Zentrales Postamt und Telekommunikationszentrum, Skopje, 2022, Courtesy Studio Semotan © Elfie Semotan
Zentrales Postamt und Telekommunikationszentrum, Skopje, 2022, Courtesy Studio Semotan © Elfie Semotan

Skopje zwischen Moderne und Nationalismus

Skopje, heute Hauptstadt von Nordmazedonien, wurde nach einem verheerenden Erdbeben von japanischen Architekten wiederaufgebaut. 2014 wurden deren Gebäude gezielt Opfer der Umgestaltungen einer nationalistischen Regierung. Die Ausstellung dazu gibt’s noch bis 28. Jänner 2024 in der Kunsthalle Wien.

Im Treppenaufgang ein großes Foto des alten Skopje, mit kleinen Häusern, einem Minarett und der Straße aus quadratischen Steinblöcken darauf. Daneben ein Brief des österreichischen Generals Enea Silvio Piccolomini an Kaiser Leopold I. – geschrieben, nachdem der General 1689 die Stadt Skopje in Brand gesteckt hatte: »Ich beschloss, wenn auch nicht leichthin, die Stadt in Schutt und Asche zu legen. So schöne Gebäude hatte ich in diesem Krieg noch nie gesehen. Die Moscheen haben Tausende von Leuchten und sind mit goldenen Koranen geschmückt.« Es handelte sich um einen gemeinen Racheakt für die Belagerung Wiens durch das Ottomanische Reich von 1683.

Die Kunsthalle Wien Ausstellung »No feeling is final. The Skopje Solidarity Collection«, die – Achtung! –  am 28. Jänner 2024 endet, zeigt eine klare räumliche Aufteilung zur Entwicklung der Stadt Skopje: Das Erdbeben, der Wiederaufbau, die Stadt damals und jetzt, die Geschichte des MoCA (Anm.: Museum of Contemporary Art, Museum für zeitgenössische Kunst). Auf einem Tisch liegt ein Fotoalbum, ein offizielles Geschenk der Stadt Skopje, mit krassen Vorher-Nachher-Fotos der Stadt.

Durch ein extrem starkes Erdbeben wurde Skopje nämlich im Jahre 1963 zu achtzig Prozent zerstört, 16.000 Gebäude stürzten ein und 150.000 Menschen wurden obdachlos. Ganz Jugoslawien half, Staatsoberhaupt Jozip Broz Tito reiste an und über 6.000 Erdbebenopfer konnten in den ersten Stunden gerettet werden. In Folge geschah etwas ganz Erstaunliches: Nach einem internationalen Architekturwettbewerb zum Wiederaufbau der Stadt gewann ein japanisches Team gemeinsam mit einem Team aus Zagreb. Auf einem Foto sieht man das Kenzō-Tange-Team. Fünf japanische Architekten sitzen gegen die Sonnen blinzelnd vor ihrem genau ausgeführten Holzmodell am Boden.

Ausstellungsansicht © Foto: www.kunst-dokumentation.com

Die Moderne zerstören

Die Erschließungsachse von Skopje, die sich der japanische Architekt Kenzō Tange ausdachte, verläuft parallel zum Fluss Vardar und endet bei der Rotunde des Post- und Telekommunikationszentrums. Diese Achse geht von Tanges Stadttor aus und durchquert den Hauptplatz der Stadt. Tanges runde, wellenförmige Überdachungen der Eisenbahngleise des Bahnhofs existieren bis heute, genauso wie die Stelzenplattform, auf der der Bahnhof steht. Es existiert eine Sammlung sorgsam gebauter Modelle von achtzig Tange-Gebäuden, die bis heute eine Fundgrube architektonischer Konzepte und Ideen sind.

