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Serienstart: Wem gehört die Straße?

skug will im nächsten Jahr auf der Straße über die Straße reden. Deshalb holen wir jetzt in einer neuen Serie Expertise ein, von allen, die street cred und Straßenwissen haben.

Europa im Herbst des Jahres 2021. Beim Telefonat mit Kolleg*innen aus Berlin fällt der bizarre Satz: »Ach, bei euch sind die Kinos noch auf?« Schließlich hatte ein anderer tags zuvor aus München erzählt, dass dort schon wieder zugedreht wird. Und Wien ist sowieso verrammelt. Corona hat uns eben The New Normal beschert. Die öffentliche Kultur ist ausgeknipst, alle Orte der Begegnung sind verwaist. Faszinierend ist hieran, wie damit umgegangen wird. Die Menschheit ist gut darin, sich »einzustellen«; was gestern noch ganz unglaubliche Abnorm war, ist heute bereits die neue Norm. Man kennt es und man wird im Umgang fast lässig. Geologische Untersuchungen zeigen, dass in Österreich der Boden im vierten Lockdown genauso stark vibriert wie vor dem Lockdown. Die Messung belegt, dass die etwa gleiche Anzahl an Autos unterwegs ist. Aber wohin fahren sie? Ins Kino? Sicher nicht. Fahren die Menschen Auto um des Autofahrens willen? Nicht auszuschließen. Damit hätten Pandemie und Automobilität eine der »besten « Pointen des spätindustriellen Zeitalters geliefert: Die Isolation und Atomisierung einer Gesellschaft, die durch das Gebot der Kontaktreduktion medizinisches Gebot geworden ist, führt zu folgendem praktischen Ergebnis: »Liebling, ich fahr’ noch ein bisschen um den Block. Nur im Kreis und ohne Ziel, sonst verliere ich ja noch den Verstand.«

»We’re on a road to nowhere«

Zum Totlachen. Eine Gesellschaft wie die österreichische hat schon lange kein Ziel mehr. Aber unzählige Straßen, um dies nicht zu erreichen. Beispielweise doppelt so viele Straßen wie der ebenso reiche und ebenso gebirgige Nachbar Schweiz. Die Straßenschwemme ist kein Zufall, sondern Programm. Die geistig moralisch sinnlose Society hat ihre letzten verbliebenen Ziele in der Wirtschaft. Auch aus Corona führt nur ein Elendsweg: Wachstum! Tausendmal widerlegt und ebenso oft wider besseres Wissen durchgesetzt, deshalb heißt es bauen, bauen und nochmals bauen. Stadtautobahn und Lobautunnel führen Austria unterirdisch aus der Krise. Fast alle machen gerne mit, denn was wünscht sich das österreichische Herz? Das Glück im eigenen Heim! Ein selbstverständlich selbst gebautes Glück, das manchmal hundert täglich zu pendelnde Kilometer von der Arbeitsstätte entfernt liegt. Damit jeder Tag ein Tag hinter der Windschutzscheibe ist. Deshalb Straßen, so weit das Auge blickt, denn sie lösen die Absatzkrisen einer überindustrialisierten Welt. Es können Landschaft, Natur und die letzten Commons profitabel in ein Verkehrsobjekt verwandelt werden, für das übrigens alle zahlen müssen. Genau, auch die ohne Auto, denn die im Besitz der Republik Österreich befindliche Autobahnen- und Schnellstraßen-Finanzierungs-Aktiengesellschaft ASFINAG hat beispielsweise zehn Milliarden Euro Schulden: It’s your tax-money, Schatzi! At work for someone else’s profit.

