Wir sprachen ja kürzlich an anderer Stelle von Steven R. Smith, den ich als altbekannten Unbekannten adressierte, und das lässt sich auch von Jon Collin sagen. Der in Stockholm lebende englische Gitarrist hat in den letzten zwanzig Jahren Dutzende von Alben veröffentlicht, zumeist in Eigenregie und in kleinen, handgefertigten Auflagen. Selten erweckte er damit Aufmerksamkeit über eine sehr speziell interessierte Öffentlichkeit hinaus. Dieser Umstand muss gar nicht beklagt werden, denn die wohlüberlegte Selbstbeschränkung dient der Übersichtlichkeit und Autonomie – Arbeitsbedingungen, die Jon Collin sehr zu schätzen weiß. Hin und wieder lässt er aber auch andere seine Musik verlegen. Bereits zum zweiten Mal nimmt sich das in Göteborg ansässige Label Discreet Music einer Veröffentlichung an. 2022 erschien »Bridge Variations«, nun folgt das schlicht »Works« betitelte Album, das aber – anders als zuvor – unter dem Projektnamen Early Music veröffentlicht wird. So heißt auch das Label, das Jon Collin in der Nachfolge seines stillgelegten Winebox-Press-Labels betreibt. Warum schreibe ich das hier alles hin? Ist das wichtig? Ja, denn so ist allen, die sich weiter durchs musikalische Unterholz schlagen wollen, das eine oder andere Stichwort zur Orientierung an die Hand gegeben. Das schadet einerseits nicht und verortet andererseits die an sich recht geisterhaft und flüchtig erscheinenden experimentellen Klänge von Jon Collin in der Gegenwart, die für seine Musik eine entscheidende Rolle spielt. Stets sachte und suchend bearbeitet er seine Instrumente, in diesem Fall eine Nyckelharpa, und horcht sowohl in sich hinein als auch auf die Signale, die er in Momenten konzentrierten Musikmachens aus seiner konkreten Umgebung empfängt. In Abhängigkeit davon entstehen dann die Improvisationen in Echtzeit, die aufgenommen und nachträglich bzw. zur Veröffentlichung nur wenig – wenn überhaupt – bearbeitet oder um zusätzliche Tonspuren ergänzt werden. So kommt es, dass die Musik entgegen aller mimosenhaften Zartheit auch unmittelbar und direkt wirkt. Aus diesem scheinbaren Widerspruch, so könnte man vielleicht sagen, bezieht Jon Collins Musik ihre Spannung. So kann man im Hintergrund der Aufnahmen von »Works« immer wieder Arbeiten an einer nahegelegenen Baustelle hören – die Musik, die Jon Collin zu oder mit diesen akustischen Eindrücken gemacht hat, eignet sich allerdings nicht als Hintergrundmusik. Dafür ist sie zu struppig, zu roh – und doch ganz fein gesponnen. In der atmosphärisch dichten Ausführung dieser mit Gegensätzen hantierenden Arbeitsweise ist Jon Collin ein Meister. Wer zur Orientierung nach einer historischen Referenz sucht: Man stelle sich Luc Ferraris »Music Promenade« im Dialog mit der schwedischen Schlüsselharfe vor, so ungefähr.
Early Music
»Works«
Discreet Music
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