Als 2014 eine nationalistische Regierung in Skopje an die Macht kam, versuchte sie gezielt, so viele wie möglich dieser fortschrittlichen Gebäude zu zerstören und dadurch ebenfalls »die Hoffnung, die die Moderne mit sich brachte«, wie in einem Film gesagt wird. Der deutliche Einfluss des Brutalismus wurde abgeändert. Gebäude erhielten »barocke«, aufgepickte Gipsfassaden, in einem einzigartigen Stil zwischen Neoantike und Neobarock. Mit dem Projekt 2014 sollte Skopje einen historischen Anstrich bekommen, im Kontrast zum japanischen Modernismus.

Am Beispiel Skopje lässt sich gut studieren, wie Nationalisten Architektur nutzen, um ihre seltsamen Ziele bildlich umzusetzen: So löscht der Anspruch auf das antike Mazedonien die Geschichte der großen albanischen Minderheit aus, die seit Jahrhunderten Teil der Stadt war. Riesige Heldenstatuen wurden aufgestellt, wie die von Alexander dem Großen, die Elfie Semotan genial bei Sonnenuntergang mit von unten rötlich angestrahlten Wolken fotografiert hat. Ganze 130 Gebäude der Stadt wurden mit Hilfe von 560 Millionen Euro verändert, inklusive Triumphbogen und sogar einem festsitzenden Schiff. Am krassesten und lustigsten sieht das ehemalige Hauptquartier der Kommunistischen Partei der Sozialistischen Republik Mazedoniens aus: Vorher ein nüchternes Glas- und Stahl-Gebäude, wurde es mit Gips in eine monarchistisch wirkende, kitschige und überdekorierte Villa verwandelt.

Ausstellungsansicht © Foto: www.kunst-dokumentation.com

Der Verlust aller Werte

»Denkmal für eine Mondphase«, aus 1966, von Méret Oppenheim mit Bleistift gezeichnet. Ein feiner kleiner Zoran Mušič hängt ganz oben an der Wand, »Landarbeiterinnen von den Inseln« (1956). Darunter freuen sich Jugendliche über eine riesige zebragestreifte Luftmatratze, die man betreten darf. Künstler*innen aus der ganzen Welt spendeten nach dem Erdbeben Werke für ein 1970 gebautes Kunstmuseum auf einem Hügel im Stadtzentrum, dem MoCA. Ein gelbschwarzer Victor Vasarely voll abstrakter Formen. »Ohne Titel. Träumen unter einem Kaktusbaum« von Niki de Saint Phalle. Alles Werke aus der Sammlung des MoCa, die sich vier von der Kunsthalle Wien beauftragte Künstler*innen für ihre neugestalteten Installationen aussuchten.

Rote Stühle aus dem Museum stehen herum. Siniša Ilić verwendet in seiner Installation Skulpturen aus der Sammlung, wie eine mit Seilen vernähte Holzkugel. Leider ohne die Namen der Künstler*innen. Rund um das Museum für zeitgenössische Kunst hoch oben am Hügel sei die »final line of defence for modernist Skopje«, heißt es in einem Film. Die Künstler*innen hätten es sich zur Aufgabe gemacht, mit dem »loss of all values« im Populismus umzugehen.

Die Soziologin Ivana Dragšić wird noch direkter. 2014 sollte eine räumliche Grenze zwischen der orthodoxen und der muslimischen Seite der Stadt durchgesetzt werden, zeigt sie über den Fluss. Es gab Farbbeutelproteste gegen die neobarocke Architektur und den Triumphbogen. Die historisierte Stadt Skopje wirkt seltsam unwirklich, vor allem das rotgoldene Schiff in der Vardar, die wenig Wasser führt. Dragšić: »Gegenüber der Deregulation der 1990er-Jahre, in der öffentlicher Raum offen war, soll er jetzt Profit bringen. Plätze für die Öffentlichkeit freizuhalten, ist praktisch tabu.« Öffentliche Gelder flossen in Politikerfamilienunternehmen, die konservative Partei Nordmazedoniens sei nun »die reichste konservative Partei Europas, sogar reicher als die deutsche CDU«!

Link: https://kunsthallewien.at/ausstellung/no-feeling-is-final-the-skopje-solidarity-collection/

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