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Faye Webster

»Underdressed at the Symphony«

Secretly Canadian

Frei aus der Seele gesprochen wirken die Lyrics von Faye Webster. Die Singer-Songwriterin aus Atlanta veröffentlichte mit »Underdressed at the Symphony« ihr fünftes Studioalbum und hält an ihrem spontanen und ungezwungenen Zugang zur Musikproduktion fest, den sie schon mit 16 Jahren etablierte. Heute ist sie 26, klingt noch immer wie ein Coming-of-age-Film und stößt mit Zeilen wie »I got paid yesterday / I’ll probably buy something dumb / because I am pretty childish« vermutlich auf viel Verständnis ihrer Altersgenoss*innen. Die Zeilen stammen aus dem Song »Feeling Good Today«, dem fünften von zehn Titeln auf der Tracklist. Es klingt wie eine autotunige Momentaufnahme, als hätte Webster einige Minuten genau jene alltäglichen Gedanken aufgeschrieben, die ihr beim morgendlichen Kaffee durch den Kopf gehen und sie zu einem zarten Jingle ihrer selbst vertont. 

Und auch sonst ist »Underdressed at the Symphony«, dessen Titel übrigens schlichtweg entstand, nachdem Webster spontan und nicht zurechtgemacht eine Orchesteraufführung besuchte, gespickt von unerbittlicher Ehrlichkeit und ungeschönter Aufbereitung. Das Album wurde live aufgenommen, oftmals genügten wenige Takes. Neben Pedal-Steel-Elementen von Matt »Pistol« Stoessel und musikalischer Unterstützung des Gitarristen Nels Cline erhält auch Rapper Lil Yachty einen Gastauftritt auf dem Album und legt einen verspielten Part auf »Lego Ring« vor. In einem Radiointerview erzählte Webster, dass sie ihre Feature-Gäste am liebsten unvorbereitet in die rohe Entstehung des Werks mitnimmt. Sie freue sich über das Ungeplante, das keinen Erwartungen folgt und sich dadurch ehrlich und originell entfaltet. Lil Yachty, den sie schon in der Middle School kennengelernt hat, scheint sich problemlos darauf eingelassen zu haben. 

Spontaneität ist ein essenzieller Faktor im Musikverständnis von Faye Webster. Statt ihre Visionen und Entscheidungen penibel zu überdenken, schafft sie es, den inneren Impulsen Raum zu geben und direkte Gefühle und Wahrnehmungen zu vertonen. Wenn sie von Liebe singt, dann macht sie es nicht groß, nicht zerrissen oder sentimental. Sie macht es, indem sie kleine Situationen beschreibt, Zwischenebenen beleuchtet, Augenblicke, die so flüchtig sind, dass sie einem leicht entgleiten: »We got our own house and we sleep upstairs / we take a walk and then he brush my hair«. Die Zufriedenheit mit dem, was kommt, das Annehmen der ersten Idee und die Lust zur Fertigstellung eines Songs, ohne immer und immer wieder an ihm zu feilen, das alles sind Eigenschaften, die Faye Webster ausmachen und ihr sogar einen Vorteil verschaffen. Denn nur so ist es möglich, den Grad an Authentizität, Ehrlichkeit und Unbekümmertheit zu erreichen, den ihre Werke ausstrahlen. Mit wenigen Worten sagt sie ganz viel, was wahr ist. 

»Underdressed at the Symphony« ist ein warmer Sonnenstrahl, der sich durch staubige Fenster drängt. Es entschleunigt und klingt lieblich, man kann es mitnehmen in den Park und ein Buch dazu lesen. Unaufgeregt fügt es sich in den Tag und nistet sich mit jedem Anhören tiefer ein, bis man irgendwann feststellt, wie viel es eigentlich bedeutet. 

Home / Rezensionen

Text
Ariana Koochi

Veröffentlichung
11.03.2024

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