Aus der Ferne wahrgenommen fallen einem spontan vor allem romantische Klischees zur Beschreibung der Musik von Jake Xerxes Fussell ein. Mit ihr könnte man in Eichenfässern ausgebauten Whiskey bewerben, sie könnte im Hintergrund zum Thanksgiving-Dinner laufen oder als Soundtrack zu einer Dokumentation über den Süden der USA dienen. Sie evoziert sepiagefärbte Bilder idyllischer Natur und gesellschaftlichen Zusammenhalt und erinnert so vage daran, dass eigentlich alles ganz okay war und auch sein könnte – was sich bei genauerer Betrachtung der Vergangenheit nicht bewahrheitet und mit Blick auf die Gegenwart ohnehin nicht stimmt. Auch dieses Unbehagen vermittelt Fussells Vortrag, wenn seine weiche Stimme weder klagt noch fordert. Als Historiker im Gewand eines Folk-Sängers beschreibt er auf »The Old Beloved Path« Szenen, ohne sie zu bewerten. Die durchwegs in beschaulichem Tempo gehaltenen und ausgewogen produzierten Lieder haben allerdings auch einen ethisch-moralischen Unterton und der scheint zu sagen: »Leave the people alone«. Diese Maxime steht dem amerikanischen Liberalismus nahe, der freiheitlichen politischen Philosophie, die auch schon bessere Tage gesehen hat, denn was in ihrem Namen alles verbrochen und erduldet wurde, das lehrt der Blick in die Geschichte und auch darüber singt Jake Xerxes Fussell, wenn er sich traditioneller amerikanischer Folk-Songs annimmt und sie reinterpretiert. Zwischen den Zeilen der alten Lieder teilt sich dann unter dem Eindruck des gegenwärtigen (wörtlich zu nehmenden) Zerstörungswillens des amtierenden US-Präsidenten auch ein melancholisch gestimmter Konservatismus mit, der nachvollziehbar und plausibel erscheint und den Nerv aller trifft, die wissen, was auf dem Spiel steht, wenn sich die herrschende Klasse nicht mehr an die Spielregeln hält. Die »No Kings«-Bewegung erinnert seit der zweiten Amtszeit von Trump an diese Wissensbestände. Mal sehen, was die bevorstehenden Wahlen zum Repräsentantenhaus und Senat bringen werden und in der Folge bewirken können. Vor diesem gesellschaftlichen Panorama sollte man die Musik von Jake Fussell hören und einordnen. Ein neuer »New Deal« ist nicht in Sicht und solange kann »The Old Beloved Path« zumindest zur moralischen Unterstützung aller dienen, die sich auf den Weg in eine irgendwie ein bisschen weniger finstere Zukunft machen wollen. Dieser Weg wird nicht zurück auf die alten, ausgetretenen Pfade führen können und das ist auch Jake Fussell klar.
Jake Xerxes Fussell
»The Old Beloved Path«
Fat Possum Records
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