Af Ursin
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»Ad Fontes«

La Scie Dorée

»Ad Fontes« – der belgische Musiker Timo van Luijk ruft zur Rückbesinnung auf geistige Werte und spirituelle Quellen auf. Vor dem Hintergrund der herrschenden Diskussion – oder sollen wir Hysterie sagen? – um das Schicksal der Menschheit in fortschreitender Abhängigkeit von künstlicher Intelligenz eine delikate Forderung. Wie bekannt, lesen gegenwärtig intelligenter werdende Maschinen bergeweise Bücher ein, die von Menschenhand anschließend vernichtet werden. Die Maschinen arbeiten also mithilfe hirn- und gewissenloser Gehilfen aus Fleisch und Blut an ihrer fortschreitenden Beseelung (und perspektivisch, so munkelt man, an der Vernichtung dieser Gehilfen). Nun ist es mit Blick auf musikalische Produktionen und deren Motive stets ein Kreuz, dass sie zwar mahnen, aber an sich wenig ausrichten können. Musik als Meditation über Fragen der Gegenwart ist nichtsdestotrotz wichtig, denn – ich bleibe dabei und glaube daran – Maschinen können solche tiefsinnigen und berührenden Erzeugnisse nicht hervorbringen. Diese Glaubensfrage wird allerdings nicht überall so beantwortet, es finden sich zahlreiche Apologet*innen der Segnungen künstlich-künstlerischer Hervorbringungen, weil die ja – auch wenn derzeit oft noch unbeholfen wirkend – sicher in Zukunft besser werden. So wie die Zukunft selbst auch. Na, schön wär’s (nicht). Ein umkämpftes Feld – wer wird es als Sieger verlassen? Derzeit sind nicht mal die Spielregeln klar. Profitgierige Tech-CEOs spielen sich als Stichwortgeber der Entwicklung der gesamten menschlichen Existenz auf und finden Gehör. In den Arm fällt ihnen kaum jemand, weder per Gesetz noch wortwörtlich. Im Namen eines als zwangsläufig vorgestellten Fortschritts heiligt jedes künstliche Mittel den ressourcenfressenden Zweck. Alles, so scheint es, soll der Idee der Etablierung und zukünftigen Realität einer wie auch immer gearteten, sicherlich aber nicht menschlichen Wesenheit geopfert werden, die sowohl gefürchtet als auch angebetet werden soll. Diesen perversen metaphysischen Umtrieben gegenüber will van Luijk den wahren Geist als menschliche und nicht ersetzbare Qualität verteidigen. Wenn ich ihm nicht nur pessimistisch bescheinigen will, dass er auf verlorenem Posten kämpft, dann bleibt mir angesichts der exponentiellen Zunahme der Digitalisierung der Welt und der damit einhergehenden Vernichtungsfantasien immerhin die Möglichkeit, ihm aufmerksam zuzuhören. Das ist nicht viel, aber auch nicht nichts. Bei anderer Gelegenheit werde ich aber nicht drum herumkommen, gleichwohl sensibel, aber weniger zimperlich und deutlich widerständiger auf die durch milliardenschwere Minderheiten forcierte dystopische Aussicht auf meine als unausweichliches Schicksal inszenierte, wenn nicht Abschaffung, so doch Marginalisierung zu reagieren. Es hilft (leider) nicht, (nur) zu beten, um gesellschaftliche Prozesse zu gestalten. Dazu gehört zuallererst, sich nicht von den listig lancierten Untergangsszenarien verrückt machen zu lassen. Und mit der Parole »Fuck AI« ist auch nicht viel getan. Verwünschungen sollten dann schon eher lauten: »Fuck Elon Musk«, »Fuck Peter Thiel«, »Fuck Mark Zuckerberg«, »Fuck Sam Altman« … Aber noch besser wäre es, die profitgeilen und skrupellosen apokalyptischen Reiter und ihre politischen Steigbügelhalter*innen stärker zu regulieren, zu reglementieren und womöglich weitgehend zu entmachten. Eine solche Forderung wirkt, einfach so hingeschrieben, beinah schon lächerlich, wie eine naive und weltfremde Wunschvorstellung und in der Besprechung einer musikalischen Veröffentlichung auch deplatziert. Aber – und hier kommen wir wieder zurück zur Musik – gegenüber den genannten Herausforderungen ist ja nicht zuletzt die Frage: »Was ist der Mensch?«, wo kommt er her, wo geht er hin? Und mit dieser Frage setzt sich Timo van Luijk auseinander. Durch seine melancholisch gestimmte instrumentale Musik geistern Stimmen, deren Seufzen, Wimmern, Rufen und Klagen das Echo verblassender Erfahrungen und Erinnerungen zu sein scheint. Die Musik vermittelt den Eindruck einer Séance, die atmosphärisch dichten Klangmeditationen dienen der Beschwörung, in den dunklen Ambient-Kompositionen werden die geisterhaften Stimmen wahrnehmbar. Ihre Laute kommen verzerrt, verbogen, manipuliert und – egal wie sehr ich mich anstrenge – unverständlich zum Ausdruck. Ist es also schon zu spät und alles verloren? Oder bedarf es einer anderen Art des Verstehens? Timo van Luijk ist auch ein Mystiker. Aus unzugänglichen Sphären empfängt er Signale, transformiert und bannt sie in Musik und auf Tonträger. Zuhörend sitzt man, umgeben von diesen Klängen, versinkt in ihnen und – so wohl die stille Hoffnung – geht gewandelt aus dieser Erfahrung hervor. »Free Your Mind… and Your Ass Will Follow« als Gebet, quasi. Amen.

Home / Rezensionen

Text
Holger Adam

Veröffentlichung
24.09.2026

Schlagwörter

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