der Erkenntnis gewichen, dass man 2026 sicherlich immer noch rebellieren und anders leben möchte – aber man möchte eben leben. In diesem Sinne fungiert der Rückbezug auf eine (imaginierte) kraftvolle Urwüchsigkeit bei Hulder als Ausdruck eines thematisch genretypischen, aber dennoch eigenwillig gegenwartsbezogenen Gestaltungswillens. Black Metal ist Selbstsorge.
Hulder
»Verbolgen«
20 Buck Spin
Unterstütze uns mit deiner Spende
skug ist ein unabhängiges Non-Profit-Magazin. Unterstütze unsere journalistische Arbeit mit einer Spende an den Empfänger: Verein zur Förderung von Subkultur, Verwendungszweck: skug Spende, IBAN: AT80 1100 0034 8351 7300, BIC: BKAUATWW, Bank Austria. Vielen Dank!