Andererseits gehört die Straße dem Industrieprodukt Numero Uno. Der letzten Silberkugel im Revolver des Kapitals, dem Auto. Warum? Ist leicht erklärt. Irgendwer hat letztens in Glasgow was von »Ausstieg« gefaselt. Keine Angst, war eh nicht ernst gemeint. Der Plunderplan lautet: Um weniger fossile Brennstoffe zu verbrauchen, soll auf Elektromobilität umgestellt werden. Nun gut, die Stadt Wien hätte hier ein über hundert Jahre altes Erfolgsmodell: die »Elektrische«. Straßenbahnen rollen energieeffizient die Menschen von einem Ende der Stadt zum anderen. Davon reden aber keine Politiker*innen und kein einziger Industrieboss. Sie wollen Elektromobilität mit E-Autos erreichen, die fast alle Umweltprobleme außer dem lokalen Schadstoffausstoß mit dem Verbrennungsmotorauto teilen. Denn nur das Auto ist die Silverbullet, aus dem einfachen Grund, weil eine Straßenbahn Jahrzehnte hält. Die Kommunen kaufen je nach Größe die benötigte Menge und die Straßenbahnfabriken stehen nach einem halben Jahr still. Absatznot, leider. Mit Autos hingegen? Viel besser, jeder bekommt eines und stellt es auf die Straße und in den Stau. Perfekt. Nach zwei Jahren gibt es eine neue Modelserie und wer was auf sich hält, kauft sich einen neuen fahrbaren Untersatz. Kreditfinanziert natürlich. So kann Kapitalismus am Leben gehalten werden. Zu blöd, dass wir alle dabei draufgehen. Weil es weder Ressourcen für den Produktionswahn gibt, noch die Erde genügend Kräfte zur Regeneration hätte. Wo Asphalt liegt, wächst nix mehr, für Jahrhunderte.

Auf die Straße!

Mit diesem Schmarrn sollte es ein Ende haben. Besser heute als morgen. Das wird allerdings sehr, sehr schwer. Aber wer könnte den Weg weisen, wenn nicht ein Magazin für Musikkultur? Die eigene Nase fest in der Hand, haben wir im Jahr 2021begonnen, unseren sommerlichen Veranstaltungsbetrieb auf zwei Lastenfahrräder zu schnallen, um einen verbrennungsmotorfreien Salon skug auf Rädern zu haben. Glück und Schwierigkeiten sind übrigens hier nachzulesen. Dem Thema Straße bleiben wir auch weiterhin treu. Und schauen uns diese Straßen einmal genau an. Diesen völlig überdefinierten Ort, wo jedes Fahrzeug seinen Platz zugewiesen bekommt und kaum mehr Platz für menschliche Begegnung bleibt. Wir werden auch 2022 auf die Straßen zurückkehren (mal angenommen, die dann aktuellen Virusvarianten lassen dies zu – so viel Optimismus sei erlaubt) und wollen auf der Straße über die Straße reden.

Wie konnte es so weit kommen, dass der Freiraum, der potenziell allen gehört, lebensgefährlich wurde? Schon mal darüber nachgedacht? Verkehrserziehung für Kinder ist staatliches Bildungsprogramm. Und was lernen die Kids? Nehmt euch vor den Autos in Acht! Eine bemerkenswerte Schubumkehr, das hochgefährliche Mobil ist es, dem Platz gemacht werden soll, und dies wird von Kindesbeinen an gelehrt. All die Toten und Schwerverletzen und kein Gedanke daran, die Ursache dafür aus der Stadt zu verbannen? Schon merkwürdig, nicht wahr? Es fehlt einfach auch schon längst an Platz, denn die Fahrzeuge werden dem Sicherheits- und Protzbedürfnis folgend immer breiter, aber die Häuserwände wollen nicht zurückweichen, deshalb wird es immer enger in der City. Und heißer, weil der Asphalt im Sommer Hitze abstrahlt. Wer dagegen vorgehen will und ein Straßengarterl bastelt, bekommt von der Stadt maximal 1,70 in der Breite, denn der Verkehr muss weiter rollen. Na, immerhin etwas.

Aber Autos sind auch geil. Sie machen Spaß, beflügeln die Fantasie und in einer Welt, in der alles, was annähernd wahr ist, auch widersprüchlich ist, soll dies auch behandelt werden. skug lädt deshalb in der neuen Serie Wem gehört die Straße? ein, den Straßenraum zu betrachten und zu reflektieren. Künstler*innen, Wissenschaftler*innen, Aktivist*innen und Expert*innen jeder Art erzählen ihre Straßengeschichten und zugleich die Geschichte der Straße. Den Irrsinn, die Gefahren, die Möglichkeiten, die versteckten Chancen. Alles, was Straße war, gerade ist, sein kann und werden wird, hat in der Serie Platz. Nächstes Jahr dann, sobald es wieder wärmer wird, packen wir unsere Salonmobile aus und ziehen wieder auf die Straße. Im Gepäck dann viel Wissen, Ideen, Ansätze, was wir mit dem Straßenraum machen können, der eigentlich uns gehören sollte.