Irreversible Entanglements

»Open The Gates«

International Anthem/!K7/Indigo

All jene, die Irreversible Entanglements heuer schon live erleben konnten, dürfen sich glücklich schätzen. Trost für alle (auch für mich), die es zu keinem Auftritt geschafft haben, kommt nun in Form eines Doppelalbums. »The agit-jazz found here is simultaneously pre- and post-apocalypse«, verheißen die Liner notes. Und wenn sich mit Camae Ayewas Verkündigung einer »Energy Time« die Pforten zu den sieben neuen Tracks öffnen, dann wird schnell klar, dass es sich dabei nicht um Ego-PR-vergiftete Ankündigungsrhetorik, sondern tatsächlich um ein Album des Jahres handelt. Erneut ertönt die fantastische Kollaboration von Ayewa mit Keir Neuringer (Sax), Aquiles Navarro (Trompete), Luke Stewart (Bass) und Tcheser Holmes (Drums) fordernd und fokussiert im Spirit, frei und frisch im Sound. So wie es vom Vorgänger »Who Sent You?« sowie Navarro & Holmes’ Duo-Debüt »Heritage of the Invisible II« von 2020 noch in bester Erinnerung ist. Während sich Ayewa als Moor Mother elektronischer Soundsplitter bedient (aktuell auf ihrem im September erschienenen Soloalbum »Black Encyclopedia of the Air«), werden hier ihre eindringlichen Worte vom Quartett mit seinem bewährt free-jazzigen Klangteppich verwoben. Und das ist in diesem Fall nicht nur als synästhetischer Verlegenheitsausdruck zu verstehen. Denn hier wird erstklassig gewebt, verwebt, verknüpft und angeknüpft – auch an die ganz Großen wie Ornette Coleman und Don Cherry: hört nur den wunderbaren Bläsersatz in »Storm Came Twice«. Und welcher Notenschlüssel ein elektrischer Miles in diesen stürmischen Zeiten sich bedienen könnte, lässt »Keys to Creation« erahnen. Auch weiß Navarros Trompete mit pointierten Latin-Fanfaren ebenso elektrisierende Akzente zu setzen wie Stewart mit prägnanten Basslines und Holmes mit Rhythmuswechseln, die auch im freien Spiel auf den Groove nicht vergessen. »Lágrimas Del Mar« swingt lebhaft, obwohl die Tränen fließen: sind wir doch »so close to the good news«. Das an einem Tag eingespielte Doppelalbum nimmt sich auch die Zeit für eine zwanzigminütige »Water Meditation«. Diese hat freilich alles andere als dahinplätschernde Wellness-Akustik aufzubieten. Die von Ayewa immer wieder beschworenen Orte identifizieren da nur die markantesten Brennpunkte inmitten beschämender Kontinuitäten an rassistischer Gewalt. Ist ja schön und gut, wenn sich Wynton Marsalis zu seinem 60. Geburtstag in Konzertsälen u. a. Sonny Rollins’ »Freedom Suite« widmet. Die Liberation findet allerdings hier statt.